Familienbesuch – Take 3

Heute nun der dritte und letzte Teil der Familiensaga zum Besuch. Nachdem wir die Frage geklärt hatten, wann ein Frühstück ein Frühstück ist und was genau in einem schottischen Kühlschrank Standard ist, klären wir hier die Frage Home oder Away.

Take Away oder Home Cooking?

Ich zeige dem Mann die Speisekarte des Café Sia. „Schau doch mal, das ist unsere Lösung. Hier ist für jeden was drauf. Es gibt auch Pizza mit Würstchen.“

Er ist nicht überzeugt und auch wenn seine Familie umgekehrt so gut wie nie was kocht, wenn Besuch kommt, er hätte es wohl gerne gesehen, wenn wir unseren Gästen home cooking geboten hätten. Take Away ist in Glasgow eher Standard als die Ausnahme. Das ist in Deutschland sicherlich anders. Aber so richtig klar sagt er auch nicht, was er will,

Ich beschließe, taktisch klug zu agieren in diesem potenziellen deutsch-schottischen Mienenfeld.

„Lass es uns doch heute Abend mal testen. Hast du Lust? Wir fahren einfach hin und schauen, ob sie das mit der Pizza nach machen. Sie bieten ja auch noch andere Sachen an, da laufen wir keine Gefahr, an zwei Abenden hintereinander das Gleiche zu essen.“

Er brummt etwas Unverständliches und schickt sich in sein Schicksal.

Am Abend fahren wir auf die Isle of Skye. Telefonisch haben wir zwei Pizzen für 18 Uhr bestellt. Mit zwei göttlich duftenden Kartons kommt er zurück ins Auto und überbringt die schlechte Nachricht.

Take away machen sie eigentlich nicht mehr, auch wenn es noch auf der Webseite steht. Und die Preise sind happig, die zwei Pizzen haben £ 25 gekostet.“ erklärt er, während er sich mit den Kartons auf dem Beifahrersitz niederlässt.

Pizza vegetarisch Café Sia, Broadford, Isle of Skye

Pizzaduft füllt das Auto, durch das Fenster kommt die salzige Luft vom Meer. Die Möwen beobachten uns aufmerksam von oben, während sich die Sonne langsam anschickt unterzugehen.

„Lass uns ein paar Meter fahren“, schlage ich vor. Der Pizzamann auf dem Beifahrertisch nickt.

Mi einem Blick auf die Sonne steuere ich direkt Carr Brae an, der allerbeste Ort auf der Welt, um eine Pizza aus dem Karton zu essen. Oder habt ihr einen besseren?

Sonnenuntergang Eilean Donan Castle

Noch am selben Abend habe ich vier Lachsfilets aus der Gefriertruhe genommen und sie am nächsten Tag mit Reis und wahlweise Gemüse im Garten unter der Pergola serviert.

Und was sagt der Cousin des Mannes?

„Ich dachte, es gibt Würstchen!“

Familienbesuch – Take 2

Wir bekommen Besuch. Eigentlich keine besondere Sache, aber in Corona Zeiten wirklich nicht einfach und schon gar nicht, wenn der Mann mitmischt.

Wir freuen uns, denn sein Cousin samt Frau haben sich angekündigt, beides Biker, die Männer schon seit der Kindheit eng miteinander verbunden und auch wir Frauen verstehen uns gut. Wir organisieren also ein Treffen? Äh, ja…. alles nicht so einfach, wie ihr bei der Frage des Frühstücks in Teil 1 sicher bemerkt habt.

schottischer Kühlschrank Standard

Zwei Tag vor dem geplanten Besuch frage ich vorsichtig nach, wie er sich das mit den Würstchen so gedacht hat. Er sagt, er macht Bacon, Eggs and Sausages. Zu seinen Würstchen haben sich gedanklich also Eier und Speck gesellt. So etwas hatte ich fast vermutet. Eben doch ein Frühstück.

„Und wo sind der Speck, die Brötchen und alles andere, was man dazu braucht? Gehst du einkaufen?“ frage ich.

Er schaut verwirrt. Er hatte wohl angenommen, dass auf eine magische Art einfach alles so in der Küche erscheint, weil es sich ja um nichts großes, sondern nur um Eier, Würstchen und Speck handelt. Schottischer Kühlschrankstandard quasi. Eier, Würstchen und Speck stehen aber nicht auf meinem Essensplan und sind im germanischen Kühlschrank absolut verzichtbar. Ich stelle fest, dass wir ein Planungsproblem haben.

Gluten, Laktose, Cholesterin

Ich komme wohl um das Kochen nicht drumrum, denke ich. Ich arbeite gerade viel und Vollzeit von Schottland aus und habe unter der Woche definitiv keine Zeit einkaufen zu fahren. Frühestens Samstag aber da kommen sie ja schon um 12 Uhr und zum Supermarkt sind es im Sommer knapp zwei Stunden Fahrt. Im Winter ohne Touristen schafft man es in 90 Minuten. Jetzt im Herbst sind wir irgendwo dazwischen. Dennoch. Ich müsste um 6 Uhr losfahren, wenn ich um 12 Uhr gekocht haben will…

„Wie ist das noch mal mit ihrer Diät?“ erkundige ich mich beim Mann.

Er startet eine neue Konversation auf WhatsApp. Dann berichtet er.

„Also, er isst alles, außer Salat und Gemüse. Sie isst Salat und Gemüse, außerdem gluten- und laktosefrei. Beide essen Fleisch nur extrem durchgebraten.“ Der Mann nickt zufrieden. Alles ganz simpel.


In meinem Kopf stehen ganz viele Fragezeichen, denn ich muss diese zwei Diäten mit der des Mannes und mit meiner kombinieren. Wegen der Magenprobleme bin ich weg von scharf und fettig, aus ideologischen Gründen weitgehend weg vom Fleisch, ich esse mit Vorliebe italienisch. Der der Mann mag keine Pasta.


Die nächste Nacht kann ich nicht schlafen, weil mein Kopf verzweifelt versucht zu ergründen, was ich kochen kann für vier Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, ohne gleich vier verschiedene Mahlzeiten zubereiten zu müssen, zumal man die ja auch noch draußen im Regen servieren muss. Ein Rätsel, das mir Nerven und Schlaf raubt.

Am nächsten Morgen bin ich schlecht gelaunt und beschließe, wir besorgen Essen. Das Café Sia auf der Isle of Skye macht auch glutenfreie Pizza. Inzwischen haben die nicht nur das Restaurant, sondern auch noch einen Imbiss übernommen. Da kann man Pizza holen. Einen Tisch bestellen können wir ja nicht, weil Cousin und Frau wegen Corona nicht in andere Häuser gehen. Ich habe die Lösung, Pizza essen alle. Heureka!

Nächstes Mal: Warum ist es am heimischen Herd so schön und der schottische Pizzamann.

Grüße zur Wochenmitte

©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands 2022 Winterblick

Am Wochenende hat es hier in den Highlands ziemlich gewütet und ein Sturm folgte auf den nächsten. Tagsüber war mal kurz Zeit zum Luft holen. Wie ich diese Momente genieße. Einfach mal Stille, Natur und Raum, die Gedanken schweifen zu lassen. Ich bin gespannt, wie es diese Woche hier aussieht und ob bald der Schnee kommt, der sonst den Januar so schön macht. Statt dessen tauchen hier schon die ersten Frühlingsblumen auf.

©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands 2022
Frühlingsgrüße

Es lebt sich am Meer einfach so viel enger mit der Natur, als man das von zu Hause und den Städten kennt.

Jeder Tag ist anders. Selbst wenn man auf dieselbe Szenerie schaut. Die Sonne, die Wolken, das Wasser, die Berge, Schnee oder kein Schnee, Regen oder trocken. Ich freue mich über alles und über die Abwechslung.

©nme Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands 2022
Schreibhüttenblick

Ich hoffe ihr hattet alle ein wunderbares Wochenende und seid entspannt in der Mitte der neuen Arbeitswoche angekommen

Familienbesuch – Take 1

Wir bekommen Besuch. Eigentlich keine besondere Sache, aber in Corona Zeiten wirklich nicht einfach und schon gar nicht, wenn der Mann mitmischt.

Wir freuen uns, denn sein Cousin samt Frau haben sich angekündigt, beides Biker, die Männer schon seit der Kindheit eng miteinander verbunden und auch wir Frauen verstehen uns gut. Wir organisieren also ein Treffen? Äh, ja….

Es ist der Sommer 2021. Allein schon die Wahl des richtigen Wochenende ist schwierig, obwohl ich noch einen ganzen Monat habe, bevor ich mich wieder nach Deutschland verabschiede. Am ersten Wochenende bekommen sie Holz für den Ofen, am zweiten haben sie Hochzeitstag und am dritten regnet es in Strömen. Nun also, an meinem letzten Wochenende in Schottland, klappt es endlich. Allerdings regnet es auch an diesem Wochenende. Ist aber ja auch nichts Neues hier in den Highlands. Das Problem mit dem Regen ist nur, wir treffen uns draußen und nicht drinnen, weil sie wegen diverser Krankheiten nicht gegen Corona geimpft werden kann. Um die Sicherheit für alle zu gewährleisten, müssen wir Abstand waren und uns draußen treffen.

Wie machen wir das mit der Toilette, frage ich mich. Ich frage mich noch 1000 andere Sachen und versuche alle zu lösen, während der Mann das alles fröhlich vor sich hin ignoriert. Wird schon irgendwie…. denkt der Schotte und entspannt. Aber was, wenn…. denkt die Deutsche und hadert. Ich mache also die ersten Pläne. Was kochen wir, wie kochen wir, wo sitzen wir. Klingt leichter als es ist.

Grillen und al fresco dining in Schottland

In der leisen Hoffnung, dass der Mann sich an der Organisation irgendwie mit beteiligt, frage ich: „Wie wäre es mit BBQ?“ Schließlich übernehmen andere Männer im Sommer auch das Kochen im Freien. Es ist August also kalendarisch durchaus Sommer.

„Haben wir nicht noch eines dieser fertigen BBQs in der Scheune? Die, die man als Ganzes im Supermarkt kaufen kann, mit Kohle und allem?“

Ich hatte ihm ja mal einen ziemlich coolen amerikanischen Smoker gekauft, aber der ist unbenutzt vor sich hingerostet, weil der Mann in seiner schottischen Panik vor rohem Fleisch Smoker zwar toll findet, sie aber nie selbst benutzen würde. Ich streiche den Gedanken an BBQ, zumal das auch eine andere Problematik hat.

Wir haben eine Sitzecke im Garten, die ist aber direkt neben dem Öltank.

„Wollen wir da nicht woanders sitzen, wenn wir ein Feuer machen wollen“, frage ich.

„Wir können nicht woanders sitzen, weil wir die Pergola da aufgestellt haben wir brauchen die Pergola, weil es regnen wird“, sagt der Mann.

„Können wir nicht die Pergola mal woanders aufstellen?“ will ich wissen.

Der Mann meint nein, weil es keinen anderen Fleck gibt, der großflächig eben wäre und weil die Pergola umständlich zu transportieren ist.

„Dann stellen wir die Pergola auf den Strand. Das wird super mit dem Blick auf die Berge und dem Rauschen der Wellen.“

Der Mann sieht mich an als hätte ich ihm vorgeschlagen, in der Hudson Bay eine Beach Party zu veranstalten.

Okay! Also aus Sicherheits- und Positionsgründen kein BBQ. Schade eigentlich!

Die schottische Definition von Frühstück

Also beschließe ich, zu kochen, aber was nur? Und vor allem wann?

„Kannst du mal nachfragen, wann sie kommen wollen: zum Frühstück, Mittagessen oder Abendessen?“

Der Mann beginnt eine WhatsApp-Konversation mit seinem Cousin, weil ich wissen will, wann sie kommen, morgens mittags oder abends. Das könnte ja Einfluss auf das Essen haben. Bei dem Mann hat sich aber das Grillen von Würstchen im Kopf festgesetzt und er denkt über schottisches Frühstück nach. Dabei spielt die Uhrzeit keine Rolle, denn offensichtlich kann man Frühstück zu jeder Tageszeit machen. Das wäre bei uns dann eher Brunch und schon in der Mitte des Tages, aber mit etwas Mühe kann ich mich da auch reindenken. Die Definition, ob es sich bei den Würstchen um Frühstück handelt oder nicht, ist noch aus einem anderen Grund wichtig: Frühstück macht der Mann, den er ist viel besser im Wurstwaren und Speck braten als ich.

„Also machst du Frühstück?“ frage ich.

„Nein“, sagt er.“Ich brate doch nur Würstchen.“

Den Gedankengang verstehe ich nicht ganz, aber ich nehme das mal so hin

„Sie kommen um zwölf?“

Der Mann nickt. Gut. Das wäre geklärt. Ich kann mich entspannen und das Kochen den Mann überlassen.

Nächstes Mal: Wie vermeintliche Grundnahrungsmittel in schottische Kühlschränke gelangen – oder eben auch nicht!

Im deutsch-schottischen Medikations-Limbo

Teil 2

Im ersten Teil habe ich euch berichtet, wie unterschiedlich die Behandlungen in schottischen und deutschen Notaufnahmen bei Gallenkoliken war. Nun aber stand die Entfernung der Gallenblase an und auch da lagen Welten zwischen der deutschen und der schottischen Herangehensweise.

Ein paar Tage später bin ich dann wieder im Krankenhaus. Diesmal für die OP. Danach geht es mir wie immer schlecht. Die OP ist gut verlaufen, aber mir ist sowas von schlecht. Ich frage die Schwester, ob sie mir Antihistamine geben kann. Die hatte ich in Schottland bekommen und die hatten geholfen.

verschreibungspflichtige Medikamente in Schottland

Damit kann die Krankenschwester aber nichts anfangen. Es ist nachts und kein Arzt wach im Krankenhaus. Der Mann whatsappt seiner vor Übelkeit fast verzweifelnden Deutschen ein Foto von ihrem schottischen Medikament, das man in schwächerer Form dort auch bei ALDI kaufen kann. Das zeige ich dann der Schwester.

Sie will helfen, geht raus, fünf Minuten später kommt sie zurück mit Rüge im Blick.

„Dieses Medikament verabreichen wir nur sterbenden Kindern und außerdem haben wir sowas gar nicht da. Haben Sie vielleicht jemand, der morgen für sie in die Apotheke gehen und welches besorgen kann?“

Ich liege als Privatpatientin im Krankenhaus und soll jemanden organisieren, der mir meine Medikamente aus der Apotheke besorgt???

Im Laufe der Nacht bekommen sie die Übelkeit aber auch mit den im Krankenhaus vorhandenen Medikamenten in den Griff.

schottische Medikation und deutsche Standards

Ganz offensichtlich haben beide Länder nicht nur zwei grundsätzlich unterschiedliche Gesundheitssysteme, auch die Medikation ist gänzlich anders. Wahrscheinlich ist das auch eine Frage der Pharmaindustrie im jeweiligen Land. Keine Ahnung, ich bin keine Expertin. Ich bin im deutsch-schottischen Medikations-Limbo.

In Schottland bekomme ich Medizin, die man in Deutschland nur in der Palliativmedizin verwendet.

In Deutschland bekomme ich Medikamente, die in Schottland verboten sind und soll mir andere ins Krankenhaus bringen lassen. Ich bin im deutsch-schottischen Medikations-Limbo.

Schräg, oder?

Wenn ich nach er OP nicht meine Bauchmuskeln schonen müsste, ich würde Limbo tanzen bis zum Abwinken – großes hippokratisches Ehrenwort!

Im deutsch-schottischen Medikations-Limbo

Unterschiede zwischen NHS und deutschem Gesundheitssystem

(Teil 1)

Ich war im Krankenhaus und eigentlich hätte ich darüber gar nicht geschrieben. So ein Krankenhausaufenthalt ist schließlich in den seltensten Fällen lustig, interessant oder gar informativ.

Weil es aber in meinem Fall alle drei Kriterien erfüllt, werde ich euch teilhaben lassen an meinen Erlebnissen im deutsch-schottischen Medikations-Limbo, wobei ich mit Limbo den Schwebezustand des Unwissens und nicht den Tanz unter den Stangen meine.

Gerade habe ich die Entfernung meiner Gallenblase gut überstanden. Sie war auch dringend nötig, denn inzwischen hatten mich vier Gallenkoliken erwischt und die sind überhaupt nicht lustig, sondern SEHR schmerzhaft. Der Mann hat inzwischen jede Menge Übung darin, mich in die Notaufnahme zu fahren.

Bei einer Gallenkolik bekommt man in Schottland Morphium gegen die Schmerzen. Das machte mich zumindest beim ersten Mal recht glücklich. Ab dem zweiten Mal stellten sich starke Nebenwirkungen ein – mir wurde speiübel! Und diese Übelkeit dauert Tage an, wenn man nicht etwas dagegen unternimmt. Aber: Eine Tablette und innerhalb von 1 Minute ist man wieder ein glücklicher Mensch. Ich habe berichtet.

Hach, das Leben kann schön sein ohne Schmerzen und Übelkeit.

Kurz vor der Operation in Deutschland erwischte mich nochmals eine Kolik. Dieses Mal musste selbst in die nächste Notaufnahme fahren. Von Morphium wollte man da aber nichts wissen.

„Morphium? Das verabreichen wir nur Sterbenden“, sagt die Krankenschwester mit hochgezogenen Augenbrauen und großer Rüge im Blick, während sie mir die Infusion legt.

„Tschuldigung!“ nuschle ich und weiß gar nicht, warum ich mich entschuldigte.

Da liege ich nun am Tropf mit Novalgin und später an einem mit Buscopan. Die Schmerztherapie dauert drei Stunden im Gegensatz zu den 30 Sekunden Morphium der schottischen Spritze.

„Lustig“, sagt ich zu der Schwester, um eine Konversation zu beginnen. In schottischen Krankenhäusern unterhält man sich, auch wenn einem wegen der Schmerzen öfter die Luft wegbleibt.

„Ich habe vor Jahren in Schottland mal versucht, Novalgin zubekommen, weil ich die anderen Schmerzmittel wie Paracetamol und Aspirin nicht so gut vertrage mit dem Magen. Die Ärztin dort kannte Novalgin aber gar nicht.“

Wieder hat die Schwester die Rüge im Blick, während sie von oben auf mich herabschaut. Ihr sind wohl schweigende Patientinnen lieber.

„Novalgin ist in Großbritannien verboten“, belehrt sie mich. „Da gab es wohl zwei Todesfälle, dann haben sie es gesperrt.“

Während ich so daliege und dieses in Schottland verbotene Medikament langsam in meinen Blutkreislauf tropft, denke ich über diese etwas verwirrenden Bedingungen nach.

Hoffentlich versteht mein Körper, dass er gerade in Deutschland ist!

Fortsetzung folgt

3 Geistergeschichten von der Isle of Skye

Überall in Schottland, aber besonders in den Highlands, werden Geschichten von übernatürlichen Trauerzügen erzählt. Diese Prozessionen können nur wenige sehen, eigentlich nur Menschen, die für übernatürlich Phänomene empfänglich sind, aber für sie sehen diese Geister-Prozessionen so echt, aus wie eine echte Beerdigung. Nicht jeder weiß, ob er oder sie diese Gabe hat, Vorsicht ist also geboten. Diese Phantom Prozessionen weisen normalerweise auf einen bevorstehenden Todesfall hin, einige auf einen gerade eingetretenen. Sie führen alle zu einem Friedhof.

In Schottland war es in der Vergangenheit üblich, niemals mitten auf der Straße zu gehen, besonders an einsamen Orten und nachts, denn Sie wollten nicht in einem Trauerzug gehen, den Sie nicht sehen konnten, die Geister konnten Menschen zwingen, mit ihnen zu gehen.

Scavaig, Insel Skye

Straße von Heasta

Eine Skye-Frau sah einmal einen Trauerzug mit mehreren Särgen, aber, und das war ungewöhnlich, ging der nicht auf einer Straße, sondern über den Hang und unebenes Gelände. Dies geschah in Scavaig, einer abgelegenen Ecke auf der Isle of Skye. Die Frau starb. Zwei Jahre nach ihrer Vision ertranken drei Männer in Loch Scavaig. Ihre Leichen wurden in Ufernähe begraben und später wieder ausgegraben, um sie auf dem gleichen Weg, den die Frau gezeigt hatte, zum nächsten Friedhof zu tragen.

Strathaird, Insel Skye

Kilmarie Wanderweg

Eine andere übernatürliche Prozession wurde nicht weit davon in Strathaird, in der Nähe des Friedhofs von Kilmarie, gesehen. Die Männer trugen die Leiche eines Mannes in einem grauen Plaid, der im Fluss ertrunken war. Seine Leiche wurde Wochen später gefunden.

Portree, Insel Skye

Portree Friedhof

Ein tatsächlicher Hotspot für übernatürliche Ereignisse rund um Friedhöfe scheint Portree gewesen zu sein. Eines Nachts wachte ein Mann auf, als er einen Anruf von seinem Arbeitskollegen hörte, mit dem er normalerweise von The Braes nach Portree ging. Er stand auf und folgte der Stimme, die ihn, nachdem er immer wieder gerufen hatte, schließlich auf den Friedhof dort führte. Erst jetzt bemerkte er, dass sein Gefährte tot war und er eine Stimme hörte, die nicht von dieser Erde war.

In einer anderen Mondnacht in Portree ging schließlich ein Mann mit der Prozession. Als er fragte, an wessen Beerdigung er teilnehme, wurde ihm geantwortet: „Es ist deine eigene.“

Quelle:

Ronald Black (ed.): The Gaelic Otherworld. John Georgson Campbell’s Superstitions of the Highlands & Islands of Scotland and Witchcraft & Second Sight in the Highlands & Islands. Edinburgh, Birlinn Origin; 2019

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Die Kurzschlacht von Prestonpans

Schottische Schlachten, wie in der Tat viele andere Schlachte auch, brannten sich aus mehreren Gründen in das Gedächtnis ihrer Nation ein:  wegen der vielen Verluste, die auf einer oder beiden Seiten erlitten wurden, wegen der Heldentaten Einzelner oder der Dauer, in der sie wüteten. Prestonpans war eine der kürzesten Schlachten in der Geschichte Schottlands, sie dauerte nur knappe 10 Minuten.

Es war der 21. September 1745. Prince Charles war gekommen, das Land zu regieren und es von der englischen Herrschaft zu befreien. Gerade hatte er die Hauptstadt, Edinburgh, eingenommen, wo man den (so hoffte man) künftigen König der Schotten euphorisch feierte.

Keine guten Nachrichten für die Engländer und ihren General Sir John Cope, denn der führte eine Truppe Soldaten an, die wenig Erfahrung hatte im Kriegsgeschäft. Dennoch musste er eingreifen und marschierte gen Edinburgh.

Küstenlinie East Lothian

Auf dem Weg dorthin lagerten sie in Haddington, was den Jakobiten in Edinburgh nicht verborgen blieb. Am Abend hielt Charles Edward Stuart Kriegsrat. Man wollte Cope und seine Truppen schon auf ihrem Weg nach Edinburgh zur Schlacht zwingen und sie nicht erst in der Hauptstadt erwarten. Die Schotten marschierten los, und als General Cope das vernahm, ging er auf einem Feld, das auf der einen Seite von einem unzugänglichen Moor geschützt war, in Stellung, um den schottischen Rebellenprinzen und dessen Männer zu erwarten. Hier sollte die Schlacht von Prestonpans geschlagen werden.

Prestonpans Friedhof

Cope kommandierte 2000 Männer und verfügte über Artillerie. Die Rebellen bezogen auf einer Erhebung Stellung, von der aus sie das Camp des General Cope gut übersehen konnten. Sie hatten nur wenig Musketen, keine Artillerie, nur ihre Breitschwerter und die dirks, die typischen Messer der Highlander. Es blieb ihnen also keine andere Möglichkeit, als frontal anzugreifen. Der Abend kam, der nächste Morgen würde Sieg, Tod oder Gefangenschaft bringen.

An diesem Abend meldete sich der junge Robert Anderson zu Wort. Er kam aus Whitburgh und kannte sich in der Gegend gut aus. Er wusste, es gab einen Pfad durch das Moor, auf dem man die englischen Truppen würde erreichen können, ohne dass man sie dort erwarten würde. Es war dunkel und vom Meer her zog dichter Nebel über das Moor. Robert Anderson führte die Highlander bei Nacht und Nebel durch das Moor, in kleinen Gruppen auf dem schmalen Pfad, eine potenziell tödliche Route, doch Anderson hielt was er versprochen hatte und führte die Männer sicher ans Ziel.

Wolken über dem Forth of Forth

Als die ersten Sonnenstrahlen den Nebel auflösten, standen die Schotten überraschend an der Ostflanke der englischen Truppen. Die Artillerie blickte direkt in die aufgehende Sonne und war damit ihrer Stärke beraubt. Cope saß in der Falle und mit ihm seine Männer. Nach 10 Minuten waren 150 Mann der Regierungstruppen tot oder verwundet, einige flohen, der Rest wurde gefangengenommen. Die Highlander hatten nicht nur einen großen Sieg für die Moral errungen, sie hatten auch Waffen und Munition erbeutet. Und sie hatten an Ansehen gewonnen, denn nun sah man auch in London, dass die Highlander nicht nur wilde Einzelkämpfer, sondern vielmehr auch kluge Strategen waren.

Cope selbst entkam mit ein paar seiner Männer und brachte seinen Vorgesetzten die Nachricht seiner Niederlage persönlich. In den nachfolgenden Jahrhunderten waren spöttische Gedichte und Lieder über General Cope eine beliebte Art, sich an die Schlacht von Prestonpans zu erinnern.

Hey, Johnnie Cope are ye wauking yet? Hey Johnnie Cope, bist du schon wach? ist bis heute ein sehr beliebtes Lied mit einprägsamer Melodie. So ziemlich jede schottische Band hat das Lied irgendwann einmal aufgenommen, so auch die Corries und die Tannahill Weavers.

Einige der in der Schlacht von Prestonpans gefallenen Soldaten wurden auf dem Friedhof in Prestonpans begraben. Leider sind einige der alten Grabsteine zerstört worden. Eine bleibt jedoch, die von John Stuart von Phisgul, der im Regiment von Generalleutnant Peregrine Lascelles gegen die Jakobiten gekämpft hatte.

Hier liegen die Überreste on John Stuart of Phisgul, ein Galloway Gentleman and Captain in Lassel’sRegiment. Ein Mann von wahrer Tapferkeit, der ehrenhaft starb in Verteidigung seines Königs und seines Landes sowie der heiligen und bürgerlichen Freiheit, bis er gegen Ende der Schlacht auf dem Gebiet von Preston am 21. September 1745 von vier Highlandern barbarisch ermordet wurde.

Bei meinem Besuch auf dem Friedhof traf eich eine ausgesprochen liebenswerte ältere Dame, die mit großer Hingabe säuberte, pflanzte und goss. Ihr Sohn (sehr scheu und verschlossen) half ihr, wenig später kam ihr Mann, um sie abzuholen. Sie führte mich stolz zu dem Grab des gefallenen Captains, stolz, weil der Grabstein ihr persönlicher Bezug zur berühmten schottischen Schlacht war.

„Machen Sie das Tor gut zu.“ sagte sie, bevor sie zu ihrem Mann ins Auto stieg und mich allein lies mit ihrem Friedhof.

„Und bringen Sie das nächste Mal eine Drohne mit, da sieht man alles besser!“ rief der Gatte mir aus dem Auto zu. Er war offensichtlich nicht minder stolz darauf, Teil der schottischen Geschichte zu sein.

So ist das eben mit Friedhöfen in Schottland. Sie lassen einen nicht mehr los, weil sie die Verbindung sind zwischen persönlichem Erfahren und dem Erbe einer ganzen Nation. Egal ob man Schottin ist oder Deutsche.

Friedhofs-Attacke

Ein paar von euch haben es vielleicht auf Instagram verfolgt: Ich war mal wieder auf Friedhofstour, einmal ging es nach East Lothian und einmal nach Caithness, wobei die Reise in den nördlicheren Landesteil deutlich aufregender war.

wind farm near Camster @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Wir schreiben einen Samstag Mitte September, das Wetter ist gnädig, es ist relativ warm wenn auch windig, aber trocken, ideal also, um Friedhöfe zu erkunden und Fotos zu machen für den Blog Graveyards of Scotland. Ich fotografiere mich langsam nach Norden, der erste Friedhof auf der Liste, ist Dingwall. Da war ich zwar schon einige Male, aber habe es irgendwie nie geschafft, den Friedhof zu besuchen.

Danach arbeite ich mich Meile um Meile nach Norden, wo ich in der Nähe von Thurso ein Hotel gebucht habe. Der Tag neigt sich seinem Ende entgegen und weil das Hotel klein ist, hat die Rezeption nur bis 19:30 geöffnet. Ich bin zuversichtlich, dass ich das schaffe. Zehn Friedhöfe habe ich an dem Tag schon fotografiert und einen letzten will ich noch besuchen, bevor ich dann Feierabend mache und mich ins Hotel zurückziehe.

Langsam geht der Nachmittag in den Abend über. Ich fahre durch eine öde Wildnis, in der es nichts zu geben scheint als Weite, Wind und Windräder. Irgendwoher hier muss Camster sein. Es gibt nur eine einzige Abfahrt aber die ist Privatstraße und gesperrt. Ein rostiges Schild am Gatter weist auf die Farm hin, die denselben Namen trägt wie der Friedhof, zu dem ich mich jetzt aufmache. Spannend, denke ich mir, bestimmt ein kleiner Friedhof für eine winzige Siedlung, vielleicht nur für die Farm.

Camster farm and access to burial ground @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Ich packe die Gummistiefel an die Füße und ziehe los, der Abendwind bringt Kühle vom Meer und ich stelle den Kragen meiner Wachsjacke auf. Nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch führt mich der Schotterweg zur Camster Farm und es ist mir nicht klar, wo hier der Friedhof hier sein soll. Ich scanne das Gelände aber erkenne keine Mauern, die auf einen kleinen Friedhof schließen lassen. Das ist nicht immer ganz einfach, oft sind die Mauern auch nur für die Schafe oder waren im Laufe der Generationen für verschiedenen Dinge. Von Weiten sieht das alles gleich aus. Auch wenn ich meine Augen inzwischen auf das Erkennen von Friedhöfen trainiert habe.

Camster burial ground @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Hier sieht es aus, wie es auf so vielen schottischen Farmen aussieht, ein paar verrostete Autos am Wegesrand, dazu etwas ausgedientes Werkzeug und sonstige Maschinen, die ich nicht zuordnen kann Ein Mann läuft vom Farmhaus zum Tor, fünf Border Collies springen lauthals bellend um ihn herum. Ich gehe auf ihn zu, winke verhalten und rufe, dass ich auf der Suche nach dem Friedhof bin. Er scheint mir zunicken, er sagt auch etwas, was ich aber nicht verstehen kann, das Gebell der Hunde ist viel zu laut. Wie Gummibälle irren die schwarz-weißen Schafhüter um ihn herum.

Der Farner bleibt hinter dem dünnen Drahtzaun stehen und murmelt etwas. Ich trete näher und auf einmal ist die Hölle los. So schnell kann ich gar nicht reagieren, da hat mich einer der Border Collies durch den Zaun durch am Arm gepackt, Gott sei Dank aber nur den Ärmel erwischt. Noch bevor mir diese Attacke bewusst wird, ist er schon Richtung mein Gesicht gesprungen, so schnell kann ich gar nicht zurücktreten. Ich schnappe nach Luft und mache endlich einen Schritt zurück. Hinter dem Zaun wütet die Meute.

„Ich habe Ihnen doch gesagt er ist keine Menschen gewohnt“. rügt der Farmer vorwurfsvoll. Als hätte ich gerade nach seinem Hund geschnappt und nicht umgekehrt.

Hat er das gesagt? Wenn ja, habe ich es nicht gehört. Wie auch, in dem Lärm.

Meine Wachsjacke hat drei Löcher, wo die Zähne des beißeifrigen Farmbegleiters durch das Material gedrungen sind, mein linkes Brillenglas hat eine riesige Schramme. Das war knapp! Soll ich mich beschweren? Ich bin allein, auf seinem Grundstück und er hat fünf Hunde. Die Frage ist also rhetorisch.

„Gehen Sie durch die zwei Gatter aber machen sie sie ja wieder ordentlich zu! Dann müssen Sie über den Fluss, aber nehmen sie nicht die Brücke, die ist nicht sicher. Dann gehen Sie über die Wiese hin zum Friedhof.“

Ich nehme die Anweisungen entgegen wie ein folgsamer Hund.

„Wir dürfen da nichts machen“ sagt er. „Früher gab es eine Vereinigung, die hat sich um den kleinen Friedhof gekümmert, aber inzwischen kommt da keiner mehr. Wir dürfen nicht rein.“

Er schaut mich streng an, als hätte ich es ihm verboten. Ich lächle etwas verkrampft.

„Vergessen Sie nicht, die Gatter wieder zu schließen!“ ruft er mir nach.

Als ob ich das vergessen würde, mit einem Blick auf seine fünf Berserker. Wenn die mir in freier Wildbahn begegnen, ist es aus. Tod auf dem Friedhof, denke ich und muss leise lächeln als ich mir die unterschiedlichsten Schlagzeilen dazu vorstelle.

Journalistin Opfer von Killer-Hunden

Das letzte Kapitel der Autorin

Von Farmhunden zerfleischt

Ich könnte ewig so weitermachen.

Derart amüsiert stapfe ich durch die Weide, schließe gehorsam beide Gatter mit höchst kunstvollen Seilschlaufen, balanciere durch zwei gummistiefeltiefe, glitschige Wasserläufe, um dann endlich am geheimnisvollen kleinen Friedhof von Camster anzukommen. Eine kleine Einfassung, eine uralte Steinmauer, wunderbar blühende Weidenröschen und eine alte, wackelige Holztür, die kaum mehr in ihren Angeln hängt.  

WOW!

Camster Friedhof @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Ich gehe einmal drum herum und ziehe dann mühsam die Tür auf. Als ich eintrete, reicht mir die Vegetation bis unter die Arme. Man kann mit etwas Mühe ein paar Grabsteine erkennen aber weiß überhaupt nicht, wo man hingeht. Nie im Leben würde ich mich nachts hierher trauen. Das ist schon tagsüber relativ gruselig.

Hier ist seit Jahren keiner mehr gewesen.

Weidenröschen und Grabstein Camster @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Plötzlich denke ich an Schlangen, Ratten und alle möglichen Tiere mit scharfen Zähnen, die sich hier verstecken könnten und vorsichtig, ganz vorsichtig, gehe ich rückwärts wieder aus diesem völlig zugewachsenen Friedhof heraus. Wer weiß, welches Tier mich hier aus dem Dickicht anfallen könnte!

Ich mache lieber Fotos von draußen und freue mich über mein Zoom Objektiv. Auf dem Rückweg schaue ich immer wieder Richtung Farmhaus, die Hunde sind inzwischen im Zwinger und Ich bin safe, aber ich fühle mich erst wieder richtig sicher, als ich im Auto sitze und Richtung Zivilisation fahre.

Caithness @nme Nellie Merthe Erkenbach Graveyards of Scotland

Wer hätte gedacht, dass schottische Friedhöfe so gefährlich sein können.

Bass Rock

Bass Rock

Seitdem ich von Schottland aus voll arbeite und nicht mehr so wie früher in Deutschland viel und in Schottland nichts, ist deutlich weniger Zeit, hier die Dinge zu tun, die ich sonst immer hier getan habe, nämlich Bücher schreiben und Friedhöfe besuchen. Nun aber habe ich ein paar Tage Urlaub und los geht’s nach East Lothian.der Mann kann leider nicht, der hat deutlich weniger Urlaubstage als ich. Der Arme.

Feierabendbier

Ich arbeite ich mich den Tag über durch die Friedhöfe der Region in Richtung des kleinen Inns in einem idyllischen Dörfchen an der Küste, in dem ich übernachten werde. Es waren stolze 8 Friedhöfe, bis ich bei meinem Feierabendbier ankomme.

@nme Nellie Merthe Erkenbach Schottland für stille Stunden
St. Andrew’s Kirk Ports, North Berwick, East Lothian

Sehenswürdigkeiten in East Lothian

Am nächsten Morgen beim Frühstück höre ich wie der junge Man den Fehler begeht, die anderen Gäste zu fragen, was sie den Tag über machen wollen. Da steht er nun mit den dreckigen Geschirr in den Händen, das er gerade von einem anderen Tisch abgeräumt hat und kommt nicht mehr weg von der Redeflut des Engländers. Der zählt sämtliche Sehenswürdigkeiten auf, die es in East Lothian gibt. Ich lächle in stillem Mitleid mit dem Ober in mich hinein. An meinen „Sehenswürdigkeiten“ werde ich die Touristen nicht treffen und den Klassiker habe ich noch am Abend auf dem Rückweg vom letzten Friedhof des Tages fotografiert – ganz von weitem und im Sturm, der an dem Tag über die Ostküste fegte.

Stevenson Leuchtturm, Bass Rock

Leuchtturm und Basstölpel

Der berühmte Bass Rock ist eine kleine Insel, die wie ein monströser Stein etwa 1 Meile vor der Küste East Lothians liegt. Eine Touristenattraktion, zu Beginn des letzten Jahrhunderts nahm man das Dampfschiff, aber nur bei gutem Wetter, war es windig, konnte man an der einzigen Anlegestelle der kleinen Insel nicht festmachen. Dieser steinerne Berg im Meer ist beeindruckend. Bevölkert von tausenden Basstölpeln, die früher noch auf dem schottischen Speiseplan standen. Dazu ein Stevenson Leuchtturm, der an der Steilwand zu kleben scheint, und die Ruinen eines uralten Wohnsitzes mitten im Stein. Hier wächst nichts außer der Einsamkeit.

Lauder of the Bass

Bereits im 6. Jahrhundert weilte hier der Heilige Baldred und tat Wunder. Doch der eigentliche Name, mit dem der Bass verknüpft ist, ist Lauder. Der 1. Lauder of the Bass bekam diesen Titel für seine heldenhafte Unterstützung des Unabhängigkeitskämpfers William Wallace. So ein Stein im Meer wäre an sich nicht unbedingt ein überwältigendes Zeichen der Dankbarkeit gewesen, aber der Stein kam zusammen mit beachtlichen Ländereien auf dem Festland und das war dann schon wieder eine andere Angelegenheit. Die Familie Lauder brachte im Laufe der Jahre viele Botschafter und Kirchenmänner hervor.

Bass Rock

Das schottische Alcatraz

Der Bass Rock ist nicht nur berühmt, er ist auch berüchtigt als das schottische Alcatraz. Hier, auf dem ehemaligen Sommerwohnsitz der Familie Lauder, wurden etwa 40 Covenanter in den Glaubenskriegen gefangen gehalten. Dieses Gefängnis war kalt, feucht und ganz und gar furchtbar. Nach der Revolution von 1688 wendete sich das Schicksal, 4 Gefangene konnten sich befreien und weil eine Flucht unmöglich war, nahmen sie stattdessen ihre Wärter gefangen. Eine echte Gefängnisrevolution.

Der Regierung blieb nichts anderes übrig, als von der Küste aus hilflos zuzuschauen. Alle Versuche, den Bass Rock zurück zu erobern scheiterten. Es dauerte 3 Jahre, bis die Besatzer aufgaben. Das Gefängnis wurde Ende des 18. Jahrhunderts zerstört, bevor Bass Rock verkauft wurde.

stilles Frühstück

Zurück ins Hier und Heute. Der Ober kommt vorsichtig an meinen Tisch und will das Geschirr abräumen. Ich lächle ihm ermunternd zu. Er braucht sich nicht sorgen, dass auch ich ihm eine lange Liste der Sehenswürdigkeiten vorbete, die ich heute besuchen werde. Obwohl meine Liste für ihn sicher mal was Neues gewesen wäre.

Frühstück in East Loathian

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