NEU: Das Taschenbuch zum Blog

Nellie Marthe Erkenbach

Das Taschenbuch zum Blog

Dear Reader,

it is a truth universally acknowledged

…dass manche Dinge länger dauern als man möchte aber nun ist es endlich so weit. Das Taschenbuch ist veröffentlicht und ab sofort beim Amazon verfügbar.

Einfach hier klicken….Abenteuer Highlands

Abenteuer Highlands: Mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland

Taschenbuch: 241 Seiten

Verlag: Independently published (28. Juli 2018) by Kindle Direct Publishing/Amazon

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 1980806314

ISBN-13: 978-1980806318

Größe: 12,9 x 1,4 x 19,8 cm

Preis: 11,76 €

Das eBook zum Blog

Nellie Merthe Erkenbach

Das Buch zum Blog

Abenteuer Highlands- mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland ist ab sofort als eBook bei Amazon und Kindle erhältlich!

Für Schottlandliebhaberinnen, Hobbyaussteigerinnen und alle Frauen, die sich den Sinn für die kleinen Alltagsabenteuer bewahrt haben.

Kann man zwei gänzlich unterschiedliche Leben leben? Eines in der großen, weiten, atemberaubenden Wildnis und eines inmitten des Medientrubels in Deutschland und überall auf der Welt? Eines voller Hektik und Termindruck als Fernsehjournalistin und eines zurückgezogen und einsam, gemeinsam mit „dem Mann“ im schottischen Hochland?

Ich kann. Und ich genieße beides in vollen Zügen.

Rio, Moskau, Paris – ein schnelles Hochglanzleben. Klingt wie eine Haarspraywerbung, ist aber spannend und abwechslungsreich. Immer am Puls der Zeit. Unabhängig. Aufregend. Bis mich das Schicksal in eine gänzlich andere Welt katapultierte, weit in den Norden, ans Meer, genau dahin, wo das schottische Hochland am einsamsten ist. Hier sind die Menschen noch einen kleinen Tick anders. Und das Leben Lichtjahre entfernt von dem, was man kennt. Dann werden Dinge, die bis eben noch selbstverständlich schienen, auf einmal ganz und gar abwegig und die abwegigsten Dinge ganz und gar selbstverständlich – das tägliche Leben ein einziges Abenteuer.

Von Schafen, Schotten und anderen Heimsuchungen, mein etwas anderes Hochlandleben, mein Abenteuer Highlands.

 

Moorleiche

Ja, ich bin schon ein paar Jahre Teilzeitschottin und ich hege den festen Glauben, alle Fallen zu kennen, die dieses wunderbare Land Fremden zu stellen in der Lage ist.

Wenn ein Blogpost so beginnt, dann weiß der geneigte Leser selbstverständlich, was nun folgt…

Ja!

Pustekuchen!

Ich bin reingefallen.

Aber der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt wie so oft ganz harmlos und mit einem gar nicht so dummen Gedanken.

Der Winter hält das Land fest im kalten Griff. Eis und Schnee machen das Wandern zu einer Rutschpartie. Ganz oft fließt hier das Wasser von den Bergen die Wanderpfade entlang. Wie das bei Eis aussieht, kann man sich vorstellen.

Als denke ich: Besser nicht rauf auf die Berge oder ab von der Straße. Ich gehe auf eine kleine Fototour auf einer wenig befahrenen Sackgasse entlang eines Meeresarms. Alles sicher geteert. (1)

Ein, zwei Stunden laufen, die Stille genießen, den weißen Winterberge entgegen, vor mir das Meer und die Sonne glitzert im Eis. Und die Kamera bereit, das alles einzufangen.

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt bin ich am Parkplatz angekommen und beginne mich einzumümmlen. Ist das kalt aber sooooo schön. Atemberaubend. An sonnigen Tagen sind die Highlands im Winter fast noch schöner als im Sommer.

Klick. Klick… ich kann gar nicht mehr aufhören. Und dabei bin ich noch nicht einmal richtig losgelaufen. Gerade mal 150 Meter vielleicht. Dieses Panorama!

Ich mache einen Schritt von der Straße weg, um die vereisten Zweige besser in den Bildvordergrund zu bekommen.

Ich fokussiere und…

…aaahhhhh sinke mit meinem rechten Bein urplötzlich ein. Bis weit übers Knie. Und dann gibt das Eis unter dem linken Bein nach. Ich reiße die Kamera nach oben, halte sie weit über dem Kopf und sehe vor meinem inneren Auge eine 300 Jahre alte Moorleiche mit einer altertümlichen Spiegelreflexkamera in der Hand, wie sie 2318 von schottischen Paläanthropologen ausgegraben und untersucht wird.

Ich will nicht ausgegraben und untersucht werden. Auch nicht in 300 Jahren. Also versuche ich mich unter Sicherung der Kamera wieder rauszukämpfen aus dem Loch, in das ich eingebrochen bin. Nur 30 cm neben der Straße. Aber dramatische 65cm tief.

Ich schaffe es irgendwie und stehe triefend am Straßenrand. Wasser läuft aus den Schuhen und der Hose wie aus einer Wasserleiche bei der Bergung. Und irgendwie fühle ich mich auch so.

Die Algen haben sich schon wieder über der Falle zugezogen. Ein tiefer, Wasser führender, überwachsener Graben. Zugefroren. Eigentlich nicht zu erkennen.

Da triefe ich nun bei -3°C. Im Fernsehen schauen der Mann und ich oft Life Below Zero. Aussteiger in Alaska. Die erklären fast in jeder Folge, wie gefährlich es ist, in der Kälte ins Eis einzubrechen. Man stirbt unweigerlich, wenn man sich nicht sofort auszieht und ein Feuer macht.

Davon sehe ich zunächst mal ab. Die Postfrau, die hier auf ihrer Runde ist, würde das zu Recht etwas befremdlich finden.

Ich laufe Richtung Auto. So kann ich ja wohl nicht weiter gehen.

Aber wenn ich schnell laufe?

Nein, lieber wieder zurück und raus aus den nassen Klamotten.

Aber dann bin ich anderthalb Stunden umsonst gefahren!

Aber es ist so kalt, dass selbst das Meer zufriert!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Mir wird klar, dass ich mich seit Minuten auf einem Straßenstück von 5 Metern in eine Richtung bewege, anhalte, umdrehe, anhalte…

Ich gebe mir einen inneren und äußeren Ruck und laufe los. Unterwegs friert mir der nasse Teil der Hose ein. Das macht ein lustiges Geräusch beim Laufen. Als wäre sie aus Pappe.

Aber solange ich schnell gehe, ist mir nicht kalt und auch das Quietschen der Schuhe wird bald leiser.

Nur die Knie tun mir weh, die habe ich mir bei meinem Grabenunglück aufgeschürft. Ich sehe aus wie ein Fünfjähriger, der vom Spielplatz kommt.

Aber lieber das, als auszusehen wie eine 300 Jahre alte Moorleiche mit Kamera.

***

(1) Bei geteerten Straßen fällt mir ein, meine Großeltern nannten das manchmal noch Makadam. Kommt, wie ich jetzt weiß, von MacAdam , John MacAdam. Schotte natürlich. Aus Dumfries.

 

ich, er und das wir

Der Mann verwirrt mich gelegentlich. Möglicherweise geht das vielen Frauen so. Ich, er und wir sind eigentlich klare Referenzpunkte. Eigentlich. Denn das schottische we ist alles andere als nur wir.

Es hat Jahre gedauert, bis ich mich an die schottische Eigenheit gewöhnt habe, niemals etwas klar und präzise auszudrücken. Die Schotten lassen immer Spielraum für Interpretation. Ein klares ja oder nein ist in den Highlands fast unmöglich zu erhalten. Echt kompliziert für eine Deutsche.

Hast du Hunger?                    Wenn du etwas essen möchtest.….

Also ja??                                      Ganz wie du willst….

Aber was willst du?             Mir egal.

Facepalm

Vielleicht liegt es ja daran, dass es im Gälischen kein ja und kein nein gibt. Man umschreibt, bleibt vage, legt sich nicht fest. Das muss sich in die Gene eingebrannt haben in den Highlands.

Problem ist nur, meine Gene funktionieren deutsch also mit ja und nein. Klare Ansagen sind das A und O beim Fernsehen, meinem Job, wenn ich nicht in Schottland bin. Hier gibt es keine klaren Ansagen.

Also interpretiere ich.

Kontext ist alles!

Ganz besonders schlimm ist es beim „wir“. Denn wenn der Mann wir sagt, dann kann das alles Mögliche heißen: ich, du, er, sie es, wir, ihr, sie, die Schotten, irgendjemand, keiner, ich weiß nicht wer…

 

Die Wir-Variationen:

„Wir müssen dringend das Loch im Dach reparieren.“

wir = irgendjemand und irgendwann

„Wir müssen die Union verlassen.“

wir = die Schotten, am besten sofort und keinesfalls irgendwann

„Wir brauchen dieses Computerkabel.“

wir = ich und entspricht in diesem Falle dem deutschen „Ich brauche neue Schuhe.“

Das undefinierte „wir“ funktioniert auch in Fragen:

„Brauchen wir das wirklich?“

wir = du. Die Antwort ist in diesem Falle zu 90% nein.

Und was das schottische „we“ ganz besonders komplex macht: Es hat nicht zu tun mit dem inflationär gebrauchten schottischen „wee“. Das heißt klein. Aber das wenigstens immer. Den Unterschied aber hört man kaum.

We need a wee screwdriver. = Ich brauche einen kleinen Schraubenzieher.

Der Mann nennt es das Royal We. Pluralis Majestatis.

Wir finden das ein wenig übertrieben. Aber nur ein kleines bisschen.

 

 

 

…. und es wird ein Buch

Liebe Follower,

ja ich weiß, es ist schon ein Weilchen her, dass ich über mein Abenteuer in den Highlands geschrieben habe. Ich lebe es immer noch, keine Sorge. Ich war nur ziemlich damit beschäftigt, meine Erlebnisse für einen namhaften Verlag in Deutschland in Buchform zu bringen. Das Werk sollte eigentlich Anfang 2018 veröffentlicht werden. Doch der Verlag hat die Reihe zwischenzeitlich eingestellt und den Vertrag aufgelöst.

Da saß ich nun mit einem fertigen Manuskript und der Aufwandsentschädigung, mit einem Buch aber ohne Verlag. Und dabei hat der Mann mir doch die großartige Schreibhütte mit dem wunderbarsten Blick der Welt gebaut.

Ich war enttäuscht aber wenn ich etwas in meinem zweiten Leben in Schottland gelernt habe dann das: es gibt zur Not immer einen anderen Weg.

Deshalb habe ich entschieden, das Buch im Selbstverlag bei Amazon zu veröffentlichen. Gerade bin ich wieder in den Highlands und arbeite daran. Nein ich kämpfe darum, denn die Winterstürme sorgen für Stromausfall, die Feiertage für das Ausbleiben des Ölllasters (ein paar Tropfen sind noch im Tank für die Heizung) und die Forstarbeiter haben bei den Fällarbeiten das Breitbandkabel zerstört (kein Internet).

Ich denke an William Wallace und will mir Mel Gibson gleich blaue Farbe ins Gesicht schmieren, um Breitschwert schwingend gegen alle Widrigkeiten der Welt anzureiten.

Ich hab kein Pferd!

Aber hoffentlich bald ein Buch…..

 

Horden mit Hammer

Clearance Villages Walk (33)Man sollte in den Highlands immer mit allem rechnen aber mit Hammer-Horden in der Einsamkeit???

Um all den verständnislosen Lesern beim kryptischen Eingangssatz hilfreich zur Seite zu springen: ich war wandern auf der Isle of Skye. Natürlich wieder ein Abenteuer.

Es war ein trüber Tag, der Trockenheit versprach, was diesen Sommer nun schon ein Grund ist, sich in die Natur zu stürzen. Wärme wird allgemein überbewertet. Ich hatte die Sommerstrickmütze dabei.

Clearance Villages Walk (64)Die Tour führt über 17 Kilometer vorbei an einem ehemaligen Marmor-Steinbruch samt Transportbahnlinie zu zwei verlassenen Dörfern. Es kommt mir fast so vor, als könnte ich noch die Schläge der Hämmer hören, mit denen der edle Marmor ausgelöst wurde. Vielleicht von drüben, dem heutigen Marmorsteinbruch.

Kaum habe ich auf dem schmalen Pfad die Gruppe schwatzender Französinnen samt ihrer schweigenden Ehemänner überholt habe, kann ich endlich in die grandiose Kulisse eintauchen und über die traurige Geschichte all jener nachdenken, die einmal das Privileg hatten, hier zu leben.

Clearance Villages Walk (4)

Clearance Villages Walk (42)Bauern, die 1852 brutal aus Boreraig und Suisnish vertrieben wurden. Grundbesitzer Lord MacDonald ließ ihre Häuser niederbrennen, er brauchte das Land, damit die Schafe ungestört grasen konnten, im 19. Jahrhundert eine sprudelnde Geldquelle. An den armen Bauern ließ sich dagegen nichts verdienen und damit war klar, wessen zuhause der schöne Landstrich im Südwesten der Insel künftig nicht sein würde.

Clearance Villages Walk (24)In Boreraig standen einst 12 Steinhäuser und 15 Stallgebäude, heute nichts als Ruinen im wilden Grün.  Ich setze mich auf eine alte Steinmauer, vielleicht die Wohnzimmerwand einer jungen Familie, vielleicht die Stallmauer eines angesehenen Altbauern und schaue den Schafen zu, die wie weiße Eroberer ihren Dschungel abgrasen.

Clearance Villages Walk (31)Aus der Ferne klingen wieder Schläge zu mir herüber. Als ob jemand gegen Steinwände hämmert. Ich kann aber nicht erkennen, wo und wer. Die Geister der vertriebenen oder die Geister der Vertreiber?

Clearance Villages Walk (39)

Inzwischen haben mich die Franzosen wieder eingeholt. Die Madames schwatzen immer noch. Ihre Männer schweigen und prüfen die Route auf der Karte um dann ihre redseligen Gefährtinnen aus meiner Hörweite zu geleiten.

Die Hammerschläge haben aufgehört und auch ich wandere weiter.

Die beiden Dörfer verbindet ein schmaler felsiger Pfad, der die Klippen entlang führt. Ein paar Meter unterhalb von mir steht ein zerzaust aussehender junger Mann und schwingt einen Hammer. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Dann sieht er mir halbwirr in die Augen, dreht sich um und verschwindet zwischen den großen Felsbrocken.

Ein Hammermörder? Versteckt er sich, um besser attackieren zu können? Drüben ist noch jemand…hat der auch einen Hammer?

Clearance Villages Walk (46)Unheimlich, vor allem hier in der Einsamkeit.

Clearance Villages Walk (47)Ich erreiche das nächste verlassene Dorf, kurz nachdem ich die Franzosen wieder überholt habe. Die Frauen reden immer noch. Sie beherrschen die Kunst der Sätze ohne Punkt und Komma wie einst nur Dieter Thomas Heck. Ihre Männer haben das schweigende Nichtzuhören wohl über viele Jahre hinweg perfektioniert.

Eine halbe Stunde später höre ich wieder Hammerschläge.

Ist das hier das internationale Treffen der Hammermörder oder was? Jetzt sehe ich junge Frauen an einer Felswand hoch über mir. Hämmern die?

Clearance Villages Walk (11)

Dann taucht vor mir noch eine junge Frau mit einem riesigen Hammer auf.

Ich spreche sie an doch sie antwortet nicht.

Ich versuche es nochmal.

Sie nimmt ihre Ohrstöpsel raus und sieht mich freundlich an.

Entschuldigung aber warum läuft denn hier jeder mit einem Riesen Hammer rum, frage ich mit respektvollen Blick auf das mörderische Teil.

Oh sagt sie, wir sind Geologie Studenten. Wir sind auf Exkursion.

Aha, also kein Mördermeeting im schottischen Hochland sondern Wissenserweiterung mit dem Werkzeug der Steinexperten. Daher die Horden mit Hammer.

Dann schließen die Französinnen wieder zu mir auf.

Sie reden noch immer.

Hätte ich einen Hammer, ich schwänge ihn wild über meinem Kopf und vertriebe sie so gnadenlos wie einst Lord MacDonald seine Bauern.

Auld Alliance hin oder her! Ich wollt ich wär noch Student!

Clearance Villages Walk (8)

 

 

 

Neulich an der Tanke oder wie ein Butterbrot alles zum Stillstand brachte

Ich wünschte ich hätte mein Smartphone dabei gehabt, um Fotos zu machen. Aber ich hatte es nicht dabei und deshalb muss diese Geschichte ohne das wichtigste Bild auskommen. Ich war einfach nicht darauf gefasst, die Butterbrotaffäre für den Blog festzuhalten zu müssen.

Black Isle (1)Vor einigen Tagen war ich unterwegs auf der Black Isle, der schwarzen Insel, die weder schwarz noch eine Insel ist und mit all der großflächigen Landwirtschaft ziemlich deutsch anmutet. Die kleinen Dörfer hübsch, eine solche Blütepracht in den Vorgärten sieht man nicht oft in den schottischen Highlands.

Schön, denke ich. Jetzt nur noch irgendwo tanken und dann ab nach Hause.

Es dauert nicht lange, da finde ich eine Tankstelle. Was sich aus meiner Richtung anfühlt wie im Nirgendwo entpuppt sich bald als eine Art Autohof an der A9, der zentralen Verkehrsader von Inverness in den Norden.

Ich steige also aus und tanke, während ich einem holländischen Paar dabei zusehe, wie sie mehrfach die Tankstelle umfahren, im Versuch eine Säule auf der richtigen Seite des Benzintanks an ihrem Wagen zu finden. Ich stehe also so da (hier haben die Stutzen den Arretierbolzen nicht, mit dem man den Wagen tanken kann, ohne dass man die ganze Zeit daneben stehen muss) und versuche die Holländer zu ignorieren.

Ein älterer Herr läuft durch mein Blickfeld. Er hat schütteres, leicht gelocktes grau-weißes Haar, trägt eine sandfarben Bundfaltenhose und ein Poloshirt in einem ausgewaschenen Himbeerton über dem Wohlstandsbauch. Im Gesicht trägt er ein Lächeln das ganz klar sagt: „Jetzt schau mal, was ich gleich mache!“

Er nickt mir zu als wären wir beide in einer Art „Inner Circle“ derer, die wissen, wie man tankt, dabei hab ich nirgendwo ein Auto gesehen, das zu ihm gehören könnte.

Noch einmal wirft er mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu, ehe er im Innern der Tankstelle verschwindet.

Ich hänge den Tankstutzen ein und freue mich, dass es den Holländern endlich gelungen ist, nun auch den Tank ihres Autos in die Nähe einer Säule zu bringen und gehe zum Bezahlen.

Die Tankstelle ist so eine Art 3 in 1 also Tanke, Shop und Imbiss mit Sitzgelegenheiten. Hinter der linken Kasse steht eine sehr untersetzte Mittfünfzigerin mit unbestimmter Haarfarbe aber bestimmter Stimme. Sie kassiert gerade einen der Truckfahrer ab, der in einem ölverschmierten Hosenanzug nach der Tankkarte kramt. An der Kasse nebenan ist ein junges Mädchen mit Eifer beim Ferienjob wie es aussieht.

Vor mir steht der Mann, der auch hier drin noch immer diesen Ausdruck im Gesicht hat.

Er winkt mich nach vorne. „Jetzt schau mir mal zu!“ sagen mir seine Augen. Er lehnt sich leicht nach hinten, als wolle er Anlauf nehmen für einen Hochsprung über die Zweimetermarke.

Die ältere der beiden Kassiererinnen ist mit dem Lasterfahrer fertig und blickt mit einem Oh-nein-nicht-der! in den Augen dem Mann entgehen. Dann schickt sie das Mädchen ins Verderben.

„Kannst du dich bitte um den Herrn hier kümmern, Sheila?“

Sheila lächelt ahnungslos und freundlich den Mann an, der nun seinen großen Moment hat.

„Brot und Butter!“ sagt er als sei er Cäsar und weist mit der Gestik eines Operntenors ohne Orchester ins weite Rund der Schokoriegel und Instantsuppen.

„Brot und Butter!“ sagt er noch einmal als seien es seine Spiele.

Dann schaut er mich wieder an und seine Augen sagen „Schau nur, ich muß mich nicht bewegen. Ich kann einfach was bestellen und die müssen rennen. Ich bin hier Kunde und ich bin König!“

Hinter dem nonverbalen König stehen drei Ausrufezeichen.

Er winkt mich nach vorne während er auf sein Brot und seine Butter wartet.

Das Mädchen scheint leicht überfordert mit der Situation aber bemüht um Freundlichkeit setzt sie sich in Bewegung. Der König deutet nur und bewegt sich nicht vom Fleck.

Ich bezahle und versuche nicht zu grinsen.

Dann auf einmal, bricht hinter mir die große Diskussion aus, in die sich nun auch meine Kassiererin einschaltet.

Das doch nicht!“

„Ich sagte Brot und Butter!“

„Aber…?!“

Ich drehe mich um und sehe das Mädchen dem Mann neben mir einen Teller entgegen strecken, mit einem liebevoll geschmierten Butterbrot aus dem Imbiss-Teil des Autohofs darauf. Der Mann, der eigentlich ein Brot und eine Butter aus dem Ladenteil der Tanke haben wollte, sieht sich hilflos dem schmählichen Brotverrat ausgeliefert

Butterbrot statt Brot und Butter. Im Schottischen ein und derselbe Ausdruck. In einer Tanke mit Shop und Imbiss aber zwei grundverschiedene Dinge.

Hätte ich nur mein Smartphone dabei gehabt. Ich hätte ein Foto vom eitlen König gemacht, hilflos im Angesicht des Butterbrotversagens seiner Untertanen im Autohof.

Was wäre das für ein Post geworden!

 

Cullen Skink

Iona, Isle of Mull (54)Ja, Cullen Skink gehört zu den Gerichten schlechthin in Schottland: Fischsuppe.

Irgendwie fand ich schon immer, daß das nicht sonderlich appetitlich klingt. Es reimt sich schließlich (mit etwas Mühe) auf stinkt. Aber wo kommt er her?

Die erste Hälfte ist einfach. Cullen kommt vom gleichnamigen Fischerort am Moray Firth.  Hier gibt es große Schellfischvorkommen, also hat man sich in den dortigen Suppenküchen auch Rezepte mit Schellfisch einfallen lassen. Und dieses ist wahrlich herrlich cremig. Der englische Begriff „comfort food“  (damit ist die Seele wärmende einfache Hausmannskost gemeint) ist wie für Cullen Skink gemacht.

Doch was bedeutet der zweite Teil des Namens? An einer Erklärung haben sich einige Kolleginnen versucht.

Die Zeitung der Guardian glaubt, „skink“ könnte vom Mittelhochdeutschen Begriff für ein schwaches Bier oder dem deutschen Wort „Schinken“ abgeleitet sein. Eine eher unwahrscheinliche These, in die Suppe kommen weder Bier noch Schinken und warum sollten sie der schottischen Suppe einen deutschen Namen geben?

Wie die Kollegin vom Guardian (Oxford) hat auch die Journalistin der New York Times ein Wörterbuch (Webster) benutzt und diskutiert einen griechischen Ursprung, das Wort „skink“ bedeute Eidechse. Eidechsen kommen allenfalls in Hexensuppen aber nicht in Cullen Skink.

Wie so oft im Leben ist die Wahlt des richtigen Wörterbuchs entscheidend.

Zieht man nun den Concise Scots Dictionary zu Rate findet man als dritte Bedeutung des Worts „skink“ „to crush something soft, squash by weight or pressure“ also etwas Weiches zerdrücken und genau das tut man mit den gekochten Kartoffeln. Rätsel gelöst!

Ich bin kein großer Fischsuppenfreund aber es ist nun mal ein klassisches Gericht in den Highlands. So wie bei uns Schäufele oder Sauerbraten, klingt ja auch nicht so richtig lecker, wenn man mal darüber nachdenkt.

Loch Maree (12)Also Cullen Skink – der Mann liebt Fischsuppe und der Fischmann bringt den Schellfisch frisch an die Haustür.

Aber darf man sich als Ausländer ans Nationalgericht wagen?

Und wenn ja, dann wie?

Ich recherchiere im Internet. Es gibt so ungefähr eine Million Cullen Skink Rezepte, Jamie Oliver, Gordon Ramsay, Rick Stein, BBC Good Food alle Fernsehköche der Insel haben ihre eigen Version gekocht.

Ja, auch heute noch kochen die Hausfrauen im schottischen Hochland diese köstliche Suppe. sagt ein anderes Rezept.

Jamie Oliver, die Hausfrauen und ich….

Sconser to Raasay (2)Ich traue mich und beschließe mit ein zwei Änderungen (Weißwein + Crème fraîche) dem ganzen eine persönliche Note zu geben, die der kochenden Fernsehjournalistin im Hausfrauenurlaub.

Ich hab den Mann noch nie so schnell essen sehen. Und ich, die ich gar keine Fischsuppe mag, hätte mich reinlegen können.

That was superb…  for a German.. Der Mann grinst bis über beide Ohren und kratzt das letzte bisschen Suppe aus dem Teller.

Jetzt warten wir beide, bis endlich wieder Mittwoch ist, dann kommt John der Fischmann. Der hat immer frisch geräucherten Schellfisch dabei: Cullen Skink time!

Ich muß schließlich im Training bleiben, am 22. November 2015 finden die 4. Cullen Skink Weltmeisterschaften statt. Natürlich im Cullen Bay Hotel an der Ostküste. Der Weltmeistertitel wird in zwei Kategorien verliehen, traditionell und mit einem spannenden Kick.

Ich überlege. Da muss mehr her, als Weißwein und Crème fraîche für einen Sieg.

Also Cullen Skink à la Ba-Wü mit gerösteten  Maultaschenstreifen.

Wir Deutschen wissen schließlich wie man Weltmeister wird.

Der Titel ist mir sicher!

Loch Duich view (58)

 

Mein Cullen Skink Rezept (noch traditionell)

2 geräucherte Schellfischfilets

2 Frühlingszwiebeln

4 mittelgroße Kartoffeln (weichkochend)

500ml Fischfonds

150 ml Milch

1 EL Crème fraîche

Butter

Ein Schuss trockenen Weißwein

Pfeffer, Salz

Frischer Schnittlauch für Deko

Den Fisch in eine Pfanne legen und mit kaltem Wasser übergießen, er muß ganz bedeckt sein. Dann auf mittlerer Flamme aufkochen, wenn er kocht ist er fertig. Die Filets aus der Pfanne nehmen und beiseite stellen. Mit dem Sud und zusätzlichem Wasser die Kartoffeln kochen.

Frühlingszwiebeln klein schneiden und mit etwas Butter andünsten, mit Weißwein ablöschen und den Fischfonds zugeben.

Die gekochten Kartoffeln schälen und 1/3 in den Zwiebelsud geben, 1/3 des gekochten Fischs (vorher genau auf Gräten untersuchen) ebenfalls zugeben, dann alles mit dem Pürierstab klein machen. Milch und Crème fraîche unterrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Die restlichen Kartoffeln und den restlichen Fisch grob zerkleinert in die Suppenschüsseln geben, die heiße Suppe darauf gießen und mit Schnittlauch bestreuen.

Dazu Knoblauchbrot servieren.

Fischsuppen-WM in Schottland

 

Fernseh-John statt Fernseh-Frust

Die Tage sind kurz, das Dunkel lang und die Schottischen Highlands sind im Winterschlaf. Alles hat zu, das Wetter spielt verrückt, man bleibt am besten zu Hause.

Aber was macht man dann?

darkness descendng

Fernsehen!?

Ich brauche keinen Fernseher, um mich zu beschäftigen. Das liegt vielleicht zum einen daran, dass ich beim Fernsehen beschäftigt bin (also fernsehen irgendwie arbeiten ist), zum anderen gibt es aber auch so viele Bücher, die man lesen könnte.

Aber natürlich sehen auch wir fern, zumindest versuchen wir es, denn das TV Programm hier auf der Insel ist so, dass man sich fast wieder Stromausfall wünscht.

Die Soaps laufen seit Jahrzehnten und da ist einsteigen schwer, selbst wenn man wollte. Aber wer würde wollen? Ich hab spaßeshalber mal die neue Serie auf BBC Alba versucht. Leider auf Gälisch und deshalb ganz und gar unverständlich.

Selbst die BBC Dokumentationen haben inzwischen nur noch begrenzten Charme, weil man den Moderator/die Moderatorin mehr im Bild sieht, als das Thema.

Bleiben Filme.

Ist es eigentlich legal, Filme in zweistelliger Höhe zu wiederholen??

Seit Jahren wird Rocky I und II und II und IV und V rauf und runter wiederholt, gerade sind wir wieder bei vier. Kommt kein Sylvester Stallone kommt Ocean’s Thirteen. Oder ein Kriegsfilm mit bösen Deutschen, die einen seltsamen Akzent haben.

Also sind wir auf DVD umgestiegen. Natürlich auch aktuelle Sachen aber unser Highlight ist fast 20 Jahre alt.

Wir lieben Hamish Macbeth, alle 19 Folgen. Eine humorvolle Dramaserie mit Robert Carlyle (Trainspotting und James Bond) als nettem Polizisten in idyllischer schottischer Kleinstadt mit jeder Menge schräger Charaktere am schönen Lochdubh (sprich: Lochduhh). Unser Clou, die surreale Serie spielt genau hier in der Gegend.

Neben der Handlung verfolgen wir natürlich ganz genau die Handlungsorte.

Ist das die Straße, die links…?

Nein, das ist doch die, die hinauf zum….?

Dann muss natürlich wieder zurück gespult werden. Bis zum nächsten Ortswechsel kann man dann die Handlung verfolgen.

Plockton (3)

Vor allem in den Kneipenszenen wird Hintergrundanalyse betrieben.

Ist das soundso an der Bar hinten, das ist doch Dings, da mit dem weißen Strickpullover.

Nein, ist  es nicht?

Doch!

Also wieder zurückspulen und Standbild.

Die Serie stammt aus den 90ern, Freunde und Bekannte, die als Statisten auftauchen, sehen da natürlich noch anders aus. Sehr lustig.

Der Rest ist viel Karo, ein West Highland Terrier, Hochlandrinder und ein Assistent namens Fernseh-John, der Hellsehen aber weder lesen noch schreiben kann. Letzteres ist das Ungewöhnliche, denn er erledigt die Schreibarbeiten für Polizist Hamish Macbeth. Der wiederum ist mit seinen romantischen Verwicklungen beschäftigt und erledigt seine Fälle so im vorbeigehen.

Irgendwie ist alles genau so, wie sie hier wirklich sind und gar nicht so fiktiv, wie es den Anschein hat.

Plockton (1)

Fernseh-John heißt Fernseh-John, weil er der erste war, der am fiktiven Lochdubh ein TV-Gerät besaß. Wahrscheinlich hatte er auch fiktives Fernsehprogramm. Das war ganz bestimmt viel lustiger als das echte. Heute Abend kommt eine Dokumentation über Winston Churchhill.

Ich glaub wir werden wieder eine DVD einlegen.

 

 

vom Glück, Haare zu waschen

Gerade habe ich die Haare gewaschen. Was für ein Glücksgefühl! Ich möchte meine Schampoo-Flasche herzen, meine Spülung fest an mich drücken. Ich könnte föhnen, bis der Arzt kommt.

Endlich wieder Strom!

Daußen vor dem Fenster treibt der Schnee in Sturmböen über das Grau des Lochs, von der Bergen ist nichts mehr zu sehen.

20150109_18123224 Stunden ging hier gar nichts mehr. Kein Licht, keine Heizung, kein warmes Wasser, kein Telefon, kein Fernseher, kein Internet. Und wir waren nicht die Einzigen. 88.000 Haushalte waren ohne Strom. Ganz Schottland mehr oder weniger.

In dem kleinen Radio war nur noch ein Sender übrig, der Nachrichten empfangen konnte. Rund um die Uhr Berichterstattung über das Geiseldrama in Frankreich. Nur am Ende der Nachrichten wurden die gesperrten Brücken verlesen und die Liste der Schulen, die geschlossen hatten. Kein Wort darüber, wann wieder mit Strom zu rechnen sei. Statt dessen Live-Schalten zu Korrespondenten in Paris. Hat die BBC in London nicht mitbekommen, dass in Schottland Ausnahmezustand herrscht???

rot heisst kein Strom

rot heisst kein Strom

 

20150109_18041520150109_180724Der Mann hat den großen Campingkocher ausgepackt und ich hab Chicken Balti mit Basmatireis gekocht. Kein Naan-Brot weil kein Ofen. Bei Kerzenschein kochen ist gar nicht so einfach aber der Badische Grauburgunder hat geholfen.

20150109_181257

Am Abend sass der Mann verloren auf der Couch, ohne Facebook, Twitter oder Youtube. Ich hab mit Taschenlampe einen Krimi gelesen und kam mir vor wie mit 12 unter der Bettdecke. Der Mann dagegen kam sich vor wie im falschen Film.

Sie hatten den Sturm ja angekündigt, sie hatten gewarnt, man solle das Haus sichern, lose Teile befestigen, nicht Auto fahren, all die Dinge, die man beachten sollte, wenn der Strom ausfällt.

Ich weiß jetzt, warum hier alle immer über die BBC schimpfen. Weil sie uns, wenn es darum geht, wie man sich auf einen Sturm vorbereitet, die wahrhaft wichtigen Dingen nicht sagt: Brot backen, Videos aufs Tablet runter laden und so lange es warmes Wasser gibt unbedingt HAARE WASCHEN!!!

Man möchte meinen so was wissen die, bei der BBC.