totgebissen

Ausflüge in die schottische Geschichte sind in der Regel keine Angelegenheiten für zartbesaitete oder sensible Leser. Vielleicht gibt es ja gerade deshalb so viele Fans der Mythen und Sagen dieses wilden Lands. Gerade bin ich wieder über eine Geschichte gestolpert, die mich ausgesprochen fasziniert. Der Held heißt Ewan Cameron. Er war der Anführer seines Clans und lebte Mitte des 17. Jahrhunderts in Lochaber.

Glen Nevis ©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands
Glen Nevis

Die Geschichte spielt in und um Fort William, eine sehr lebhafte kleine Stadt am Fuße von Ben Nevis. Hier herrscht im Sommer sehr viel Trubel, so dass der stille Blick zurück in die Vergangenheit nicht automatisch kommt, doch man sollte sich die Zeit dafür nehmen oder im Winter nach Lochaber kommen.

Fort William ©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands
Fort William

Wer genau hinschaut, kann am Rande von Fort William Reste der ursprünglichen Garnison erkennen. Viele sind der Fantasieversion dieser Militäranlage in Outlander begegnet. Der Torbogen des Craigs Friedhofs stammt vom Fort und geht auf die späteren Tage der Garnison zurück, die Zeit von Culloden (1744), auch wenn die Plakette etwas anderes sagt.

Fort Williams Friedhof Craigs ©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands
Fort Williams Friedhof Craigs

Die Garnison wurde 1654 erbaut und war ursprünglich das Fort von Inverlochy, erst später wurde daraus Fort William. Der gälische Ortsname klingt wie ein Vorwurf: An Gearasdan, die Garnison. General Monk brachte 2.000 Mann und ein Heer von Handwerkern aus England hierher, um die Garnison, die das Gebiet kontrollieren sollte, aufzubauen und zu befestigen. Er ließ Bäume fällen und Palisaden aufstellen. Vorräte wurden “organisiert“, die Soldaten nahmen sich mit Gewalt, was sie brauchten. Angesichts ihrer schieren Zahl und Macht, hatten sie keinen Grund, die Camerons vor Ort zu fürchten, doch das hätten sie mal besser getan, denn mit dem Chief war nicht zu spaßen.

Ewan Cameron führte einen kleinen Teil seiner kampferprobten Männer gegen den mächtigen Gegner. Sie waren zahlenmäßig den Engländern weit unterlegen und auch ihre Waffen waren denen der Besatzer nicht gewachsen, sie kämpften mit Pfeil und Bogen gegen ausgeklügelte Kriegswaffen, aber sie kämpften mit dem Geist eines wahren Highlanders.

Glen Nevis ©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands
Glen Nevis

Irgendwann in der Schlacht wurde Ewan Cameron von seinen Männern getrennt und sah sich plötzlich einem englischen Offizier gegenüber. Beide zogen ihr Schwert, ein bitterer Kampf auf Leben und Tod entbrannte. Ein wilder und tödlicher Kampf entbrannte. Sie waren gleich stark und gleich entschlossen, aber irgendwann gelang es dem Rotrock, Ewan zu entwaffnen. Er setzte sich auf den auf dem Rücken liegenden Highlander und holte mit einem langen Messer zum tödlichen Stoß aus. Die Klinge blitze in der Sonne und das sollte das letzte sein, was der Offizier sah, bevor er starb, denn der Highlander bäumte sich auf und biss seinem Widersacher mit aller Macht in die Kehle, gnadenlos wie ein Raubtier nahm er dem Rotrock mit den Zähnen das Leben.

Der Legende nach starben nur fünf der Camerons.

Sind sie die Friedhofs Frau? Teil 2 Abenteuer in Achncacarry

Letzten Sonntag habe ich von meinem Versuch berichtet, in Lochaber zwei Friedhöfe zu finden, die ganz offensichtlich nicht gefunden werden wollen. Ich habe einen ganzen Tag damit verbracht. Der Weg zur Lösung war wie immer eine typisch schottische Angelegenheit.

Telefonjoker am Cameron Museum

Auf der Suche nach Hilfe erreiche ich das Museum, ein altes, wunderbar weiß gekalktes ehemaliges Postgebäude mit Kanone. Leider wegen COVID geschlossen, aber an der Tür ein Schild. Catriona schreibt, sie wohne in der Nähe und könne das Museum jederzeit aufschließen. Einfach anrufen steht da und eine Telefonnummer. Ich rufe an.

„Hallo, mein Name ist Nellie. Ich bin Journalistin aus Deutschland und suche ihren Friedhof.“

„Welchen Friedhof?“ fragt die Stimme im Telefon „Wir haben hier mehrere!“

„Ich suche eigentlich zwei, aber jetzt dachte ich erstmal an den von Achnacarry.“

„Es gibt auch noch einen in Clunes“, sagt die Stimme.

„Richtig, den suche ich auch, aber ich bin bei beiden gescheitert“ antworte ich.

Warum sucht denn eine deutsche Journalistin hier bei uns Friedhöfe?

„Ich habe einen Blog, der heißt Graveyards of Scotland, für den recherchiere ich Geschichte und Geschichten zu schottischen Friedhöfen, das mache ich schon seit vielen Jahren. Ich habe an der Uni in Glasgow Schottische Geschichte und Literatur studiert.“

Überreste des alten Schlosses von Achnacarry

Die Cameron Clan Chiefs sind schwer zu finden

Das versteht sie und weist mir den Weg telefonisch. In Ermangelung eines Stück Papiers kritzle ich ihre Wegbeschreibung auf die Innenseite meiner Straßenkarte, die im Auto vor sich hinvegetiert, weil ich keinen Zettel zur Hand habe. Dann laufe ich mit der unhandlichen DIN A 4 Karte ihre Anweisungen befolgend durch Kuhfelder und Schafweiden, gehe zwischen Wassertanks, Kuhfladen und Satellitenschüsseln verloren und rufe schließlich nochmal an.

„Hallo, hier ist nochmal Nellie“, sage ich „Wir haben eben telefoniert.“

„Das dachte ich mir“, kontert Catriona. „Sie sind die einzige Deutsche, die mich anruft, zurzeit.“

Wahrscheinlich bin ich auch die einzige Deutsche, die derzeit auf Achnacarrys Kuhweiden verlorengeht.

Stellt sich raus, ich habe das falsche Gatter genommen, finde umgehend das richtige und damit auch den Friedhof der Cameron Clan Chiefs – kein Schild, keine angelegte Vegetation, kein Parkplatz, nichts, was in irgendeiner Form auf einen Friedhof hindeutet. Man muss wirklich wissen, wo die Clan Chiefs begraben sind. Für einen derart elitären Friedhof fehlt jeglicher Pomp. Gefällt mir.

Aber noch bin ich nicht am Ende meiner Recherchereise. Jetzt will ich unbedingt auch den Friedhof von Clunes finden.

Nächsten Sonntag: Clans in Clunes – der letzte Teil der Sind-sie-die-Friedhofsfrau-Geschichte.