Die Freimaurer-Pyramide

Gosford House ist der Stammsitz der Familie Charteris, des Earl of Wemyss (sprich: Wimms) and March. Das herrschaftliche Gebäude ist beeindruckend, umgeben von einer gepflegten und sehr weiträumigen Parkanlage. Ich bin in East Lothian unterwegs und suche all die Friedhöfe, zu denen ich Geschichten recherchiert habe. Einer meiner wichtigsten Punkte der Wochenend-Tagesordnung ist kein Friedhof, sondern ein einzelnes, freistehendes Mausoleum, das versteckt zwischen den Bäumen des Parks Der Zugang ist auf die Sommermonate beschränkt, aber ich hatte im Vorfeld beim Estate Manager um Erlaubnis gebeten. Die hat man mir nicht nur gewährt, sondern auch einiges an Informationsmaterial zugeschickt.

Einfahrt Gosford House @nme Abenteuer Highlands

Schon ein komisches Gefühl, so außerhalb der Saison durch die beeindruckende Einfahrt zu fahren. Wo soll ich parken, frage ich mich und entscheide mich für den Platz direkt neben dem Torgebäude. Da steht bereits ein schicker alter Schlitten. Wem der gehört, finde ich schnell heraus. Eine Frau, ihrem Akzent nach zu urteilen kommt sie von weiter südlich, beschimpft mich, dass ich hier nicht parken dürfe. Das sei ihr Stellplatz. Ich frage mich, ob sie Deutsche Vorfahren hat und erkläre ihr, dass ich die Erlaubnis der Verwaltung habe. Doch das ist ihr egal, sie gehört nicht zum Anwesen. Sie wohnt im Torhaus. Also fahre ich das Auto ein paar Meter weiter und parke auf der langen und sehr breiten Zufahrtsstraße am Rand.

Godford House @nme Abenteuer Highlands

Es gibt viele Gründe, warum man sich für das Gosford House interessieren könnte, aber das Wemyss-Mausoleum ist für mich der weitaus überzeugendste. Unweit des Eingangs des Anwesens führt eine lange und gerade mit Linden, Platanen und Eichen flankierte Allee zu zwei massiven Steinsäulen mit zwei ungewöhnlichen und überlebensgroße Steinfiguren, die den Eingang bewachen zum Mausoleum bewachen. Wer sind sie?

Marmorstatue von Arrotino Wemyss Mausoleum @nme Abenteuer Highlands

Die Figuren auf den steinernen Torpfeilern sind Kopien der antiken römischen Marmorstatue von Arrotino, auch der Klingenschärfer genannt. Er war Teil einer Gruppe, die Apollo repräsentierte, der den Satyr Marsyas lebendig enthäutete, weil der die Göttin Athene herausgefordert hatte, indem er eine Flöte aufhob, die sie weggeworfen hatte, und Apollo selbst zu einem musikalischen Wettbewerb herausforderte. Er bezahlte seine Hybris mit seinem Fell und seinem Leben. Die Figuren sind eine grausame Erinnerung an die Schmerzen des Todes und eine Warnung für alle, die sich dem Mausoleum nähern. Der in gebückter Haltung dargestellte Arrotino hält noch immer das Messer zum Enthäuten in der Hand. Dies ist sicherlich kein gewöhnliches Grab.

Anfahrt Wemyss Mausoleum @nme Abenteuer Highlands

Wer liegt im Wemyss-Mausoleum begraben? Einfach gesagt, der Earl of Wemyss. Francis Wemyss Charteris (1723-1808) war ein schottischer Landbesitzer, 6. Earl of Wemyss. Sein älterer Bruder David, Lord Elcho, war in den Jakobitenaufstand von 1745 verwickelt. Er starb 1787 kinderlos, daher erbte Charteris den Titel als 7. Earl of Wemyss. David war einer der wenigen Jakobiten gewesen, die vom Entschädigungsgesetz von 1747 ausgeschlossen waren. Er kehrte nie nach Schottland zurück, sondern verbrachte den Rest seines Lebens in Frankreich und der Schweiz. Als seine Frau Sofia 1777 bei der Geburt starb, hinterließ Lord Elcho keine legitimen Nachkommen. Nach seinem Tod im Jahr 1787 ging sein Besitz an seinen jüngeren Bruder über: Francis Wemyss Charteris (1723-1808).

Im Jahr 1756 beauftragte Francis Wemyss Charteris Isaac Ware mit dem Bau des monumentalen Amisfield House auf dem Grundstück, das seine Großmutter mütterlicherseits gekauft und nach ihrem Wohnort Amisfield benannt hatte. Er beauftragte außerdem John Henderson mit dem Umbau des Hauses im Jahr 1784, nachdem er 1781 Gosford House gekauft hatte, um dort während der Bauarbeiten zu wohnen. Die meisten Menschen, die ich kenne, wohnen hier in Caravans, während sie bauen, nicht in Manor Houses.

Wemyss Mausoleum @nme Abenteuer Highlands

Als Amisfield House zur Wiederbesetzung bereit war, beauftragte Charteris Robert Adam mit der Überarbeitung des gesamten Designs von Gosford House. Charteris starb im August 1808 im Alter von 84 Jahren und wurde im Wemyss-Mausoleum bestattet. Er ist der Einzige der Familie, der hier beigesetzt wurde.

Die strenge Pyramide ist ein ungewöhnlicher Anblick und sicherlich ein ungewöhnlicher Stil für ein Mausoleum in Schottland. Der Grund dafür ist keine architektonische Fantasie oder Mode, sondern der starke Glaube seines Schöpfers – Francis Wemyss Charteris war Freimaurer.

antike Säulen ujd Tür Wemyss Mausoleum @nme Abenteuer Highlands

Das schlichte Mausoleum aus grauem Stein wurde zwischen 1795 und 1798 erbaut. Der Schein der Einfachheit täuscht, es steckt mehr dahinter, als man denkt. Freimaurer Symbole, Numerologie und Geometrie spielen eine große Rolle. Wer Zahlen mag, ist bei den Freimaurern gut aufgehoben.

Dieses Mausoleum mit 64 Nischen oder Loculi bestand aus einem 33 Fuß großen quadratischen Quader, 18 Fuß hoch, mit vier Portiken mit jeweils vier einfachen, monolithischen toskanischen dorischen Säulen mit ungewöhnlichen Stufengiebeln, die von einer Steinpyramide überragt wurden, die in einem Winkel von ruhte Die Neigung seines Mausoleums mit 64 Nischen oder Loculi bestand aus einem 33 Fuß großen quadratischen Quader, 18 Fuß hoch, mit vier Portiken mit jeweils vier einfachen, monolithischen toskanischen dorischen Säulen mit ungewöhnlichen Stufengiebeln, die von einer Steinpyramide überragt wurden, die an einem ruhte Neigungswinkel von 53° 39° – ähnlich dem 51° 50° 46″-Neigungswinkel, der heute als Neigungswinkel der Großen Pyramide gilt

Eines der letzten Projekte des Architekten im Jahr 1808 bestand darin, den Fluss Gosford umzuleiten, am Fuß des versunkenen Zauns und unter der Allee, die vom New House zum Mausoleum führt. Infolgedessen würde jeder, der von dem üppigen Lustgarten – dessen Gesamtform einem Mutterleib nachempfunden ist – zur Nekropole und zum Mausoleum ging, über den versunkenen Zaun und eine Brücke gehen, über den Bach, wo er geräuschvoll über eine Höhe von 5 Fuß hinunter stürzte. Der weit überhängendr Wasserfall symbolisiert den Übergang von einem Reich zum anderen. Außerdem würde jeder Trauerzug vom Neuen oder Alten Haus zum Mausoleum auf halbem Weg entlang der grasbewachsenen Allee denselben Bach über eine einfache Brücke überqueren. Auf diese Weise war sichergestellt, dass jeder, der die Nekropole betrat, fließendes Wasser überqueren würde, wie es in den meisten Mythologien Seelen auf ihrem Weg in die nächste Welt tun müssen. Sie würden auch, wenn sie sich zuerst entlang der Allee näherten, durch drei Tore aus Eisen und Bronze gehen, und es ist wahrscheinlich, dass alle drei geschlossen gewesen wären. (Das Mausoleum. Gosford-Konzepte.)

Freimaurer zu sein scheint mir eine recht komplizierte Angelegenheit. Ich sehe mich um und lasse den Ort auf mich wirken.

Francis Wemyss Charteris war 1747 und 48 Großmeister der Freimaurer der Grand Lodge of Scotland. Sein Haus in der St. John Street in Edinburgh hatte eine Tür, die direkt mit der benachbarten Lodge Canongate Kilwinning Nr. 2 verbunden war. Diese Lodge war eine besondere. Sie wurde 1677 gegründet und war eine Tochterloge der Loge Mutter Kilwinning (oder Loge Nr. 0), der am meisten verehrten Freimaurerloge der Welt.

Wie es sich für einen lebenslangen Freimaurer gehört, übte Francis Diskretion. Von Tagebüchern oder Memoiren ist nichts erhalten, und nur zwei Briefe sind erhalten. Es ist möglich, dass seine persönlichen schriftlichen Aufzeichnungen von seinen Erben in einem ähnlichen Geist zerstört wurden wie die Zerstörung der Flügel seines Neuen Hauses; aber es ist ebenso wahrscheinlich, dass er sie aus Gründen der Diskretion selbst zerstört hat. Aufgrund dieser Hypothese beabsichtigte er, dass sein erstaunliches Erbe an Landschaften, Gebäuden und Kunst sowie seine eigene Persönlichkeit ein Rätsel darstellen sollten, das die Nachwelt selbst enträtseln muss, wenn sie dazu in der Lage ist. (Das Mausoleum. Gosford-Konzepte)

Es gibt keinen Zugang zum eigentlichen Mausoleum und freimaurerische Zahlen, Strukturen und Linien sind mit bloßem Auge selten zu erkennen. Das Mausoleum der Freimaurer bleibt mir ein Rätsel. Aber einen Besuch ist es allemal wert, denke ich und mache mich auf nach Aberlady, wo der nächste Friedhof und mein B&B auf mich warten.

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar. 

Nellie Merthe Erkenbach

Das Pferd in meinem Bett

darkness over Torridon @nme Abenteuer Highlands

A nod’s as guid as a wink tae a blind horse. Nicken ist so gut wie Augenzwinkern für ein blindes Pferd, sagt dieses ur-schottische Sprichwort. Die Bedeutung: Egal, wie sehr man sich anstrengt, manche werden die subtilen Hinweise und Signale einfach nicht verstehen. Daher ist es oft besser, direkt zu sagen, was man meint. Aber was, wenn diese Person den Schlaf der Gerechten schläft?

Es ist Freitag und in letzter Zeit sind wir regelmäßig mit Kinderbetreuung beschäftigt. Die Trennung der Eltern beeinflusst unser aller Leben. Vielleicht ist der Kleine deshalb zuletzt ein wenig anders und nicht ganz so unbeschwert fröhlich und unproblematisch, wie sonst. Tagsüber spielen er und der Mann im Garten und mit der Eisenbahn und ich versorgte ihn mit Snacks, Vitaminen und Abendessen. Er hat einen ausgesprochen gesunden Appetit und man muss schauen, dass man hinterher kommt mit dem „füttern“.

Am Ende des Abends sind wir total kaputt. Er darf natürlich länger aufbleiben, wenn er bei uns ist. Am nächsten Tag ist ja auch keine Schule. Es ist nach zehn Uhr, als er endlich schläft und wir wenig später auch. Gegen ein Uhr nachts weckt mich ein Geräusch und dieses Mal ist es ausnahmsweise nicht das Schnarchen des Mannes, sondern der Kleine, der gefühlt noch kleiner als sonst vor meinem Bett steht und vorsichtig flüstert:

„Mir ist das was passiert.“

Ich bin sofort wach und gehe in Kümmermodus.

„Komm, lassen wir Seanair (Opa, sprich: Schinner) schlafen und schaun mal, was los ist.“

In seinem Zimmer angekommen ist jede Menge los. Ihm war offensichtlich übel und er musste sich übergeben. Im Bett, auf dem Teppichboden, im Flur, im Wohnzimmer, im Flur zum Bad, über der Toilette, über dem Waschbecken und über der Wand mit den Handtüchern. Dann hat er seinen Pyjama und ein paar Handtücher genommen und versucht, alles wieder sauber zu machen, bevor ihm klar wurde, dass er das ohne Hilfe nicht schafft. Er hat sich sogar einen frischen Schlafanzug angezogen. Allerdings die restlichen sauberen Klamotten in dem Erbrochenen auf dem Boden verteilt.

Ich atme tief durch und beurteile die Lage. Hier ist ein Großputz erforderlich, mal schnell nächtlich drüberwischen wird nicht reichen.

Doch zuerst drück‘ ich den Kurzen fest und sage ihm, dass das überhaupt nicht schlimm ist und er mich in Zukunft gleich rufen soll, damit ich ihm helfen kann. Es scheint ihm gut zu gehen, nachdem sein Magen alles losgeworden ist und er ist sauber. Also stecke ich ihn an meiner statt ins Bett zu seinem Opa, der sich nicht rührt. Bekommt der denn gar nichts mit?

Dann gehe ich in Putzmodus und stelle fest, dass er außerdem noch ins Bett gepinkelt hat. Die feuchte Stelle hat er dann mit meinem Handtuch aus dem Bad zu trocknen versucht. Es ist ein Uhr dreißig am Morgen. Ich ziehe meine gelben Gummihandschuhe an und lege los, ziehe das Bett ab und stecke es mit den Handtüchern in die Waschmaschine.

Ob der Mann wohl bald aufwacht und mir hilft? Ich will nicht ins Schlafzimmer, um den Kleinen nicht zu wecken. Aber er muss mich ja hören. Putzen macht ja Lärm.

Ich gehe mit dem Reiniger über alle waschbaren Flächen. Später mit dem Wischmop über die Böden. Dann mache ich mich mit Bürste und Teppichreiniger an den Boden in seinem Zimmer. Um drei Uhr stecke ich die Wäsche in den Trockner und lasse den laufen. Dann reinige ich die Toilette und das Waschbecken und bin endlich soweit durch mit der Putzerei. Der Teppichboden ist Hochflor und sehr schwierig zu säubern. Ich werde ein Teppichreinigungsgerät organisieren müssen.

Wie kann der Mann bei diesem Lärm nicht aufwachen?

Jetzt bin ich todmüde, aber habe ja keinen Platz mehr im Bett. Den hat ja jetzt der Kleine. Also lege ich mich auf die Wohnzimmercouch und versuche einzuschlafen, obwohl die Couch recht unbequem ist und es draußen langsam hell wird. Im Wohnzimmer haben wir ein großes Fenster ohne Vorhänge oder Jalousien. Die mag der Mann nicht. Der Mann, der seelenruhig durch drei Stunden nächtlichen Großputz geschlafen hat. Der Mann, der sonst nie durchschläft und immer Probleme mit seinem Schlaf hat. Der Mann, der zwei Stunden später aufsteht und mich weckt mit den Worten.

„Schatz, warum schläfst du auf der Couch und der Kleine bei mir?“

„Schatz“, antworte ich. „Ich habe „genickt“ und „gezwinkert“, aber das „Pferd“ in meinem Bett ist „blind“ geblieben.

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

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Nellie Merthe Erkenbach

Nellie eiskalt

Auch die andere Nellie macht ihre Erfahrungen mit schottischen Männern und durchlebte die erste Krise. Nicht alle schottischen Schlachten liegen in der Vergangenheit, manchmal gibt es sie im eigenen Haus. Oder besser gesagt, im Haus des anderen, auf fremdem Territorium. Wir sind ja dazu gezogen.

„Eine Frau braucht doch etwas mehr persönlichen Stauraum als eine freie Schublade“, sagt sie.

So eine Situation ist nicht immer leicht und gerade in den Wintermonaten kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Die Erfahrung machen natürlich nicht nur wir deutschen Frauen, aber wir haben hier nicht das soziale Netzwerk und die „Fluchtmöglichkeiten“, die Frauen haben, die von hier kommen.

Nellie war also auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe und ein wenig Abstand. Dream on! Hätte ich ihr am liebsten zugerufen als sie mir davon erzählt. Träum weiter. Bezahlbaren Wohnraum? Es gibt überhaupt keinen Wohnraum und wenn, dann ist er in der Regel nicht bezahlbar mit den Löhnen, die hier gezahlt werden. In der Regel bekommt man den Mindestlohn und die Mieten liegen bei sieben bis zehn Euro pro Quadratmeter, es gibt schlicht keine kleinen Wohneinheiten, keine Einzimmerapartments. Dazu kommen die Nebenkosten, die trotz der Preisdeckelung der Regierung seit 2022 exorbitant hoch sind. 

Im Vereinigten Königreich kauft man Wohneigentum und mietet nicht, aber der Durchschnittspreis einer Immobilie in den Highlands liegt bei rund £207.000 also je nach Kurs um die €236.000. Wer kann das bei den Gehältern bezahlen? Zudem laufen die meisten Jobs hier nur von April bis Oktober, also während der Touristensaison. In dem Wintermonaten muss man von dem leben, was man während des Sommers angespart hat.

Die Frage ist nun, wo leben?

Pittenweem Hafen @nme Abenteuer Highlands

Nellie hat sich hier inzwischen eine Existenz aufgebaut, Freundschaften geknüpft, sie fühlt sich hier zuhause und will verständlicherweise nicht weg. Nun braucht sie eine bezahlbare Unterkunft. Ich kenne Einige, die mit Mitte Zwanzig und sogar mit Mitte Dreißig noch bei den Eltern leben, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, alleine zu wohnen.

Nellie ist da ganz anders. Die ist eine coole Socke und weil sie in der Gegend schon so gut vernetzt ist, hat sie unter der Hand gehört, dass ein Haus frei steht und vermietet werden soll, sobald einige kleinere Arbeiten abgeschlossen sind. Nellie hat herausgefunden wo und es sich angesehen. Ein Traum! Genau, was sie gesucht hat.

„Es ist mir ganz egal, wie es drinnen aussieht!“, ruft sie euphorisiert. Sie kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein und das Haus liegt wirklich sehr schön und ruhig. Ich kann sie gut verstehen, es ist ein traditionelles Cottage mit schönem Blick und nur zehn Minuten von ihrem jetzigen zuhause entfernt. Da würde ich auch einziehen.

Sie wird mir als Nachbarin fehlen. Den Weg zwischen den beiden Häusern haben wir schon den Nellie-Nellie-Weg getauft. Man kann ihn auf der Straße oder oben am Berg gehen. Und es dauert zu Fuß nur eine knappe halbe Stunde, zum neuen Haus eher eineinhalb, im Winter im Dunkeln ist das keine Option. Aber wenn sie happy ist, bin ich auch happy.

Nur, noch hat sie es ja nicht.

Wir entwerfen einen Masterplan. Sie backt ihr legendäres Shortbread und besucht die Eigentümer. Bei Kaffee und Keksen kann man in den Highlands viel erreichen. Zumal die Familie zu den Einheimischen gehört, das heißt sie lebt seit mindestens fünfzig Generationen vor Ort. Die haben eine präzise Vorstellung davon, wie so etwas zu laufen hat. Wenn sie ihre Lage schildert – Beziehung ist in der Krise, wahrscheinlich zu Ende, sie muss raus aus dem Haus- dann könnte das die Entscheidung für positiv beeinflussen. Außerdem kann sie einige Leumundszeugen angeben. Und sie hat sich einen Ruf erarbeitet, für Sauberkeit und Ordnungssinn. Nicht zuletzt, weil sie in ihrem Job, bevor sie in der Küche war im Housekeeping gearbeitet hat, also die Zimmer im Hotel gemacht hat. So jemanden will man doch als Mieterin, denke ich. Nun will Nellie auch ihre potenziellen Vermieter von der Idee zu überzeugen.

Und das tut sie, besucht die Vermieterin und bliebt zum Plausch, hakt dann nach einer Woche nochmal nach und schaut erneut, scheinbar zufällig, vorbei. Dann hat sie sie weichgekocht und darf besichtigen.

Das Haus ist alt und hat kleine Zimmer, aber sie mag es und warum auch nicht, es hat Charme, auch wenn die Möblierung etwas altmodisch und abgewohnt daherkommt. Nellie hätte wie ich lieber ihre eigenen Sachen um sich, aber leere Mietwohnungen sind nicht existent. Wenigstens kann sie ihr eigenes Bett mitnehmen, muss aber das vorhandene auseinanderbauen und irgendwie verstauen. Ich würde mich in fremden Sachen nicht wohl fühlen, aber Nellie kann und hat dem Haus schnell und effizient ihren eigenen Stil hinzugefügt.

Kintail winter @nme Abenteuer Highlands

Auch die Beziehung hat sich wieder einigermaßen eingerenkt und alles könnte so schön sein. Wenn da nicht der Winter wäre! Es regnet, es windet und es ist kalt und Nellie findet heraus, was es bedeutet, in einem schlecht isolierten Haus mit Nachtspeicherheizungen zu leben. Nachtspeicherheizungen sammeln Wärme in der Nacht, wo der Strom billiger ist, und gebe sie am Tag wieder ab. Das Problem bei Nellie ist, die Wärmeabgabe ist so gering, dass sie nicht mehr als zwölf Grad in der Bude hat. Und das, obwohl die Heizung volle Pulle läuft und sie Kilowattstunde für Kilowattstunde Geld den Kamin hoch bläst. Energetisch eine Katastrophe.

Ach ja, sie hat sogar zwei Kamine, die aber mehr für Zugluft als für Wärme sorgen. Ein offenes Feuer macht eben nicht sehr warm und ist auch problematisch im Unterhalt, wenn man aus dem Haus muss. Also hat sie überall Heizlüfter stehen, friert und ist gefrustet, weil sie viel Geld bezahlt, und es trotzdem nicht warm ist. Und die Vermieter? Die finden das alles völlig normal. Wahrscheinlich ist es bei ihnen nicht wärmer und sie leben schon seit Jahrzehnten so. Man könnte überlegen, ob es nach Jahrzehnten nicht vielleicht Sinn machen könnte, Heizkörper auszutauschen. Je mehr Nellie nachhakt und Alternativvorschläge macht, desto mehr blocken sie.

Und Nellie friert. Und friert. Und friert. Ausgerechnet in diesem Jahr dauerte der Winter länger als sonst. Im April liegt immer noch Schnee und die Temperaturen fallen des Öfteren noch unter den Gefrierpunkt. Wie sich jetzt herausstellt, hatte das Haus schon immer einen Ruf, ein kaltes Gemäuer zu sein. Nellie lebt in einer Gefriertruhe und noch ist der Frühling nicht in Sicht, während die Vermieter auf dem Standpunkt beharren, dass das alles normal ist.

Ich werde Nellie für das nächste Treffen mit den Vermietern von der schottischen Redewendung erzählen, die man benutzt, wenn der andere Blödsinn redet. Daran soll sie denken, wenn sie mit ihren Vermietern redet. Das wird sie aufheitern.

Yer bum’s oot the windae! Dein Popo hängt zum Fenster raus!

Pittenweem @nme Abenteuer Highlands

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

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Nellie Merthe Erkenbach

Barista kommt von Bar

Café, Kaffee und“Kaffee“

Jetzt, wo die andere Nellie da ist, wird mir erst so richtig klar, wie viele meiner „deutschen“ Werte und Angewohnheiten ich hier entweder abgelegt oder relativiert habe. So etwas wird einem gar nicht bewusst, wenn man ausschließlich von Menschen umgeben ist, die andere Wertvorstellungen haben als man selbst. Und die Schotten sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als wir Deutschen. Das sind oft gar keine großen Dinge, mehr die kleinen, die Feinheiten, die es in einem neuen Land zu begreifen und anzunehmen gilt.

coffe cake and a good book @nme Scotland for Quiet Moments

Sich in den Highlands mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen, ist eine dieser Kulturfallen. Nellie macht das alles nach höchstem deutschen Standard: Wenn sie einlädt, stehen Blumen und das beste Geschirr auf dem Tisch, es gibt Selbstgebackenes und Kaffee aus der besonderen Maschine samt schöner Servietten. Schön! Aber es fühlt sich fremd an. Hier, wo man gerne unangekündigt bei Leuten in die Küche schlappt, wird einfach der Wasserkocher angeworfen und Instant in einen Becher gelöffelt. Kekse hat man immer im Schrank.

Ich habe früher auch viel Wert auf eine schöne Kaffeetafel gelegt. Aber jetzt und hier genieße ich das Unkomplizierte, das Einfache. In den Highlands ist es viel weniger Verpflichtung, wenn man sagt, man kommt auf einen Kaffee vorbei. Allerdings kann es durchaus auch ausarten. Zumindest, wenn zwei Nellies aufeinandertreffen.

Kaffee Kuchen Krimi @nme Schatten über Skiary

Inzwischen haben wir drei Sorten von Kaffee-Verabredungen. Bei der einen treffen wir uns entweder bei ihr oder bei mir und trinken Kaffee. Die „Kaffee“-Treffen sind jedenfalls immer sehr lustig. Das gilt auch für die Kaffee-Verabredungen, bei denen wir Kaffee in einem Café trinken. Das ist in den Highlands von März bis April möglich. Danach belegt die Touristen die Tische, davor haben die Cafés Winterpause. Rauszukommen ist vor allem in den Wintermonaten ein echtes Bedürfnis, man ist so oft zu Hause und froh, mal wieder unter Menschen zu kommen. Verabreden wir uns aber auf einen „Kaffee“, dann trinken wir Prosecco. Das kann mit einem Kaffee beginnen, muss aber nicht. Am Ende steht aber immer mindestens eine leere Flasche im Glasmüll.

Barista kommt doch von Bar, oder?

Mony a mickle maks a muckle.

Man sagt, von den Schwaben könne man das Sparen lernen. Mag sein, dass das stimmt. Ich will es nicht beurteilen, als Badener ist man möglicherweise voreingenommen.

Die Schotten, so heißt es, wären geizig. Googelt man das, bekommt man eine Viertelmillion Einträge. Es scheint sich also um eine weit verbreitete Meinung zu handeln. Für mich ein klares Vorurteil. Ich habe in all den Jahren hier nicht mehr geizige Menschen getroffen als in Deutschland oder irgendeinem anderen Land.

Von der anderen Nellie könnten sowohl die Schotten als auch die Schwaben das Sparen lernen, denn sie ist eine echte Sparfüchsin. Sie weiß, welches ihrer Haushaltsgeräte wieviel Strom verbraucht und vor allem welchen, den billigen Nacht- oder den teuren Tagstrom. Ihr entgeht kein Sonderangebot und sie prüft jeden Kassenbon, ob der Rabatt auch abgezogen wurde.

„Der kleine lokale Supermarkt will mich regelmäßig übers Ohr zu hauen“, sagt sie.  „Wahrscheinlich bin ich dort schon als bargain lady bekannt, die mit Ihren Bons wieder zurückkommt und Geld zurückfordert. 

Eine Mrs Scrooge ist sie nicht, sondern weit davon entfernt, geizig zu sein. Im Gegenteil, sie ist großzügig in sehr vielen Dingen und wenn es um ihre Hündin Emma geht, scheut sie keine Ausgaben. In vielen Dingen ist sie so zu meinem Vorbild geworden. Ich, die ich bisher eher sorglos in finanziellen Dingen war, muss nun mit dem halben Gehalt und den doppelten Haushaltskosten doch schauen, wo das Pfund und der Euro bleiben. Dazu kommt hier die sogenannte cost of living crisis mit zweistelliger Inflation und massiv gestiegener Nahrungsmittel- und Energiepreise dank Brexit und Ukraine-Krieg. Ein Pfund schottische Streichbutter kostet im Winter 2023 umgerechnet €5,37, das Heizöl 93 Cent der Liter, 1 Kilowattstunde Strom 46 Cent. Viele Menschen hier leben in fuel poverty, sie können sich die Heizung nicht leisten, vor allem jene, die in alten, schlecht isolierten Häusern leben.

Also werde ich auch zur Sparfüchsin und nutzte zum Beispiel die App im Supermarkt und löse Coupons ein, ich freue mich über den Rabatt für die Locals (Einheimischen) im Café und vergleiche beim Einkauf von Sonderangeboten die Preise mit denen der Internetanbieter, ob sie auch wirklich günstig sind oder nicht. Im Diskounter habe ich einen Teppichreiniger erstanden, der nicht nur zwanzig Euro billiger war als der bei Amazon, ich bekam auch noch 10% Rabatt, weil ich die monatliche Ausgabengrenze von £250 überschritten hatte.

Wäre ich noch in Deutschland, ich würde mir denken: Kleinvieh macht auch Mist. Die schottische Variante des Sprichworts klingt viel lautmalerischer: Mony a mickle maks a muckle.

So klingt Sparen gleich viel schöner, oder?

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

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Nellie Merthe Erkenbach