dringende Bedürfnisse

Gestern war der Tag der dringenden Bedürfnisse.

Ich hatte seit Tagen das dringende Bedürfnis nach einem kleinen Ausflug: rumfahren, Landschaft genießen, fotografieren. Einfach mal raus und Schottland erleben. Das Wettergrau hatte mich bis gestern im Haus gehalten und noch in der Früh sah es eher trüb als ausflugsverlockend aus.

towards Applecross (1)Pünktlich zur Abfahrt aber kommt die Sonne aus den Wolken hervor, als wolle sie mich aus dem Haus locken in die grandiose Weite des schottischen Hochlands. Ich mache mich auf, ohne gefrühstückt zu haben. Ich habe nur einen Kaffee in der Warmhaltetasse, ich will zum Spar in Lochcarron, da gibt es die leckersten pieces weit und breit. Zwei Brötchen, eins mit Ei und Speck und eins mit Mayonnaisenei und Zwiebel im Gepäck, mache ich mich nach auf Applecross.

towards Applecross (5)

Es hat frische 8 Grad aber ich beschließe, daß es sicher ist, die Paßstraße zu nehmen. Die Umfahrung dauert gut eine Stunde länger. Der Bealach na Ba hat es in sich und die Warnhinweise sind nicht nur zum Spaß da. Wer also das dringende Bedürfnis nach Abenteuer hat….

towards Applecross (7)Sicher oben angekommen, hat es nur noch 4,5 Grad und das Auto blinkt Glättewarnungen. Doch die Straßen sind ok. Was für eine atemberaubende Gegend, weit und breit nur Einsamkeit und Steinwüste. Die schlichte aber überwältigende Größe der Torridon Berge. Weit und breit nichts, kein Baum und kein Strauch.

Kein Baum und kein Strauch!

towards Applecross (4)

Der Kaffee fordert Tribut und da ist einem als Frau so ein Baum oder ein Strauch schon ganz recht. Wer weiß, ob in der großen Einsamkeit nicht ausgerechnet doch im falschen Moment ein Auto vorbei kommt.

towards Applecross (8)

toilet ApplecrossWeil es nicht mehr weit bis Applecross ist, bleibe ich trotz Druck tiefenentspannt. Die öffentliche Toilettendichte ist hoch in den Highlands. Wo es Menschen gibt, gibt es Toiletten und die sind immer so gepflegt, dass man auch ohne Bäume und Sträucher leben kann, falls man mal ein dringendes Bedürftnis entwickeln sollte.

Apropos!

towards Applecross (2)Ich habe inzwischen Mörderhunger, es ist Mittag und die Brötchen sind noch unberührt. Die Straßen sind einfach nicht zum Essen gemacht. Wärend ich in Deutschland im Auto alles Mögliche tue (essen, trinken, telefonieren, schminken) geben einem die Straßen hier keine Chance; rauf, runter, enge Haarnadelkurven, einspurige Streckenabschnitte mit Ausweichbuchten. Und Telefonsignal gibt es ohnehin selten eins.

Ich halte, kaue und genieße.

past Applecross (2)

Zurück fahre ich die lange aber passlose Strecke über Shieldaig und beschließe beim Co-op noch schnell ein paar Sachen zum Essen einzukaufen. Im Laden sind mehr Mitarbeiter, die Regale auffüllen, als Kunden. Der weitgehend haarlose Herr an der Kasse hat Zeit.

co-op KyleOb ich wüsste, wie viele Ebola Fälle es inzwischen im Land gäbe, will er wissen.

Während ich nach in meinem Hirn nach einer Antwort auf eine derart unerwartete Frage krame, erzählt er mir von seinem Leben. Er war mal Soldat. Und Koch. Und man müsse doch was tun wegen Ebola und so. Und überhaupt Viren, die sind vor allem auf dem Geld, meint er.

Ich bezahle mit Kreditkarte und versuche noch, all diese Informationen zu verarbeiten, da ist er auch schon beim Sinn des Lebens angekommen. Das ist nun wirklich ein wenig viel an der Supermarktkasse. Der freundliche Herr philosophiert ungerührt von meiner Sprachlosigkeit weiter. Er wollte wohl einfach mal über was anderes reden.

Schließlich war gestern der Tag der dringenden Bedürfnisse.Applecross

 

Wanderung zur Wikinger Werft

Die gute Nachricht zuerst: wir haben tatsächlich gesehen, was wir erwandern wollten. Das war ja nicht immer so (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2013/07/25/wandern-2/). Und wir mussten uns auch nicht durch Schlammbäder oder Waldwüsten quälen (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2014/06/02/und-zweitens-als-man-denkt/). Das Klettern am Klippenabgrund vergesse ich mal genauso schnell wieder wie den ersten Schritt.

Herrliches Herbstwetter hatte uns auf die Isle of  Skye gelockt:. Der Mann hatte eine Route ausfindig gemacht, an deren Ende eine uralte Wikinger Werft zu sehen sein sollte. So richtig konnte ich mir unter einer Wikinger Werft nichts vorstellen. So eine Art Anlegestelle aus Holz hatte ich vermutet.

Rund 15 Kilometer begannen mit einem falschen Schritt . Für eine von uns….

Rubh' an Dunain (1)

Den weiteren Verlauf der Wanderung konnte ich einigermaßen fehlerfrei gestalten.

Rubh' an Dunain (11)Entlang der blauen See und den herbstbraunen Hängen zog sich der Pfad Richtung Westen. Nach gut zwei Stunden tauchte eine verlassene Siedlung auf. Schon zuvor waren wir auf lange Steinmauern gestoßen, die wie graue Ketten die Hügel entlangzogen. long forgotten viewDie Ruine eines außergewöhnlich hohen Hauses zeugte vom Reichtum der Siedlung, die wohl Ende des 19. Jahrhunderts verlassen wurde. Heute ist die Landspitze nichts als Wildnis und Einsamkeit. Als die Macaskills noch hier gelebt haben, muß es ein blühendes Dorf, voller Menschen, Schafe, Hochlandrinder und natürlich Fisch gewesen sein.

Rubh' an Dunain (20)

Das kleine Loch na h-Airde ist ein Süßwassersee und damit hervorragend zur Fischzucht geeignet. Das Loch liegt unterhalb der verlassenen Siedlung.

Loch na h'Airde

Wikinger hatten genau hier, in der Verbindung von Loch und Meer einen kleinen Kanal ausgehoben und befriedet. Hier wurde Schiffe gewartet und aus den unruhigen Gewässern in Sicherheit gebracht, wenn nötig. Was für ein lebhaftes Treiben muß hier geherrscht haben vor rund siebenhundert Jahren.

Wir stehen vor der Wikinger Werft.

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Seit dem 8. Jahrhundert waren die Wikinger an Schottlands Küsten eingefallen; raubend, brandschatzend und vergewaltigend. Aber sie ließen sich auch nieder und siedelten. So wie hier am Rubh‘ an Dunain, einer Landzunge im westlichen Teil der Insel Skye. Bis ins 15. Jahrhundert dauerte der Einfluß der Wikinger in Schottland, der sich vor allem auf die Inseln erstreckte: auf Orkney, Shetland, die Hebriden und weiter südlich auch die Isle of  Man. Auf Skye zeugen noch heute zahllose Ortsnamen von der intensiven Kolonialisierung der Nordmänner. Und eben die Werft.

Rubh' an Dunain (50)

Unterwasserarchäoloen haben bei der Wikinger Werft Schiffsreste aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Es soll sich um ein 6 Meter langes Ruderboot gehandelt haben.

Wir haben leider nur einen toten kleinen Schweinswal gefunden.

porpoise

Für mehr Informationen zur Wikinger Werft:

http://canmore.rcahms.gov.uk/en/site/11028/details/skye+rubh+an+dunain+viking+canal/

 

Der Sturm

Du weißt, wo der Campingkocher ist?

Findest du die Taschenlampen?

Ich hab nochmal heißes Wasser gemacht, falls der Strom ausfällt.

Wenn der Mann sich Morgens so wortreich und fürsorglich verabschiedet, dann ist Sturm in den Highlands.

Sturm Seit gestern reißen die Windmassen aus den Bergen an allem, was ihnen im Weg steht. Es heult um die Hausecken. Früher haben sie hier Häuser ohne Ecken gebaut, die Blackhouses waren sehr flach und ohne einen einzigen 90° Winkel. Da glitt der Wind einfach drumherum. Heute gleitet nix.

Loch DuichEs ist Sturm, Windgeschwindigkeiten von bis zu 115 Meilen sagt das Internetwetter. Ich rechne um, also knapp 190 Kilometer in der Stunde. Klingt unentspannt, vor allem, weil der Wind nicht wie sonst von Westen und damit vom Meer kommt.

SaltireWir haben Ostwind, im Frühjahr gut weil warm, im Spätjahr alles andere als angenehm.

WellenDas Loch schlägt hohe Wellen, der Wind treibt Schaumkronen und Gischt über die aufgerissene Oberfläche. Hohl hallt der Kamin im Wetterrausch. Es fühlt sich gut an, nicht da draußen zu sein

Gestern Abend haben wir den Marder beobachtet, wie er fast schon panisch versucht hat ein Schlupfloch in den Dachstuhl zu finden. Der wusste, was kommt.

Der Regen fällt waagrecht und ohne Unterlass.

DSC_0001[1]Noch funktionieren Heizung und Licht. Doch ein Blick nach draußen macht klar, es dauert nicht mehr lange, dann fällt irgendwo ein Strommast um, weil er im durchnässten Grund nicht mehr genügend Halt hat. Und dann wird es dunkel und kalt.

Ich ertappe mich dabei, wie ich die Schreibtischlampe anstarre und förmlich darauf warte, daß sie ausgeht.

Und dann fällt mir ein, was der Mann noch gesagt hat, als er ins Auto stieg.

Wenn ein Baum umfällt ruf mich an, dann komme ich nach Hause.

Wenn ein Baum umfällt…..??

Neben dem Haus, direkt in Sturmrichtung, steht eine Handvoll Rotfichten, gut und gerne 30 Meter hoch.

Fichten

Ich checke das bei Wikipedia und finde folgenden Eintrag:

Auf schweren Böden, bei Staunässe und hohem Grundwasserspiegel entwickelt sie ein tellerförmiges, flaches und weitreichendes Wurzelsystem, was eine erhöhte Windwurfgefährdung zur Folge hat. (Wikipedia)

Windwurfgefährdung!

Gegen Mittag soll der Sturm nachlassen. Bis dahin werde ich die Rotfichten ganz genau beobachten.

Herbst in den Highlands

Herbst in den Highlands (6)

Ich bin wieder zurück! Wie wunderbar und großartig, das schreiben zu können.

Es ist Herbst und es ist schon eine Weile her, dass ich im Oktober in den Highlands war. Ich hatte vergessen, mit welch intensiven Farben sich die Natur ein letztes Mal aufbäumt, bevor sie sich zur Ruhe begibt.

Es ist kühl, oft hängen die Wolken tief, Nässe durchdringt alles. Aber immer wenn die Wolken für einen Moment aufreißen und die tief stehende Sonne ein intensives Licht wirft, dann leuchtet Schottland auf als wollte es sagen „Wo warst du? Wolltest du das hier wirklich verpassen?“

Herbst in den Highlands (5)Man muß das Licht in sich aufsaugen, so sehr man kann, es gibt nicht mehr sehr viel davon. Im Sommer ist es um fünf Uhr in der Früh schon taghell und wird auch gegen Mitternacht noch nicht wirklich dunkel. Nun ist es noch immer trüb Morgens beim aufstehen und zum Abendessen ist auch nicht mehr viel Tageslicht übrig. Bald gibt es noch viel weniger Licht und Wärme und es ist als wollten die Menschen und Tiere die Wärme und das Licht noch ein letztes Mal aufsaugen bevor der Winter kommt.

Herbst in den Highlands (1)Die Brombeeren sind reif und ich nehme immer eine Handvoll mit nach Hause fürs Frühstück, wenn ich laufen gehe. Im Sommer sind es wilde Himbeeren. Farn färbt die Hänge braun, die Berge scheinen sich ebenfalls ein letztes Mal zu räkeln, bevor der Schnee sie fest friert. Rote Blätter im Gebüsch, regenglänzende Felsen am Straßenrand, grüngoldene Laubbäume strahlen im Mittagslicht. Selten sind die Highlands schöner als jetzt.

DSC_0010Doch sind sie nicht nur schöner, sie sind auch ungemütlicher, denn nun kommen die Herbststürme. Starke Regenfälle und Sturmböen sind vorhergesagt. Selten sind die Highlands wilder als im Herbst und der nächste Stromausfall ist nicht weit weg. Egal, wir haben Feuerholz, Kerzen und genügend Schokolade.

Mehr braucht man nicht im Herbst in den Highlands.

Sommerhitze

Ich will Regen!!!

Nie hätte ich geglaubt, daß ich dieses Wort benutze, wenn ich über Schottland schreibe aber ich kann nicht anders – es ist heiß (!) in den Highlands. Richtig heiß. So heiß, dass alles irgendwie still steht und der Schweiß von der Stirn läuft, sobald man das Haus verlässt.

beach

Wir haben seit einer Woche an die 30 Grad und mein letztes Restchen Sonnenmilch Faktor 15 (in den vergangenen Jahren mehr eine sommerliche Geste als eine Notwendigkeit) schwindet. Ich sitze im Garten und lese, unfähig mich mehr zu bewegen, als es für das umblätttern einer Buchseite notwendig ist. Seit Tagen steht die Welt still, weil Schottland heißer ist als normal.

beachIch lese. Mehr geht nicht in der Hitze. Manchmal, wenn das Gefühl zu kochen überhand nimmt, dann ziehe ich meine rosa Gummieschuhe (es gab keine andere Farbe!) an und balanciere über Kiesel und Kelp (Seetang) zum Wasser. Das ist wie gewohnt eiskalt aber auch voller Unterwasserpflanzen und -getier. Ich begrüße die Qualle, die hier seit neuestem ihr durchsichtiges Unwesen treibt und tauche kurz unter. Herrlich erfrischend.

Während ich am Strand sitze und trockne, springen die Lachse. Denen ist bestimmt auch warm. Ein komischen Grunzen kündigt die Schweinswale an, noch bevor man sie sieht. Die finden es gerade sehr angenehm im Meer, ihre schmalen Finnen durchschneiden die Wasseroberfläche genau da, wo ich eben noch im Wasser kühlte. Ein letztes Grunzen und sie sind wieder weg. Schwein gehabt!Schweinswal

Am Strand ist nie ein Mensch. Trotz der Hitze. Kein Eiscafé, keine Strandbude, keiner verkauft Kokosnüsse oder Strandtücher. Kein Magnum Mandel! Nur ich und eine Großfamilie Graugänse.

Es ist Sommer in Schottland – so viel wie noch nie seit ich hier bin.

Fürs Wochenende haben sie Regen angekündigt. Viel Regen. Und sinkende Temperaturen.

Endlich!

…. und zweitens als man denkt.

Meine Zeit in Schottland geht schon wieder zu Ende und es stehen noch so viele Dinge auf der Liste, die ich eigentlich tun wollte. Manches hab ich geschafft, eine Wanderung beispielsweise, eine, die ich schon immer mal machen wollte. Ich habe gerade ein Bergsteigerbuch gelesen.

Ich fühle mich vom Mount Everest, dem Kangchengzönga und dem Matterhorn inspiriert und beschließe, mich an die 15 Kilometer Glenelg-Ardintoul-Totaig zu machen. Ich habe immerhin einen Berg auf meiner Route und den Smythschen Geist (27 Bücher und noch mehr Gipfel) in mir.

Auch mein Berg ruft!

Ich fühle mich schon ganz elegisch.

“On a hill it is possible to sense the unity and continuity of life, a rhythm that sends men and worlds on their way (..) He who finds beauty on a hill finds also an answer to a thousand questions. “             

Frank S. Smythe: A Mountain Vision; Hodder and Stoughton, 1941, P.6

Großartig, denke ich. Die Einheit des Seins, der Mensch, die Welten und die Schönheit der Berge und die Antwort auf tausend Fragen noch dazu.

Ich greife zum Telefon und bestelle den Bus.

Wenn der hier halten soll, dann muß man eine Anfrage stellen. Halt vor der Haustür gibt es nur auf Anfrage. Ich frage an (mindestens 21 Stunden im voraus) und der Bus hält. Ich bin der einzige Fahrgast, abgesehen von der älteren Dame mit den Einkaufstüten aber die schläft. Nach 20 Minuten und 3 Pfund 10 bin ich am Ausgangspunkt meiner Wanderung.

Am Anfang des WegsIch kann es kaum erwarten, den „Rhythmus zu spüren, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (13)Sanft schlängelt sich der Pfad durchs Ufergrün, blau stahlt die See und die Möwen schreien über den Felsen des Sound of Sleat.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (15)Ich erreiche den Strand von Ardintoul nach etwa einer Stunde. In der salzigen Meerluft schmeckt mein Schinken mit Ei Sandwich noch viel beser. Ich lege mich ins Gras und fühle die Schönheit der Berge vor mir. Ich atme den Geist großer Bergstieger!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (19)Noch bin ich auf Meereshöhe, fühle mich aber schon als hätte ich keine Fragen mehr, als wär ich Reinhold Messner und Louis Trenker in einer Person. Ich und der Berg!

Der Wanderführer rät in Ardintoul links halten, dann geht es in den Aufstieg. Ich finde die Weggabelung und halte mich links. Nach einer Weile erreiche ich das letzte Haus im Weiler. Ein alter Mann sieht mir entgegen. Er will mir bestimmt auf Gälisch einen guten Weg wünschen. Weit gefehlt, er ist Engländer und sagt mir, daß ich auf dem falschen Weg bin. Ich kann es mir nicht erklären. Seine Frau kommt dazu und beide beschreiben mir den richtigen Weg. Sie sagt es geht links am Wald entlang, Er sagt rechts. Beide sind sich einig, daß ich am besten die Abkürzung über den Hügel hinter dem Haus nehme. Ein wenig cross country und ich sei wieder auf dem richtigen Pfad. Ich folge dem Rat und mache mich auf ins Gelände.

Hinweis: Ein wenig cross country gibt es nicht in den Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (10)Ich stolpere durch einen Bach, greife in Brennesseln und kratze mich an einem Dornenbusch, völlig erschöpft erreiche ich schließlich etwas, das ein Pfad sein könnte. Könnte aber auch einfach nur ein Schafweg sein. Oder Einbildung. Ich gehe ihn eine Weile und entdecke schließlich ein Schild. Ich bin auf dem richtigen Weg.

Hinweis: Ein Weg ist immer relativ in den schottischen Highlands!

Binsen, Steine, Schotter, Äste – der Weg lässt Raum für Interpretationsfreiheit: Kann ein Weg sein, kann aber auch nicht. Unsicher interpretiere ich mich bergauf. Da fällt es mir wieder ein, daß ich eine Wanderbeschreiburg meiner Strecke gelesen habe, in der ein freundlicher älterer Mann einem zu früh abgebogenen Wanderer eine komplett falsche Wegbeschreibung gegeben hatte und den Wanderer damit bis an den Rand der Erschöpfung trieb……

Hinweis: Wegweiser sind Vertrauenssache in den schottischen Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (24)Was einstmals Wald war, ist nun hässliche, abgeforstete Baumwüste. Kahlschlag gibt es überall und mit dem Wiederaufforsten haben sie es nicht so hier. Ich komme mir vor wie Mad Max auf Bergtour und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Hinweis: Es kann immer schlimmer kommen in den schottischen Highlands!

Dem Freitod nahe, erklimme ich nach einer weiteren Stunde den vorläufigen Gipfel, nun beginnt der Restwald, den sie wohl wegen der schwere Zugäglichkeit nicht abgeholzt haben. Dicht gepflanzt hält er Wind und Sonne vom Boden ab. Das Ergebnis lässt sich leicht an meinen Schuhen ablesen.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (29)Ich denke über Moorleichen und Sinklöcher nach und frage mich, wie man das hier einen Weg nennen kann.

Hinweis: Schlammbäder sind kostenlos in den Highlands!

Ich rutsche den Hang entlang und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (26)Der weiche Boden hat den zu dicht gepflanzten Bäumen wenig Halt zu bieten. Kaum habe ich es aus dem schlimmsten Schlamm geschafft, muß ich über massige Baumstämme klettern, von denen keiner weiß, ob sie nicht noch weiter abrutschen, wenn ich drüber zu steigen versuche. Ich überlebe auch das und schaffe es endlich aus dem Wald auf eine weitere Kahlschlagfläche.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (31)Der Blick ist atenmberaubend. Die Sonne scheint und der Wind ist nicht mehr als ein leichter Hauch von Sommer. Ich setzte mich aud das weiche, moosige Gras, höre den Kuckuck und schaue aufs Meer. Ich bin ganz oben, eins mit mir, der Welt und ….. beginne wie eine Wahnsinnige um mich zu schlagen, mich um die eigene Achse zu drehen, zu fuchteln und dann schleunigst die Flucht zu ergreifen. Die Mückenplage!

Hinweis: Midges wird man nur mit Wind, Regen oder Flucht los in den schottischen Highlands.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (35)Irgendwann bin ich von meinem Berg wieder unten. Ob der Nagar Parbat auch solche Gefahren birgt? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Ich bin nach über fünf Stunden wieder bei uns an der Straße angekommen. Ich wandere an den Fereienhäusern entlang. Der Schlamm reicht mir bis an die Hüften. Vom Bergsteigen hab ich erst mal genug und bin froh, wenn ich mein „Basislager“ erreiche. Ich sehen aus wie der Ötzi und ich fühle mich auch so. Ich will ein heißes Bad und ein Glas Wein.

Hinweis: Wenn der Berg ruft, höre ich nicht mehr hin in den schottischen Highlands.

Gott sei Dank ist der Mann später dran als geplant und noch nicht zu Hause. Die Mädels vom Gälisch Unterricht haben ihn aufgehalten. Als hätten sie geahnt, daß sich die „Bergexpertin“ erst mal vom Schlamm ihres Abenteuers befreien möchte. Ich sehe nämlich nicht aus, als hätte ich „den Rhythmus gespürt, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Danke Mädels, auf euer Berggefühl ist Verlaß!!

 

 

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???