Goonie Day

Ich bin nicht die Einzige, die manchmal keine Lust hat, sich anzuziehen und lieber den ganzen Tag im Bademantel abhängt. Hier ist das ein durchaus bekanntes Phänomen, man nennt es einen goonie day, das Wort ist die Verniedlichung von dressing gown, dem Bade- oder Morgenmantel. Das würde ja nicht annähern so gut klingen, so ein dressing gown day. Gehört habe ich allerdings von den dressing down days. Das sind die Freitage ohne Krawatte, aber die trägt man hier ohnehin nur zu Beerdigungen. Also die Krawatten, nicht die Bademäntel!

Zurück zum Thema. Ich habe also einen dieser goonie days und nach einer Weile, spätestens im Laufe des Nachmittags, wäre man durchaus bereit, sich anzuziehen. Doch dann kann man ja nicht mehr. Man hat ja einen goonie day und kann nicht so einfach wieder in einen normalen Rhythmus zurück. Das ist dann Germanischer Starrsinn, schätze ich. Einmal entschieden, muss man das durchziehen. Sei’s drum.

Ich hänge also den ganzen Tag im Morgenmantel ab, ich lesen, schaue eine Serie, lackiere die Fußnägel, so ein Zeug. Es ist Sonntag und das Wetter ist schlecht. Was sollte man sonst anfangen? Denn eins ist mal klar, sobald man die Entscheidung für den Morgenmantel und gegen ordentliche Kleidung getroffen hat, ist man gleich viel entspannter. Wer einen Morgenmantel trägt, ist relaxed. Der Mann trägt es mit Fassung.

Gegen Abend wird das dann allerdings eine Herausforderung. Ich koche und Bademantel mit Küchenschürze zusammen sehen weder entspannt noch relaxed aus. Ich koche trotzdem fröhlich vor mich hin und verlasse die Küche auf der Suche nach Kartoffeln, die ich anderswo lagere. Keine fünf Sekunden später höre ich den Mann rufe.

„Da ist Andy. Er steht vor der Tür.“

Damit meint er Andy von der Fischfarm und die Küchentür, zu der hier alle rein und rausgehen. Die Haustür benutzen wir nicht. Ich habe inzwischen das Bügelbrett und den Wäscheständer von innen drangehängt. Kommt ja eh keiner rein. Aber Andy an der Küchentür?

ARRGL!

Da stand ich vor fünf Sekunden noch in meinem Morgenmantel-Schürzen-Outfit. Die Küche ist hell erleuchtet und die Tür ist in der oberen Hälfte aus Glas. Ich stand also wie auf einer Bühne für jeden, der auf dem Grundstück war. In diesem Fall Andy.

OMG!

Ich schlage innerlich beide Hände vors Gesicht und rase errötend ins Schlafzimmer, nicht ohne dem Mann zuzurufen, dass ich nicht an die Tür kann. Der denkt natürlich überhaupt nicht mehr an meinen Bademantel-Tag und brummt vor sich hin, weil er nun seinen Computer verlassen und sich kümmern muss.

Ich höre die beiden Männer in der Küche murmeln, während ich alles von mir werfe und in meine Jeans hüpfe. Pullover drüber, geht auch mal ohne Socken, aber ein Haargummi brauche ich, meine Haare haben auch einen goonie day.

Sogleich rase ich in Richtung Küche. Da steht der Mann, ohne Andy und hält ein wenig ratlos aber erfreut einen riesigen Fisch in der Hand. Meine Augen fragen stumm.

„Er ist wieder weg“, sagt der Mann.

Soweit kann ich mithalten. Mich interessiert eher das tote Tier in seiner Hand. Wortlos zeige ich drauf.

„Lachs“, sagt der Mann. „Für uns.“

Er meint wohl eher für sich, weil ich inzwischen Tiere nur noch in Ausnahmefällen esse.

Ich nicke und greife nach dem größten Backblech, das wir haben. Der Lachs ist größer, aber diagonal passt er einigermaßen drauf. Wirklich sehr lieb von den fish farm boys, an uns zu denken.

„Okay“, sage ich. „Ich bereite ihn gerne für dich zu. Aber filetieren kann ich ihn nicht.“

Die Vorstellung, ein Messer in einen Tierleib zu stoßen, lässt mich schaudern. Nie!

Ich fahre mit dem Kochen fort und versuche nicht nach dem toten Fisch zu sehen, der da in unsere Küche liegt. Nach einer Weile lege ich ein Küchentuch über ihn. Die Krimiautorin kann keine Tierleichen sehen! Der Mann surft inzwischen durchs Internet und schaut auf YouTube Filettiervideos. Ja, gibt es.

Nach dem Essen filetiert er den Lachs und ich friere die Tranchen ein. Die Reste trägt er runter an den Strand. Die Möwen werden sich freuen. Ich schreibe derweil der Fischfrau einen WhatsApp, die einmal die Woche mit dem Transporter unterwegs ist und frischen Fisch verkauft. Nett, neutral und ohne Köpfe, gekühlt in weißen Wannen. Fürs erste braucht sie nicht mehr bei uns halten.

Wir haben einen Lachs. Und wir haben die Leichenteile fein säuberlich in die Gefriertruhe gepackt.

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar. 

Nellie Merthe Erkenbach

Santa Claus is comin‘ to town

Weihnachten in den Highlands @nme Abenteuer Highlands

Die Person Santa Claus lässt mich nach all den Jahren hier in den Highlands noch immer mit einer gewissen Verwirrung zurück. Er ist so einer Art Disney-Variante eines Nikolaus-Sankt Martin Klons. Ho ho ho! Ich kann Herrn Claus, seinen Rentieren und den Elfen nicht so wirklich etwas abgewinnen, aber er ist so ziemlich das Weihnachtlichste, was Schottland zu bieten hat.

Am Samstag kommt Santa nach Kyle. Schreibt die Tochter des Manns in einer WhatsApp.

Könnt ihr den Kleinen hinbringen? Er muss auch noch seinen Brief schreiben.

Der Kleine ist sich der Bedeutung seiner Aufgabe bewusst und hat auch schon einen genauen Plan, was er in den Brief packen will. Nur leider geht das mit dem Schreiben noch recht mühselig und am Ende steht nicht viel mehr als „Lieber Santa“ und „LEGO-Piratenschiff“ darauf. Aber mit ein paar Tannenbäumen und dem gewünschte Schiff, gemalt in verschiedenen Farben, ist es ein sehr schöner Brief. Nun noch zukleben und Santa draufschreiben. Fertig!

Den Brief müssen wir in Kyle in den Weihnachts-Briefkasten werfen. Um 14 Uhr kommt Santa Claus und wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Ausarbeitung des Briefs hat länger gedauert als gedacht.

Auf der Fahrt bekomme die ganze Zeit dieses doofe Lied nicht aus dem Kopf. Saaanta Claus is …

Eilean Donan Castle zur Weihnachtszeit @nme Abenteuer Highlands

Wir parken uns sind mehr oder weniger die ersten. Deshalb schauen wir uns drin schon mal drin. Drinnen, das sind die Räumlichkeiten der Seewacht, der RNLI, die von hier das Rettungsboot betreuen. Die haben das Event organisiert. In einem dekorierten Zimmer gibt es jede Menge offiziellen Merchandise, Boote als Schlüsselanhänger, Spielzeugboote, Boote auf Blöcken und so weiter zu erstehen, aber auch Selbstgestricktes von Frauen aus dem Ort. Vielleicht ist auch ein strickender Mann darunter. Ich weiß es nicht. Bislang habe ich noch kein derart wokes Exemplar der Spezies entdeckt.

Saaanta claus is …

Gleich ist 14 Uhr und wir gehen wieder nach draußen. Der Mann hat ein Spielzeugboot gekauft, ich wollte nichts Gestricktes. Es ist windig, aber trocken und die Sonne scheint. Eltern mit Kindern säumen die Straße. Erinnert mich eher an einen Faschingsumzug als an Weihnachten und der Kleine zappelt aufgeregt.

Saaanta claus is …

Dann erklingt ein paar Straßen weiter ein Warnton, wenig später kommt ein Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene um die Ecke, dahinter ein spärlich mit Lametta dekorierter Quad, auf dem ein großer Mann mit gelben Gummistiefeln, Bart und einem roten Santa Kostüm sitzt. Geschmeidig fährt er vor und hält an. Nicht ohne allen Kinder zuzuwinken und ein fröhliches Ho ho ho zu rufen. Der Quad stinkt nach Benzin.

Saaanta Claus ist da!

Was für ein Auftritt! Die beiden Polizisten steigen aus und sichern die Straße. Kaum dreht sich Santa um, rennen ihm die Kinder hinterher. Drinnen im Gebäude ist seine Grotte. Ein mit roten Tüchern abgedeckter Bereich mit einer Sitzbank. Da können die Kinder ihrem Santa in Gummistiefeln erzählen, was sie sich zu Weihnachten wünschen. Und natürlich den Brief abgeben.

Der Mann und ich stehen in einer ewig langen Schlange und versuchen nonchalant auszusehen, während der Knirps probiert, sich unauffällig vorzudrängeln. Nach einer kleinen Ewigkeit sind wir endlich dran. Der Kleine soll zu Santa sitzen und ihm etwas erzählen, eine Frau steht, Handy im Anschlag, bereit für die Fotos. Der Mann zückt ebenfalls sein Handy und macht einen Schritt zurück, während der Kleine in plötzlicher Panik nach meiner Hand greift.

Sekunden später sitze ich mit dem Santa in Gummistiefeln auf der Bank und erkläre das Piratenschiff. Der freche Bengel von eben ist zu einem scheuen Reh mutiert und sitz stumm und mit gesenkten Augen da. Er starrt auf Santas Gummistiefel und sagt kein Wort. Der Mann macht derweil Fotos von mir und Santa Claus, während meine Blicke ihn in dem Augenblick ermorden. Er hat genau im richtigen Moment den taktischen Rückzug angetreten.

Aber so habe ich auch mal Santa Claus getroffen, ein sehr netter Mann. Die Schuhwahl ist landestypisch, das muss kalt sein da am Pol mit den dünnen Gummistiefeln.

Endlich bin ich erlöst. Wir werfen noch den Brief in den Briefkasten und stehen kurz darauf wieder auf der Straße. Die Polizei hat sich leise verabschiedet, nur der Quad steht noch vor der Eingangstür. Während der Kleine aufgekratzt wie ein Gummiball den Gehweg entlanghüpft genieße ich das Panorama von Meer, Wolken und der Insel Skye.

Wenn Santa Claus mich gefragt hätte, was ich mir zu Weihnachten wünsche, ich hätte nichts gesagt. Was soll ich mir wünschen, denke ich und sehe mich um. Ich hab‘ doch alles!

Panda-Rettung

„Sollen wir einen Prosecco aufmachen und das neue Auto feiern?“

Der Mann scheint mir ein wenig nachdenklich, vielleicht heitert ihn das auf. Er reagiert gar nicht, weil er so tief in Gedanken versunken ist, dass er mich nicht hört.

„Vielleicht war das doch keine so gute Idee mit dem Parkplatz im Industriegebiet“, sagt er in nachdenklichem Ton. 

Meine Rede, denke ich und schweige.

„Die haben bestimmt Überwachungskameras. Wenn da ein fremdes Auto steht, rufen die vielleicht die Polizei“, überlegt er weiter.

„An einem Sonntag? Das denke ich nicht“, versuche ich ihn zu beruhigen. Doch der Panda auf dem Parkplatz lässt ihm keine Ruhe und er tigert nervös durchs Haus.

Beim Abendessen erklärt er dann, das er am Sonntag mit dem Bus nach Inverness fährt und das Auto umparkt. Sogar bei Kwickfit will er vorbei, weil die sonntags aufhaben und vielleicht einen gebrauchten Reifen draufmachen können.

Ich wollte eigentlich wandern gehen, bringe es aber nicht über mich, den Mann mit dem Bus nach Inverness fahren zu lassen. Ich würde das problemlos machen, er kann es nicht. Ich beschließe, das nicht verstehen zu müssen und ihn hinzzukutschieren. Ich kann ja auch rund um Inverness wandern, während er Reifen aufpumpt, Auto umparkt und Gebrauchtreifen aufziehen lässt.

Sonntagmorgen fahren wir zuerst zu MacDonalds. Ich für Kaffee, er für Kaffee und Frühstücksburger. Dann fahre ich ins Industriegebiet. Der Panda ist noch da, eine Möwe hat einen riesigen weißen Schiss auf dem Dach hinterlassen.

Splash, denke ich und grinse innerlich. Dann winke ich ihm zu und fahre wieder aus der Stadt raus, die an einem Sonntagmorgen sehr verlassen wirkt. Ganz in die Wildnis will ich nicht, weil ich dann keinen Empfang habe und er mich nicht erreichen kann. Deshalb wandere ich einfach die am Berg gelegene Straße nach Abriachan entlang. Am Loch Ness ist der Empfang gut, das sollte kein Problem sein.

Abriachan Loch Ness @nme Abenteuer Highlands

Es ist ein ziemlich windiger und kalter Tag. Obwohl ich an einer Straße entlang laufe, fühlt es sich einsam und abgelegen an. Erstaunlich, wo doch Luftlinie eine Handvoll Kilometer weiter unten die Autos auf der A82 Stoßstange an Stoßstange unterwegs sind. Ich genieße es, mich in der kühlen Luft zu bewegen, Tannenwälder wechseln sich mit Heideflächen ab, ein paar vereinzelte Häuser hier und da. Immer wieder checke ich mein Handy. Was der Mann wohl macht?

Abriachan Loch Ness @nme Abenteuer Highlands

Nach drei Stunden bin ich wieder zurück an meinem Auto. Der Mann hat sich noch immer nicht gemeldet. Ich schicke ihm eine Nachricht und fahre los.

Bin auf dem Weg zurück nach Inverness. Wo steckst du?

Die Antwort kommt umgehend.

Bin gerade auf den Parkplatz des Autohändlers gefahren.

Das hätte wir auch gestern machen können, aber dann hätte ich nicht diesen schönen Spaziergang oberhalb von Loch Ness gemacht.

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat zwei Stunden bei dem Reifenladen verbracht. Anscheinend in einer irrsinnig langen Warteschlange. Was die Schotten sonntags so machen! Jetzt steht der Panda unschuldig auf dem Parkplatz des Händlers und der Mann fühlt sich besser, weil er am Vorabend das Geld für den Gebrauchtwagen überwiesen hat. Der Deal ist somit gemacht.

Auf dem Heimweg erkläre ich, dass wir definitiv heute Prosecco trinken müssen. Er nickt und grinst.

Mittwochs ist es dann so weit. Wir holen das neue Auto ab und begeben uns zum dritten Mal innerhalb von fünf Tagen in die Hauptstadt der Highlands. Der Mann macht früher Schluss und ist am Nachmittag abfahrbereit. Dreimal in die Hauptstadt, das hätte man auch effektiver lösen können grummle ich. So richtig viel Zeit zum Ausspannen hatte ich weder 2021 noch 2022, sonst würde ich jetzt nicht noch meinen Resturlaub nehmen. Ich beschließ, es positiv zu sehen. Ein Großteil der Strecke ist landschaftlich wunderschön und mein Auto hat nun wirklich allen Schnickschnack, mit dem man längere Fahrten angenehm machen kann. Dazu lockt der Ausblick auf einen Barista Kaffee. Happy Holidays!

Auf dem Parkplatz werfe ich den Panda einen letzten wehmütigen Blick zu. Er hat mich begleitet in all meinen Jahren in den Highlands. Jetzt hat ein neuer Abschnitt begonnen.

Abschied vom Panda

Ich habe zwar Urlaub, aber der Mann nicht. Doof, aber ich musste meinen alten abnehmen und er konnte nicht, weil ein Kollege von ihm bereits frei hatte. Deshalb mussten wir bis zum Wochenende warten, um in Inverness konnten den neuen Wagen zu kaufen.

„Wir fahren dann mit zwei Autos?“ sage ich und es ist eher keine Frage.

„Wieso?“ antwortet der Mann. „Vielleicht kaufe ich ja keinen.“

„Weil ich nicht glaube, dass wir mehr als eine Chance haben, den Panda nach Inverness zu fahren und ich bin mit meinem Auto nur noch zwei Monate da. Willst du die Aktion allein und per Bus machen?“ erwidere ich.

Der Mann hasst nichts mehr als Bus fahren, warum auch immer. Er schweigt Zustimmung und ich plane die Logistik. Schließlich hat er im Internet ein Auto gesehen, das ihm gefällt. Wenn er es nimmt, können wir damit sofort vom Hof fahren.

Bis zum Autohändler sind es knapp zwei Stunden. Das bräuchte man auch von Köln nach Frankfurt. Da würde man doch auch nicht einfach mal nur zum Schauen hinfahren, oder?

Abschied vom Panda @nme Abenteuer Highlands

Am Samstag früh fährt der Mann um sieben Uhr los. Ich dagegen steige erst mal unter die Dusche. Er wird länger brauchen, nicht mal so sehr, weil mein Auto deutlich mehr PS hat. Der Panda ist platt, also der rechte Hinterreifen, man muss ihn spätestens nach einer halben Stunde wieder aufpumpen. Der Mann hat den Kompressor eingepackt und versprochen, dass er sich meldet, sollten größere Probleme auftauchen. Falls nicht, treffen wir uns um halb zehn beim Händler seines Vertrauens.

Und dort sitzen wir nun und klären das Vertragliche. Die Probefahrt war erfolgreich, der Wagen ist in einem sehr guten Zustand, nur der Preis ist etwas hoch. Aber im Moment ist die Nachfrage größer als das Angebot. Viel machen wird man da nicht können. Er bietet allerdings einen guten Preis für den Panda, obwohl der ein direkter Schrottplatz-Kandidat ist. Scheint ihm egal zu sein, das ist Teil der Preisstrategie. Der Mann hat wohl ein schlechtes Gewissen, so viel für den Panda zu bekommen und erzählt fröhlich, was alles nicht damit in Ordnung ist.

Ich mime die doofe Frau und tippe scheinbar unbeteiligt auf dem Handy rum. Derweil schicke ich ihm unauffällig eine Nachricht.

Mach den Panda nicht so schlecht. Du willst doch, dass sie ihn nehmen!

Er sieht meine Nachricht als der Verkäufer ans Telefon geht und nickt unmerklich. Er würde nie jemanden über den Tisch ziehen. Der Mann ist zu ehrlich für das Gebrauchtwagen-Geschäft.

Dan sind sich die beiden einig. Super, denke ich. Das ging ja viel geschmeidiger als ich gedacht habe. So können wir uns einen Kaffee bei Costas gönnen und haben noch was vom Samstag. Vielleicht machen wir ja noch eine kleine Spritztour mit dem Neuen, der blau ist und aus Osteuropa kommt. Bis auf meinen ersten, ein gelber Renault R4, waren alle meine Auto schwarz. Blau passt zur Nationalflagge, denke ich. Das ist gut.

Vertieft in meine Gedanken bin ich der Konversation nicht mehr wirklich gefolgt, um nun abrupt aus meinen Träumen gerissen zu werden. Der Autohändler will eine Anzahlung bevor wird mit dem Fahrzeug von dannen fahren. Natürlich will er das. Ich sehe den Mann an und mir schwant schreckliches. Er hat nie Bargeld dabei und er nutzt keine Banking App, weil er ihnen misstraut.

„Ich werde es überweisen“, sagt er. Doch das bedeutet, dass wir wieder herkommen müssen.

„Können wir nicht hier in Inverness schnell zu einer Filiale deiner Bank fahren? Dann kannst du den Betrag von da überweisen“, schlage ich vor.

Die beiden Männer schütteln den Kopf. Samstags haben keine Filialen auf.

Ich sehe mit Schrecken die Konsequenzen. Der Mann will wieder zurückfahren. Mit beiden Autos. Dann machen wir diese Tour ein zweites Mal.

„Okay“, sage ich zu beiden. „Dann lassen wir den Panda da, überweisen den Betrag und kommen nächste Woche wieder.“ Schließlich habe ich ja ein Auto und der Mann den Dienstwagen.

Der Autoverkäufer laviert ein wenig. Offensichtlich will er ein Auto, das er noch nicht gekauft hat, nicht über das Wochenende auf seinen Parkplatz stehen haben. Hat bestimmt Versicherungsgründe. Aber das hat massive Konsequenzen für uns und mal ehrlich: Wer klaut diese Schrottlaube? Außerdem hat er einen unterzeichneten Vertrag. Da muss er ein wenig nachgeben. Wir machen doch diese Fahrt nicht ein zweites Mal! Was, wenn der Panda es nicht mehr schafft?

Mitten in diese Überlegungen stimmt der Mann zu. Druck machen ist wohl eher ein deutscher Zug, den Schotten ist das viel zu peinlich!

Draußen vor der Tür murmle ich aufgeregt.

„Warum stellen wir den Panda nicht auf die Parkplätze entlang der Straße? Da können wir ihn zur Not aufs Gelände schieben, wenn wir müssen. Ich habe das Gefühl, dass nicht mehr viel Leben übrig ist im Panda.“

Abschied vom Panda @nme Abenteuer Highlands

Das mag aber der Mann nicht, wegen Polizei und so. Ich sehe nicht, warum das ein Problem ist, solange er noch Steuer und Versicherung hat und nicht offensichtlich Schrott, aber ich gebe nach. Ist schließlich sein Auto. Er will es im Industriegebiet abstellen, er hat auch schon eine Idee wo, auf einem Betriebsgelände, das er kennt. Es ist nur ein paar Kilometer vom Autohändler entfernt.

Als wir ankommen, muss der Mann nochmal die Reifen aufpumpen. Dann lassen wir den Panda alleine auf einem riesigen Parkplatz in einem am Wochenende verlassen wirkenden Industriegebiet. Für mich fühlt sich das viel unsicherer an als die Straße beim Autohändler, aber ich schweige und fahre. Jetzt brauchen wir erst mal einen Kaffee!

To be continued….

Der Panda auf der Intensivstation

Der Panda liegt in seinen letzten Zügen. Damit ist kein knuffiges Tier gemeint, der Satz bezieht sich auf das Auto. Der Mann hat einen Dienstwagen und benutzt den kleinen nur, wenn er muss. Ich gurke die meiste Zeit mit der Rostlaube durch die Gegend, außer ich habe meinen eigenen Wagen aus Deutschland mitgebracht.

An einem sonnigen Tag im April bin ich unterwegs nach Glen Strathfarrar. Ich will den Großteil des Tages dort verbringen, etwas Wandern, Friedhöfe erkunden, eine Fahrt durch die Natur genießen. Der Panda lebt noch, sozusagen, keucht aber ziemlich. Mehrere Warnleuchten erzählen mir von diversen Problemen, doch der Mann will mit einem neuen Auto noch warten und den Panda fahren, bis er tot ist. Eine Entscheidung, die viele hier treffen, man sieht die Autoleichen oft in den verwilderten Gärten vor sich hin rosten. Fortbewegungsmittle jener, die zu hoch gepokert haben und es nicht mehr rechtzeitig zum Autohändler geschafft haben. Der Mann ist zuversichtlich, dass es uns nicht so geht und wir noch viel Zeit haben.

Ich fahre also los und kümmere mich nicht um die Leuchten. Ein entspannter Tag liegt vor mir, ich habe Urlaub und in der letzten Zeit viel gearbeitet. Tag für Tag merke ich, wie der Stress immer mehr von mir abfällt und ich ein wenig ruhiger werde, mehr Natur und andere Gedanken aufnehmen kann, weil der Kopf freier ist.

Rhododendron und Schmetterling @nme Abenteuer Highlands

Gerade fahre ich den letzten Anstieg hinauf, bevor mich die Straße nach Strathglass führt, von wo aus Glen Strathfarrar abzweigt. Als ein seltsames rotes Lämpchen aufleuchtet, das mir erst mal nichts sagt. Bei der nächsten Gelegenheit halte ich an und erkunde seine Bedeutung im Bordhandbuch. Es ist das ABS. Nicht gut. Ales, was mit bremsen zu tun hat, sollte funktionieren. Ich fahre wieder ein paar Meter und teste die Bremsen. Alles fein.

Okay, denke ich, Vielleicht einfach nur ein Fall von nervösen Lampen. Dan erreiche ich den Kamm des Hügels und die gut ausgebaute Straße geht bergab. An der nächsten Kurve sieht die Lage schon anders aus. Ich bremse leicht und das Auto klingt, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer gegen die Radkappen hauen.

der alte Pamnda @ERM

In einer Haltebucht bringe ich den Wagen zum Stehen und überlege. Zuhause ist knapp zwei Stunden entfernt. Da komme ich so nicht mehr hin. Die nächste Werkstatt ist vermutlich in Dingwall. Auch das ist ein gute Stück weg. Ich rufe am besten den ADAC. Prüfend sehe ich mich um. Ich habe alles, was ich brauche. Die ADAC-Karte, eine Thermoskanne Kaffee, Sandwiches, Müsliriegel, eine Flasche Wasser und ein Telefon mit vollem Akku. Fein!

Der ADAC nimmt den Fall auf und sagt mir, dass sie den Fall an die schottischen Kollegen weitergeben werden. Von denen wird mich dann jemand kontaktieren. Ich soll das Telefon anlassen und in der Nähe des Autos bleiben. Allerdings dauert es eine ganze Weile, bis mein Telefon wieder klingelt. Die Frau am anderen Ende der Leitung klingt nicht schottisch. Freundlich nimmt sie alle meine Daten auf. Das Kennzeichen? Puh. Ich muss aussteigen. Das kann ich nicht auswendig. Sie sagt, es kann ein bis zwei Stunden dauern, bis Hilfe kommt.

Kein Problem, sage ich. Ich habe wirklich alles, was ich brauche. Dazu bin ich im Wald, was es einfacher macht, wenn man den Kaffee, den man getrunken hat, wieder loswerden möchte.

Nach zwei Stunden ist noch immer keiner in Sicht. Ich rufe die Nummer zurück, unter der mich die Frau vom AA angerufen hatte. Es gibt einen Fehler im System, weil das Kennzeichen nicht stimmt. Was ich für ein großes I gehalten habe, ist offensichtlich eine 1, aber die schreibt man im Vereinigten Königreich ja nur als Strich.

Hab ich auch Schokolade dabei? Ich könnte jetzt Zucker vertragen.

Eine Stunde später, ich höre gerade der True Crime Podcast Sprechen wir über Mord, da sehe ich einen gelben Transporter den Anstieg zu mir hochfahren. Das muss er sein! Und ja, er biegt auf den Parkplatz ab, auf dem ich stehe und lässt kurz die orangefarbene Warnleuchte aufblinken.

Es steigt ein junger Mann aus, der in seinem Leben wohl etwas zu viel Schokolade gegessen hat. Er ist sehr freundlich und sehr gesprächig. Um diese Jahreszeit bleiben nicht viele liegen. Da ist er froh, wenn es etwas zu tun gibt. Dann vertieft er sich in das Handbuch und holt diverse Analysegeräte aus deinem Auto. Er lässt sich die Symptome beschrieben und kommt nach einer gewissen Zeit zu den schottischsten aller Lösungen: alles in Ordnung, das System hat einen Hau. Es meldet einen Fehler im ABS und das Auto reagiert, obwohl es nicht müsste. Wenn er das ABS ganz ausstellt, passiert das nicht mehr. Dazu zieht er den Stecker und ich soll demnächst in die Werkstatt, um es richten zu lassen.

Ich nicke. Es in der Werkstatt richten zu lassen war nicht Teil des Plans, den Panda sterben zu lassen. Nun soll ich das Ergebnis testen. Ich starte den Wagen und bremse den Berg runter und wieder raus.

Alles fein.

„Kaffee?“ frage ich. Ich habe noch was in der Thermoskanne.

„Nein danke“, sagt er. „Habe gerade zu Mittag gegessen.“

Dann plaudern wir noch ein wenig über das Wetter und die Pannen, die er während der Saison so hat. Klingt sehr international und abwechslungsreich. Er macht jedenfalls den Eindruck eines Mannes, der mit sich und der Welt zufrieden ist. Das ist bei mir nicht anders. In Deutschland hätte mich eine Panne gestresst. Aber hier, mit Zeit, Verpflegung und einem netten Retter ist das einfach ein weiteres Abenteuer Highlands, das zu einem guten Ende gefunden hat.

Mit einem Blick auf die Zeit beschließe ich, den Ausflug abzubrechen und direkt wieder nach Hause zu fahren. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, ich habe beim Abendessen viel zu erzählen.

Ein Jahr später lebt der Panda immer noch, ist aber auf der Intensivstation. Das fällt nur nicht so auf, weil ich dieses Mal mit meinem deutschen Wagen nach Schottland gefahren und nicht geflogen bin. Der Panda wird nicht genutzt. Will man ihn benutzen, zum Beispiel weil man die Auffahrt braucht, dann sitzen die Bremsen fest. Die lösen sich irgendwann, oft aber braucht es Gewalt. Der Mann beschließt, es braucht ein neues Auto und sieht sich im Internet nach Gebrauchten um. Er entscheidet sich für einen Dacia, weil er hofft, beim Händler einen guten Preis für den sterbenden Panda zu bekommen.

Mir ist alles recht, solange der Panda nur vom Hof kommt, denn meine Angst ist, dass er für immer bleibt, wenn er erst gar nicht mehr fährt. Im Nachbarort hat einer vier tote Autos vor dem Haus und der Mann findet das gar nicht komisch. Ich habe also Grund, mir Sorgen zu machen.

Keys

Es war einer dieser wunderbaren Sommertage, die mit strahlendem Sonnenschein und einem stahlblauen, wolkenlosen Himmel nach draußen locken. Wie immer um diese Jahreszeit, war ich früh wach und voller Drang, die Schönheit der schottischen Highlands zu erleben. Es war Wochenende und ich musste nicht arbeiten.

Um halb sechs Uhr sitze ich im Auto. Die Sonne steht bereits recht hoch, die Tage beginnen früh um diese Jahreszeit. Noch ist es frisch, aber nicht kühl, definitiv ein Tag für Dreiviertelhosen und T-Shirt. Sonnenbrille nicht zu vergessen. So oft kann man die nicht tragen, ohne deplatziert auszusehen.

walking througfh gorse @nme Abenteuer Highlands

Ich bin unterwegs zu einer Wanderung. Unterwegs halte ich am Eilean Donan Castle und werfe den Glasmüll in die Container auf dem Parkplatz der Gemeindehalle. Die ersten Touristen machen bereits Fotos, einer startet seine Drohne. Ja, im Vereinigten Königreich darf man Drohnen fliegen, obwohl eine Straße daneben liegt, und man darf an einem Sonntagmorgen um kurz nach sechs Flaschen in den Glascontainer werfen. Das sollte man mal im Schwarzwald versuchen!

Ich lächle und fahre weiter bis zum Parkplatz des Estates, den bewirtschafteten Großgrundbesitz. Ein Estate kann Wald-, Viehwirtschaft oder Jagd betreiben. Der Besitzer hat alles, Wald, Rotwild, Schafe und Hochlandkühe und vor allem eine sehr lange, geteerte Straße und im Anschluss einen guten Schotterweg. Man kann wandern, ohne sich durch Matschwüsten zu kämpfen und ohne jeden Schritt auf glitschigem Untergrund vorsichtig abwägen zu müssen. So kann man sich viel besser auf die Natur und seine Gedanken konzentrieren. Ist vielleicht nicht ganz so aufregend, aber mir gefällt’s.

Ich bin mit meinem deutschen Auto nach Schottland gekommen und stelle es auf dem Parkplatz ab. Happy wandere los, die Zufahrt hinauf zu den Wirtschaftsgebäuden, an der großen Halle vorbei, wo das Vieh sortiert wird und weiter entlang dem Fluss und der Weiden. Schafe überall, rechts, links, vor mir und hinter mir. Nach einer halben Stunde, habe ich die Schafe und das geteerte Stück Straße hinter mir gelassen. Nun führt der Weg durch eine große Herde Hochlandkühe, die ich (Nellie, the Kid) vor nicht allzu langer Zeit unfreiwillig vor mir hergetrieben habe. Inzwischen kennen sie mich, glaube ich und ich gehe tapfer durch die Herde durch.

Highland Cow staring at me @nme Abenteuer Highlands

Dann wird es einsamer, vereinzelt lugt ein Hirsch vom Hügel, Habichte kreisen, oder ein Bussard, ich bin mir da nicht so sicher, aber der Vogel unterstreicht unabhängig von der Gattung das Gefühl von Einsamkeit und wilder Natur.

Iron Lodge view
@nme Abenteuer Highlands

Nach neun Kilometern habe ich mein Ziel erreicht, ein kleines Loch. Hier setze ich mich auf meinen Lieblingsstein mit Blick aufs Wasser und weiter ins Tal. Ein schöner stiller Ort. In meiner Thermostasse habe ich meinen Morgenkaffee dabei und den genießen ich in vollen und durstigen Zügen. Um mich herum nur Vogelgezwitscher, der Wind und das Murmeln der Bergbäche. Friedlicher geht es nicht. In meinem Rucksack habe ich auch noch ein Sandwich und einen Müsliriegel, aber nach dem Kaffee bin ich nicht mehr hungrig. Außerdem esse ich nicht so gerne, wenn ich noch weiter laufe. Ich bin ja mit Stöcken unterwegs und das recht schnell. Frühstücken kann ich auch noch am Auto, denke ich. Dann ist es zwar schon Mittag, wird mir aber umso mehr schmecken.

Ich reiße mich von meinem Lieblingssitzplatz los und mache mich auf dem Rückweg. Langsam wird es heiß. Rechts und links duftet der wilde Ginster. Ich könnte nicht zufriedener sein. Insgesamt bin ich etwas über vier Stunden unterwegs und komme hungrig ans Auto. Ich packe die Stöcke in dem Kofferraum, lege meinen kleinen Rucksack und das Handy auf die Beifahrerseite und will gerade einsteigen, da fällt mir ein, dass ich mich noch nicht gedehnt habe.

Also dehne ich akribisch Beine und Arme. Derart entspannt brauche ich jetzt dringend Frühstück. Mein Magen knurrt. Ich öffne die Autotür …

Ich versuche die Autotür zu öffnen.

Wieso geht diese VERD***TE Autotür nicht auf?

Mein Schlüssel liegt auf der Beifahrersitz, mein Essen liegt auf dem Beifahrersitz, mein Handy liegt auf dem Beifahrersitz und ich stehe wie ein Idiot davor und komme nicht ran.

Mein schöner deutscher Mittelklassewagen hat mich ausgesperrt!

Wie kann das sein. Der Schlüssel ist doch programmiert, dass der Mechanismus nicht schließt, solange er im Auto ist. Ich bin mir sehr sicher, dass man mir das beim Händler so gesagt hatte. Ich war immer sehr sorglos damit umgegangen deswegen. Bisher hatte es sich auch nie von alleine geschlossen. Bisher!

Da stehe ich nun, ungefähr eine Dreiviertelstunde Autofahrt von zu Hause entfernt, ohne Telefon und ohne Auto. Das zu laufen schaffe ich nicht mehr, ich bin gerade knapp 20 Kilometer gewandert. Und selbst wenn mir das gelingt, was dann? Der Zweitschlüssel liegt zu Hause in Deutschland. Bis der mit der Post hier wäre, dauert es Tage und auch wenn ich eine Zeit ohne eigenes Auto auskäme, mein Telefon ist noch drin und ich arbeite remote. Die Zugänge funktionieren nur über Zweifaktor-Authentifizierung über mein Handy. Ich könnte nicht arbeiten.

Was soll ich tun? Das Fenster einschlagen? Der Wagen ist erst wenige Monate alt! Das kann doch nicht die Lösung sein. Und der Mann? Der vermisst mich erst am Abend. Er ist selbst unterwegs, wird sich wohl wundern, warum ich keine Nachrichten beantworte, aber da er weiß, wie schlecht der Empfang hier ist, wird er sich erst mal keine Sorgen machen. Bis das so weit ist, vergehen noch einige Stunden. Ich bin auf mich selbst gestellt.

sheep @nme Abenteuer Highlands

Ich denke nach. Wenn ich zurück zu den Häusern gehe, kann ich vielleicht jemanden finden, der für mich den ADAC anruft. Die haben bestimmt Mittel und Wege, ein Auto zu öffnen und anschließend den Alarm zum Schweigen zu bringen. Meine ADAC-Karte ist natürlich ebenfalls im Auto eingeschlossen, aber die werden mich auch so im System finden. Guter Plan, denke ich und mache mich auf den Weg zurück zu den Gebäuden. Ein weiterer Kilometer, auf den meine müden Beine gerne verzichtet hätten.

Als ich am Morgen vorbeigekommen bin, waren überall Männer in Autos unterwegs gewesen. Nun ist alles wie ausgestorben. Mittagszeit. Ich kann niemanden entdecken. Also gehe ich zu einem der Häuser. Spielzeug liegt im Garten verstreut. Vor der Tür stehen ein paar klobige Arbeitsstiefel. Scheint, als wäre jemand zuhause. Ich klopfe und warte. Die Tür öffnet sich und ein schlanker Mann Ende Zwanzig öffnet die Tür. In der Hand hält er eine dampfende Tasse.

„Hallo, entschuldige bitte die Störung. Ich stehe vorne auf dem Parkplatz und habe mich ausgeschlossen. Leider ist auch mein Handy im Auto. Wärst du so nett, den AA für mich zu kontaktieren?“

Der AA ist der ADAC im Vereinigten Königreich. Die würde man von Deutschland ohnehin bitten, die Hilfe durchzuführen.

„Gar kein Problem“, sagt er und stellt seine Tasse ab. „Passiert mir dauernd. Das erledigen Donald und Davy für ein paar Pfund. In meinen brechen die auch immer ein. Das kostet nicht viel, kann aber ein paar Kratzer im Lack verursachen.“

Ich bin müde, hungrig und ratlos und Kratzer sind mir gerade völlig egal. Wenn man hier den Automobilclub nicht ruft, dann eben Donald und Davy.

„Ich bin übrigens Nellie“, sage ich.

„Harris“, antwortet er. Er gehört zu den Generation, in der alle Schotten Inselnamen tragen.

Harris zückt sein Handy und ruft Davy an. Nachdem er ihm den Fall geschildet hat, reicht er mir das Telefon weiter. Davy erklärt auch mir nochmal, dass sie vorsichtig sind, aber es Kratzer geben kann.

„Das ist okay“, sage ich und mache mir mehr Sorgen wegen der Alarmanlage. Doch die ist für ihn offensichtlich kein Problem. Ich bedanke mich und lege auf.

„Und?“ fragt Harris.

„Er hat noch Kundschaft, aber dann kommt er. Er sagt es ist kein Problem“ erläutere ich.

„Dann fahr ich dich schnell ans Auto vor. Ich muss leider auch wieder los, aber auf dem Rückweg schaue ich nach, ob alles geklappt hat. Okay?“

„Danke, Harris!“

Und dann. Bin ich wieder am Auto. Der Parkplatz ist eine ordentlich geteerte Fläche von rund zehn auf zwanzig Meter, eine Seite ist mit einer halbhohen Mauer umfasst, auf der anderen führt eine Böschung hinunter zu den Weiden. Dort steht auch eine kleine Bank. Genug Platz zum Sitzen habe ich schon mal, denke ich. Mein Magen knurrt laut. Hätte ich doch nur gefrühstückt! Wenigstens ist es warm und falls es kühler wird, habe ich noch mein Hoody, das ist zugegeben eher dünn, aber besser als nur das T-Shirt.

Ich warte. Wieviel Kundschaft Donald und Davy wohl haben? Ich habe keine Uhr. Wir spät es wohl ist? So ohne Handy ist man ganz schön verloren. Also sitze ich da und denke. Wie lange es wohl dauert, bis man verhungert? Zuerst verdurstet man wohl. Ich sehe mich um. Hier ist ein kleiner Bach. Das Schicksal wird mich also nicht ereilen. Wann Donald und Davy wohl kommen?

Irgendwann taucht ein Mann um die Sechzig auf. Der muss zu den Auto gehören, dass außer meinem auf dem Parkplatz steht. Da er noch nicht da war als ich geparkt hatte, muss er wohl später gekommen sein und wohl eine andere Route genommen haben. Sonst hätte ich ihn ja getroffen. Ich wünschte, wir hätten den ADAC angerufen. Dann hätte der Mann jetzt nochmal anrufen und nachfragen können. So aber habe ich weder einen richtigen Firmennamen noch eine Telefonnummer von Donald und Davy. Ich weiß aber, wo die Werkstadt ist. Ich erkläre den Wanderer mein Problem und er weiß auch, wo die Werkstatt ist. Der nette Engländer ist übers Wochenende zu Besuch und gerne bereit, auf dem Heimweg in der Werkstatt vorbeizufahren und Donald und Davy daran zu erinnern, dass eine inzwischen sehr hungrige Frau auf Rettung wartet.

Ich sehe seinem Auto hinterher und fühle mich sehr alleine. Inzwischen ist es fünfzehn Uhr. Wann kommen sie endlich?

Als sie dann eine Weile später endlich auftauchen, könnte ich weinen vor Glück. Endlich!

Donald und Davy sind im selben Alter wie Harris, wahrscheinlich waren die zusammen auf der Schule. Sie steigen aus und erklären mir, was sie vorhaben. Donald wird Keile in die Beifahrertür treiben. Dann wird Davy versuchen, mit einem Stück Draht auf den Schlüssel zu drücken, der auf dem Beifahrersitz liegt. Dann würde sich die Tür öffnen.

Ich nicke. Es ist inzwischen 16:35 Uhr und ich habe Sorge, dass ich vor lauter Hunger Halluzinationen habe. Die Prozedur dauert. Die Keile wollen nicht richtig sitzen, der Draht gibt zu sehr nach, ich, die Geduldlosigkeit in Person, muss zusehen und warten. Und warten. Warten. Langsam wird es kalt. Ich ziehe meinen Hoody an und friere trotzdem. Die beiden sind noch immer im T-Shirt unterwegs. Schotten. Anderes Temperaturgefühl.

Dann beschließt Donald, dass er einen festeren Draht braucht. Sie sehen im Auto nach. Sie haben keinen. Oh nein! Bitte lass sie nicht wieder wegfahren, um einen dickeren Draht zu holen. Das wäre Donald gar nicht in den Sinn gekommen, er nimmt eine Drahtschere und geht zum nächsten Zaun, um dort ein passendes Stück rauszuschneiden. Dann versucht er es wieder.

Beep, beep.

Die Tür ist auf!

Die Tür ist auf!!!

DIE TÜR IST AUF!!!

Ich habe Tränen in den Augen und würde die beiden am liebsten umarmen.

Schnell mache ich alle Türen auf und nicht wieder zu. Sicher ist sicher. Dann nehme ich die Schlüssel an mich, um sie nie wieder loszulassen.

Donald und Davy schauen zufrieden und nicht sonderlich beunruhigt über die Tatsache, das ich auch kein Bargeld dabei habe, um sie zu bezahlen. Ich bekomme die Bankdaten und soll überweisen. So viel Vertrauen haben sie. Obwohl mein Auto ein deutsches Kennzeichen hat.

„Was schulde ich euch?“

Die beiden sind eine gute halbe Stunde hierher gefahren und haben weit über eine Stunde versucht, das Auto zu öffnen. Ich habe keine Vorstellung, was sie verlangen und es ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen, davor danach zu fragen. Der ADAC wäre für mich als Mitglied ja kostenlos gewesen.

Davy schaut unsicher. Donald wagt sich langsam aus der Deckung und fragt vorsichtig.

„Sind Vierzig Pfund okay?“

„Ja“, sage ich erleichtert. „Vierzig Pfund sind okay. Ich überweise sie euch, sobald ich zuhause bin.“

Ich setze mich hinters Steuer und drinke einen großen Schluck Wasser. Dann falle ich über meine Sandwiches und den Müsliriegel her.

Wie konnte das passieren. Ich krame nach dem Bordhandbuch. Da steht es. Das Fahrzeug wird nicht abgeschlossen, solange der Schlüssel im Kofferraum liegt.

IM KOFFERRRAUM?

Wer legt denn seinen Schlüssel in der Kofferraum?

Ich jedenfalls nicht.

Dan steige ich aus und prüfe die Beifahrertür. Die Gummidichtung ist beschädigt, es sind Kratzer im Lack und die Tür schließt nicht mehr bündig. Das wird teurer als vierzig Pfund. Viel teurer. Ob der ADAC das auch so gelöst hätte?

Was solls, denke ich. Ich kann es jetzt nicht mehr ändern. Ich nehme mein Telefon und prüfe die Nachrichten.

Der Mann hat vor zehn Minuten geschrieben. Schatz, bei dir alles okay? Ich hab den ganzen Tag nichts von dir gehört?

Erst einige Wochen später traue ich mich wieder auf dieselbe Wanderung. Den Autoschlüssel hüte ich wie einen Schatz. Es fehlt nicht viel und ich hätte ihn während der gesamten Tour in der Hand behalten. So etwas passiert mir kein zweites Mal. Ich bin gut eine halbe Stunde unterwegs, da kommt ein Pickup auf mich zu. Ein älterer Farmer, mit dem ich gelegentlich geplaudert habe. Er hält an und lässt die Scheibe runter.

„Schöner Tag heute“, sagt er.

„Oh ja, könnte nicht besser sein“, erwidere ich.

Er schaut mich prüfend an, um dann mit todernster Stimme zu sagen:

„Und? Hast du deine Schlüssel?“

Iron Lodge @nme Abenteuer Highlands

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar. 

Nellie Merthe Erkenbach

Brexit, Krimis und Küchenschürzen

Ich lebe seit Dezember 2020 ein neues Leben in zwei Ländern. Schottland – einst Sehnsuchtsland, dann zweite Heimat und nun ist es so eine Art Langzeiturlaubsland geworden. Brexit hat viel angerichtet in meinem Leben. Aber ich habe auch viel gelernt. Es war sehr teuer und sehr, sehr aufwändig. Doch mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Sehr sogar. Kenn ihr das Sprichwort: Be happy while you’re living, for you’re a long time dead? Das ist die schottische Version des lateinischen Carpe diem. Ich nutze den Tag und bin glücklich.

Witzigerweise ist es überhaupt nicht so, dass ich nun ständig bis in die Puppen schlafen, um dann den ganzen Tag rumzuhängen oder aufs Meer zu starren. Ich schreibe, viel konzentrierter als in all den Jahren zuvor. Und es macht Mörder viel Spaß. Ganz besonders, seitdem ich mit der Krimi Reihe begonnen habe. Irgendwie arbeite ich also doch, obwohl es sich nicht so anfühlt, denn überall stoße ich auf Dinge, die mich inspirieren und motivieren, weiterzumachen. Weniger Arbeit ist mehr Schreibzeit.

shed view @nme Abenteuer Highlands

Und natürlich genießen wir das mehr Zeit für die Beziehung. Zumindest habe ich an dem Man noch keine Anzeichen dafür entdeckt, dass ich zu oft oder zu lange da bin. Er genießt, dass jemand da ist, der kocht und mit ihm einen Kaffee trinkt und zuhört, wenn er von der Arbeit kommt.

Das ist das gruslige an der Situation. Ich bin ein Heimchen am Herd geworden. Fünfziger Jahre in Reinkultur. Sogar mit Küchenschürze. Da hilft es auch nicht, dass ein Motorrad drauf abgebildet ist. Schürze ist Schürze. Es sei denn beim Fassanstich. Eigentlich profitiert der Mann am meisten von meinem Sabbatical und vom Brexit. Aber das sage ich lieber nicht laut. Das Wort ist für ihn ein rotes Tuch.

Nellies unterscheiden – gewusst wie

Ob Nellie und ich in Deutschland Freundinnen geworden wären? Ich weiß es nicht. Möglicherweise wäre ich einer jüngeren und schlankeren Variante meiner selbst lieber aus dem Weg gegangen. Ich kann es nicht sagen. Wir haben in vielen Dingen ähnliche Einstellungen, wir haben das gleiche Sternzeichen, gehen gerne wandern, mögen Hunde, aber wir sind trotzdem unterschiedlich in vielen Bereichen. Sie war in Deutschland zuerst Zahnarzthelferin, dann Flugbegleiterin (Purser), ich Journalistin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie hat wie ich viele Urlaube in Schottland verbracht, ich habe in den Achtzigern in England gelebt und in den Neunzigern in Glasgow studiert.

Ich weiß es wirklich nicht, ob wir und angefreundet hätten, wenn uns das Leben nicht plötzlich zu Nachbarinnen gemacht hätte. Nun, es hat und das ist gut so. Eine Engländerin hat vor kurzen erst mit Nellie und dann mit mir zu tun gehabt. Ich bekam eine Mail, darin stand die Frage, ob es denn okay wäre, wenn sie mich Nellie 2 nennt, damit sie uns nicht verwechselt. Nellie 2? Das fand ich reichlich unverschämt und ließ die Frage unbeantwortet, in der Annahme, dass ich meine Missbilligung damit ausreichend zum Ausdruck gebracht hatte. Was sich leider als Fehleinschätzung herausstellen sollte. War ich Nellie 2? Wenn, dann war ich Nellie 1. Ich war zuerst da! Aber eine Nummerierung hat doch zu sehr was von Gefängnis und Reihenfolge ist auch doof.

Aber wie soll man sonst die Unterscheidung hinbekommen? Ich die alte, sie die junge Nellie? Äh. Nein.

Die Schotten kennen das Problem, ganz besonders in den Highlands, wo so viele Menschen den gleichen Namen haben und das sowohl im Vor- als auch im Nachnamen.

Im Gälischen wird oft die Unterscheidung mor/beag also groß und klein gemacht. Das bekommt man dann am den Namen und wenn man eine Frau ist, kommt noch ein „h“ dazu.

Nellie mhor (sprich: Nellie Wor) und Nellie bheag (sprich: Nellie Weck).

Gerne machen sie auch die Unterscheidung nach der Haarfarbe, als Ian Dubh (sprich: Ian Duh) ist Ian mit den schwarzen Haaren oder der schwarze Ian. Wir sind beide blond, die Unterscheidung fällt also flach.

Eine andere Möglichkeit ist der Beruf. Da wären wir Nellie Köchin und Nellie Autorin. Wer möchte schon gerne nur auf den Beruf reduziert werden. Zumal man hier oft nicht in seinem eigentlichen Beruf arbeitet, weil es den gar nicht gibt.

Mit wäre am liebsten, wir wären Nellie Triumph und Nellie Harley. Das unterscheidet uns nicht nur, es sagt auch sowohl etwas über unsere Gemeinsamkeiten als auch über die Unterschiede aus. Ich sollte aufhören, sie die andere Nellie zu nennen und sie als Nellie Triumph bezeichnen.

Oder klingt das zu sehr nach Strumpfhose?

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar. 

Nellie Merthe Erkenbach

Parkwächter und andere Armleuchter

Awa’ an bile yer heid ist ein Satz, den man in Schottland verwendet, wenn einem jemand wirklich auf die Nerven geht. Im Klartext bedeutet es: „Geh und koch deinen Kopf“. Die nette Übersetzung ist „verschwinde“, das Wort, das den Begriff korrekter beschreibt, hat ein „p“ und zwei „s“. Ihr wisst, was ich meine. Ich umschreibe das lieber, falls noch nicht alle Kinder im Bett sind.

old Sleat road Isle of Skye @nme Abenteuer Highlands

Die andere Nellie und ich haben uns an einem Tag im Februar früh aus den jeweiligen Betten gequält, denn wir wollen ausnahmsweise mal nicht nur Kaffee trinken gehen, sondern richtig frühstücken. Blöd nur, dass es ausgerechnet in der Nacht wie verrückt geschneit hat und wir am Morgen eine geschlossene Schneedecke auf der Straße vorfinden. Nicht, dass das uns zwei von einem Frühstück auf der Isle of Skye abhalten würde. Ich bin aus dem Schwarzwald, die andere Nellie aus dem Sauerland. Wir können Berge und Winter.

bagel and book Deli Gasta @nme Abenteuer Highlands

Außer uns anscheinend nicht viele andere, denn wir sind so ziemlich allein unterwegs. Dummerweise auch mit zwei Autos, weil Nellie davor noch einen Arzttermin hat und ich anschließend noch Besorgungen machen will. Deshalb sind wir mit zwei Autos unterwegs. Ich bin als erstes am verabredeten Ort. Auf der steilen, gewundenen Abfahrt zum Café liegen ungefähr drei Zentimeter Schnee. Hinunter käme ich ohne Probleme, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dann auch wieder raufkomme. Dass Schnee geräumt wird, ist hier keine Selbstverständlichkeit. Ich beschließe, das Auto oben an einer Seitenstraße abzustellen und die paar Meter zu laufen. So komme ich auf jeden Fall wieder weg.

Als ich gerade losgehen will, kommt die andere Nellie. Sie hatte denselben Gedanken und stellt sich auf die andere Straßenseite vor ein weiteres Café, das geschlossen aussieht. Dann gehen wir gemeinsam zu unserem Frühstück. Wir sitzen in einer ehemalige Mühle an Holztischen zwischen alten Steinmauern und bestellen erst mal zwei Latte, bevor wir uns der Speisekarte widmen. Noch ist es sehr ruhig. Sie haben gerade aufgemacht. Außer uns sitzt nur noch ein junges Paar im Raum.

Da kommt Sean, einer der beiden Betreiber des Cafés. Er hat ein Telefon am Ohr und schaut uns an.

„Hat eine von euch ein deutsches Kennzeichen?“

Nellie nickt.

„Du sollst umparken. Ich hab den Mann vom anderen Café oben in der Seitenstraße dran. Er sagt, du blockierst den Verkehr“, berichtet Sean und sein Gesicht sagt, dass er Parkrügen wohl nicht zum ersten Mal weitergibt. Wahrscheinlich ist der Typ oben genervt von der Tatsache, dass die Leute bei ihm parken aber bei Sean Kaffee trinken.

Broadford and Beinn na Cailich @nme Abenteuer Highlands

Nellie ist entrüstet. Da war kein Schild, dass man da nicht parken darf. Sie fragt nach:

„Und es geht nur um das Auto mit dem deutschen Kennzeichen?“

Tim nickt und Nellie schnappt ihre Autoschlüssel.

Mit einem „Das wollen wir ja mal sehen!“ zieht sie indigniert in den Kampf.

Kurze Zeit später sehe ich ihr Auto auf den Parkplatz vor unserem Café fahren. Sie hat offensichtlich beschlossen, umzuparken.

Empört berichtet sie von der Auseinandersetzung mit dem Anwohner an der Straße. Der hatte ihr nicht nur eine sehr unfreundliche Notiz am Scheibenwischer hinterlassen, sondern auch noch mit ihr gestritten, als sie zum Wagen kam. Nellie ist richtig in Rage. Auf Deutsch hätte sie ihn in Grund und Boden geredet.

„Der spinnt, der Typ“, sagt sie. „Ich hab ihn gefragt, warum ich umparken muss und du auf der anderen Straßenseite nicht. Weißt du, was er geantwortet hat?“

Ich schüttle den Kopf.

„Die arbeitet hier. Die kann stehen bleiben“, ergänzt Nellie voller Entrüstung.

Das ist natürlich eine Frechheit, wenn von uns beiden ist die andere Nellie diejenige, die in Schottland arbeitet. Sie ist Frühstücksköchin in einem Guesthouse. Ich schreibe hier nur Bücher und war zeitweise remote für meinen deutschen Arbeitgeber tätig. Aber ich bin eben mit einem einheimischen Auto unterwegs, während das der anderen Nellie nach Touristin aussieht.

„Besser, du parkst auch um!“ rät sie.

Ich denke nach. Ich weiß, dass ich nicht im Parkverbot stehe und von mir aus kann dieser Möchtegern-Parkwächter einen Kopfstand machen und mit den Zehen wackeln, ich muss nicht umparken. Aber ich würde mir den gerne mal ansehen. Also gebe ich meine Frühstückbestellung auf und mache mich auf den kurzen Weg zum Wagen.

Als ich um die Ecke biege sehen ich einen Mann Mitte Dreißig in Jogginghosen, der gerade ein Handyfoto von meinem Auto macht, dann aber so tut, als würde er, in Ermangelung eines anderen Motivs, das Café fotografieren.

„Pass auf!“, ruft er mir entgegen. Seinen Akzent kann ich nicht richtig verorten, aber er klingt nicht, als wäre er von hier. „Die Reifenspuren auf der Straße sind gefroren. Es ist sehr glatt, nicht stürzen.“

Aha, denke ich. Warum auf einmal so freundlich? Ich bin ein Meter achzig groß und blond. Als Schottin gehe ich niemals durch.

„Keine Sorge“, sage ich, steige in das Auto und wende auf der Straße. Der Mann geht schnell ins das Café, in dem nun Licht brennt. Es hat offensichtlich inzwischen auf und jetzt auch genügend Stellfläche für potenzielle Kunden. Die andere Nellie wird jedenfalls nicht mehr dazu gehören. Die hat er vergrault. Für immer. Kein so richtig schlauer Schachzug, wenn man ein Café betreibt.

old Sleat road Isle of Skye @nme Abenteuer Highlands

Wie sich später herausstellt, ist der „Parkwächter“ wohl einer der beiden Besitzer. Der eine ist aus Nordirland, der andere aus Tasmanien. Das erfahre ich, als ich zu einem späteren Zeitpunkt alleine dort bin. Von den Besitzern keine Spur, die Belegschaft ausgesprochen nett und freundlich. Eine junge Frau, gerade mit der Schule fertig, erzählt mir, sie könne sich nicht vorstellen wegzugehen. Das kann ich verstehen und wir unterhalten uns angeregt.

Geht doch, denke ich. Vielleicht kann ich die andere Nellie dazu bewegen, sich das nochmal anzusehen. Obwohl die beiden haben wegen des Parkplatzes aneinandergeraten sind. Das kommt mir so deutsch und so gar nicht schottisch vor.

Ein Schotte hätte Awa’ an bile yer heid gesagt und gut wäre gewesen. Nellies Kopf hat noch eine ganze Weile danach vor sich hin gekocht. Vielleicht ganz gut, denn Nellie wohnt im Kühlschrank.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Broadford and Beinn na Cailich @nme Abenteuer Highlands

Highland Crime Band 2: Im Dunkel von Skye

Ich habe ein Leben lang leidenschaftlich gerne Krimis gelesen und 2021 meinen ersten geschrieben: Schatten über Skiary, Band 1 der Highland Crime Serie um DI Robert Campbell und die deutschen Übersetzerin Isabel Hartmann. Der Krimi spielt in Glenelg und an einem der abgelegensten Orte Lochabers – Skiary.

In Band 2 finden die Ermittlungen auf der Isle of Skye statt.

DI Robert Campbell genießt seinen Motorrad-Urlaub an der schottischen Westküste. Übersetzerin Isabel, Issy, Hartmann ist auf der Insel Skye, um Gälisch zu lernen. Am Sabhal Mòr Ostaig College stößt sie unvermittelt auf einen ungeklärten Todesfall.

Starb die Studentin wirklich eines natürlichen Todes? Issy hat ihre Zweifel und stellt Nachforschungen an. Wer im Sprachkurs könnte ein Motiv gehabt haben? Und wie war es gelungen, die Tat zu verschleiern?

Weil Isabel Hartmann ihn um Hilfe bittet, nimmt sich DI Robert Hartmann inoffiziell des Falls an. Doch dann gibt es einen weiteren Toten, der offensichtlich mit den ursprünglichen Ermittlungen in Verbindung steht. Unvermittelt wird Isabel von der Hobbydetektivin zu einer Verdächtigen.

last chance saloon

Wollen wir uns diese Woche treffen?

Die andere Nellie kann Gedanken lesen, daran hatte ich auch gerade gedacht. Ich hatte nämlich gelesen, dass eines der Hotels in der Gegend wieder aufmacht. Im Januar hat hier alles zu und viele hängen auch noch den Februar oder gar den März dran. Will man im Winter Essen gehen, hat man nur sehr wenig Auswahl und muss oft weit dafür fahren. Umso willkommener die Erkenntnis, dass es einen Koch in der Nähe gab, der etwas gegen hungrige deutsche Mägen unternehmen konnte. Mann musste nur einen Berg rauf und wieder runter, schon war man da.

Sehr gerne schreibe ich zurück und schlage das Hotel vor. Da waren wir letzten Sommer zusammen Essen gewesen und hatten es beide großartig gefunden. Wir verabreden uns auf Freitag, denn donnerstags ist dem Facebook-Account zufolge Quiznacht. Das dann doch lieber nicht.

Das Gleiche denkt auch der Mann, als ich ihn frage, ob er mit will.

„Beim Frauenabend?“ Er lacht. Zwei Nellies sind wohl ein bisschen zu viel für ihn.

Ich aber freue mich sehr. Endlich mal wieder raus aus dem Haus und einmal nicht kochen!

Der Schotte der anderen Nellie hat auch keine Lust, an einem kalten und regnerischen Winterabend das Haus zu verlassen. Wir schon und das Wetter stört uns nicht, Nellie ist eine souveräne und sicher Fahrerin mit deutschen Allwetterreifen.

Zur Sicherheit schreibe ich am Nachmittag noch eine Mail ans Hotel und bitte um einen Tisch für zwei. Ich glaube zwar nicht, dass sehr viel los sein wird, aber sicher ist sicher. Allerdings kommt keine Antwort, was nicht untypisch ist, meist macht einer alles um diese Jahreszeit und vielleicht hat der Koch keine Zeit, am PC zu sitzen.

Pünktlich holt Nellie mich ab und wir fahren los. Auch Emma darf natürlich mit. In den meisten Pubs und Cafés hier sind Hunde kein Problem und wir haben schließlich Mädelsabend. Da darf sie nicht fehlen!

Eine knappe halbe Stunde später betreten wir das Hotel. Ein kalter, kaum beleuchteter Vorraum führt zur Bar. Vorsichtig tasten wir uns voran. Ob da wirklich auf ist. In der dunkel getäfelten Bar brennt ein Kaminfeuer, verbreitet aber weder Wärme noch Wohlfühl-Atmosphäre.

An der Bar steht ein Dutzend Männer, die Hälfte davon in wasserdichter Kleidung und Gummistiefeln, Farmer und Jungs von der Fischfarm. Einer der Männer ohne Gummistiefel hat ebenfalls eine Hündin, die er eng an der Leine hält. Alle starren und entgegen. Nellie und ich sind die einzigen Frauen und man möchte meinen die einzigen Frauen auf dem Planeten.

Nellies erste Reaktion ist, die Flucht zu ergreifen und für eine Sekunde geht es mir genauso, doch kann kommt sofort die störrische Feministin in mir durch: Nicht mit mir, meine Herren!

Emma und die andere Hündin beschnuppern sich misstrauisch, während wir feststellen, dass zwar das Pub aufhat, aber nicht die dazugehörige Küche. Es wird also kein Abendessen geben. Mein Magen knurrt.

Was also tun? Es gibt ein anderes Hotel, das vielleicht Essen serviert, aber da müssen wir wieder zurück, wo wir hergekommen sind.

„Sollen wir erst was trinken?“ fragt die andere Nellie.

Das finde ich eine gute Idee. Schließlich hat keine von uns dreien vor, feige den Rückzug anzutreten, nur weil wir in einem Pub voller angetrunkener Männer gelandet sind, die uns mustern als hätten sie noch nie eine Frau gesehen. Die andere Nellie ist auch Biker und taff.

dann halt ein Bier @nme Abenteure Highlands

Eine der Männer in wasserdichten Hosen, wirrem grauem Bart und prominentem Bauch macht anzüglich Bemerkungen über die two bitches, die man besser nicht von der Leine lässt Es ist ziemlich klar, dass er damit uns und nicht Emma und die andere Hündin meint. Das Wort bitch bedeutet sowohl „Hündin“ als auch „Schlampe“, zumindest in der Altersgruppe des Mannes, der es benutzt hat. Die Generation TikTok verwendet es anders.

Ich überlege, ob ich ihm an die Gurgel gehe, entscheide mich jedoch für Gnade wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit. Aber ich grolle wie ein gereizter Hund. Wir trinken unser Bier, meins mit Alkohol, das der anderen Nellie ohne und treten den geordneten Rückzug an.

Kurz bevor wir die Bar verlassen, bringt das Röhren ein ausgewachsenen Hirschs die Gläser zum Klirren. Unsere Köpfe fahren herum. Ein Hirsch? Im Pub?

Schuldbewusst blickt der Besitzer des anderen Hunds zu Boden. Dann entschuldigt er sich hektisch. Die anderen Männer schauen mit offenen Mündern den Schauspiel zu. Wenn Frauen in der Bar sind, darf man nicht mal mehr ungestört rülpsen!

Was für ein Auftakt zu unserem Mädelsabend!

Draußen lachen wir uns schepps und machen und fröhlich auf den Weg zum nächsten Pub. Wir haben so einen Hunger! Unterwegs wird aus dem Regen langsam Schnee. Bis morgen früh ist hier alles weiß. Emma schaut erwartungsfroh. Sie liebt Schnee.

Es ist kurz nach acht Uhr und der Parkplatz des anderen Pubs ist bis auf den letzten Platz besetzt. Hier ist die Hölle los. Wären wir nur gleich hierhergekommen.

in der Nacht sind die Burgen schön und die Mägen leer @nme Abenteure Highlands

Nellie öffnet die Tür und geht voran. Drinnen herrscht ein wildes Durcheinander von Menschen, Stimmen und Musik. Wir arbeiten uns zur Bar vor. Im Essbereich sind die Tische zu einer großen Tafel zusammengestellt worden und eine große 80 aus Luftballons hängt an der Wand. Hier findet wohl gerade ein Geburtstag statt. Wenige Sekunden später drückt und küsst mich der Jubilar. Es ist Löwenbändiger, der Mann aus dem Nachbardorf, der früher wohl mal beim Zirkus war. Wann und wo weiß keiner mehr so genau. Und wie er wirklich heißt, weiß wohl nur der Postbote. Und seine Frau vermutlich. Während Löwenbändiger und ich plaudern, recherchiert Nellie die Küchenlage. Sie arbeitet in dem Bereich und kennt sich aus.

Wie befürchtet hat die Küche um acht Uhr zugemacht. Wir haben unser Abendessen um wenige Minuten verpasst. Mist!

Nellie plaudert mit einem älteren Paar, das gerade aus dem Süden hergezogen ist. Sie nicken zögerlich in meine Richtung und schweigen. Man merkt nicht nur am Akzent, wer Schotte ist und wer nicht.

„Sollen wir hier noch was trinken?“ frage ich. Bier hilft ja durchaus gegen Hunger.

Essen bleibt ein frommer Wunsch @nme Abenteure Highlands

„Nein“, sagt Nellie organisiert wie immer. „Es gibt noch ein Pub mit Hotel. Da sind wir in einer Viertelstunde. Die Küche könnte noch auf haben.“

Wir verabschieden uns von den angelsächsischen Austern und geben Gas. Im Auto knurren unsere Mägen laut. Ich muss wieder kichern. Bier auf leeren Magen!

Auf dem Parkplatz vor Pub Nummer drei angekommen, springen wir aus dem Auto und rennen förmlich hinein. Es ist 8:33 Uhr.

„Gibt es noch was zu essen?“ rufe ich atemlos, laut, ohne auch nur hallo oder Guten Abend zu sagen.

Hinterm Tresen zapft eine junge Frau gerade ein Bier. Ihr breites Gesicht lächelt und freundlich an.

„Sorry!“ sagt sie. „Die Küche schließt um halb neun.“

Das war’s. Last chance saloon. Der letzte Strohhalm. Geknickt. Wir müssen hungrig ins Bett, heute Nacht.

Emma schaut und vorwurfsvoll an. Ich zucke mit den Schultern und bestelle zwei Bier und zwei Päckchen Chips. Hilft ja nix.

Als ich nach Hause komme, will der Mann wissen, wie das Essen war. Ich berichte hungrig von unserer Odyssee und der Pub erprobte Schotte meint nur trocken:

„Ihr hättet ein paar Sandwiches mitnehmen sollen.“

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

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Nellie Merthe Erkenbach