In Schottland stößt man beim Wandern nicht nur auf Regen, Midges oder eine verlorene Schafherde – manchmal auch auf Geschichten, bei denen einem kurz die Broonie-Marmelade vom Scone fällt. So ging es mir, als ich auf die Legende der Great Yellow Goat stieß. Eine Geschichte, so herrlich absurd und gleichzeitig tief in der Highland-Folklore verwurzelt, dass ich gar nicht anders konnte, als mich selbst auf Spurensuche zu begeben.

Die Geschichte beginnt irgendwo zwischen Alligin und Diabeg – einem Gebiet, das heute gern unterschätzt wird, aber früher ein echter Höllenritt war. Ein Mann aus Braebeg wollte zur Kommunion nach Gairloch. Der direkte Weg? Über den Druim Buie – eine einsame, windumtoste Hochfläche, auf der sich, wie man sich damals erzählte, eine riesige, gelbe Ziege herumtrieb. Nicht die freundliche Sorte mit Glocke und Gras im Bart. Nein, dieses Exemplar war so gefährlich, dass es schon Menschenleben auf dem Gewissen hatte.
Unser Mann – Jäger von Beruf, mutig, bewaffnet mit Schwert, Gewehr und einem gesunden Selbstbewusstsein – ließ sich nicht beirren. Als er auf halber Strecke bei einem kleinen Haus am Druim Buie vorbeikam, wurde er von einem freundlichen Schneider und dessen Frau hereingebeten, wie es in den Highlands üblich ist. Tee, Brot, ein gutes Wort.
„Fürchtest du dich nicht vor der Ziege?“, fragte der Schneider.
Der Mann grinste nur und tätschelte sein Gewehr. Nein, er fürchtete sich nicht. Er war ja vorbereitet.

Er zog weiter – und traf tatsächlich auf die Ziege. Groß. Gelb. Böse. Und schneller als gedacht hatte sie ihn umgeworfen, trat auf ihn ein, ließ ihn kaum zu Atem kommen. Er schlug mit dem Schwert – es verbog. Er schoss mit dem Gewehr – ohne Wirkung. Die gelbe Ziege schien aus Eisen. Oder aus etwas noch Dunklerem.
In letzter Not griff er zum kleinen Dolch, den er in seiner Socke trug – ein unscheinbares Teil, kaum der Rede wert. Zwei schnelle Stiche – die Ziege jaulte, drehte sich auf den Hufen und rannte davon, blutend und brüllend.
Der Jäger schleppte sich zurück zum Haus des Schneiders. Blutverschmiert, entkräftet, hämmerte er an die Tür. Die Schneiderin öffnete – erschrak – versuchte ihn abzuwehren. Doch der Mann drängte sich hinein. Und fand den Schneider tot am Boden. Mit genau zwei Dolchwunden.
Da wurde ihm klar: Der Schneider war die Ziege gewesen.
Mit dunkler Magie hatte er sich in das Tier verwandelt, seine Gäste ausgefragt, welche Waffen sie bei sich trugen – und war so gegen alles vorbereitet. Alles – bis auf den kleinen Dolch in der Socke, den der Jäger nie erwähnt hatte. Das war seine Rettung. Und das Ende der gelben Ziege vom Druim Buie.
Natürlich bin ich hingefahren.
Ich wollte es sehen. Diese wilde, karge Landschaft zwischen Nebel und Stein. Und was soll ich sagen: Sie hat mich umgehauen. So schön, dass man fast glaubt, die Legende könnte wahr sein. Nur von der gelben Ziege – keine Spur. Kein Meckern, kein Hufabdruck. Nur Stille.

Und da dachte ich an die Ziegen in Glenshiel. Die sind nicht magisch, aber zuverlässig. Sie stehen pünktlich wie die Queen beim Tee auf der Straße, klauen dem Nachbarn die Blumen im Garten und haben ihre ganz eigene Highland-Attitüde. Und vor allem: Sie sind echt.
Also, wenn ihr das nächste Mal in den Highlands unterwegs seid, schaut genau hin. Vielleicht ist da ja doch mehr an der alten Sage dran. Und wenn nicht – habt ihr wenigstens eine Ziege gesehen. Was ja nie verkehrt ist.
Quelle: Spooky Scotland – Legends and Lore
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