Gelbe Seiten

Gelbe Seiten sind im Hochland ein echter Anachronismus.

Einmal im Jahr kommt ein Mann in einem Auto. Verschämt, fast schon heimlich, nähert er sich den Häusern und wirft die Gelben Seiten in die Postkästen. Es macht den Eindruck als sei er froh, wenn man ihn nicht bemerkt.

Ich war in der Küche als er auftauchte und die Tür war offen, so wie sie es immer ist im Sommer am Meer, damit der Wind die Feuchtigkeit aus den Wänden nimmt.

Scheu übergab mir der Mann die Gelben Seiten und schlich mit einem unverständlichen Gemurmel von dannen. Ich stand mit meinen Gelben Seiten da und dachte, gut, dann weiss man, wo man anrufen muß, wenn man mal einen Handwerker braucht.

Natürlich eine dämlich deutsche Denkweise.

In den Highlands ruft man nicht einfach so jemanden an.

Hat man beispielsweise einen verstopften Abfluß und braucht einen Installateur, dann ruft man nicht einen Installateur aus den Gelben Seiten an sondern einen Mann, der weiß, welchen Installateur man anrufen könnte. Weil der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte aber nicht zu Hause, verbringt man die nächsten dreißig Minuten im Gespräch mit seiner Frau.

Der Rückruf des Mannes, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, dauert. Bis zu drei Tage. Dann trägt man ihm das Problem vor (der Abfluß ist immer noch verstopft) und er verspicht über das Problem nachzudenken. Das dauert drei weitere Tage. Man darf ihn aber keinesfalls durch einen weiteren Anruf (was ist jetzt?) beim denken stören. Irgendwann ruft dann der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, an und gibt einen Namen weiter. Dazu eine Telefonnummer und einen weiteren Namen, auf den man sich berufen kann. Sonst zahlt man den Preis, den Ferienhaus besitzende Engländer bezahlen.

Dann wartet man mindestens drei weitere Tage, um nicht den Anschein von Dringlichkeit zu erwecken (der Abfluß ist immer noch verstopft) und ruft schließlich den Installateur an. Der ist nicht da, Gott sei Dank seine Frau auch nicht. Dann hinterlässt man seine Nummer und sein Anliegen und den Kontaktnamen auf seinem Anrufbeantworter und beginnt auf einen Rückruf zu warten. Das kann Wochen dauern. Der Abfluß ist immer noch verstopft

In der Zwischenzeit darf man aber (weil man vielleicht langsam die Geduld verliert) keinesfalls einen anderen Installateur aus den Gelben Seiten anrufen.

Nach einer Woche ruft der Installateur zurück und man schildert das Anliegen, ohne den unhöflichen Eindruck von Dringlichkeit zu erwecken. Der Installateur brummt ein wenig und macht dann den Vorschlag nächste Woche vorbei zu kommen. Genauer werden Termine hier selten gefaßt. Man muß also gefaßt sein, eine Woche lang.

Es kann aber immer etwas dazwischen kommen.

Während ich auf den Installateur warte, lerne ich die praktischen Seiten der Gelben Seiten kennen. Man kann mit ihnen Möbel unterlegen, ein Feuer entzünden und man kann sie in den Recycling Müll werfen. Nutzen würden sie nur Menschen, die keine Geduld haben.

Keine Einheimischen also.

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