Sonntage, Vorhänge und andere Regeln

Das schottische Hochland ist einsam.

Aber gerade weil so wenig Menschen in so viel Landschaft leben, ist dieses Leben festen Regeln unterworfen. Weil das Zusammenleben räumlich gesehen ein Auseinanderleben ist, gelten Regeln, die alles zusammen halten.

Sie zu brechen ist nicht klug. Das Problem ist, man muss sie kennen…..

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Da wären zum Beispiel Sonntage.

Kürzlich waren wir an einem Sonntag spazieren. Ich ertappte mich dabei spießig zu sein: Sonntagsspaziergänge! Zu denen gehören nach guter alter deutscher Tradition natürlich auch Kaffee und Kuchen. Entweder zu Hause oder man kehrt ein. Ich wollte einkehren, es gab ein neues Café, nur ein gutes Viertelstündchen von da entfernt, wo wir gerade wieder erschöpft aus unseren Wanderschuhen schlüpften. Also flugs ins Auto und hin. Vor meinem geistigen Auge schwebten die leckersten Scones mit Erdbeermarmelade, Shortbread oder Flapjacks, vielleicht sogar Karottenkuchen… Pustekuchen!

„Oh je!“ sag ich. „Es ist doch hoffentlich niemand krank.“ Als ich feststelle, das geschlossen ist. Sonntags 15 Uhr. Ich weiß, dass die Cafe-Besitzerin zum Bekanntenkreis meines Mannes gehört.

„Nein, nein“, schüttelt der den Kopf und lacht. „Wir haben vergessen, dass Sonntag ist.“

Nun schüttle ich den Kopf. „Aber nein, weil es Sonntag ist, sind wir doch hier.“

Er schaut mich fragend an. „Aber Sonntags arbeitet doch keiner.“

Ein Café das sonntags geschlossen hat, daran muss sich mein germanischer Geschäftssinn erst gewöhnen.

Der Supermarkt allerdings hat auf an Sonntagen. Und zwar von 8 bis 20 Uhr. Das wiederum ist selbstverständlich. Für manche.

Wie auch die Tatsache, dass keiner montags Fisch kauft – schließlich geht ja auch keiner sonntags fischen.

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Die Wochentage sind also streng nach do’s und don’ts sortiert. Das gilt auch für Tageszeiten.

Ich hatte die Sache mit den Vorhängen vergessen. Oder besser gar nicht bedacht. Bis mich unsere Nachbarin mit Bedacht darauf hinwies. In der typisch bedächtigen und etwas umständlichen Art der Menschen hier bei denen eine Geschichte nie da anfängt, wo sie einmal endet.

Die Geschichte hatte sich vor vielen Jahren zugetragen, als meine Nachbarin gerade hergezogen war. Sie begann mit Murray, der immer gute Arbeit leistete, auch wenn es dauerte, bis er dann mal auftauchte. Murray hatte die undichte Stelle im Dach gefunden und hervorragend abgedichtet. Seither kam kein Wasser mehr rein. Und dazu war er noch so nett. Man setzte sich also in der Küche an den Tisch, trank eine Tasse Tee, aß selbstgebackene Kekse und unterhielt sich. Als meine Nachbarin im Laufe der Konversation beiläufig preis gab im oberen Schlafzimmer des Hauses zu schlafen, da sah sie einem verdutzten Murray ins Gesicht. Nicht unten im Schlafzimmer? Waren da deshalb die Vorhänge noch immer geschlossen, wenn sein Cousin Angus gegen 9 morgens vorbei fuhr? Dann waren sie also schon auf um 9? Meine Nachbarin renovierte das Zimmer und hatte sich über den Stand der Vorhänge keine Gedanken gemacht. Nun hielt sie jeder für eine faule Frau, die bis Mittag im Bett lag und nichts tat.

Ich bedankte mich für die Geschichte und ging zurück ins Haus. Im Schlafzimmer waren die Jalousien noch nicht hochgezogen.

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