Schottland Foto Challenge – Andys Liebe zu Schottland

Liebe Leser,

hier kommt Andys zweiter Teil, ihr habt bestimmt schon darauf gewartet. Viel Spaß damit!

LGN

Die folgenden Jahre bin ich dann auf verschiedene Art und Weise nach – und durch Schottland gereist, mal mit Wohnmobil (9 m lang und 4,20 hoch ist definitv nichts für die Highlands, mal mit Wohnwagen (auch zu groß mit 10 m Länge zzgl. 5 m Auto – da findet man ja zum Teil keinen Campingplatz – „Oh my god, what is this?? Are you kidding me?“) und dann lieber mit gemieteten Ferienhäusern, von wo ich aus die jeweilige Gegend erforscht habe.

Eine Reihe dieser Bilder sind hier sehen, oft natürlich bekannte Plätze, aber trotzdem immer wieder wunderschön.

Ich habe Schottland die folgenden Jahre zu allen Monaten und Jahreszeiten bereist und  sogar das schottische Wetter lieben gelernt. Das Essen in den Restaurants und Pubs hat sich über die Jahre deutlich verbessert, man hat gelernt, dass man mit erstklassigen Lebensmitteln auch gutes Essen machen kann.

Sogar das Bier hat sich verbessert, aus dem faden, spülwasser-ähnlichen Gebräu – sowohl vom Geschmack als auch vom Alkoholgehalt her – haben sich wahre Kunstwerke entwickelt.

Und vor 6 Jahren habe ich sogar meine Leidenschaft für Whisky entdeckt.

Mit Spontanität nach Schottland – von April bis September – zu schönen Plätzen war allerdings die letzten Jahre nicht mehr möglich, man musste zum Teil ein Jahr im Voraus buchen, was allerdings nicht immer so einfach ist. Immer mehr Menschen haben dieses Land für sich entdeckt und alles belegt…

Vor zwei Jahre habe ich – nachdem ein gemietetes Feriencottage mal wieder fototechnisch zwar sehr gut angeboten wurde, aber in der Realität blanker Horror war – spontan ein älteres Cottage zwischen Lochgilphead und Oban fest angemietet. Ich war eh 2-3 mal im Jahr dort und durch das gemietete Haus war ich jederzeit in der Lage mit Handgepäck (voll mit deutschem Brot – da hat sich nichts verbessert) ein paar Tage zu verschwinden.

Auch wenn es – trotz Ofen und Heizlüfter – draussen wärmer als drinnen war und ich dank eines undichten Daches im Bad auch ohne den Wasserhahn abzudrehen duschen konnte – so hatte ich endlich meinen eigenen Platz in meiner Herzensheimat.

Letztes Jahr hat mir dann mein damaliger Vermieter mitgeteilt, dass er das Cottage und seine Wohnung in Glasgow verkaufen würde um nach Irland zu ziehen (Wie kann man nur? Mal dort Urlaub zu machen ist ja ok, aber von Schottland weg??).

Da ich nicht wusste, ob ich dort dann weiter wohnen können würde, war das der Anlass mir etwas neues zu suchen. Und – nach anfänglichen Problemen – fand ich dann tatsächlich meinen Traum in dieser Gegend, nur 8 km weit weg bei Crinan, modern, warm und mit Blick aufs Meer. Und mit Glasfaserinternet!!!  in der Nähe eines Dorfes mit 74 Einwohnern  (75 – wenn ich dort bin).

Die Pandemie der letzten Wochen hat ja gezeigt, dass man – wenn man Glück hat – auch vom Homeoffice gut arbeiten kann und das ist halt dann 2000 km weit weg vom Büro….

Teppich-Matrosen aus dem Fachhandel

Neulich nachts musste ich mal und machte mich auf dem Weg ins Badezimmer.

„Komisches Geräusch.“ denke ich und öffne die Tür, um Sekunden später plötzlich hellwach und völlig durchnässt vor einer großen Frage zu stehen.

„Was zum Neptun ist hier los?!“

Wir haben einen Wasserrohrbruch und das eiskalte Wasser schwappt schon in den Flur. Ich wecke den Mann, der dreht das Wasser ab, setzt sich die Kopflampe auf und sucht Werkzeug im Schuppen. Ich wische derweil eimerweise Wasser auf. Am nächsten Morgen kommt ein befreundeter Installateur und bringt uns Abklemmschrauben, die neuen Leitungen kommen tags drauf von Amazon.

Nachdem alles getrocknet ist, ist klar, der Linoleumboden muss erneuert werden. Wir fahren also am Wochenende nach Inverness zum Fachbetrieb für Bodenbeläge und finden schnell, was wir suchen. Weil ich mir nicht sicher bin, ob die Rolle in den kleinen Panda passt, frage ich vorsichtshalber nach, ob sie auch liefern?

„Klar.“ sagt der Verkäufer und stellt eine kleine Frage, die bei mir große Wirkung erzielt.

By boat?

Boote

Ich sehe ihn vor mir, den schwimmenden Teppich Händler, das stolze, weiße, Boot, das majestätisch in den Meeresarm vor unserem Haus gleitet. Die Möwen rufen und der Mann rudert hinaus durch türkisblaue Wellen und lädt kostbare Seidenteppiche und duftendes Echtholzparkett in sein Boot. Teppich-Matrosen winken mir von Deck aus zu. Ich stehe an der Mole, den Wind im Haar und die Kreditkarte in der Hand.

Ja, so muss er sein, der Teppichkauf. Ob der Kapitän zum Kassieren kommt?

Mole

No, we live on the mainland. antwortet der Mann, nichtsahnend von meinem Bootsfantasien. Nein, wir leben auf dem Festland.

Puff!

Der Traum ist futsch.

„Ah gut, das macht es billiger,“ erwidert der Teppichverkäufer, der auch nicht ahnt, was ich gerade für ein Kopfkino hatte.

Natürlich liefern die Bodenbeläge per Boot nur auf die Inseln. Zu uns käme ein schnöder Transporter. Da zwänge ich mich doch lieber neben die Linoleumrolle auf den Beifahrersitz. Wenn ich das Fenster aufmache und die Augen schließe, kann ich das Meer riechen. Immerhin!

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Fleischkäse und Fleischgetränke

Der Mann glaubt zu wissen, was der deutsche Fußball braucht. nein, er ist nicht unter die Trainer gegangen und ja, natürlich braucht der deutsche Fußball nach der Corona-Sperre vor allem wieder Zuschauer in den Stadien. Ist das erst wieder erreicht, da ist sich der Mann ganz sicher, dann braucht der deutsche Fußball unbedingt „Fleischkäse und Fleischgetränke“.

Das sagt er mir so eines Morgens wenige Sekunden nachdem der Wecker geklingelt hat und ich frage mich, was in aller Welt er denn geträumt hat. Bei dem Mann bekommt das Wort „Fleischeslust“ eine gänzlich andere Dimension.

Ich habe bereits bei unserem Besuch in einem schottischen Fußballstadium vor ein paar Jahren anklingen lassen, dass der Mann die 90 Minuten kaum durchhält, ohne pie and bovril also ohne Fleischpastete und dieses schreckliche Heißgetränk, das so eine Art Mischung zwischen brauner Soße und Fleischbrühe ist. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.

Der Mann aber denkt, die armen Deutschen, die Fußball sehen müssen, ohne diese unersetzlichen Grundnahrungsmittel genießen zu können. Er findet aber auch, dass die Deutschen mit dem Fleischkäse eine gute Alternative zum pie entwickelt haben und deshalb nur noch Brovril brauchen zu ihrem Glück, Und weil der Mann ja Deutsch lernt, hat er das auch gleich übersetzt: „Fleischgetränke“ also braucht der deutsche Fußballfan. Er hält das für eine großartige Business-Idee.

Ich schüttle mich und merke an, dass der Deutsche an sich vielmehr Bier braucht, um 90 Minuten durchstehen zu können. Bier dürfen die Schotten ja nicht im Stadion, da herrscht Alkoholverbot. Das wiederum erscheint mir nur schwer aushaltbar angesichts einiger Spiele, die ich gesehen habe, allerdings im alkoholsicheren Wohnzimmer und nicht im fleischlastigen Stadion.

Ich lasse den Mann an seiner Geschäftsidee feilen und beschäftige mich mit der Wasserkochernäheren Zukunft. Am Sonntag ist das Champions League Finale. Ich werde Chips und Bier für mich bereitstellen. Der Mann bekommt Burger mit Chips und wenn er will, dann werfe ich auch den Wasserkocher an und löse ihm einen Brühwürfel auf. Da kann er sich sogar aussuchen, ob er Rind, Huhn oder Schwein haben will. Ich kann nämlich Fleischgetränke mit verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Fleischgetränke

Prost!

 

 

Der Mann korrigiert mein Manuskript

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen Bescheid, ich schreibe einen Reiseführer über Schottland. Es wird kein gewöhnlicher Reiseführer, ich nenne ihn ein Reise-Inspirations-Buch und der Mann steuert die Fotos bei. So weit, so gut. Das Manuskript ist bereits fertig und ich bin mitten in der Korrekturphase während der Mann Bilder zusammenstellt zu einem Text, den er nicht lesen kann, weil er auf Deutsch geschrieben ist. Natürlich lernt er gerade Deutsch aber für ein Buch reicht es noch nicht. Er hat noch nicht mal mein Buch über mein Leben bei ihm gelesen. 

Abeteuer Highlands book promo

Also fragt er kürzlich mit unschuldigem Augenaufschlag: Kannst du den Reiseführer nicht auch auf Englisch schreiben?

Puh! Klar kann ich. Gar kein Problem. Sind ja nur 322 Seiten. Ich denke nach. So schlimm wird es nicht werden. Es gibt ja Google translate.

Ich verbringen einen Tag damit, das Manuskript Seite für Seite in Google Translate einzugeben und das Ergebnis dann in ein anderes Dokument einzufügen. Am Ende des eintönigen Tages habe ich dann ein deutsches Manuskript und ein englisches. Naja, eine Google-Englisches. Was auf den Bilder zu sehen ist, ist die unbearbeitete Google Übersetzung. 

Ich schicke es also dem Mann, damit er es durchliest und mich auf die Fehler im Inhalt und gerne auch der Rechtschreibung hinweist. Ich muss es ja auch noch einmal durcharbeiten aber er darf zuerst, dann hat er schon eine Orientierung für die Fotos.

Noch immer im Lockdown und mit wenig Arbeit, um sich abzulenken, legt der Mann in den Highlands los und schickt mir noch am selben Abend das erste Kapitel korrigiert zurück.

Schon bei der ersten Anmerkung muss ich laut lachen. Da steht nur ein eh? was dem deutschen häh? entspricht und fast genauso klingt. Je mehr ich seine Anmerkungen studiere, desto amüsierter bin ich.

A screech owl? What’s a screech owl? Fragt er sich zu Recht. Es ist der Schrei einer Eule, keine Schreieule.

Und ein sea hole ist in Wirklichkeit ein sea Loch. Da stiftet das deutsche Wort Loch Verwirrung. Pech, wenn ein und dasselbe Wort in zwei unterschiedlichen Sprachen zwei unterschiedliche Dinge bedeutet.

„Er trug die Farben des Stuart Clans“ wird auch falsch übersetzt. He wore the Stuart paints??? fragt der Mann nach. Da ist Farbe im Sinne von Wandfarbe, gemeint ist aber Farbe im Sinne von Flagge oder Uniform, also colours nicht paints. Niemand trug Farbeimer durch die Highlands,

Der Mann ist verwirrt. Ich lache.

Und natürlich kann ein Tippfehler die ganze Übersetzung ruinieren. Fehlt auch nur ein y an der entscheidenden Stelle, dann positionierte Alexander einen Arm (arm) statt einer Armee (army) auf dem Hügel und der Mann fragt sich zu recht, warum.

Bildschirmfoto Manuskript

Ein echtes Highlight: His first daughter gave birth to his mother’s maid (Seine erstgeborene Tochter gebar die Dienstmagd seiner Mutter), was den Mann in tiefe Verwirrung stürzte. Hier waren die Possessiv-Pronomen und damit die gesellschaftlichen Beziehungen durch das Verb durcheinander gekommen. Er zeugte vielmehr eine erstgeboren Tochter mit der Dienstmagd seiner Mutter.
Kleiner aber feiner Unterschied.

Was dem Mann ganz besonders gefallen hat ist die Übersetzung von vogelfrei, also einer, der für vogelfrei erklärt wird. Die korrekte Übersetzung wäre outlaw, Google hat es mit bird-free wörtlich übersetzt. Weil der Mann Frauen gerne als birds bezeichnet, hat ihn diese Übersetzung laut lachen lassen. Der arme Rob Roy war frauenfrei.

Und wenn Margaret Forbes dachte, dass ihr Ehemann und seine Männer zurückkehrten, dann waren es nicht her husbands and his husbands es waren her husband and his men. Soo verheiratet war ihr heimkehrender Ehemann dann doch nicht. Auch wenn der Mann husbands, and husbands, and husbands anmerkt. 

Und ja, Cullen Skink ist eines der berühmten Gerichte in Schottland aber die Fischsuppe hat nun ganz und gar nichts mit Justizia zu tun. Ein Suppengericht ist eben kein Amtsgericht, zumindest nach meinem Urteil.

Wir haben noch einige Kapitel durchzuarbeiten und ich freue mich so richtig darauf. Denn wenn’s schon beim Korrigieren Spaß macht, dann kann es doch nur ein Bestseller (Verkaufsschlager) werden!

 

P.S. Keine Sorge, ab nächsten Sonntag geht es wieder weiter mit der Foto Challenge. Eure Bilder sind nicht verloren gegangen! 😊

Schottland Foto Challenge – ein Mann, eine Idee

Liebe Nellie,

Auch wenn ich es ursprünglich vorgeschlagen hatte, dass wir alle unseren schönsten Bilder einsenden, so war es alles andere als einfach für mich meinen Beitrag zu leisten. Es ist sehr schwer mich zu entscheiden, vor allem da ich die allerschönsten Bilder im Kopf habe und nicht als Foto… Ich kann auch leider nicht so tolle Geschichten zum Besten geben wie meine Vorgängerinnen (wieso eigentlich immer nur Frauen?? Bin ich hier der einzige Vertreter meiner Gattung???)

Ich dachte, ich erzähle einfach mal meine Geschichte wie ich zum Herzensschotten wurde…

Schon als Kind haben mich Geschichte, Burgen, wilde Landschaften und das Meer fasziniert. Bücher wie „Die Schatzinsel“, „Der seltsame Fall von Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ über „William Wallace“, „Maria Stuart“ aber später auch mal Werke von Robert Burns haben mich stundenlang gefesselt. Natürlich aber auch „Outlander“ (als Bücher verschlungen – aber auch als Film sehr genossen) Last but not least – die Geschichte über das Leben unserer Lieblingsautorin mit ihren „Abenteuern Highlands“ hat mich lauthals amüsiert.

2005 habe ich mit meiner damals neu kennengelernten Beziehung spontan meine erste Reise zu Pfingsten mit dem Auto nach Schottland gemacht. Völlig planlos nach Gefühl haben wir in Edinburgh begonnen (eine der schönsten Städte in Europa), dabei jeden Tag wo es uns gefiel quer durch Schottland in einem B & B übernachtet (oder auch mal auf Isle of Skye – wenn nichts zu finden war – im 19,99 € Discounter-Zelt bei strömenden Regen festgestellt, wie besitzergreifend Frauen um jegliche Decke im Schlaf kämpfen können – blutige Nase verursacht durch einen Tritt eines zarten Frauenfusses).

Ich habe auch gelernt, dass die putzigen „Eintagsfliegen“ dann blutsaugende Midges waren, Black Pudding nichts mit einer Süßspeise zu tun hat, Schulenglisch in Schottland – vor allem an der Westküste – soviel bringt wie Polnisch in der Mongolei und dass die Menschen dort eine Gastfreundschaft, einen Humor und eine Herzlichkeit haben, die seinesgleichen sucht.

Über 2500 km später war mir klar, dass ich meinen Herzensplatz gefunden hatte.

 

Danke lieber Andy dass du es noch geschafft hast, wenige Stunden vor Einsendeschluss deine Bilder zu schicken. Ich bin mir sicher, dass nicht nur ich mich darüber freue. Der zweite Teil kommt demnächst. 

Schottischer Spitzen-Sommelier

Ich bin in einer Weingegend aufgewachsen, in der sehr gute weiße und akzeptable Rotweine angebaut werden.

Frankreich ist nah und damit noch mehr qualitativ hochwertiger Wein.

Wir sind hier, wie der alte Werbespruch so wahr sagt, von der Sonne verwöhnt.  Und natürlich vom Wein.

 

Der Mann ist in Glasgow aufgewachsen. Per se eher kein Weinanbaugebiet, zu seiner Zeit galt die Liebfrauenmilch als edles Getränk und Buckfast, der ultrasüße Likeurwein, als akzeptable Alternative zur Abendbelustigung.

Wir kommen also von einem recht unterschiedlichen Hintergrund und das zeigt sich ganz eindeutig, wenn es ums Wein kaufen geht. Wenn ich in Schottland Wein einkaufe, dann durchforste ich das Angebot nach italienischem Pinot Grigio oder französischem Roten was nicht ganz so leicht ist, denn das Standardangebot in den Regalen kommt aus Chile, Australien oder Neuseeland. Während ich also mit einem Ländersystem arbeite, pflegt der Mann ganz andere Standards, er differenziert nach Alkoholgehalt.

I had to lower my standards. sagt er mir letzte Woche auf Skype. Er war einkaufen und wie das so ist in Zeiten von Corona, hat nicht nur für sich sondern beim Großeinkauf auch für andere mit eingekauft. Man hatte ihn gebeten, eine Flasche Rosé mitzubringen. Eine Flasche? Meine innere Frage während ich ihm zuhöre wie er erklärt, dass es im Aldi in Inverness nur 12,5%igen Rosé gab. Ich kaufe eigentlich nie nur eine Flasche. Noch schaue ich auf die Etikett-Rückseite. Ich genieße Rosé an sonnigen Frühsommerabenden mit Eis auf der Terrasse. Mein Eis hat dabei 100% Frostgehalt. Dem schottische Weinkenner aber fehlen 0,5% zum Weinglück.

Du bist mir ein Sommelier! sage ich und lache.

Sommelier? fragt er und lacht noch mehr.

In Glasgow we call them winies.

Corona macht mich fertig!

Irgendwie kommt man an dem Thema dieser Tage ja nicht vorbei. Ausgerechnet jetzt kämpfe ich mit einer sehr hartnäckigen Erkältung. Ja, einer normalen Erkältung, ohne Fieber, ohne Atemnot. Das muss man in diesen Tagen ja laut dazu sagen.

Nun bin ich also zu Hause, versuche mich zu schonen und gesund zu ernähren. Ich habe Zeit, die Zeitung ausführlich zu lesen, Social Media durchzukämmen und die Talkshows im TV zu verfolgen. Ich bin in Sachen Corona up to date. Ich habe mir sogar bei Amazon Gesichtsmasken und Desinfektionsspray bestellt. Zu horrenden Preisen in Übrigen.

Atemmaske und Desinfektionsspray

Und der in schottischen Schulen durch hustende Schülerhorden gestählte Mann, schickt mir lustige gifs und Fotos zum Thema Coronavirus. Wie kann man den Unterschied zwischen Schotten und Deutschen besser verstehen als in unserem Umgang mit der Pandemie – er sammelt Witze, ich kaufe Desinfektionsmittel.

Desinfektionsmittel horten

Lustig eigentlich, wenn da nicht dieses ungute Gefühl im Magen wäre. Als ob der Brexit unsere Fernbeziehungssituation nicht schon unsicher genug gemacht hätte.

Was ist, wenn es im Sommer ein Reiseverbot gibt, wenn ich wieder zurück in die Highlands möchte?

Was, wenn ich nicht mehr aus Schottland zurück nach Deutschland kann am Ende des Sommers?

Ok, mit letzterem könnte ich leben. Sorry Chef, ich hab alles gegeben aber ich schaffe es nicht.“ Ja, damit könnte ich zumindest eine Zeit definitiv leben. Sorry Chef! Aber der andere Fall? In Deutschland bleiben zu müssen, weil ich nicht nach Schottland reisen darf. Das wäre furchtbar.

Tragfläche Flugzeug

So oft habe ich die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern passiert, ohne nachzudenken. Und nun? Nun ist Corona passiert und zwingt mich dazu. Es sind echte Grenzen und die kann man schließen. Ich und mein Partner leben nicht im selben Land und das kann im Falle einer Pandemie ein echtes Problem werden. Ein Schatz, ich habe alles gegeben aber ich schaffe es nicht würde ich nur sehr schwer über die Lippen bringen.

Heute Morgen hat er mir ein Foto von einem Chinesen mittleren Alters geschickt, der sich eine Damenbinde anstelle einer Gesichtsmaske an die Nase geklebt hat. Hat der Mann wohl auf Twitter oder Facebook gefunden.

Ich glaube, ich muss wieder weniger deutsch werden und die schottische Seite der Dinge sehen lernen.

Weg mit den Desinfektionsmitteln – her mit den Damenbinden!

Banff-tastisch

Mit quietschenden Schuhen verließ der adrette Ober den Raum. Ich sah mich um im Speisesaal des County Hotel. Das konnte ich ganz ungeniert tun, ich war der einzige Gast. Ein beeindruckendes Gebäude, elegant auf zwei Ebenen, gebaut für den Provost (Bürgermeister) George Robinson im Jahre 1770. Später gehörte es wohl einer reichen Bürgerin, die mit Leinen viel Geld gemacht hatte und ich bin mir sicher, dass sie den Blick aus dem ersten Stock genauso genossen hat wie ich.

Das Ambiente nobel und ein bisschen in die Jahre gekommen, Dekor schottisch mit einem französischen Touch, das muss am Chef liegen, der Franzose ist und auch kocht. Das war für mich der Grund, mich für ein Abendessen im Hotel zu entscheiden.  Den meisten Besuchern von Banff geht das wohl anders, der unglaublich großen Zahl von Fast Food Läden aller Nationen nach zu urteilen.

Nun saß ich also alleine beim Abendessen, vermisste den Mann ein wenig, hatte aber prinzipiell kein Problem damit. Ich hatte ja einen Ober, der mich unterhielt. Der quietschte gerade wieder herein.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“ fragt er.

„Ich nehme ein Glas Rosé von dem Hauswein als Aperitif.“

Er schaut leicht verwirrt in die Karte und dann zu mir. „Was für ein Glas wollen sie?“

Ich überlege, derweil geht er zur Anrichte und bringt mir zwei leere Gläser.  „So eins, oder so eins?“ fragt er und hält je eins in der Hand.

Ich deute auf das kleinere der beiden und er quietscht mit seinen wohl neuen Schuhen und beiden Gläsern aus dem Speisesaal, kommt aber kurz darauf mit dem gefüllten kleineren Glas wieder zurück und stellt es vor mich hin. Es ist eiskalt und der Rosé sehr trocken, genau, wie man es von einem Franzosen in der Küche erwarten würde. Trés bien!

Der Ober kämpft jetzt mit drei Karten, dem Weihnachtsmenu, das noch Gültigkeit hat, der eigentlichen Karte und der Weinkarte und versucht mir alles aufgeschlagen gleichzeitig zu reichen. Wir jonglieren das gemeinsam irgendwie hin. Ich bestelle ein großes Glas Merlot und ein Rindersteak. Die Karte ist ein sehr guter französisch-schottischer Mix und es fällt mir sehr schwer, mich zu entscheiden.

„Wollen Sie eine Vorspeise?“ fragt der Ober und zappelt dabei unruhig.

„Nein.“ danke sage ich und knabbere an den Chips aus dem kleinen Schälchen, das es zum Aperitif gab.

„Wollen sie vielleicht noch mehr Chips?“ fragt er dann, fast schon erfreut. Das edle französische Ambiente ist eher nicht seins und er macht den Job noch nicht lange aber er ist mit vollem Engagement dabei.

Ich verneine mit einem strahlenden Lächeln und beantworte die nächste Frage, wie ich denn das Steak will, mit medium, aber schottisches medium, nicht französisches. Das ist mir zu blutig und bei einem französischen Koch…

Nun ist aber der Ober ganz verwirrt, trägt die Order aber wohl ganz genauso in der Küche vor, denn das Steak kommt perfekt so wie ich den Garpunkt gerne mag und es ist darüber hinaus unfassbar lecker. Die Röstzwiebeln leicht und knusprig, das Ratatouille würzig, die Pommes aus frischen Kartoffeln, die Pilze ein Genuß. Ich esse beglückt vor mich hin, da quietscht der Ober auf schnellen Schuhen wieder herein.

„Ich habe ihr Steakmesser vergessen.“ ruft er mir aus ein quer durch den Saal entgegen, ganz besorgt, wegen seines Versäumnisses. Der Chef hat in der Küche wohl nachgefragt, ob er auch daran gedacht hat. Nun steht dem jungen Mann schon der Schweiß auf der Stirn.

„Sagen sie den Chef es schmeckt wunderbar.“ sage ich ihm. „Das muss ganz schön schwer sein, das großartige Essen zu servieren und nichts davon essen zu dürfen.“ sage ich. Er sieht irgendwie hungrig aus.

„Ich darf nur servieren.“ sagt er mit Trauer in der Stimme, „nicht essen. Aber der Duft….!“ Diesen letzten Satz lässt er wie den Rauch einer guten Zigarre durch den Raum schweben.

Ich bin mir nicht sicher, ob er für den Job wirklich gemacht ist, aber wahrscheinlich gibt es in Banff nicht wahnsinnig viel Jobs zur Auswahl. Zum Nachtisch serviert er mir Vanilleeis mit Toffee und ich frage, ob sie Espresso haben. Dann wäre mein Glück wahrlich perfekt.

Er kommt wieder aus der Küche zurück, offensichtlich kann er keine meiner Fragen selbst beantworten, weil sehr wahrscheinlich nicht viele Gäste diese Fragen stellen in Banff. In Frankreich wohl aber das weiß der Ober ja nicht. Er schaut mahnend auf die Uhr, sagt aber nicht wie spät es ist.

„Sie können auch entkoffeinierten Kaffee haben.“

Es ist also spät. Ich versuche mein Lächeln zu verstecken. „Das schaffe ich schon, ist ja erst acht Uhr.“Dann genieße ich und nehme eine Flasche des hervorragenden französischen Weißweins mit aufs Zimmer. Endlich mal kein Chardonnay, den sie in Schottland sonst überall anbieten, warum wird sich mir nie erschließen.

„Mit einem großen Glas.“ sage ich gleich, damit er Bescheid weiß. Er kommt mit einem normalen Weißweinglas zurück, nix mit langem Stil und großem Kelch aber egal. Es kommt auf den Wein an und der ist klasse.

Es war ein ausgesprochen leckeres und auch amüsantes Essen im County Hotel in Banff. Ein Besuch lohnt sich, aus vielerlei Gründen.

Das echte Leben mit einem Lächeln – purple wellies on tour

„Moment!“ rufe ich dem Mann zu. „Wir müssen noch meine Gummistiefel mitnehmen.“

Er nickt und wurschtelt weiter an seinem Dienstwagen herum. Der Wind bläst uns um die Ohren und das Meer treibt wütende Schaumkronen Richtung Strand. Das sehe ich, weil der Motor des Wagens schon läuft und die Scheinwerfer zwei Lichtkegel aufs Meer schicken. Es ist sieben Uhr und noch stockdunkel.

Wenigstens ist es trocken. Mehr als ein paar Minuten am Tag haben wir dieses Glück zu Zeit nicht. Es herrscht dauerhaft Gummistiefelwetter.

Ich begleite den Mann auf eine seiner Dienstfahrten, will ein bisschen fotografieren, wenn sich trotz des schlechten Lichts die Möglichkeit ergibt und sonst einfach Landschaft und Natur genießen. Die Strecke beinhaltet Highlights wie Kinlochewe, Shieldaig, Loch Maree und Gairloch. Meine deutschen Dienstfahrten beinhalten eher die A5, die A6, die A81 und die A8. Sicher auch ein Grund, warum sich das Leben in Schottland sich so viel besser anfühlt.

Und dann fahren wir durch den schottischen Morgen, der immer noch Nacht ist. Vor neun Uhr wird es nicht hell. Als dann langsam so etwas wie Sonne hinter den trüben Regenwolken den Tag erahnen lässt, habe ich eine Idee. Ich mache keine Fotos IN meinen Gummistiefeln, ich mache Fotos VON meinen Gummistiefeln!

Der Plan steht. Oft sind Landschaftsfotos eher langweilig, weil nichts darin ist außer Landschaft. Von dem ein oder anderen Hirsch oder einer Hochlandkuh mal abgesehen. deshalb nehmen viele Fotografen gerne hübsche Mädchen oder Frauen mit (bitte immer langhaarig), die dann in roten oder orangen Kleidern vor irgendwelchen Burgen die nackten Arme begeistert ausbreiten obwohl sie doch furchtbar frieren müssen. Wird zumindest auf Instagram gerne genommen.

Der Mann hätte wahrscheinlich nichts gegen eine hübsche junge Frau mit nackten Oberarmen im Auto einzuwenden. Ich schon eher und die Chance, dass der Mann sich seinerseits mit begeistert ausgebreiteten Armen für meine Kamera vor eine Burg stellt (schließlich hat er lange Haare, wenn auch nichts Signalrotes zum Anziehen) ist eher gering. Wenn es auf Instagram solche Bilder mit Männern als dekoratives Element gibt, dann haben die in der Regel professionelle Wanderkleidung und eine rote Jacke an. Keine Spur von nackten Armen oder Begeisterung. Die Männer strahlen Wissen und in sich ruhende Überlegenheit aus, wenn sie in der Landschaft stehen.

Also, Schluss mit dem Sexismus in der Landschaftsphotografie. Ich will Wissen und in sich ruhende Gelassenheit mit Begeisterung in meinen Bildern. Und Freude und ein wenig Humor. Das war auch der Grund, warum ich die Grafikerin bat, ein paar rosa Gummistiefel auf das Landschaftsfoto meines Buchs zu setzten. Gleich unter den Titel, damit klar wird: hier gibt es nicht nur touristische Schottlandromantik, hier gibt es das echte Leben mit einem Lächeln.

„Stop!“ rufe ich. „Foto!“ und zerre die Gummistiefel unter dem Equipment hervor, mit dem der Mann seinen Dienstwagen vollgestopft hat. Ich stelle sie in die Landschaft und hole die Kamera.

Der Mann schaut verdutzt, was ich da mache. Schließlich hat er meine Gedankengänge zur sexistischen Landschaftsfotografie nicht mitbekommen und ist nach wie vor der Ansicht, ich wolle IN und nicht VON meinen Gummistiefeln Fotos machen. Ich erkläre und er nickt. Dann mache ich die ersten Versuche, was gar nicht so leicht ist – in Schottland hat es so gut wie immer Wind.

Von da ab hält er auch die Augen offen nach einer guten Stelle für ein Foto. Und ich poste zu Hause das erste auf Instagram. Sieht gar nicht so schlecht aus und mir gefällt mein Projekt wellies on tour. Das ist Abenteuer Highlands pur! Nicht Lifestyle sondern echtes Leben. Und ein paar Likes bekommt es auch.

Der Kopf im Koffer

Gorgeous“, sagt der Mann zu mir mit diesem für Glasgow so typischen Overstatement der weiblichen Vorzüge seiner Partnerin, „ich habe dein Weihnachtsgeschenk und ich möchte es dir jetzt schon geben. Es ist Ende November und noch ein ganzer Monat bis Weihnachten, was bei mir zwei Fragen gleichzeitig aufwirft:

  1. Warum hat der Mann schon mein Weihnachtsgeschenk gekauft?
  2. Warum kann er es nicht selbst mitbringen, wenn er mich an Weihnachten besuchen kommt? Dieses Jahr ist das Jahr Weihnachten mit der deutschen Familie.

„Es wäre mir lieber du nimmst das durch den Zoll, bei mir könnte es Probleme geben.“ meint er als Erklärung.“

Werden langhaarige Männer mit Bart strenger kontrolliert als Frauen frage ich mich kurz? Ich vermute allerdings schon. Aber was nur will er nicht durch den Zoll bringen?

Skull

Einen Totenkopf. Fantastisch! So einen habe ich schon immer gewollt für die Bibliothek. So als Sinnbild für die Sterblichkeit. Und weil ich Hamlet liebe, zum großen Monolog gehört einfach ein Schädel. Alas, poor Yorrick!

Totenschädel im Koffer

 

Aber nun sehe ich auch das Problem am Flughafen … ich habe einen Kopf im Koffer und auch wenn es sich um eine Theaterrequisite handelt, sieht sie doch täuschend echt aus.

Am nächsten Morgen beim Einchecken am Flughafen von Inverness wispere ich leise der Schalterdame entgegen: „Ich hab‘ da was Ungewöhnliches im Koffer, nur wegen ihres Scanners, es ist ein….

„Dann bitte zum Sondergepäck da drüben.“ sagt sie bestimmt, ohne auch nur im Ansatz wissen zu wollen, um was es sich handelt.

Totenschädel verpacktAlso rüber zum Sondergepäck, wo sonst nur die mit Skiern oder Kinderwägen anstehen. Nun also ich mit meinem Totenschädel. Ein Schotte Mitte vierzig liegt müde in seinem Stuhl, es ist kurz nach 5 Uhr am Morgen und wir sind alle noch nicht wach. Neben ihm sitzt eine aufrechte, aufgeweckte junge Kollegin, die mit offensichtlichem Eifer dabei ist, ihren Job zu lernen.

„Ich habe da etwas Ungewöhnliches in meinem Koffer.“ sage ich mit leiser Aufregung in der Stimme. Der Mann bleibt auf seinem Stuhl liegen und winkt nur lässig ab.

„Alles schon gesehen!“ sagt er. Seine Kollegin dagegen hat die Wichtigkeit dieser Aussage erkannt und sitzt nun noch aufrechter als eben schon.

„Aber ich hab‘ einen Schädel“ sage ich mit Vorwurf in der Stimme. Ich habe alle 12 Staffeln von Bones – die Knochenjägerin gesehen, ich weiß genau, wie echt mein Schädel aussieht.

Totenkopf

„Alles schon gesehen!“ winkt er wieder ab, rollt aber nun mit dem Bürostuhl vor seinen Monitor und prüft das Gepäckstück, das ich aufs Laufband gelegt habe. Die junge Kollegin prüft leidenschaftlich mit. Wahrscheinlich hat sie noch nicht alles gesehen.

Er nickt und ich frage, ob ich auch mal sehen darf. Er nickt wieder und dreht den Monitor. Mann kann jede Einzelheit erkennen von dem Kopf, den ich im Koffer transportiere. Wäre ich die schottische Flughafenpolizei, ich würde mich wegen Mordes verhaften.

Ich bekomme statt dessen meinen Quittungszettel und kein Mensch fragt mich mehr nach meinem Kofferinhalt. Auch nicht in Heathrow, wo ich meinen zweiten Flug antrete. Ganz so, als ob ständig irgendein Deutscher mit einem Schädel im Gepäck aus Schottland zurückkommt.

Vielleicht bin ich ja nicht die Einzige mit einer Bibliothek…..

Skull and light