Erwähne nie den Hinterreifen!

Heute war Putzfrauentag und ich habe mal wieder viel gelernt über das Leben in den Highlands.

Der Plan war simpel und wie ich dachte gut: Mann und Hausgäste verlassen am Vormittag gemeinsam das Haus, Putzfrau kommt am Mittag und putzt damit ich endlich mit dem Schreiben anfangen kann, statt das Haus wieder auf Vordermann zu bringen.

Aber wie so oft in den Highlands gehen meine Pläne nicht auf, nicht mal die simplen.

Winter in den Highlands

Statt zur Mittagszeit taucht die Putzfrau bereits am Morgen auf, das Haus ist voller unkoordinierter Menschen in Aufbruchstimmung. Taschen überall, alle müssen nochmal aufs Klo, das Chaos ist perfekt.

Ich mache ihr erst mal einen Tee, unterhalte mich, und versuche sie an dem Trubel vorbei in eines das „Mann-Zimmer“ (das hat er bereits freigegeben, weil er voll auf damit beschäftigt ist das Gepäck von drei Erwachsenen und einem Baby in einen Kleinwagen zu stopfen) zu lotsen, damit sie schon mal anfangen kann. Mit wenig Erfolg.

Also wedelt sie ein wenig durch die Räume während überall gepackt und gewurschtelt und hin und her gerannt wird.

Ich habe noch keinen Satz geschrieben.

Mann und Gäste sind dann irgendwann einmal im Auto und fahren ab. Ich winke Ihnen hinterher, traurig, dass sie weg sind aber auch ein wenig erleichtert, dass ich nun endlich Ruhe zum Schreiben hab, während die Putzfrau putzt.

Ich werfe einen Blick auf ihr Auto bevor ich aus der nassen Kälte wieder zurück ins Haus gehe.

Der linke Hinterreifen ist total platt. Wie um alles in der Welt ist sie nur damit her gekommen??

Und dann begehe ich den Fehler des Tages – ich weise sie auf den platten Hinterreifen hin.

Von nun an ist an putzen nicht mehr zu denken. Sie entdeckt den Mechaniker in sich. Selbst ist die Frau und so. Hab ich früher oft gemacht und so.

Sie besieht sich den Schaden und beginnt in ihrem Auto nach einem Schlüssel für die Radmuttern zu suchen. Es sieht aus, als wäre es leichter die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Erstaunlich, was man so alles in einem Auto durch die Gegend fahren kann.

Ich checke mein Auto (Vorsprung durch Technik!) aber der Schlüssel passt natürlich nicht zu ihren Muttern.

Sie sucht im Werkzeuglager des Mannes aber da findet niemand was, nicht einmal der Mann selbst. Sie will im Dienstwagen des Mannes nachsehen, der steht noch in der Einfahrt. Ich suche den Schlüssel und sie versucht den Kofferraum zu öffnen. Ohne Ergebnis. Die nächste halbe Stunde verbringt sie damit, die Bedienungsanleitung des Dienstwagens zu lesen um herauszufinden, wie man an den Kofferraum und damit an den Schlüssel für die Radmuttern kommt.

Ich habe noch immer keinen Satz geschrieben.

unterwegs gen Süden

Ich rufe den Mann an, der sich gerade mit Sommerreifen durch Schneewehen nach Süden kämpft und frage um Rat. Er hat auch keinen passenden Radmutternschlüssel. Er sagt, er hat diverse Schraubenschlüssel aber die will sie nicht. Derweil ist alles was hier rumsteht WD40 und ein bischen Werkzeug statt Putzeimer und Glasreiniger.

Öl, Hammer und sonst was

Sie will in den nächsten Ort laufen, um nach einem Radmutternschlüssel zu fragen. Ich kalkuliere eine halbe Stunde Weg hin, eine halbe zurück…. ich biete an sie zu fahren.

Also Schuhe an, dem Chaos im Haus den Rücken gekehrt und raus ins Auto.

Im Dorf angekommen will sie beim Förster vorbei schauen. Rauch schlängelt aus dem Försterhauskamin in einen trüben Mittagshimmel. Es ist der 2. Januar und in Schottland immer noch Feiertag, da erholt man sich von Silvester. Manche schlafen deshalb sehr lange.

Sie geht ins Haus und ruft. Keine Antwort, kein Förster. Wir gehen wieder nach draußen. Im Garten stehen mehrere Autowracks, keine Räder, nur wenige Scheiben, mit Müll voll. Sie durchsucht die Wracks mit geübtem Blick (macht sie das öfter?) aber findet nichts.

Vielleicht im Schuppen? Der quillt über vor Dingen, die ich nicht zuordnen kann, Holz, Plastik, Metall. Das ist die potenzierte Werkzeugecke des Mannes. Ein Schuppen voller „Kruscht“. Irgendwie erinnert mich der Schuppen an The Day after.

Aber auch hier kein Radmutternschlüssel weit und breit. Auch nicht unter den anderen Eisenteilen, die rund um das Haus vor sich hinrosten. Zwei Männer kommen mit einer Leiter vorbei (wo waren die denn?) und erklären, dass der Förster unterwegs ist.

Die Männer mit der Leiter haben auch keinen dieser Schlüssel, den die Putzfrau will. Der ältere bietet einen Schraubenschlüsselsatz an aber sie will nicht. Sie sagt sie braucht Hebelwirkung.

Ich glaub ich brauch‘ Baldrian.

Wir fahren zum Ponyhof-Mann. Stroh ragt aus dem Kofferraum seines uralten Jeeps vor der Haustür. Drinnen sitzt er mit wasserdichten Outdoorhosen im Ledersessel vor dem Fernseher, drei Hunde verteilen aufgeregt ihre Haare auf dem dunkelblauen Blümchenteppich. Drei Frauen sitzen unaufgeregt vor dem elektrischen Kamin. Alle schauen Gameshow, die Hunde schauen mich an.

Die Putzfrau ist in ihrem Element. Ja, die Mutter ist okay, Nein, dem Bruder geht es wieder gut. Ja, der Schwester auch. Und der Hund….

Ohhmmm.

Der Mann mit dem Ponyhof hat so ein Radmutternkreuz wie es die Putzfrau will aber im Stall. Er steigt in seinen Jeep und fährt los. Ich fahre nicht hinterher, denn mit dem A3 hätte ich auf dem „Weg“ so meine Probleme mit dem Unterboden. Er kommt wieder mit dem Kreuz-Ding und die Putzfrau und ich fahren wieder nach Hause.

Ich habe immer noch keine Zeile geschrieben.

Die Putzfrau schraubt jetzt draußen vor der Tür vor sich hin. Ich sauge derweil die Zimmer durch. Sie kommt wieder rein, weil sie nicht richtig sehen kann. Sie findet ihre Brille nicht.

Meine Lesebrille (ich habe Astigmatismus bis an den Rand der Blindheit, es ist also völlig unmöglich für jemand anderen, etwas damit zu sehen) nimmt sie dennoch mit nach draußen zum Radwechsel. Die Brille ist bei weitem mehr wert als das Auto und ich frage mich mit leisem Zweifel, ob ihr das klar ist, während sie draußen damit rum hantiert.

Ich sollte jetzt wirklich langsam anfangen etwas zu schreiben. Ich lenke mich ab und spüle das Geschirr.

Nach vier Stunden ist es dann endlich so weit. Es wird geputzt im Haus (und zwar nicht von mir) und das Auto hat das Ersatzrad aufgezogen. Endlich greift der Plan.

Ich gehe in die Küche und mache der Putzfrau und mir etwas zu essen.

Nacher setzte ich mich an den Schreibtisch und schreibe. Genug Stoff für eine Geschichte hab ich ja jetzt.

 

 

Die Putzfrau

Ich war natürlich vorbereitet!

Nach wochenlanger Abwesenheit war mir eines sonnenklar – das Haus in Schottland würde einer gründlichen Reinigung bedürfen. Der Mann und ich haben unterschiedliche Vorstellungen von aufgeräumt und dem Zeitpunkt, ab dem man das Putzen nicht mehr aufschieben kann. Und dann hatte sich auch noch mehr oder minder zeitgleich mit meiner Rückkehr Besuch angekündigt.

Für dieses Problem gab es nur eine Lösung: Putzfrau.

Ich wollte vorbereitet sein.

Ich googelte und fand eine Agentur in der Nähe, zwei Mails später hatten wir eine Putzfrau, die am Morgen nach meine Heimkehr mit mir gemeinsam das Haus auf Vordermann bringen sollte………

„Wow!“ denke ich, als Mhairi am nächsten Tag auftaucht, ein ganzes Auto voll mit Putz – Utensilien, Wannen, Eimern, Wischlappen und diversen Reinigungsmitteln.

„Gut.“ denke ich. Dann muß ich unsere Putzmittel (letzten Sommer vom deutschen ALDI mit dem Auto hergefahren) schon nicht übersetzen.

Was heißt nochmal Duschkabinenreiniger???

Egal, wir machen eine Tasse Tee und Lagebesprechung. Also ich mache Lagebesprechung, sie macht Konversation. Ich zeige ihr die Zimmer und alles, was man einer Putzfrau so zeigen muß. Sie scheint autark und effizient. Kein Wunder, die Agentur organisiert ja auch Putzfrauen für die vielen Ferienhäuser in der Gegend. Da kostet die Stunde aber doppelt so viel wie für uns. Das gilt auch für sämtliche Handwerker.

In der Küche kremple ich die imaginären Hausfrauen-Ärmel hoch und fange an; Kühlschrank zuerst dann Gefriertruhe. Daß Verfallsdatum mit Entsorgung zu tun hat, ist nicht allen Mitgliedern des Haushalts gleich offensichtlich. Ich werke also fröhlich Musik hörend vor mich hin. „Meine Putzfrau“ putzt sich geschäftig von Zimmer zu Zimmer. Wir machen nur eine kleine Mittagspause mit Gemüsesuppe und Käsemuffins (aus der inzwischen wieder sortierten Gefriertruhe) und putzen dann weiter. Jetzt machen wir beide Konversation und ich beginne meine Putzfrau richtig zu mögen,

Irgendwann, als die Küche schon so aussieht als könnte sie auch eine ausgebrochene Herde zotteliger Hochlandrinder nicht vom Glänzen mehr abhalten, schaue ich nach den Fortschritten in den anderen Zimmern.

Das Bad ist nicht gewischt, die Zimmer nicht gesaugt und auf Fernseher und Musikanlage liegt still der Staub.

Was hat sie die ganze Zeit gemacht???

Die Fenster blitzen. Und?

In diesem Moment der germanischen Ratlosigkeit kommt der Mann nach Hause und sieht sofort die schottischen Bemühungen, die mir noch immer entgehen.

Fussleiste

„Fußleisten!“ sagt er und nickt vielsagend. „Früher im Schulcamp mussten wir die Zimmer auch immer ganz ordentlich putzen. Da gab es Inspektionen und wenn die Fußleisten oder die Türleisten nicht blitzblank waren, dann gab es Ärger.“

TürknaufIch sehe ihn vor meinem geistigen Auge vor meinem geistigen Auge in einer Art kurze Hosen/lange Haare Version von Full Metal Jacket, versäume aber nicht die Türleisten zu kontrollieren. Sowas von sauber. Und die Steckdosen, die Lichtschalter, die Lampen, die Türknäufe aus Messing sind poliert. Alles glänzt.

SteckdoseDa hätte ich nie hin geschaut. Die Einheimischen schon. Aber jetzt sah unser Haus aus, wie ein sauberes Haus in den Highlands aussehen soll.

Ich bedanke mich herzlich bei unserer Putzfrau, gebe Trinkgeld und winke ihr nach 8 Stunden zum Abschied hinterher. Dann sauge ich und denke über Fußleisten und Männer in kurzen Hosen nach. Mein Blick schweift nach oben.

In der Ecke des Wohnzimmers hängen noch ein paar Messingrohre vom alten Boiler aus Decke und Wand. Die sollte der Heizungsinstallateur schon längst entfernt haben. Der kam aber noch nicht dazu.

Das sollte er dann am Tag nach der Putzfrau machen, dachte der Mann.

Auf keinen Fall hatte ich gesagt. Dann ist wieder alles dreckig und ich muß das ganze Haus saugen.

Ich sauge das Haus und betrachte unsere neue Wandkunst. Die Rohrreste blitzen wie neu, Mhairi hat sie poliert.

Restrohrkunst

Darauf war ich natürlich nicht vorbereitet.