Schafe

Schafe sind in den Highlands immer und überall. Nicht fliehbar.

Es ist als ob die Berge sie zum atmen brauchten. Kleine weiße Bergatemflöckchen, launig verteilt auf den mal grünen, meist braunen Hängen der Munroes.

Natürlich sind Schafe sagen wir mal schlicht. Der Grad ihrer Schlichtheit hängt selbstverständlich auch von der Rasse ab. Doch eine grundlegende Schlichtheit ist allen Rassen einfach nicht abzusprechen. Es gibt allerdings einige wenige Ausnahmen, bei denen einem das ungute Gefühl eschleicht, die Schlichtheit sei nur vorgetäuscht und ein flockiges Deckmäntelchen für in der Tat recht clevere Ausnahmen ihrer Spezies. Jene so unschuldig dreinschauenden Schafe, die es faustdick hinter den Schlappohren haben.

In der Regel stehen die Schafe in Schottland mit sich selbst beschäftigt auf wenig nahrhafte Weiden, oft auch direkt auf den Straßen, zumeist dann, wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit um die unübersichtliche Kurve kommt. Meist gelingt ein halsbrecherisches Bremsmanöver in letzter Sekunde. Und der letzte Eindruck, der im Gedächtnis haften bleibt, ist das triumphierende Schafsgrinsen.

Gotcha.

Aber das ist sicher nur Einbildung. Schafe grinsen nicht. Wohl aber haben sie ganz unterschiedliche und deutlich voneinander unterscheidbare Stimmen. Määähh und määäh klingen mitunter völlig anders.

Von den Schafen in der Nachbarschaft hat eines ein sehr tiefes und heiseres määhh, ich habe es Janis getauft. Nach Joplin. In meiner seltsame Angewohnheit allen Tieren meiner Umgebung Namen zu geben. Vielleicht ist das typisch für kinderlose Frauen mittleren Alters, die nie ein Baby benennen durften. Aber ich schweife ab. Das ist wohl auch typisch für Frauen mittleren Alters. Unabhängig von ihrer Reproduktivität.

Zurück zu den Schafen. In der Herde lebt ein weiteres unbeschwert und ohne Sorgen vor sich hin – Heidi. Nicht wegen Geisenpeter oder Almöhi, vielmehr wegen der schrecklichen Stimme Klum.

Ich bin also in vielerlei Hinsicht interessiert an den heimischen Hochlandschafen. Nur essen mag ich sie nicht. Was in der Nachbarschaft nicht verstanden wird. Lamm ist Delikatesse und selbst Hammel wird gerne gegessen, wenn  er umsonst ist. Irgendeiner schlachtet immer. Dann ruft er rum, wer will holt sich eine Hälfte. Eine Hälfte Schaf! Im Kofferraum. Das sägt man dann in Stücke und verstaut das süße Ding in der Gefriertruhe. Niemals brächte ich auch nur einen Bissen herunter. Ich bin ein Weichei und ich glaube das können sie Schafe riechen.  Den Duft von Feigheit vor dem Feind.

Erst heute hatte ich wieder eine Schafbegegnung der anderen Art. Ich war wandern. Ein einsames, windiges, matschiges Hochlandtal hinauf. Fünf Stunden lang sah ich keine Menschenseele. Gänse, ein Bussard, eine Herde Rotwild und natürlich überall Schafe.

Immer wieder Schafe, überall. Sofort auf der Flucht kaum tauchte ich auf. Fasziniert von mir, man konnte in ihren Augen sehen, dass sie sich fragten, ob diese Menschengestalt vielleicht ein wenig Salat oder Karotte dabei hatte. Oder – wenn Träume wahr wurden, vielleicht sogar ein trockenes Stück Brot. Unwiderstehlich.

Ich genoss das Gefühl der Macht, die Schafe vor mir her zu treiben. Schnitt durch sie hindurch wie durch Butter, sah sie rechts und links flüchten, auf den schmalen ausgetretenen Pfaden durch den morastigen Boden. Ich war Herrin der Lage. Mit leichten Schritten ging ich weiter das Tal hinein.

Es war auf einmal so seltsam still. Die Berge schienen bedrohlicher, der Wind kälter und es war als lauerte Unheil überall. Weit und breit war kein Schaf mehr zu sehen. Plötzlich hörte ich hinter mir ein seltsames Geräusch….

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Sie hatten sich zusammengerottet, um mich zu verfolgen. Hungrige Augenpaare starrten auf meinen Rucksack. Ich floh.

Das Beste am schottischen Hochland ist die Einsamkeit. Peinliche Momente gehen in der Regel unbemerkt vorbei. An diesen werden sich nur ich und die Schafe erinnern. Und die sind ja ziemlich schlicht, dachte ich zumindest.

Ein Gedanke zu “Schafe

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