John die Post

Wer oder was bindet Menschen, die entfernt voneinander leben und sich doch als Gemeinschaft begreifen? Für manche ist das hier die Kirche, für alle aber John die Post.

Egal ob es stürmt oder schneit, John die Post schaut vorbei. Zuverlässig. Ein kleiner, sehr runder Man der ein wenig watschelt beim gehen und alles weiß, was in der Gegend so vor sich geht. John die Post geht auf die 60 zu, sein einst blondes Haar ist schon so gut wie grau. Keiner weiß so gut über die Menschen Bescheid, wie John die Post. Aber er tratscht nicht. Vielmehr nutzt er sein Wissen, um zu helfen. Er ist viel mehr als nur ein Postbote. Er ist das Herz der Gegend.

Als Mrs. Campells Mann ins Krankenhaus kam und die gebrechliche alte Frau alleine zu Hause war, da hat er ihr jeden Morgen eine Ladung Kohle ins Haus getragen, damit sie nicht frieren muss. Feuer machen wäre für sie ohne Hilfe zu beschwerlich gewesen. So gab John die Post den täglichen Kohleträger, auch wenn er gar keine Post für Mrs. Campbell hatte.

John ist so eine Art allgemeingültige moralische Instanz. Ihn umgibt eine gewisse Autorität, optisch unterstützt durch die leuchtend gelbe Warnjacke über der Postbotenuniform.

Ich gehe gerne joggen. Weil es nur eine Straße hier gibt, gibt es zwei Möglichkeiten. Links oder rechts weg vom Haus. Eines Morgens im Sommer, ich war noch relativ neu in der Gegend, lief ich also nach rechts und traf auf meinem Weg zurück auf ein kleines, dürres Männchen mit zwei Hunden, von denen einer beschloss mich zu jagen, einzukreisen und von hinten in den Oberschenkel zu beißen. Mein Schreck war größer als der Schmerz.

„Ihr Hund hat mich gebissen!“ rief ich ihm empört entgegen. Mich, den Liebling aller Hunde!

„Bluten sie?“ fragte das Männchen ohne mich anzusehen.

Eine Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten war. Die Rückseite meines Oberschenkels zu sehen übersteigt meine Gelenkigkeit. Aber ich fühlte keine Feuchtigkeit, wie von Blut. Der Hund kreiste immer noch um mich. Ich schüttelte den Kopf.

„Nun, wenn sie nicht bluten, dann ist es nicht schlimm.“ Erklärte mir das Männchen und trollte sich mit seinen Plagegeistern wieder in den Wald.

Ich hinkte heimwärts. Und schüttelte noch immer den Kopf.

Da kam mir John die Post in seinem kleinen roten Postauto mit der goldenen Krone der Königin auf der Seite entgegen. Rettung und Rot und Gold! Natürlich klagte ich ihm mein Leid.

„Blutet es?“ wollte er als erstes wissen.

Ich streckte ihm fragend meinen Hintern entgegen.

„Alles in Ordnung“ murmelte John. “Aber das geht natürlich nicht. Ich werde mit ihnen reden, ich weiß, wer das war. Der alte Mann kann nichts dafür, er ist dement. Ich rede mit seiner Frau. Die Arme.“

Ein paar Tage später war ich wieder auf derselben Strecke laufend unterwegs. Ein dicker blauer Fleckt zierte meinen Oberschenkel. Ein wenig nervös hielt ich nach dem kleinen Männchen mit den beiden Hunden Ausschau.

Ein kleiner blauer Ford kam mir entgegen und hielt an. Darin saß eine weinende Frau in den 60ern. Blass, schmal, einst wohl sehr hübsch, nun sehr traurig. Sie streckte mir ein verpacktes Geschenk entgegen, das auf dem Beifahrersitz lag. Es dauerte bis ich verstand. Sie war die Frau zu dem Mann mit den Hunden. John die Post hatte mit ihr gesprochen. Nun war sie hier, um sich bei mir zu entschuldigen.

Ich schämte mich überhaupt Aufhebens um den Hund beziehungsweise mein Bein gemacht zu haben. Die Frau lächelte  und ich wusste nicht so recht wohin mit dem Geschenk, ich war mitten auf meiner Laufstrecke, mindestens 20 Minuten von zu Hause entfernt. Meine Beschenkerin lächelte still und sagte sie würde das Geschenk bei mir zu Hause abliefern. Natürlich wisse sie, wo ich wohne.

Natürlich.

Als ich zurück kam lag es fein verpackt vor der Tür – ein Duft und eine Körperlotion. Und ein Kärtchen mit ein paar freundlichen Zeilen. Viel zu viel für einen kleinen Hundebiss ganz ohne Blut.

Nun war ich am Zug.

Und das hatte John die Post absolut clever und ganz genau so geplant…….

3 Gedanken zu “John die Post

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