Friedhofs-Attacke

Ein paar von euch haben es vielleicht auf Instagram verfolgt: Ich war mal wieder auf Friedhofstour, einmal ging es nach East Lothian und einmal nach Caithness, wobei die Reise in den nördlicheren Landesteil deutlich aufregender war.

wind farm near Camster @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Wir schreiben einen Samstag Mitte September, das Wetter ist gnädig, es ist relativ warm wenn auch windig, aber trocken, ideal also, um Friedhöfe zu erkunden und Fotos zu machen für den Blog Graveyards of Scotland. Ich fotografiere mich langsam nach Norden, der erste Friedhof auf der Liste, ist Dingwall. Da war ich zwar schon einige Male, aber habe es irgendwie nie geschafft, den Friedhof zu besuchen.

Danach arbeite ich mich Meile um Meile nach Norden, wo ich in der Nähe von Thurso ein Hotel gebucht habe. Der Tag neigt sich seinem Ende entgegen und weil das Hotel klein ist, hat die Rezeption nur bis 19:30 geöffnet. Ich bin zuversichtlich, dass ich das schaffe. Zehn Friedhöfe habe ich an dem Tag schon fotografiert und einen letzten will ich noch besuchen, bevor ich dann Feierabend mache und mich ins Hotel zurückziehe.

Langsam geht der Nachmittag in den Abend über. Ich fahre durch eine öde Wildnis, in der es nichts zu geben scheint als Weite, Wind und Windräder. Irgendwoher hier muss Camster sein. Es gibt nur eine einzige Abfahrt aber die ist Privatstraße und gesperrt. Ein rostiges Schild am Gatter weist auf die Farm hin, die denselben Namen trägt wie der Friedhof, zu dem ich mich jetzt aufmache. Spannend, denke ich mir, bestimmt ein kleiner Friedhof für eine winzige Siedlung, vielleicht nur für die Farm.

Camster farm and access to burial ground @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Ich packe die Gummistiefel an die Füße und ziehe los, der Abendwind bringt Kühle vom Meer und ich stelle den Kragen meiner Wachsjacke auf. Nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch führt mich der Schotterweg zur Camster Farm und es ist mir nicht klar, wo hier der Friedhof hier sein soll. Ich scanne das Gelände aber erkenne keine Mauern, die auf einen kleinen Friedhof schließen lassen. Das ist nicht immer ganz einfach, oft sind die Mauern auch nur für die Schafe oder waren im Laufe der Generationen für verschiedenen Dinge. Von Weiten sieht das alles gleich aus. Auch wenn ich meine Augen inzwischen auf das Erkennen von Friedhöfen trainiert habe.

Camster burial ground @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Hier sieht es aus, wie es auf so vielen schottischen Farmen aussieht, ein paar verrostete Autos am Wegesrand, dazu etwas ausgedientes Werkzeug und sonstige Maschinen, die ich nicht zuordnen kann Ein Mann läuft vom Farmhaus zum Tor, fünf Border Collies springen lauthals bellend um ihn herum. Ich gehe auf ihn zu, winke verhalten und rufe, dass ich auf der Suche nach dem Friedhof bin. Er scheint mir zunicken, er sagt auch etwas, was ich aber nicht verstehen kann, das Gebell der Hunde ist viel zu laut. Wie Gummibälle irren die schwarz-weißen Schafhüter um ihn herum.

Der Farner bleibt hinter dem dünnen Drahtzaun stehen und murmelt etwas. Ich trete näher und auf einmal ist die Hölle los. So schnell kann ich gar nicht reagieren, da hat mich einer der Border Collies durch den Zaun durch am Arm gepackt, Gott sei Dank aber nur den Ärmel erwischt. Noch bevor mir diese Attacke bewusst wird, ist er schon Richtung mein Gesicht gesprungen, so schnell kann ich gar nicht zurücktreten. Ich schnappe nach Luft und mache endlich einen Schritt zurück. Hinter dem Zaun wütet die Meute.

„Ich habe Ihnen doch gesagt er ist keine Menschen gewohnt“. rügt der Farmer vorwurfsvoll. Als hätte ich gerade nach seinem Hund geschnappt und nicht umgekehrt.

Hat er das gesagt? Wenn ja, habe ich es nicht gehört. Wie auch, in dem Lärm.

Meine Wachsjacke hat drei Löcher, wo die Zähne des beißeifrigen Farmbegleiters durch das Material gedrungen sind, mein linkes Brillenglas hat eine riesige Schramme. Das war knapp! Soll ich mich beschweren? Ich bin allein, auf seinem Grundstück und er hat fünf Hunde. Die Frage ist also rhetorisch.

„Gehen Sie durch die zwei Gatter aber machen sie sie ja wieder ordentlich zu! Dann müssen Sie über den Fluss, aber nehmen sie nicht die Brücke, die ist nicht sicher. Dann gehen Sie über die Wiese hin zum Friedhof.“

Ich nehme die Anweisungen entgegen wie ein folgsamer Hund.

„Wir dürfen da nichts machen“ sagt er. „Früher gab es eine Vereinigung, die hat sich um den kleinen Friedhof gekümmert, aber inzwischen kommt da keiner mehr. Wir dürfen nicht rein.“

Er schaut mich streng an, als hätte ich es ihm verboten. Ich lächle etwas verkrampft.

„Vergessen Sie nicht, die Gatter wieder zu schließen!“ ruft er mir nach.

Als ob ich das vergessen würde, mit einem Blick auf seine fünf Berserker. Wenn die mir in freier Wildbahn begegnen, ist es aus. Tod auf dem Friedhof, denke ich und muss leise lächeln als ich mir die unterschiedlichsten Schlagzeilen dazu vorstelle.

Journalistin Opfer von Killer-Hunden

Das letzte Kapitel der Autorin

Von Farmhunden zerfleischt

Ich könnte ewig so weitermachen.

Derart amüsiert stapfe ich durch die Weide, schließe gehorsam beide Gatter mit höchst kunstvollen Seilschlaufen, balanciere durch zwei gummistiefeltiefe, glitschige Wasserläufe, um dann endlich am geheimnisvollen kleinen Friedhof von Camster anzukommen. Eine kleine Einfassung, eine uralte Steinmauer, wunderbar blühende Weidenröschen und eine alte, wackelige Holztür, die kaum mehr in ihren Angeln hängt.  

WOW!

Camster Friedhof @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Ich gehe einmal drum herum und ziehe dann mühsam die Tür auf. Als ich eintrete, reicht mir die Vegetation bis unter die Arme. Man kann mit etwas Mühe ein paar Grabsteine erkennen aber weiß überhaupt nicht, wo man hingeht. Nie im Leben würde ich mich nachts hierher trauen. Das ist schon tagsüber relativ gruselig.

Hier ist seit Jahren keiner mehr gewesen.

Weidenröschen und Grabstein Camster @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Plötzlich denke ich an Schlangen, Ratten und alle möglichen Tiere mit scharfen Zähnen, die sich hier verstecken könnten und vorsichtig, ganz vorsichtig, gehe ich rückwärts wieder aus diesem völlig zugewachsenen Friedhof heraus. Wer weiß, welches Tier mich hier aus dem Dickicht anfallen könnte!

Ich mache lieber Fotos von draußen und freue mich über mein Zoom Objektiv. Auf dem Rückweg schaue ich immer wieder Richtung Farmhaus, die Hunde sind inzwischen im Zwinger und Ich bin safe, aber ich fühle mich erst wieder richtig sicher, als ich im Auto sitze und Richtung Zivilisation fahre.

Caithness @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Wer hätte gedacht, dass schottische Friedhöfe so gefährlich sein können.

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