Die wilden Ziegen von Glenshiel: Eine Familiengeschichte

Wer durch Glenshiel reist, wird oft von den zähen, langhaarigen Ziegen überrascht, die sich sicher auf den steilen Hängen bewegen und fast eins mit der wilden Landschaft der Highlands wirken. Seit Jahren ranken sich Geschichten um ihre Herkunft – manche behaupten, sie stammten aus der Zeit der Jakobiten oder seien Überbleibsel der Highland Clearances. Doch so spannend diese Legenden auch sind, die wahre Geschichte der Ziegen von Glenshiel ist viel greifbarer – und mit dem Schicksal einer ganz bestimmten Familie verbunden.

picture @Ewan Roy MacGregor

Woher kommen die Ziegen in Glenshiel

Die Geschichte beginnt am Eas nan Arm, dem Wasserfall unterhalb des historischen Schlachtfelds von Glenshiel. Hier lebte einst Alexandrina (Ina) MacRae, die in Ault a’Chruinn geboren und aufgewachsen war. Sie heiratete einen Stewart aus Tomdoun, und gemeinsam lebten sie in der Nähe des Wasserfalls, während ihr Mann für den Rat arbeitete und Straßen durch das abgelegene Hochland baute – eine harte, aber notwendige Arbeit.

Doch wie so viele Highland-Familien standen auch sie vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, gab es keine Arbeit mehr in der Gegend, und die Familie zog nach Edinburgh, wo Ina’s Mann eine Anstellung bei der Eisenbahn fand.

Der Abschied von den Ziegen

Ein Umzug in die Stadt war eine Sache, das Mitnehmen des Viehs eine andere. In jenen Tagen hatten Schafe und Rinder einen klaren wirtschaftlichen Wert – sie konnten verkauft oder mitgenommen werden. Ziegen hingegen? Die wurden kaum geschätzt. Sie galten als wenig nützlich und wurden nicht wie anderes Vieh gehandelt. Und so blieb der Familie keine andere Wahl, als ihre Ziegen zurückzulassen.

Das geschah noch vor dem Bau des Cluanie-Damms, der später die Landschaft der Region veränderte. Ihr Haus stand noch einige Zeit, doch 1967 wurde es abgerissen. Heute ist nur noch die Stelle zu erkennen, an der es einst stand – zum Glück existieren noch Fotos, die seine Erinnerung bewahren. Doch während das Haus verschwand, blieben die Ziegen.

Donald John Macmillan: Glen Shiel, Kintail – A history (2020)

Überleben in der Wildnis

Trotz ihres plötzlichen Schicksals bewiesen die Ziegen bemerkenswerten Überlebenswillen. Sie passten sich dem rauen Terrain an, ernährten sich von Heidekraut, Farnen und allem, was die Natur hergab. Über Jahrzehnte hinweg wuchs ihre Population, und sie wurden zu einem festen Bestandteil der Landschaft.

Heute glauben viele, dass diese Ziegen aus einer weit entfernten Vergangenheit stammen, dass sie vielleicht Nachfahren von Tieren sind, die mit den Jakobiten oder den vertriebenen Clans in Verbindung standen. Doch ihre Geschichte ist viel persönlicher – sie sind das Erbe einer Familie, die gezwungen war, weiterzuziehen, und der Tiere, die zurückbleiben mussten.

Und doch hat Ina sie nie vergessen. Jedes Mal, wenn sie zurückkam und die Ziegen sah, lächelte sie und sagte: „Das sind meine.“

picture: Ewan Roy MacGregor

Ein herzliches Dankeschön an Inas Verwandte für ihre Gastfreundschaft und dafür, dass sie diese Familiengeschichte geteilt hat – damit die wahre Herkunft der Ziegen von Glenshiel nicht in Vergessenheit gerät.

Der Goatfell-Mord: Schottland’s dunkles Geheimnis

Die Isle of Arran ist berühmt für ihre landschaftliche Vielfalt. Die Mischung aus zerklüfteten Granitbergen im Norden und sanften grünen Tälern im Süden zieht Touristen aus der ganzen Welt an. Doch neben dieser natürlichen Schönheit birgt Arran auch dunklere Kapitel. Eines davon ist der berüchtigte Goatfell-Mord, ein Ereignis, das 1889 das friedliche Leben der Insel bis ins Mark erschütterte. Nicht zuletzt, weil die Ermordung eines englischen Touristen eine Bedrohung für die Wirtschaft der schottischen Urlaubsinsel hätte darstellen können. Doch es kam anders und anstatt dass die Besucher die Insel mieden, kamen sie in Strömen, um den Tatort mit eigenen Augen zusehen.

Goatfell von High Corrie aus

Der Goatfell-Mord und die Welt des Verbrechens im späten 19. Jahrhundert

In London senkte sich zur gleichen Zeit der Nebel über Whitechapel und die Stadt hielt den Atem an, denn die Polizei jagte dort einen Mörder, der sich selbst „Jack the Ripper“ nannte. Seine grausamen Taten hatten das öffentliche Interesse an Kriminalfällen entfacht wie nie zuvor – und die Medien begannen, Täter nicht nur zu jagen, sondern sie fast wie düstere Berühmtheiten zu inszenieren. Jack the Ripper trug selbst dazu bei, indem er (oder jemand unter seinem Namen) Briefe an die Polizei und die Presse schrieb – ein Versuch, sich in die Geschichte einzugraben.

Diese Zeit war geprägt von einem Wandel in der Kriminalistik. 1887, zwei Jahre vor dem Mord auf Goatfell, erschien A Study in Scarlet und mit ihm Sherlock Holmes, der erste Detektiv, der systematisch forensische Spuren auswertete. Holmes‘ Methoden waren revolutionär, und obwohl sie in der Literatur entstanden, begannen sie, das Denken der realen Ermittler zu beeinflussen.

Indizien am Tatort (@ChatGPT)

In dieser Zeit entstanden auch die ersten weiblichen Detektive – sowohl in der Realität als auch in der Literatur. Bereits in den 1860er-Jahren waren erste Romane über „Lady Detectives“ erschienen, fiktive Ermittlerinnen, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten mussten. Ein Konzept, das mutig und visionär war, wenn man bedenkt, dass es in der realen Welt kaum weibliche Polizistinnen oder Ermittlerinnen gab.

Während die Goatfell-Ermittlungen 1889 noch von traditioneller Polizeiarbeit geprägt waren, wurde der Fall doch von einer Welt beeinflusst, die sich rasant veränderte. Die wachsende Faszination für wahre Verbrechen – sei es durch Zeitungen oder Penny Dreadfuls – führte dazu, dass Mörder wie Jack the Ripper oder William Palmer als regelrechte Berühmtheiten in die Annalen des Verbrechens eingingen. Manche Täter suchten diesen zweifelhaften Ruhm, andere versanken in Vergessenheit.

Der Goatfell-Mord war vielleicht nicht so berüchtigt wie die Taten in Whitechapel, doch ist er nicht nur Teil der lokalen Folklore, sondern auch ein faszinierender Fall für Krimiautoren – mich eingeschlossen.

Ein harmloser Aufstieg?

An einem heißen Julitag (15.7.1889) traf Edwin Robert Rose, ein 32-jähriger Tourist aus London, in Brodick ein. Rose, ein Handelsreisender mit einem Faible für Abenteuer, war mit dem Dampfschiff „Ivanhoe“ angereist. Er wollte gemeinsam mit John Laurie, einen schottischen Musterhersteller aus Glasgow, den er auf der Insel Bute kennengelernt hatte, Arran erkuunden. Laurie, der als Einzelgänger und manchmal ruppig beschrieben wurde, hatte eine etwas undurchsichtige Vergangenheit.

Rose quartierte sich bei Laurie ein und sie beschlossen, gemeinsam den Goatfell zu erklimmen, ein beliebtes Ziel für Touristen und Einheimische. Die beiden wurden von anderen Wanderern beobachtet, wie sie Richtung Gipfel gingen.

Als die Sonne langsam über dem Goatfell unterging, wurde Laurie gesehen, wie er allein zurückkam. seine Kleidung wies keine Blutspuren auf. Er wirkte erschöpft. Laurie verließ die gemeinsame Unterkunft und die Insel mit der ersten Fähre des darauffolgenden Tages. Er trug die Kleidung des Mordopfers und prellte die Zeche. Von Rose keine Spur. Er war verschwunden.

Die schockierende Entdeckung

Am 25. Juli, zehn Tage nach der Wanderung, wurde Rose’ Leiche unter einem großen Felsbrocken im abgelegenen Glen Sannox gefunden. Er war schwer misshandelt worden – die tödlichen Verletzungen stammten offenbar von Schlägen mit einem schweren Gegenstand.
Ein wenig abseits des Steinhaufens, der ihre Leiche bedeckte, fanden die Ermittler weitere Gegenstände, die Fragen aufwarfen. Ein Messer, ein einzelner Knopf, ein Stift – alles scheinbar zufällig verstreut, aber seltsam präsent. Besonders auffällig war jedoch eine Tweed-Kappe, die ordentlich und in vier Teile gefaltet und unter einem Stein platziert worden war. Man hatte Edwin Rose auf dem Bauch liegend begraben.

Als wäre das nicht genug, stieß man einige Tage später in der Nähe auch auf eine Flasche Laudanum. Laudanum – ein starkes Opiumpräparat, damals weit verbreitet, aber nicht unbedingt etwas, das man bei einer Wanderung mit sich führte.
Roses Körper war nicht hastig verscharrt worden, wie man es vielleicht von jemandem erwarten würde, der in Panik handelte oder auf der Flucht war. Stattdessen hatte jemand 40 Steine um den schweren Steinblock herum sortiert, die den Körper letztendlich versteckten. Es schien sorgfältig und respektvoll arrangiert, eine bewusste, methodische Handlung, nicht die eines Menschen unter Zeitdruck.

John Laurie war der letzte war, der Rose lebend gesehen hatte. Er erklärte vor Gericht, er habe Edwin Rose lebend am Gipfel des Goatfell zurückgelassen und ihn danach nicht mehr gesehen. Doch Fragen blieben: Warum trug Laurie Roses Kleidung? Warum floh er nach Glasgow? Wenn es ein Unfall war, warum meldete er ihn nicht?

Die Verhandlung in Glasgow

Am 15. November 1889, nur vier Monate nach der Tat, endete der Prozess um den Goatfell-Mord mit einem Urteil, das Schottland erschütterte: Laurie wurde zum Tode verurteilt.

Die Theorie, dass Rose gestürzt war, blieb umstritten. Es gab keine Risse in seiner Kleidung, keine klaren Spuren an seinen genagelten Schuhen, die einen Sturz hätten bewiesen können. Gleichzeitig konnte die Anklage nicht nachweisen, dass Rose ermordet worden war. Es fehlten Zeugen, eine Mordwaffe oder Blutspuren an Lauries Kleidung. Es gab keine eindeutigen Beweise, die Laurie am Tatort verorteten.  Die Verteidigung argumentierte, dass Laurie Rose lebend am Gipfel zurückgelassen hatte. Doch die Jury war gespalten. Acht Mitglieder stimmten für „schuldig“, sieben für „not proven“. Nach schottischem Recht kann ein Strafprozess mit einem von drei möglichen Urteilen enden: einer Verurteilung („guilty“) oder einem von zwei Freisprüchen („not proven“ und „not guilty“). Das war ein klares Zeichen für die Unsicherheit im Fall. Trotzdem fiel das Urteil: Tod durch den Strang, angesetzt für den Morgen des 30. Novembers. Wegen einer Stimme. 

Laurie nahm das Urteil mit unerwarteter Ruhe und fast schon teilnahmslos auf. Er stand auf, blickte ins Publikum und erklärte: „Meine Damen und Herren, ich bin unschuldig.“ Später beschrieb er, wie er sich von der Situation losgelöst fühlte, als würde all das jemand anderem widerfahren.

In den Tagen nach dem Urteil zeigte er kaum Anzeichen von Angst. Er aß und trank wie gewohnt, achtete auf seine Kleidung und blieb gefasst. Viele störten sich an seiner Gelassenheit, doch Laurie vertraute darauf, dass bei einem so knappen Jury-Urteil keine Hinrichtung stattfinden würde. Er hatte keinen Grund, derart optimistisch zu sein. Die Öffentlichkeit war gespalten: Einige hielten ihn für schuldig, andere glaubten an seine Unschuld.

Edwin Rose und John Laurie (@ChatGPT)

Hoffnung trotz lebenslanger Haft

Zwei Tage vor seiner geplanten Hinrichtung erfuhr John Watson Laurie, dass sein Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wurde, weil eine Kommision beschied, dass er wahnsinnig war. Eine Nachricht, die für ihn sowohl Erleichterung als auch Schock bedeutete – nur 48 Stunden vor der Vollstreckung erhielt er eine unerwartete zweite Chance. Doch was auf den ersten Blick wie ein Hoffnungsschimmer erschien, entwickelte sich zu einer jahrzehntelangen Odyssee hinter Gittern.

Lebenslange Haft bedeutete damals nicht zwangsläufig eine Haft bis zum Lebensende. Viele Gefangene wurden mit guter Führung vorzeitig entlassen, und Laurie hoffte, dass auch er von diesem System profitieren könnte. 1901, nach zwölf Jahren in Haft, versuchte er, durch eine Serie von Geständnissen und späteren Widerrufen seine Freilassung zu erreichen. Er bekannte sich des Mordes schuldig, nahm dieses Geständnis jedoch wieder zurück – eine verzweifelte Strategie, um Aufmerksamkeit zu erlangen und sein Schicksal zu beeinflussen.

Laurie glaubte, dass sein anhaltendes Bestehen auf seine Unschuld seine Situation verschlimmert hatte. Vielleicht, so hoffte er, könnte ein Geständnis eine Begnadigung nach sich ziehen. Doch als sich zeigte, dass seine Taktik keinen Erfolg brachte, zog er seine Aussagen zurück. Später behauptete er, er habe lediglich gesagt, was die Behörden hören wollten.

Ein Justizsystem ohne Erbarmen

Sein Verhalten machte ihn in den Augen der Öffentlichkeit jedoch nur noch unglaubwürdiger. Die Behörden schienen ihn als abschreckendes Beispiel nutzen zu wollen – während andere Straftäter, darunter der fünffache Mörder Joseph Calabrese, nach nur zehn Jahren entlassen wurden, blieb Laurie hinter Gittern.

Calabrese, ein Mann, der seine Frau und vier Kinder brutal mit einer Axt erschlagen hatte, wurde als jemand angesehen, der in einer tragischen Situation versagt hatte, während Laurie das Stigma des Wahnsinns anhaftete – trotz fehlender medizinischer Beweise. Dieser Unterschied in der Wahrnehmung führte dazu, dass Laurie nie die Gnade erfuhr, die anderen zuteil wurde.

Der längste Gefangene seiner Zeit

Laurie wurde damit zum Symbol für die Härte und Widersprüchlichkeit des damaligen Justizsystems. Kein anderer Insasse verbrachte so viele Jahre hinter Gittern wie er. Seine Briefe aus dem Jahr 1901 zeigen seine zunehmende Verzweiflung – unter anderem behauptete er, Edwin Rose habe ihn zuerst angegriffen und er habe sich lediglich verteidigt. Doch auch diese Version seiner Geschichte wurde nicht anerkannt.

Trotz wiederholter Bitten und verschiedener Strategien blieb Laurie bis zu seinem Tod im Gefängnis. 1930 erlitt er einen Schlaganfall, nach einem weiteren im März desselben Jahres war er bettlägerig, bis er am 4.

Ein ewiges Rätsel

Was Laurie zu seiner Tat trieb, bleibt bis heute Gegenstand von Spekulationen. War es pure Gier? Ein plötzlicher Streit, der außer Kontrolle geriet? Oder eine tiefere psychologische Zerrissenheit? Der Fall hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren, und die Mischung aus einem Mord, einer fragwürdigen Verhandlung und der dramatischen Kulisse der Insel Arran bietet Stoff für endlose Diskussionen – und Inspiration für Autoren.

Für mich ist der Goatfell-Mord nicht nur ein Stück schottischer Kriminalgeschichte, sondern auch ein Fenster in die Abgründe menschlicher Emotionen und Entscheidungen. Deshalb habe ich darüber geschrieben. Soll DI Robert Campbell den Fall lösen.

Highland Crime Band 4 Das Grab am Meer greift den Goatfell-Mord auf und löst das ewige Rätsel – Hat John Watson Laurie Edwin Robert Rose wirklich getötet? Erhältlich als eBook und Taschenbuch auf Amazon.

Das Grab am Meer: Geheimnisse der Isle of Arran

Ein ungelöster Mord. Ein düsteres Familiengeheimnis. Ein Sommer auf der Isle of Arran.

Ich freue mich sehr, euch heute mein neues Buch vorzustellen:
„Das Grab am Meer“ – Highland Crime Band 4 – ist ab sofort erhältlich! 📚🌊

Eine Insel zwischen Nebel, Meer und Vergangenheit

Die Isle of Arran ist nicht nur Schauplatz dieser Geschichte, sie ist ein eigener Charakter – geheimnisvoll, eindrucksvoll und voller Schatten. Hier, inmitten von Bergen und Küsten, wird die Vergangenheit lebendig.

In „Das Grab am Meer“ treffen zwei Spuren aufeinander:

  • Ein echter historischer Mordfall, der nie vollständig aufgeklärt wurde.
  • Und das Verschwinden einer jungen Frau, das eine Familie über Jahrzehnte hinweg geprägt hat.

Worum geht’s im Buch?

DI Robert Campbell reist auf die Insel, um für eine True-Crime-Dokumentation den Goatfell-Mord von 1889 neu zu untersuchen – ein Fall, den kaum jemand außerhalb Schottlands kennt, der aber viele offene Fragen hinterließ.

Isabel Hartmann, deren Schwester vor dreißig Jahren auf Arran verschwand, kehrt zur gleichen Zeit zurück. Ihre Suche nach der Wahrheit wird zu einer gefährlichen Reise in alte, verdrängte Familiengeheimnisse.

Zwei Zeitebenen – eine Wahrheit

Das Grab am Meer“ verwebt wahre Begebenheiten mit fiktiver Spannung.
Der Roman bewegt sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schuld, Erinnerung und dem menschlichen Bedürfnis nach Klarheit.

Atmosphärisch dicht, emotional vielschichtig – und immer wieder überraschend.

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Wenn ihr düstere Inselkrimis liebt, gerne tief in Geschichten eintaucht und True Crime euch fasziniert – dann könnte dieses Buch genau das Richtige für euch sein.

Nächste Woche auf dem Blog: True Crime Spezial

🔍 In der kommenden Woche geht es hier um den wahren Mordfall, der dem Roman zugrunde liegt:
Der Goatfell-Mord von 1889 – ein ungelöstes Verbrechen mit spektakulären Wendungen.

Ich erzähle euch, was wirklich geschah, was die Presse damals schrieb – und warum dieser Fall bis heute nicht abgeschlossen ist.

Ich freue mich auf euer Feedback!

Wenn ihr das Buch lest, freue ich mich über jede Rückmeldung:
Ob Rezension, Kommentar oder Nachricht – euer Feedback macht meine Arbeit lebendig.
Lasst mich wissen, wie euch der neue Fall von Campbell & Hartmann gefallen hat!

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Vergessene Heldinnen: Ruderinnen, die Geschichte schrieben

Wer von euch kennt eigentlich berühmte Ruderinnen? Also, mal ehrlich – wer kann auf Anhieb eine benennen? Keine Sorge, ich auch nicht. Aber sie gibt es! Zum Beispiel Stefani Werremeier, Edith Eckbauer, Martina Schröter und Cornelia Linse aus Deutschland. Noch nie gehört? Nicht schlimm. Dann gibt es da noch Elisabeta Lipă, eine Rumänin mit fünf olympischen Goldmedaillen. Und wenn das noch nicht reicht: Kathrin Marchand, die sich auch im paralympischen Rudersport einen Namen gemacht hat. Na, klingelt’s? Nein? Gut, dann geht es euch wie den meisten von uns.

Die Leidenschaft für das Rudern auf den Inseln

Vielleicht liegt es einfach daran, dass Deutschland keine so brennende Leidenschaft für das Rudern hat. Anders sieht es in England und Schottland aus – die lieben ihre Ruderlegenden! Oxford, Cambridge und das Drumherum. Und die berühmteste von ihnen hat vermutlich nicht einmal an Wettkämpfen teilgenommen: Flora MacDonald! Die gute Flora hat Bonnie Prince Charlie nach der gescheiterten Jakobitenrebellion in einem Boot in Sicherheit gerudert. Und während man sich fragt, warum er nicht selbst zum Ruder griff – schließlich war er doch der Mann an Bord –, wurde sie zur Legende und er zur Hauptfigur einer ziemlich tragischen Geschichte. Aber gut, er war ja auch beschäftigt mit Fliehen und Verkleiden.

Grace Darling – Eine echte Heldin

Und dann gibt es noch eine weitere mutige Ruderin, die der Mann und ich in Northumbria entdecken: Grace Darling. Ja, genau, Darling. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die sich nicht mit Stickerei oder Tee zufrieden gab, sondern sich bei einem tobenden Unwetter ins Boot setzte, um Schiffbrüchige zu retten. Kein Fluchtversuch, keine Politik, einfach pure Menschenrettung.

Ihr Grab liegt in Bamburgh auf dem Friedhof, und als wir dort stehen, wird mir wieder bewusst, wie wichtig es ist, Friedhöfe zu besuchen. Sie erzählen die besten Geschichten. Und manchmal findet man eben auch eine echte Heldin zwischen all den alten Grabsteinen.

Während ich also über Grace Darling nachdenke, frage ich mich, ob wir vielleicht doch mehr Begeisterung für das Rudern entwickeln sollten. Oder zumindest für die Geschichten dahinter. Wer weiß, vielleicht gibt es irgendwo eine moderne Grace Darling, die gerade auf ihren Moment wartet. Aber bitte nicht mitten im Sturm.

Kulinarische Entdeckung: Vegetarische Optionen in England

Der Mann und ich freuen uns jedes Mal, wenn wir unterwegs sind. Nicht nur wegen der Landschaft, der Geschichte oder der Abenteuer – nein, auch wegen des Essens. Oder besser gesagt, wegen der Herausforderung, etwas zu essen zu finden. Denn die kulinarische Reise in England kann eine ganz eigene Erfahrung sein.

Unterwegs gibt es zwei sichere Häfen für uns: Costa’s für mich und McDonald’s für den Mann. Dieses Mal landen wir bei McDonald’s. Die vegetarischen Optionen sind – sagen wir mal – überschaubar. Also bestelle ich mir ein Porridge. Das gibt es wahlweise mit Zucker, mit Marmelade oder mit Golden Syrup, geschmacklich irgendwo zwischen Honig und Ahornsirup. Sehr fein und mit sehr viel Kalorien. Ich löffle glücklich mein Porridge, aber kurz danach ist mir seltsam. Ob es am Porridge liegt? Ich hatte keine Wahl, es war die einzige Nicht-Fleisch-Option auf der Frühstückskarte ist.

Für den Mann ist Porridge keine Option. Er würde lieber verhungern. Ich hingegen würde lieber verhungern, als diesen Double Sausage Bacon McMuffin zu essen, den er sich mit Genuss einverleibt. Wir haben also einen Konsens gefunden: Ich bleibe bei meinem Haferbrei, er bleibt bei seinen Frühstückswürstchen, und so starten wir gestärkt – oder zumindest gesättigt – in den Tag.

Abendessen – Ein Hoch auf die Pubs

Das Abendessen hingegen ist eine ganz andere Geschichte. Am ersten Abend kehren wir in einen klassischen Pub ein – und ich bin begeistert. Die Auswahl an vegetarischen Gerichten ist fantastisch: vegetarischer Burger, Risotto, Rote-Bete-Bällchen, Salate – alles super. Der Mann ist glücklich mit seinem Steak, ich bin glücklich mit meinem Essen, und wir stoßen zufrieden mit unseren Getränken an. So geht’s doch!

Am zweiten Abend geht es in ein Fischrestaurant. Der Mann liebt Fisch, also bin ich natürlich dabei. Die Speisekarte sieht vielversprechend aus, und ich entdecke ein Zucchini-Pilz-Risotto. Perfekt! Als das Essen kommt, stelle ich allerdings schnell fest: Das ist kein Risotto. Das ist einfach nur Reis mit Zucchini und Pilzen. Risotto lebt von seiner cremigen Konsistenz, von der Geduld, es langsam zu rühren, bis der Reis genau die richtige Bissfestigkeit hat. Das hier ist einfach nur … na ja, Reis.

Später plaudert der Chef und Koch mit uns. Ich frage ihn, ob er Italiener ist, weil ich seinen Akzent nicht genau zuordnen kann. Er lacht und sagt: „Nein, Portugiese.“ Dann frage ich nach dem Risotto. Er winkt ab. „Nee, mach ich nicht. Dauert ja viel zu lange, wenn man es richtig kocht.“ Aha. So kann man es natürlich auch sehen.

Frühstück im Hotel – Voll Englisch und eingedeckt

Wir haben das Zimmer ohne Frühstück gebucht – ganz bewusst, damit wir flexibel bleiben. Doch nun, am Morgen, überkommt uns doch der Hunger, und wir beschließen, im zum Hotel gehörenden Pub nach Frühstück zu fragen.

Als ich eintrete, ist der Raum fast leer. Nur ein Ehepaar sitzt da, begleitet von zwei Hunden, die unter dem Tisch dösen. Der Mann raucht sicherheitshalber draußen. Nicht, dass er noch etwas fragen muss – das wäre ihm viel zu unangenehm.

Die Bedienung begrüßt mich freundlich. Irgendwas Ostdeutsches klingt in ihrem Akzent mit, aber genau deuten kann ich es nicht. Sie ist höflich und fragt, ob sie mir helfen kann. „Gibt es vielleicht Frühstück für uns?“, frage ich vorsichtig. Sie überlegt kurz, nickt dann und weist mich an, mich an den allerersten Tisch neben der Bar zu setzen. Direkt neben das Ehepaar mit den zwei Hunden.

Der Pub ist riesig. Unfassbar viele Tische. Doch aus irgendeinem Grund muss ich genau dort sitzen, als wäre es die letzte verbliebene Sitzgelegenheit. Das Ehepaar sieht nicht begeistert aus. Ich frage mich, warum man Gäste in einem fast leeren Raum zwingend nebeneinandersetzen muss. Vielleicht erfahre ich es noch.

Für das Frühstück im Hotel gönne ich mir dann doch mal ein Full English – vegetarisch natürlich. Gebratene Tomaten, vegetarische Würstchen, weiße Bohnen in Soße, gebratene Riesenpilze und ein Ei. Das Ei gebe ich dem Mann, den Rest esse ich mit braunem Toast und fühle mich tatsächlich ganz und gar zu Hause. Aber auch nach all den Jahren hier gibt es Dinge, an die ich mich nie gewöhnen werde. Und andere, die ich absolut liebe.

Als wir fertig sind, kommt die Bedienung zurück und fragt mit ernstem Blick: „Wollen Sie vielleicht morgen auch wieder hier frühstücken? Nur damit ich es weiß, wegen dem Eindecken.“

Ich blicke mich um. Auf den anderen Tischen steht genau das, was auch bei uns steht: ein Salzstreuer, ein Pfefferstreuer und zwei in Servietten eingewickelte Besteckteile. Ich frage mich, wie groß der logistische Aufwand wohl sein kann, diese gegenstände auf die Tischplatte zu legen. Ich schaue die Bedienung fragend an, sie hebt nur die Schultern und sagt: „Naja, ich muss ja eindecken.“

Ja, natürlich. Ich lächle verständnisvoll und sage: „Morgen nicht. Morgen sind wir unterwegs.“


Entdeckung der Gezeiteninseln: Lindisfarne und seine Geheimnisse

Lindisfarne, Northumbria

Gezeiteninseln – ein harmloser Begriff für eine potenzielle Todesfalle, wenn man nicht aufpasst. Also, für alle, die sich nicht täglich mit maritimen Begriffen befassen: Eine Gezeiteninsel ist eine Insel, die bei Ebbe mit dem Festland verbunden ist und bei Flut plötzlich – schwupps – wieder im Meer verschwindet. Klingt spannend, oder? Oder eher gruselig. Denn genau das ist mein Problem mit diesen Inseln.

Mir fallen sofort all die Horrorgeschichten von Kollegen ein, die sich nur knapp vor der Flut auf der Passage du Gois in Frankreich retten konnten. Die Passage du Gois verbindet das französische Festland mit der Île de Noirmoutier und ist nur bei Ebbe befahrbar. Das Problem? Die Straße verschwindet bei Flut vollständig unter Wasser – und das schneller, als man denkt. Es gibt genug Berichte von Autos, die mitten auf der Strecke einfach stehen bleiben und dann von der aufkommenden Flut eingeschlossen werden. Keine schöne Vorstellung! Es gibt sogar Rettungstürme, auf die sich Fußgänger retten können, falls sie sich mit der Zeit verschätzt haben.

Ich erinnere mich auch vage an einen Urlaub in Irland, gefühlt vor 200 Jahren, als wir eine Gezeiteninsel besucht haben, deren Name mir partout nicht mehr einfallen will. Aber was ich noch weiß: Wir sind rübergefahren – nicht gelaufen – und haben unterwegs die letzten Spaziergänger eingesammelt, während das Wasser langsam, aber bedrohlich zurückkam. Gruselig.

Lindisfarne – Die heilige Insel

Nun also Lindisfarne. Der Mann ist tapfer und organisiert. Er checkt die Gezeitenliste. Ich hätte sie garantiert wieder falsch gelesen und wäre auf der Insel geblieben – mit einem langsam versinkenden Auto und einer panischen Sprachnachricht an die Küstenwache. Aber dank des Mannes wissen wir: Um 8:15 Uhr können wir rüber, müssen aber spätestens um 13:15 Uhr zurück. Sonst ist es vorbei mit dem trockenen Heimweg.

Dementsprechend angespannt beginnen wir unsere Reise und stehen früh morgens um 8:15 Uhr tatsächlich am Causeway, der die Insel mit dem Festland verbindet. Noch liegt ein bisschen Wasser auf der Straße – nur Pfützen, aber für mich natürlich das ultimative Katastrophensignal. Der Mann fährt gelassen los, während ich aufgeregt filme und innerlich feiere, dass ich diese tödliche Überquerung überlebt habe. Natürlich nur dank des Mannes.

Ein Friedhof mit Geschichte

Kaum angekommen, erwartet uns direkt das nächste Abenteuer: der Parkplatz. Ich zahle für vier Stunden, länger geht nicht, wegen der Flut. Dass alle außerhalb des Dorfes parken sollen ist verständlich, schließlich werden die armen Insulaner der Holy Isle von Touristen überrannt. Da will man sie nicht auch noch mit parkenden Autos im Dorf belästigen. Außerdem ist die Heilige Insel so klein, dass man wirklich alles zu Fuß machen kann.

Und wo führt unser erster Weg hin? Natürlich auf den Friedhof der Abtei. Für mich nichts Ungewöhnliches, und auch für den Mann ein bekanntes Spiel. Hat hat sich über die Jahre mit meiner Friedhofsbegeisterung arrangiert.

Der Friedhof ist schön – wenn auch leider so touristisch, dass man gezwungen wird, auf den vorgegebenen Wegen zu bleiben. Kein freies Herumstreifen. Die Abtei selbst ist noch geschlossen. Sie scheint sich nicht groß für die Gezeiten oder unsere Besuchszeiten zu interessieren. Aber vom Tor aus sieht man eigentlich alles, was man sehen will.

Lindisfarne, auch als Holy Island bekannt, ist einer der wichtigsten spirituellen Orte Englands. Die Abtei wurde im Jahr 635 von dem irischen Mönch Aidan gegründet, der von Iona aus kam, um das Christentum in Northumbria zu verbreiten. Die Insel wurde zu einem der bedeutendsten Klöster der angelsächsischen Welt und brachte eine der berühmtesten mittelalterlichen Handschriften hervor: die Lindisfarne-Evangelien. Doch die Idylle hielt nicht lange. Im Jahr 793 wurde die Abtei Ziel eines der ersten dokumentierten Wikingerräuberzüge. Die plündernden Nordmänner metzelten die Mönche nieder, raubten Schätze und machten damit den Auftakt zur Wikingerzeit in England.

Trotz aller Zerstörung wurde das Kloster mehrfach wieder aufgebaut, bevor es schließlich im Zuge der Auflösung der Klöster durch Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert endgültig verfiel. Heute sind die Ruinen ein beeindruckendes Zeugnis dieser bewegten Geschichte – und der perfekte Ort für ein bisschen Friedhofsromantik. Also tauchen wir ein in die Geschichte von Lindisfarne und lassen den mystischen Zauber der Insel auf uns wirken.

Hadrianswall: Das römische Bollwerk gegen die Pikten

Hadrianswall – Eine Mauer gegen die Pikten

Der Hadrianswall ist eine der beeindruckendsten Hinterlassenschaften des Römischen Reiches in Großbritannien. Im Jahr 122 n. Chr. beschließt Kaiser Hadrian, dass es jetzt reicht mit den wilden Barbaren aus dem Norden. Also lässt er eine Mauer bauen. Eine große Mauer. Eine sehr lange Mauer. Ganze 117 Kilometer erstreckt sie sich von der Ostküste bei Newcastle bis zur Westküste bei Bowness-on-Solway.

Und warum? Wegen der Pikten. Die Pikten sind die Urbewohner Schottlands – furchtlose Krieger, die sich mit blauer Farbe bemalen, mit Vorliebe nachts angreifen und sich in den Wäldern verstecken, wenn die Römer zurückschlagen wollen. Guerillakrieg, bevor es überhaupt ein Wort dafür gibt. Das Problem für die Römer: Sie lieben ordentliche, planbare Kriege mit geraden Schlachtreihen. Die Pikten halten sich nicht an diese Regeln. Also bleibt den Römern nur eine Möglichkeit: Sie mauern sich ein.

Und was für eine Mauer das ist! Bis zu sechs Meter hoch, fast drei Meter dick und gespickt mit Wachtürmen, Meilenkastellen und großen Garnisonen. Sie ist ein militärisches Bollwerk, aber auch eine Art antike Zollstation. Wer aus dem Norden nach Süden will, braucht eine Genehmigung. Klingt mühsam, aber für die Römer ist es besser als ständig plündernde Pikten in den Grenzstädten.

Der Hadrianswall bleibt für Jahrhunderte in Betrieb, bis die Römer irgendwann einsehen, dass sie Britannien ohnehin nicht halten können. Danach verfällt er langsam, die Steine werden für Bauernhäuser und Straßen verbaut, und irgendwann sieht er mehr nach Ruine als nach Grenzfestung aus. Aber heute ist er noch erstaunlich gut erhalten.

Der Mann und ich haben beide noch nie viel davon gesehen, also erkunden wir ihn. Oder versuchen es zumindest. Ein Spaziergang entlang der Mauer klingt in der Theorie fantastisch, aber in der Praxis ist es gar nicht so einfach. Parkplätze? Nur an den offiziellen, kostenpflichtigen Bereichen. Einfach irgendwo anhalten? Fehlanzeige. Also suchen wir eine Stelle, wo wir endlich ein Stück laufen können. Und was soll ich sagen? Diese Mauer ist beeindruckend. Breit, stabil und unfassbar präzise gebaut – und das alles ohne Maschinen. Ich stehe fassungslos davor und frage mich, wie viele Legionäre und Sklaven wohl geflucht haben, als sie die Steine schleppten. Wahrscheinlich alle.

Die Borders – Umkämpftes Grenzland

Während der Hadrianswall eine militärische Grenze war, haben die Borders – das Grenzgebiet zwischen Schottland und England – eine ganz andere Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg ist diese Region ein einziger Spielplatz für Kriege, Überfälle und Plünderungen. Hier verschiebt sich die Grenze ständig, je nachdem, wer gerade die Oberhand hat. Die Schotten? Die Engländer? Die Clans, die mal für die eine, mal für die andere Seite kämpfen? Niemand weiß es genau. Klar ist nur: Leben möchte man hier in der Vergangenheit lieber nicht.

Warum ist dieses Gebiet so umkämpft? Ganz einfach: Es ist fruchtbares Land, reich an Bodenschätzen und Handelsrouten. Wer die Borders kontrolliert, ist mächtig.

Im Mittelalter treiben hier die berüchtigten Border Reivers ihr Unwesen – Reiterbanden, die für niemanden außer sich selbst kämpfen. Heute würde man sie wohl als mittelalterliche Gangster bezeichnen. Sie stehlen Vieh, brennen Dörfer nieder und verschwinden wieder in den Hügeln. Namen wie Armstrong, Elliot oder Scott sind hier legendär – entweder als Helden oder als gefürchtete Banditen.

Erst mit der Vereinigung Schottlands und Englands 1707 beruhigt sich die Lage, aber bis dahin ist es ein wilder Ritt. Heute ist die Landschaft friedlich, grün und wunderschön – kein Vergleich zu früher. Während wir entlang des Hadrianswalls laufen, stelle ich mir vor, wie hier einst römische Soldaten Wache hielten, Pikten lauerten und Jahrhunderte später schottische und englische Krieger um dasselbe Stück Land kämpften. Heute sind es nur wir, ein paar Wanderer und eine beeindruckende Mauer, die noch immer standhaft die Geschichte bewacht.

Ein Roadtrip entlang der alten Grenze

Der Mann und ich fahren mit dem Auto quer an der alten Grenzlinie entlang, die uns mal nach England, mal nach Schottland bringt. Es ist eine witzige Erfahrung, denn es gibt nicht immer ein Schild, das uns mitteilt, wo wir gerade sind. Während auf den großen Straßen selbstverständlich riesige Schilder prangen – „Welcome to Scotland“ hier, „Welcome to England“ dort – verschwinden sie auf den kleinen Straßen oft völlig. Ich frage mich, ob wir uns gerade in England oder Schottland befinden, während der Mann nur trocken meint: „Ist doch egal, solange wir nicht zurück in den römischen Grenzbereich kommen.“ Sehr witzig.

Bamburgh Castle und Skelette: Eine Reise nach Northumbria

Ein Winterwochenende voller Abenteuer und Geschichte – genau das erwartete uns auf unserer Reise nach Northumbria. Anlass ist mein Geburtstag, und der Mann und ich haben beschlossen, mit dem Auto nach Bamburgh (spricht sich bamborra) zu fahren. Während er die Burg sehen will, die eine Rolle in den schottischen Unabhängigkeitskriegen spielte, habe ich einfach Lust, einmal eine andere Ecke Großbritanniens zu erkunden. Schließlich liegt die englisch-schottische Grenze nur wenige Kilometer weiter nördlich.

Eine Fahrt durch wechselnde Landschaften

Obwohl Winter, strahlt die Sonne am Himmel, und bei knapp 3°C ist es erstaunlich angenehm. Die Straßen sind ruhig, und wir genießen die Fahrt. Über Spean Bridge und Dalwhinnie geht es zur A9, dann um Edinburgh herum und entlang der Küste nach England. Mit jeder Stunde wandelt sich die Landschaft – von den schroffen Highlands mit schneebedeckten Gipfeln über sanfte Lowland-Hügel bis hin zur offenen Weite der Küstenregion Northumbrias.

Northumbria hat eine bewegte Geschichte. Einst eines der mächtigsten angelsächsischen Königreiche, war es ein Zentrum von Kunst und Gelehrsamkeit. Die berühmten Lindisfarne-Evangelien entstanden hier, bevor das Kloster von Lindisfarne von Wikingern überfallen wurde. Die Region wurde zudem immer wieder Schauplatz der Konflikte zwischen England und Schottland – und Burgen wie Bamburgh Castle spielten dabei eine Schlüsselrolle.

Bamburgh Castle – imposant, aber nicht ganz authentisch

Nach einer ausgedehnten Autofahrt erreichten wir schließlich Bamburgh Castle. Die Burg thront spektakulär auf einem Felsen mit Blick aufs Meer – ein beeindruckender Anblick. Doch drinnen machte sich eine leicht angestaubte Atmosphäre breit. Vieles wirkte rekonstruiert, was uns unweigerlich zur Frage brachte: Warum zahlen wir dem aktuellen Burgherrn eigentlich so viel Eintritt und Parkgebühren? Stolze Preise für ein Stück Geschichte!

Trotzdem machen wir das Beste daraus, gönnen uns einen Kaffee und einen sündhaft guten Brownie im Burg-Café und tauchen ein wenig in die Historie des Ortes ein.

Die Skelette von Bamburgh

Richtig spannend wird es aber in der Krypta von St. Aidan’s Church. Dort erfahren wir von den „Bamburgh Bodies“ – über 110 Skelette, die zwischen 1998 und 2007 südlich der Burg entdeckt wurden. Diese Menschen lebten im 7. und 8. Jahrhundert und stammten aus verschiedenen Regionen der Britischen Inseln und darüber hinaus. Ein faszinierender Beweis dafür, dass Bamburgh einst ein bedeutendes Zentrum für Handel und kulturellen Austausch war.

„Schon verrückt, dass sie das alles aus Knochen herauslesen können“, murmele der Mann, während er auf eine Stele mit Gesichtsrekonstruktionen einiger Skelette zeigt. Die Überreste sind heute in einem kunstvoll gestalteten Ossuarium beigesetzt, das wir durch ein kunstvoll geschmiedetes Gitter bewundern. Der lokale Schmied Stephen Lunn hatte es mit keltischen Knotenmustern und stilisierten Tiersymbolen verziert – ein Symbol für die Mischung aus angelsächsischer und keltischer Kunst. Die Atmosphäre ist ruhig, fast meditativ, und wir fühlten uns für einen Moment mit der Vergangenheit verbunden.

„Irgendwie krass“, meine ich. „Diese Menschen haben hier vor über tausend Jahren gelebt. Und jetzt stehen wir hier und schauen uns ihre Gebeine an.“

Ein perfekter Abschluss am Meer

Zurück in der Sonne lassen wir den Blick über das endlose Meer schweifen. Der Strand von Bamburgh erstreckte sich kilometerweit mit feinem Sand und Dünengras – ein krasser Kontrast zu den felsigen Buchten Schottlands. Diese Weite und Ruhe fühlten sich wie die perfekte Abrundung unseres ersten Tages in Northumbria an.

Fazit: Bamburgh Castle ist sehenswert, aber noch spannender ist das, was darunter verborgen war.

Aberdeen – Stadt der Widersprüche

Fünf Tage in Aberdeen reichen aus, um zu erkennen, dass diese Stadt voller Kontraste steckt. Auf den ersten Blick wirkt sie durch ihren grauen Granit und das oft düstere Wetter eintönig und kühl, fast steril. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt eine lebendige Café-, Restaurant- und Shopping-Szene, die dem Stadtbild eine überraschende Dynamik verleiht. Es ist eine Stadt im Wandel, eine, die nicht ganz weiß, wo sie hingehört – zwischen vergangenem Reichtum und einer ungewissen Zukunft.

Marishall College

Früher war Aberdeen das pulsierende Zentrum des Ölbooms. Man erzählte mir, dass man keine Straße entlanggehen konnte, ohne alle paar Meter jemandem im Anzug zu begegnen. Heute ist das anders. Die Industrie zieht sich zurück, und mit ihr verschwindet auch der sichtbare Wohlstand. Das merkt man nicht nur an der Atmosphäre, sondern auch an den Immobilienpreisen – laut einer aktuellen Studie sind die Hauspreise hier die niedrigsten in ganz Schottland. Ein Glücksfall für Käufer, aber eben auch ein deutliches Zeichen dafür, dass der Markt sich woandershin verlagert.

Grey Granite

Gleichzeitig gibt es in Aberdeen eine tief verwurzelte Tradition des Wissens. Die Universität, gegründet im 15. Jahrhundert, gehört zu den ältesten des Landes. Besonders spannend finde ich, dass hier Kriminologie studiert werden kann – eine Disziplin, die einen faszinierenden Einblick in reale Verbrechen gewährt. Viele Professoren engagieren sich aktiv im True-Crime-Spektrum, was Aberdeen einen modernen, intellektuellen Anstrich gibt.

Old Aberdeen, University District

Architektonisch hat die Stadt einige beeindruckende Gebäude zu bieten: die Cowdray Hall, das Marischal College, die Music Hall – alle aus massivem Granit. An sonnigen Tagen reflektiert der Stein das Licht auf eine fast silbrige Weise, aber an trüben Tagen verstärkt er nur die monotone Farbgebung der Stadt. Es gibt wenig Farbe, weder im Stadtbild noch oft im Wetter. Umso spannender sind die Street-Art-Murals im Banksy-Stil, die plötzlich aus dem Grau herausstechen und Aberdeen einen Hauch von Subkultur verleihen.

Street Art

Aberdeen ist ein Ort, den man erlebt haben muss. Ihre Gegensätze machen sie faszinierend – eine Mischung aus reicher Geschichte, intellektuellem Anspruch und einem Hauch von Melancholie. Ob ich hier leben wollte, weiß ich nicht. Aber als Reiseziel? Absolut. Ein Ort, der überrascht und irritiert – aber genau das macht ihn spannend.

ab ins Pub
William Wallace

Das Gefängnis am Meer – Ein Besuch in Peterhead Prison

Schottland ist ein Land mit einer dunklen und faszinierenden Kriminalgeschichte. Ich war an der Ostküste und habe mir eines der bekanntesten und berüchtigtsten Gefängnisse des Landes angesehen: das Peterhead Prison, oft als Scotland’s Alcatraz oder Scotland’s Gulag bezeichnet. Teil meiner Recherche für das neue Buch in der Highland Crime Serie.

Ein Ort voller Geschichten

Das Gefängnis liegt direkt an der Küste von Peterhead, einer Stadt mit langer Seefahrtsgeschichte. Ursprünglich wurde es gebaut, um billige Arbeitskräfte für den nahegelegenen Admiralty Yard zu haben, ein strategischer Stützpunkt der Royal Navy. Die Häftlinge wurden jedoch nicht – wie oft angenommen – für den Hafenbau eingesetzt, sondern ausschließlich für Zwangsarbeit im Steinbruch.

Zwischen 1890 und 1956 wurde das Gefängnis gebaut, doch durch Kriege und die Weltwirtschaftskrise zog sich die Fertigstellung über Jahrzehnte hin. Es war das einzige schottische Convict Prison, ein Hochsicherheitsgefängnis für die härtesten Fälle, und es sah mehrere Aufstände, darunter den berühmten Rooftop Riot von 1987, der erst nach fünf Tagen durch das Special Air Service (SAS) beendet wurde.

Düstere Einblicke in die Vergangenheit

Schon der Rundgang durch das Gefängnis war beklemmend. Mit einem Audioguide konnte ich mich frei bewegen – eine bittere Ironie in einem Ort, der genau das den Insassen verwehrte. Die winzigen Zellen, die Gänge mit den rostigen Gittern, der kahle Innenhof mit einem aufgemalten Fußballtor – als ob das hier jemals ein echtes Spielfeld gewesen wäre. Das Wort Strafraum bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Besonders bedrückend empfand ich die Außenkäfige für den Freigang. Karge, ummauerte Flächen, von Stacheldraht umgeben. Hier konnten sich die Insassen „an der frischen Luft“ bewegen – allerdings unter maximaler Kontrolle.

Ich entdeckte Zellen mit künstlichem Blut, die an vergangene Verbrechen erinnerten, sah selbstgebastelte Waffen und originale Dokumente, die die Geschichte dieses Ortes erzählten. Die Strafen waren brutal: Gefangene wurden mit einer speziellen Peitsche ausgepeitscht, die das Fleisch aufriss. Das Gerüst, an das sie dafür gebunden wurden, existiert noch immer.

Und dann stand da ein Klavier. Ein Relikt aus einer Zeit, in der Musik vielleicht die einzige Möglichkeit war, dem monotonen, erbarmungslosen Gefängnisalltag zu entfliehen. Ein surrealer Anblick zwischen all der Kälte und Gewalt.

Kein Ort zum Verweilen

Am Ende meines Rundgangs kam ich in ein modernes, gemütliches Café. Der Kontrast hätte nicht größer sein können – aber ich hatte keinerlei Lust, mich hinzusetzen, einen Kuchen zu essen oder Kaffee zu trinken.

Es war ein Gefängnis.

Ich wollte einfach nur raus.