Glen Lichd: Wo Dunkelheit und Legende sich begegnen

Es gibt Orte in den Highlands, die eine Schwere in sich tragen – nicht nur durch die raue Natur oder das unberechenbare Wetter, sondern durch Geschichten, die seit Jahrhunderten in der kalten Luft hängen. Einer dieser Orte ist Glen Lichd, ein Tal, das von massiven Bergen flankiert wird. Es ist dunkel, selbst an den längsten Tagen im Sommer, denn der gewaltige Beinn Fhada und die hinteren Hänge der Fünf Schwestern von Kintail blockieren das Licht. Doch es ist nicht nur die Dunkelheit, die den Menschen Unbehagen bereitet. Es ist die Legende.

Das Verschwinden von Murdoch

Es war ein besonders harter Winter, als eine Gruppe von Jägern sich aufmachte, um in den abgelegenen Wäldern von Glenlicht Hunt Wild zu erlegen. Sie waren erfahrene Männer, bestens ausgerüstet, und unter ihnen war Murdoch, ein geschickter Schütze und ein mutiger Mann. Doch als die Jagd vorbei war und sich alle sammelten, fehlte einer – Murdoch war verschwunden.

Zunächst dachten seine Kameraden, er sei vielleicht umgekehrt oder hätte sich verirrt. Doch Tage vergingen, und von ihm fehlte jede Spur. 15 Tage und Nächte suchte man nach ihm. Seine Familie und Freunde streiften durch das Tal, riefen seinen Namen, durchkämmten jede Felsspalte. Die Kälte wurde gnadenloser, die Hoffnung schwand.

Die unheimliche Entdeckung

Dann, am dritten Tag, wurde er gefunden. Sein Körper lag am Fuße einer Schlucht. Der Schnee um ihn herum war unberührt, als hätte ihn jemand vorsichtig dort abgelegt. Keine Spuren, keine Anzeichen eines Kampfes, keine Erklärung für seinen Tod. Doch die Highlander hatten eine.

Ein dunkler Geist sei in Glen Lichd erwacht, flüsterten sie. Eine uralte Kraft, die ihre Opfer in den Nebel lockte, sie verschluckte und zurückließ, wenn ihre Seelen fort waren. Murdochs Bruder Duncan, ergriffen von der Tragik, verfasste ein Gedicht und ein Lied für seinen toten Bruder. Der berühmte Barde Iain Lom tat es ihm gleich. Bald kannte jeder in Lochaber und Kintail die traurige Melodie, die vom „verlorenen Jäger von Glen Lichd“ erzählte.

Die Jagd nach dem Monster

Jahrzehnte später konnte ein Mann die Geschichte nicht vergessen. Er beschloss, dem Fluch auf den Grund zu gehen. Er war kein abergläubischer Highlander, sondern ein entschlossener Skeptiker – und er hatte einen Plan. Mit zwei Pistolen, geladen mit Silberkugeln, zog er für 15 Nächte in das Tal. Er lagerte an jener Stelle, an der Murdoch gefunden worden war, wartete und beobachtete.

Die Nächte waren lang und eiskalt. Der Wind peitschte durch die Schluchten. Doch nichts geschah.

Der 16. Tag

Dann kam der 16. Tag.

Der Mann kehrte zurück – aber er war nicht mehr derselbe. Er sprach nicht über das, was er gesehen hatte. Er erzählte niemandem, was in jener Nacht passiert war. Doch seine Augen waren verändert, sein Blick unstet. „Ich habe ihn vertrieben“, murmelte er nur. Mehr sagte er nie.

Doch die Highlander glauben nicht, dass das Tal wirklich befreit wurde. Noch immer vermeiden es die Einheimischen, nach Einbruch der Dunkelheit in Glen Lichd zu gehen. Der Wind trägt manchmal eine unheimliche Stille mit sich, als hielte das Tal den Atem an. Und hin und wieder – wenn der Nebel schwer auf den Berghängen liegt – erzählen sich die Alten, dass dort immer noch etwas lauert.

Das Gefängnis am Meer – Ein Besuch in Peterhead Prison

Schottland ist ein Land mit einer dunklen und faszinierenden Kriminalgeschichte. Ich war an der Ostküste und habe mir eines der bekanntesten und berüchtigtsten Gefängnisse des Landes angesehen: das Peterhead Prison, oft als Scotland’s Alcatraz oder Scotland’s Gulag bezeichnet. Teil meiner Recherche für das neue Buch in der Highland Crime Serie.

Ein Ort voller Geschichten

Das Gefängnis liegt direkt an der Küste von Peterhead, einer Stadt mit langer Seefahrtsgeschichte. Ursprünglich wurde es gebaut, um billige Arbeitskräfte für den nahegelegenen Admiralty Yard zu haben, ein strategischer Stützpunkt der Royal Navy. Die Häftlinge wurden jedoch nicht – wie oft angenommen – für den Hafenbau eingesetzt, sondern ausschließlich für Zwangsarbeit im Steinbruch.

Zwischen 1890 und 1956 wurde das Gefängnis gebaut, doch durch Kriege und die Weltwirtschaftskrise zog sich die Fertigstellung über Jahrzehnte hin. Es war das einzige schottische Convict Prison, ein Hochsicherheitsgefängnis für die härtesten Fälle, und es sah mehrere Aufstände, darunter den berühmten Rooftop Riot von 1987, der erst nach fünf Tagen durch das Special Air Service (SAS) beendet wurde.

Düstere Einblicke in die Vergangenheit

Schon der Rundgang durch das Gefängnis war beklemmend. Mit einem Audioguide konnte ich mich frei bewegen – eine bittere Ironie in einem Ort, der genau das den Insassen verwehrte. Die winzigen Zellen, die Gänge mit den rostigen Gittern, der kahle Innenhof mit einem aufgemalten Fußballtor – als ob das hier jemals ein echtes Spielfeld gewesen wäre. Das Wort Strafraum bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Besonders bedrückend empfand ich die Außenkäfige für den Freigang. Karge, ummauerte Flächen, von Stacheldraht umgeben. Hier konnten sich die Insassen „an der frischen Luft“ bewegen – allerdings unter maximaler Kontrolle.

Ich entdeckte Zellen mit künstlichem Blut, die an vergangene Verbrechen erinnerten, sah selbstgebastelte Waffen und originale Dokumente, die die Geschichte dieses Ortes erzählten. Die Strafen waren brutal: Gefangene wurden mit einer speziellen Peitsche ausgepeitscht, die das Fleisch aufriss. Das Gerüst, an das sie dafür gebunden wurden, existiert noch immer.

Und dann stand da ein Klavier. Ein Relikt aus einer Zeit, in der Musik vielleicht die einzige Möglichkeit war, dem monotonen, erbarmungslosen Gefängnisalltag zu entfliehen. Ein surrealer Anblick zwischen all der Kälte und Gewalt.

Kein Ort zum Verweilen

Am Ende meines Rundgangs kam ich in ein modernes, gemütliches Café. Der Kontrast hätte nicht größer sein können – aber ich hatte keinerlei Lust, mich hinzusetzen, einen Kuchen zu essen oder Kaffee zu trinken.

Es war ein Gefängnis.

Ich wollte einfach nur raus.