Ich lebe am Meer, und diese Nähe ist ein unverzichtbarer Teil meines Lebens. Dort, an den kühlen Stränden, wo die Wellen ihre Geschichten flüstern, finde ich etwas, das für viele nur eine Laune der Natur ist: Muscheln. Aber nicht die gebrochenen, zerklüfteten Exemplare, sondern die makellosen, symmetrischen Schönheiten, die wie kleine Kunstwerke der Natur wirken. Sie spiegeln für mich das Ideal wider – die Harmonie und Perfektion, die die Natur erschaffen kann.
farbenfrohe Muscheln
Warum perfekte Muscheln so faszinierend sind
Eine perfekte Muschel ist wie ein kleines Wunder. Ihre symmetrische Form, ihre glatte Oberfläche und die oft zarten Farben erinnern mich daran, wie präzise und gleichzeitig verspielt die Natur sein kann. Jede unversehrte Muschel ist ein Zeugnis ihrer Reise – geformt von der See, aber dennoch unversehrt.
Für mich sind diese makellosen Muscheln wie kleine Schätze, die ich hüten möchte. Sie erinnern mich an die Momente im Leben, in denen alles im Einklang ist – selten und wertvoll.
Wenn ich eine perfekte Muschel in meinen Händen halte, fühle ich eine tiefe Verbindung zur Natur. Sie ist wie ein kleiner Anker, der mich daran erinnert, dass es inmitten von Chaos und Unbeständigkeit auch Momente von Perfektion geben kann.
Food For Thought – Miesmuscheln
Altern als Kunst begreifen
Das Altern – ob bei Landschaften oder uns selbst – ist ein Prozess, der oft Angst macht. Aber was, wenn wir es als Kunst sehen? Jede Falte und jede Spur auf unserer Haut ist eine Errungenschaft, ein Beweis dafür, dass wir gelebt haben.
Muscheln und Haut haben mehr gemeinsam, als man denkt. Beide sind Oberflächen, die ihre Umwelt widerspiegeln und von ihr geprägt werden. Unsere Haut schützt uns, sie regeneriert sich, aber sie altert auch. Ebenso tragen Muscheln die Spuren ihrer Umgebung – die Schärfe des Sandes, die Kraft der Wellen und die Berührung von Steinen.
Während gebrochene Muscheln oft von ihrer Vergänglichkeit zeugen, sehe ich in den makellosen Muscheln eine zeitlose Schönheit – eine Erinnerung daran, dass auch in der Natur Momente der Perfektion existieren, die Bestand haben können.
ein Sack voller Jacobsmuscheln
Die Magie von Muscheln: Ein Symbol der Harmonie
Makellose Muscheln tragen eine gewisse Magie in sich. Sie sind für mich ein Symbol der Harmonie und der Balance. Indem ich diese Muscheln in meine Hände nehme, fühle ich mich mit der Natur verbunden und finde Frieden in dem Gedanken, dass Perfektion nicht nur ein Ideal ist, sondern manchmal auch eine greifbare Wirklichkeit.
Die Legende von Felicity und ihren geheimnisvollen Nachfahren
Stellt euch vor, ihr wandert durch die ruhigen Wälder der schottischen Highlands, das Moor glitzert im Morgenlicht – und plötzlich taucht zwischen den Bäumen eine große schwarze Katze auf, mit einem Schweif wie ein Peitschenschlag und Augen, die Funken sprühen. Fantasie oder Wirklichkeit? Genau diese Frage sorgt seit Jahrzehnten für Diskussionen in Schottland. Willkommen in der Welt der mysteriösen Highland-Großkatzen!
1980: Ein Puma namens Felicity
Vor über 40 Jahren wurde im kleinen Cannich, nahe Glen Affric, eine Katze gefangen, die alles veränderte: Felicity, eine pummelige Puma-Dame, die von einem entschlossenen Farmer in eine Falle gelockt wurde. Während die Medien über „das Tier, das die Highlands terrorisierte“ berichteten, entpuppte sich Felicity als eher gemütlich denn gefährlich. Mit etwas Arthritis und einer Vorliebe fürs Streicheln war sie eher Haustier als Raubtier. Dennoch: Felicity war real, und damit begann der Hype um die Highland-Katzen.
Sichtungen, die bis heute anhalten
Auch nach Felicitys Gefangennahme riss die Flut an Berichten über große Katzen in Schottland nicht ab. Von Easter Ross bis Ayrshire behaupten Menschen, riesige schwarze Katzen gesehen zu haben, die durch Wälder streifen oder gemütlich über Hügel schleichen. Manche schwören auf Panther, andere sprechen von mysteriösen Mischwesen. Aber was steckt dahinter?
Die Theorie der ausgesetzten Exoten
Ein häufig genanntes Szenario führt uns zurück ins Jahr 1976, als das britische Gesetz für gefährliche Wildtiere in Kraft trat. Plötzlich mussten private Besitzer exotischer Tiere wie Leoparden und Puma ihren Schützlingen entweder artgerechte Gehege bieten – oder sie freilassen. Und was wäre ein besserer Zufluchtsort als die weiten, menschenleeren Highlands?
Beweise oder Anekdoten?
Während offizielle Stellen wie NatureScot seit Jahrzehnten keinerlei stichfeste Beweise für wilde Großkatzen in Schottland vorlegen können, bleibt die Begeisterung der Menschen ungebrochen. Geschichten von Sichtungen, rätselhaften Spuren oder sogar Angriffen auf Haustiere finden ihren Weg in lokale Pubs und Zeitungen. Und seien wir ehrlich: Ein bisschen Magie schadet niemandem.
Ein Mythos, der bleibt
Die Highlands sind bekannt für ihre Geschichten – ob es sich um Geister, den Loch Ness Monster oder eben geheimnisvolle Raubkatzen handelt. Felicity mag zwar schon lange in den ewigen Jagdgründen schnurren, doch ihre vermeintlichen Nachfahren sorgen weiterhin für Gänsehaut und Spekulationen.
Warum also nicht beim nächsten Highland-Ausflug selbst die Augen offen halten? Vielleicht entdeckt ihr ja Spuren im Moos – oder zumindest eine spannende Geschichte für die nächste Runde am Kaminfeuer. Denn eines ist sicher: In Schottland wird jede Geschichte ein kleines bisschen größer und ein bisschen wilder. Und genau das lieben wir doch, oder?
Gezeiteninseln – ein harmloser Begriff für eine potenzielle Todesfalle, wenn man nicht aufpasst. Also, für alle, die sich nicht täglich mit maritimen Begriffen befassen: Eine Gezeiteninsel ist eine Insel, die bei Ebbe mit dem Festland verbunden ist und bei Flut plötzlich – schwupps – wieder im Meer verschwindet. Klingt spannend, oder? Oder eher gruselig. Denn genau das ist mein Problem mit diesen Inseln.
Mir fallen sofort all die Horrorgeschichten von Kollegen ein, die sich nur knapp vor der Flut auf der Passage du Gois in Frankreich retten konnten. Die Passage du Gois verbindet das französische Festland mit der Île de Noirmoutier und ist nur bei Ebbe befahrbar. Das Problem? Die Straße verschwindet bei Flut vollständig unter Wasser – und das schneller, als man denkt. Es gibt genug Berichte von Autos, die mitten auf der Strecke einfach stehen bleiben und dann von der aufkommenden Flut eingeschlossen werden. Keine schöne Vorstellung! Es gibt sogar Rettungstürme, auf die sich Fußgänger retten können, falls sie sich mit der Zeit verschätzt haben.
Ich erinnere mich auch vage an einen Urlaub in Irland, gefühlt vor 200 Jahren, als wir eine Gezeiteninsel besucht haben, deren Name mir partout nicht mehr einfallen will. Aber was ich noch weiß: Wir sind rübergefahren – nicht gelaufen – und haben unterwegs die letzten Spaziergänger eingesammelt, während das Wasser langsam, aber bedrohlich zurückkam. Gruselig.
Lindisfarne – Die heilige Insel
Nun also Lindisfarne. Der Mann ist tapfer und organisiert. Er checkt die Gezeitenliste. Ich hätte sie garantiert wieder falsch gelesen und wäre auf der Insel geblieben – mit einem langsam versinkenden Auto und einer panischen Sprachnachricht an die Küstenwache. Aber dank des Mannes wissen wir: Um 8:15 Uhr können wir rüber, müssen aber spätestens um 13:15 Uhr zurück. Sonst ist es vorbei mit dem trockenen Heimweg.
Dementsprechend angespannt beginnen wir unsere Reise und stehen früh morgens um 8:15 Uhr tatsächlich am Causeway, der die Insel mit dem Festland verbindet. Noch liegt ein bisschen Wasser auf der Straße – nur Pfützen, aber für mich natürlich das ultimative Katastrophensignal. Der Mann fährt gelassen los, während ich aufgeregt filme und innerlich feiere, dass ich diese tödliche Überquerung überlebt habe. Natürlich nur dank des Mannes.
Ein Friedhof mit Geschichte
Kaum angekommen, erwartet uns direkt das nächste Abenteuer: der Parkplatz. Ich zahle für vier Stunden, länger geht nicht, wegen der Flut. Dass alle außerhalb des Dorfes parken sollen ist verständlich, schließlich werden die armen Insulaner der Holy Isle von Touristen überrannt. Da will man sie nicht auch noch mit parkenden Autos im Dorf belästigen. Außerdem ist die Heilige Insel so klein, dass man wirklich alles zu Fuß machen kann.
Und wo führt unser erster Weg hin? Natürlich auf den Friedhof der Abtei. Für mich nichts Ungewöhnliches, und auch für den Mann ein bekanntes Spiel. Hat hat sich über die Jahre mit meiner Friedhofsbegeisterung arrangiert.
Der Friedhof ist schön – wenn auch leider so touristisch, dass man gezwungen wird, auf den vorgegebenen Wegen zu bleiben. Kein freies Herumstreifen. Die Abtei selbst ist noch geschlossen. Sie scheint sich nicht groß für die Gezeiten oder unsere Besuchszeiten zu interessieren. Aber vom Tor aus sieht man eigentlich alles, was man sehen will.
Lindisfarne, auch als Holy Island bekannt, ist einer der wichtigsten spirituellen Orte Englands. Die Abtei wurde im Jahr 635 von dem irischen Mönch Aidan gegründet, der von Iona aus kam, um das Christentum in Northumbria zu verbreiten. Die Insel wurde zu einem der bedeutendsten Klöster der angelsächsischen Welt und brachte eine der berühmtesten mittelalterlichen Handschriften hervor: die Lindisfarne-Evangelien. Doch die Idylle hielt nicht lange. Im Jahr 793 wurde die Abtei Ziel eines der ersten dokumentierten Wikingerräuberzüge. Die plündernden Nordmänner metzelten die Mönche nieder, raubten Schätze und machten damit den Auftakt zur Wikingerzeit in England.
Trotz aller Zerstörung wurde das Kloster mehrfach wieder aufgebaut, bevor es schließlich im Zuge der Auflösung der Klöster durch Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert endgültig verfiel. Heute sind die Ruinen ein beeindruckendes Zeugnis dieser bewegten Geschichte – und der perfekte Ort für ein bisschen Friedhofsromantik. Also tauchen wir ein in die Geschichte von Lindisfarne und lassen den mystischen Zauber der Insel auf uns wirken.
Der Hadrianswall ist eine der beeindruckendsten Hinterlassenschaften des Römischen Reiches in Großbritannien. Im Jahr 122 n. Chr. beschließt Kaiser Hadrian, dass es jetzt reicht mit den wilden Barbaren aus dem Norden. Also lässt er eine Mauer bauen. Eine große Mauer. Eine sehr lange Mauer. Ganze 117 Kilometer erstreckt sie sich von der Ostküste bei Newcastle bis zur Westküste bei Bowness-on-Solway.
Und warum? Wegen der Pikten. Die Pikten sind die Urbewohner Schottlands – furchtlose Krieger, die sich mit blauer Farbe bemalen, mit Vorliebe nachts angreifen und sich in den Wäldern verstecken, wenn die Römer zurückschlagen wollen. Guerillakrieg, bevor es überhaupt ein Wort dafür gibt. Das Problem für die Römer: Sie lieben ordentliche, planbare Kriege mit geraden Schlachtreihen. Die Pikten halten sich nicht an diese Regeln. Also bleibt den Römern nur eine Möglichkeit: Sie mauern sich ein.
Und was für eine Mauer das ist! Bis zu sechs Meter hoch, fast drei Meter dick und gespickt mit Wachtürmen, Meilenkastellen und großen Garnisonen. Sie ist ein militärisches Bollwerk, aber auch eine Art antike Zollstation. Wer aus dem Norden nach Süden will, braucht eine Genehmigung. Klingt mühsam, aber für die Römer ist es besser als ständig plündernde Pikten in den Grenzstädten.
Der Hadrianswall bleibt für Jahrhunderte in Betrieb, bis die Römer irgendwann einsehen, dass sie Britannien ohnehin nicht halten können. Danach verfällt er langsam, die Steine werden für Bauernhäuser und Straßen verbaut, und irgendwann sieht er mehr nach Ruine als nach Grenzfestung aus. Aber heute ist er noch erstaunlich gut erhalten.
Der Mann und ich haben beide noch nie viel davon gesehen, also erkunden wir ihn. Oder versuchen es zumindest. Ein Spaziergang entlang der Mauer klingt in der Theorie fantastisch, aber in der Praxis ist es gar nicht so einfach. Parkplätze? Nur an den offiziellen, kostenpflichtigen Bereichen. Einfach irgendwo anhalten? Fehlanzeige. Also suchen wir eine Stelle, wo wir endlich ein Stück laufen können. Und was soll ich sagen? Diese Mauer ist beeindruckend. Breit, stabil und unfassbar präzise gebaut – und das alles ohne Maschinen. Ich stehe fassungslos davor und frage mich, wie viele Legionäre und Sklaven wohl geflucht haben, als sie die Steine schleppten. Wahrscheinlich alle.
Die Borders – Umkämpftes Grenzland
Während der Hadrianswall eine militärische Grenze war, haben die Borders– das Grenzgebiet zwischen Schottland und England – eine ganz andere Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg ist diese Region ein einziger Spielplatz für Kriege, Überfälle und Plünderungen. Hier verschiebt sich die Grenze ständig, je nachdem, wer gerade die Oberhand hat. Die Schotten? Die Engländer? Die Clans, die mal für die eine, mal für die andere Seite kämpfen? Niemand weiß es genau. Klar ist nur: Leben möchte man hier in der Vergangenheit lieber nicht.
Warum ist dieses Gebiet so umkämpft? Ganz einfach: Es ist fruchtbares Land, reich an Bodenschätzen und Handelsrouten. Wer die Borders kontrolliert, ist mächtig.
Im Mittelalter treiben hier die berüchtigten Border Reivers ihr Unwesen – Reiterbanden, die für niemanden außer sich selbst kämpfen. Heute würde man sie wohl als mittelalterliche Gangster bezeichnen. Sie stehlen Vieh, brennen Dörfer nieder und verschwinden wieder in den Hügeln. Namen wie Armstrong, Elliot oder Scott sind hier legendär – entweder als Helden oder als gefürchtete Banditen.
Erst mit der Vereinigung Schottlands und Englands 1707 beruhigt sich die Lage, aber bis dahin ist es ein wilder Ritt. Heute ist die Landschaft friedlich, grün und wunderschön – kein Vergleich zu früher. Während wir entlang des Hadrianswalls laufen, stelle ich mir vor, wie hier einst römische Soldaten Wache hielten, Pikten lauerten und Jahrhunderte später schottische und englische Krieger um dasselbe Stück Land kämpften. Heute sind es nur wir, ein paar Wanderer und eine beeindruckende Mauer, die noch immer standhaft die Geschichte bewacht.
Ein Roadtrip entlang der alten Grenze
Der Mann und ich fahren mit dem Auto quer an der alten Grenzlinie entlang, die uns mal nach England, mal nach Schottland bringt. Es ist eine witzige Erfahrung, denn es gibt nicht immer ein Schild, das uns mitteilt, wo wir gerade sind. Während auf den großen Straßen selbstverständlich riesige Schilder prangen – „Welcome to Scotland“ hier, „Welcome to England“ dort – verschwinden sie auf den kleinen Straßen oft völlig. Ich frage mich, ob wir uns gerade in England oder Schottland befinden, während der Mann nur trocken meint: „Ist doch egal, solange wir nicht zurück in den römischen Grenzbereich kommen.“ Sehr witzig.
Fünf Tage in Aberdeen reichen aus, um zu erkennen, dass diese Stadt voller Kontraste steckt. Auf den ersten Blick wirkt sie durch ihren grauen Granit und das oft düstere Wetter eintönig und kühl, fast steril. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt eine lebendige Café-, Restaurant- und Shopping-Szene, die dem Stadtbild eine überraschende Dynamik verleiht. Es ist eine Stadt im Wandel, eine, die nicht ganz weiß, wo sie hingehört – zwischen vergangenem Reichtum und einer ungewissen Zukunft.
Marishall College
Früher war Aberdeen das pulsierende Zentrum des Ölbooms. Man erzählte mir, dass man keine Straße entlanggehen konnte, ohne alle paar Meter jemandem im Anzug zu begegnen. Heute ist das anders. Die Industrie zieht sich zurück, und mit ihr verschwindet auch der sichtbare Wohlstand. Das merkt man nicht nur an der Atmosphäre, sondern auch an den Immobilienpreisen – laut einer aktuellen Studie sind die Hauspreise hier die niedrigsten in ganz Schottland. Ein Glücksfall für Käufer, aber eben auch ein deutliches Zeichen dafür, dass der Markt sich woandershin verlagert.
Grey Granite
Gleichzeitig gibt es in Aberdeen eine tief verwurzelte Tradition des Wissens. Die Universität, gegründet im 15. Jahrhundert, gehört zu den ältesten des Landes. Besonders spannend finde ich, dass hier Kriminologie studiert werden kann – eine Disziplin, die einen faszinierenden Einblick in reale Verbrechen gewährt. Viele Professoren engagieren sich aktiv im True-Crime-Spektrum, was Aberdeen einen modernen, intellektuellen Anstrich gibt.
Old Aberdeen, University District
Architektonisch hat die Stadt einige beeindruckende Gebäude zu bieten: die Cowdray Hall, das Marischal College, die Music Hall – alle aus massivem Granit. An sonnigen Tagen reflektiert der Stein das Licht auf eine fast silbrige Weise, aber an trüben Tagen verstärkt er nur die monotone Farbgebung der Stadt. Es gibt wenig Farbe, weder im Stadtbild noch oft im Wetter. Umso spannender sind die Street-Art-Murals im Banksy-Stil, die plötzlich aus dem Grau herausstechen und Aberdeen einen Hauch von Subkultur verleihen.
Street Art
Aberdeen ist ein Ort, den man erlebt haben muss. Ihre Gegensätze machen sie faszinierend – eine Mischung aus reicher Geschichte, intellektuellem Anspruch und einem Hauch von Melancholie. Ob ich hier leben wollte, weiß ich nicht. Aber als Reiseziel? Absolut. Ein Ort, der überrascht und irritiert – aber genau das macht ihn spannend.
Boxing Day auf der Insel: Ein Tag voller Traditionen und Gemütlichkeit Auf der Insel ist der Boxing Day mehr als nur der Tag nach Weihnachten. Am 26. Dezember treffen sich Tradition, Unterhaltung und pure Gemütlichkeit in einer unverwechselbaren Mischung. Während die einen das Stadion stürmen, um ihre Lieblingsteams in der Premier League zu unterstützen, machen es sich andere auf dem Sofa bequem, genießen die Reste des Weihnachtsessens und widmen sich einem ausgedehnten Fernsehmarathon.
Fußballfieber und volle Stadien Boxing Day ohne Fußball? Unvorstellbar! Die Premier League liefert jedes Jahr spannende Matches, die nicht nur eingefleischte Fans in ihren Bann ziehen. Die Stadien sind bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Stimmung ist elektrisierend. Ob Old Trafford, Stamford Bridge oder Anfield – überall treffen sich Fans, um ihre Teams anzufeuern. Winterpause? Kennt man hier nicht.
Für viele Familien gehört der Besuch eines Spiels genauso zu den Feiertagen wie der Weihnachtsbaum oder das Festessen. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, zusammenzukommen und die gemeinsame Leidenschaft für den Sport zu teilen. Wer nicht ins Stadion geht, verfolgt die Spiele zuhause oder im Pub.
Der Mann und ich: Füße hoch, faul und Fußball Auch bei uns ist der Fernseher am Boxing Day fest auf Fußball eingestellt. Der Mann und ich machen es uns mit einer Decke auf dem Sofa bequem, die Füße hochgelegt, eine Tasse Kaffee in der Hand. Während die Spieler über den Bildschirm sprinten, genießen wir den letzten Christstollen von meinem Papa und schmunzeln über die Kommentatoren.
Die Leichtigkeit des Tages, die Gemütlichkeit und die Freude am Spiel – es ist ein Boxing Day ganz nach unserem Geschmack. Es gibt keine Hektik, nur faulenzen und genießen, während draußen der Wind an den Fenstern rüttelt.
Shopping? Ohne uns! Die legendären Boxing Day Sales? Nicht bei uns. Die nächste Mall ist über zwei Stunden entfernt, und ohne die ernsthafte Androhung von Liebes- oder Essensentzug würde ich den Mann nicht in ein Einkaufszentrum bekommen. Stattdessen genießen wir die Ruhe, die uns die Highlands bieten, und lassen den Trubel der Shopping-Hungrigen links liegen.
Fernsehmarathon und Festessen-Reste Für alle, die es gemütlicher mögen, bietet der Boxing Day die perfekte Gelegenheit für einen Fernsehmarathon. Klassiker wie Downton Abbey oder Doctor Who laufen in Dauerschleife, ergänzt durch die besten Weihnachtsfilme. Und natürlich dürfen die kulinarischen Überbleibsel vom Vortag nicht fehlen. Der Boxing Day ist der perfekte Mix aus Entspannung und Genuss – eine Auszeit kurz vor dem Jahreswechsel.
Meine Wanderung von Achnashellach zum Easan Dorcha und Coulin Pass
Die schottischen Highlands, ein Ort von wilder Schönheit und ungebändigter Natur, bieten Wanderern unzählige Möglichkeiten, sich in der Weite der Landschaft zu verlieren. Die Wanderung von Achnashellach zum Coulin Pass ist eine Route, die nicht nur mit atemberaubenden Ausblicken belohnt, sondern auch mit einer Herausforderung für Körper und Geist aufwartet. Stichwort Ironie, aber dazu gleich mehr.
Die Reise beginnt in Achnashellach
Unsere Tour beginnt im malerischen Dorf Achnashellach, das in den nördlichen Highlands Schottlands liegt. Von hier aus führt der Weg durch eine Landschaft von überwältigender Schönheit, geprägt von grünen Tälern, schroffen Bergen und klaren Bächen. Die Luft ist erfüllt vom Duft wilder Blumen und dem Gesang der Vögel. So, stelle ich mir vor, wirbt der Reiseveranstalter für seine geführte E-Mountainbike-Tour und so ist es auch weitgehend, sieht man mal von dem malerischen-Dorf-Teil ab. Achnashellach ist nicht mehr als ein Bahnhof im Nirgendwo. Aber ein schöner. Man kann aussteigen und direkt losradeln.
Der Aufstieg zum Easan Dorcha
Der erste Teil meiner Wanderung führt uns zum Easan Dorcha, einem nicht allzu großen, dunklen Wasserfall (wie der Name besagt), der dennoch beeindruckt, weil er sich malerisch ins Tal stürzt, umgeben von uralten Pinien und leuchtendgrünen Birken. Der Weg schlängelt sich durch dichte Wälder und über steinige Pfade, während ich langsam an Höhe gewinne. Der Anstieg ist anspruchsvoll, aber die Aussicht auf den Wasserfall entschädigt für alle Mühen, denke ich. Bis mir die Gruppe Mountainbiker entgegenkommt. Es ist, als wäre in einem Cross-Country-Weltcup auf der Rennstrecke gelandet. Nur, dass es sich hier nicht um Profis handelt, sondern um Hobbyfahrer, die verzweifelt ihre Bikes den schmalen Bergpfad hinaufschieben oder in Zeitlupe einen halben Meter hinter sich bringen. Ich stelle mich in den Matsch neben den Pfad und warte. Der Weg ist schmal und man kommt nicht aneinander vorbei. Es dauert guten zehn Minuten, bis alle an mir vorbeigekämpft haben. Eine Trennung zwischen Wegen für Mountainbiker und Fußgänger, wie wir sie im Schwarzwald haben, gibt es in Schottland nicht. Zumindest ist mir keiner bekannt. Auf der Wanderroute aber herrscht Verkehr wie auf der A8 bei Pforzheim. Das ist neu.
Über den Coulin Pass
Nachdem ich die Biker-Horde und Easan Dorcha hinter mir gelassen haben, führt der Weg weiter den Coulin Pass hinauf. Dieser Abschnitt ist mit einem breiten Weg gesegnet, doch nun ist kein Hobbyradler weit und breit zu sehen. Dafür die unendlich große Weite des schottischen Hochlands, kaum ein Baum. In der Ferne die Berge von Torridon, nichts als Licht, Luft und Weite. Und ein Schild: Danger. Confined Space. Eine Warnung vor zu wenig Raum in der Mitte der unendlichen Weite? Mein erster Gedanke: Ironie. Doch den nehme ich wieder zurück. Wohl eher Health & Safety. Das allumfassende Sicherheitsdenken im Vereinigten Königreich für alle Lagen des täglichen Lebens. Auch an Orten, wo man zwei Stunden wandern muss, um überhaupt hinzukommen. Egal, dies ist ein Estate und hier wird gearbeitet. Hätten sie mal lieber ein Radfahrer-Warnschild hingestellt als in der endlosen Weite des Hochlands eine Warnung vor zu wenig Platz.
Achtung! Es wird eng hier!
Nach 15km bin ich müde, aber zufrieden wieder zurück am Parkplatz. Keines der Autos hier hat eine Fahrradhalterung. Die Gruppe kann auch nicht per Zug gekommen sein, der passiert Achnashellach erst gegen 13 Uhr. Ein Tour-Veranstalter hat sie wohl rausgelassen und sammelt sie später wieder ein. Durch die e-Bikes sind die Highlands ein gutes Stück kleiner geworden. Vielleicht war es auch das, was das Schild sagen wollte: Achtung! Es wird eng hier!
Das nationale Gesundheitssystem ist eine tolle Sache. Zumindest in der Theorie. In der Praxis waren die Wartezeiten in den Notaufnahmen nie länger, die Krankenschwestern und Pfleger nie unzufriedener und die jungen Ärzte streiken für mehr Geld, um zumindest die Inflation ausgleichen zu können. Dazu hat jede Menge Personal im Gesundheitswesen das Land nach dem Brexit verlassen oder verlassen müssen. Die Lage ist also angespannt und ich merke zum ersten Mal ganz direkt, was das bedeutet.
Wir sitzen eines Abends gemütlich auf den Couch. Okay, manche von uns sitzen, andere liegen eher. Ich knabbere Erdnüsse und habe auf einmal so ein komisches Gefühl im Mund. Ich gehe der Sache auf den Grund und stelle fest, dass mir ein Stück Backenzahn abgebrochen ist. Ein kleines Stückchen Rest-Zahn ist noch übrig um die riesige und uralte Amalgam-Füllung. Die eingerissene Ecke hat scharfe Kanten und ist so was von nervig. Ich brauche einen Zahnarzt.
Kann ja nicht so schwer sein, denke ich. Schließlich habe ich ja auch einen Hausarzt hier. Ich muss mich nur bei einem Zahnarzt registrieren und um einen Termin bitte. Ich bin auch bereit zu warten. Kein Problem.
Stellt sich heraus, so einfach ist es natürlich nicht. Eine Zahnarztpraxis hier in der Gegend hat geschlossen, die andere gibt es noch, aber die nimmt keine neuen Patienten an. Also ziehe ich meine Kreise weiter. Ist ja nicht so schlimm, wenn man zum Zahnarzt mal eine Stunde fahren muss. Von mir aus auch zwei Stunden. Ist will das ja nicht regelmäßig machen. Aber auch die Praxen weiter weg nehmen keine Patienten mehr an. Ich schreibe Mails, telefoniere, gehe undurchsichtige Listen im Internet durch.
Der Mann hat sein hab-ich-dir-ja-gleich-gesagt Gesicht aufgesetzt und schweigt wissend. Er kennt das Problem mit den Zahnärzten. Kinder, Rentner und Sozialhilfeempfänger bekommen Termine. Die anderen müssen zu privaten Zahnärzten, was bedeutet, man muss alles bezahlen. Das kann es doch nicht sein, denke ich, und forsche weiter.
Eine Sprechstundenhilfe in einer Praxis in Dingwall rät mir, die Zahnarzt Hotline des NHS anzurufen. Vielleicht können die weiterhelfen, sagt sie. Bei einer Hotline anrufen ist nicht gerade weit oben auf meiner Liste der lustigen Zeitvertreibe, aber ich mache es trotzdem und bin auch gleich auf Warteplatz 1. Das wird mein Tag, ich hab es im Gefühl!
Bald habe ich eine nette Schottin am Ohr, die sich meine Geschichte anhört und mir erklärt, dass ich eigentlich keine Berechtigung für einen Nottermin habe. Dann geht sie die Standard-Frageliste mit mir durch.
Nein, ich habe keine Allergie. Nein, ich bin nicht herzkrank. Nein, mein Blutdruck ist nicht zu hoch … Das geht ein paar Minuten so weiter, dann sagt sie:
„Aber die scharfen Kanten reiben im Mund und das verletzt doch die Zunge, oder? Ich schau mal, was ich machen kann. Ich melde mich in zehn Minuten wieder.“
Als sie meine Adresse aufgenommen hat, hat sie gesagt, sie kommt auch aus der Gegend. Damit habe ich offensichtlich einen Bonus, denn nicht zehn, sondern maximal eine Minute später klingelt das Telefon wieder.
Ich habe einen Termin in der nächstgelegenen Praxis, in der sie mal gearbeitet hat. Das ist eine gute halbe Stunde entfernt. Passt.
Dann gilt es ein paar logistische Problem zu lösen, denn ich kann zu der Zeit das Auto nicht haben, weil der Mann da schon eingeplant ist, den Knirps von der Schule abzuholen und in dessen Haus Babyzusitten. Beide Termine kollidieren und wir müssen einiges schieben. Aber ich schaffe meinen und treffe die Zahnärztin.
Eine Frau Ende fünfzig, klein, untersetzt, jovial und eine Arzthelferin Ende zwanzig warten in einem großen Raum auf mich, in dem etwas verlassen ein Zahnarztstuhl steht. Wände und Decken sind in diesem blassen Gelbton gestrichen, den der NHS überall zu verwenden scheint. Von der ganzen Technik die man sonst in einer deutschen Zahnarztpraxis sieht, den aufgereihten sterilisierten Geräten, dem Licht, dem Spülbecken, ist nicht zu sehen. Nur dieser Stuhl und an der Wand ein paar Regale. Es könnte auch eine große, vergilbte Küche sein. Aber die beiden Frauen sind superfreundlich und sehr sympathisch.
Die Zahnärztin geht mit mir nochmals dieselben Fragen durch wie die Frau am Telefon und erklärt mir, dass die einst ihre Arzthelferin war. Dann besieht sie sich den Schaden und berichtet.
„Die Füllung ist gebrochen, scheint aber noch fest zu sein. Die kommt aber früher oder später auch. Wir können ein Provisorium draufmachen. Mit etwas Glück hält es eine Weile. Mehr kann ich nicht tun, Nellie. Du bist ja nur ein Notfall und keine Patientin.“
Ich verstehe. Eine Übergangslösung ist okay für mich. Ich habe keinerlei Schmerzen und kann gut damit leben. Der erste Versuch scheitert, aber im zweiten bleibt das Provisorium an der Stelle, an der es sein soll.
Sollte ich eines Tages eine Praxis finden, die bereit ist, mich aufzunehmen, dann könnte man das richtig machen lassen, erklärt die Zahnärztin. Kronen gibt es beim NHS, aber nur aus Amalgam. Weiße Kronen kann man nur privat machen lassen. Oder ziehen. Das macht der NHS auch. Wie mir der Mann später berichtet, scheint das die gängige Praxis zu sein, bei Problemen mit den Zähnen. Ziehen geht schnell und ist billig. Zahnreinigung, Pflege oder kosmetische Gesichtspunkte gibt es nicht in einem Gesundheitssystem, das derart zu kämpfen hat, wie das im Vereinigten Königreich.
„Und ich dachte, ich bekomme einen Goldzahn, hier“, scherze ich.
Die Zahnärztin blickt glückselig in meinen Mund und beginnt, von der Schönheit der Goldzähne zu schwärmen, seiner Farbe, die in geringer Konzentration fast schon silbrig scheint und sich geschmeidig und elegant an die anderen Zähne anschmiegt.
Ich glaube, sie würde auch lieber Gold anpassen, als Zähne ziehen, weil es billiger ist. Diese Zahnärztin ist auf Gold-Entzug.
Ich behalte meinen Zahn, das Provisorium hält und ich gehe zufrieden wieder aus der Praxis. Zuerst muss ich aber £6,20 bezahlen, Zuzahlung zur Behandlung.
Am nächsten Abend sitzen der Mann und ich wieder auf der Couch und schauen eine französische Krimiserie. Gedankenlos greife ich zu den Erdnüssen und schwupps – ist das Provisorium wieder raus. Und nun? Es sind noch über drei Monate, bis ich wieder in Deutschland und heraus aus der Dentalwüste bin. Wieder in die Hotline und erneut zur Praxis fahren scheint mir dann doch zu umständlich, solange ich keine Schmerzen haben.
„Das kann man auch selbst machen“, rät der Mann.
Echt? Ich schaue nach und finde Temparin Max Home Dental Repair Kit for repairing lost fillings and loose caps, crowns or inlays – 12+/ 13+ Repairs (package may vary). Klingt doch gut, denke ich und bestelle das. Das ist in zwei Tagen da und kostet mit £4,60 ganze £1,60 weniger als der Besuch bei der Zahnärztin.
Was wäre der nationale Gesundheitsdienst NHS ohne Amazon?
Versuch nicht, den Leuten etwas beizubringen, was sie bereits wissen – mit anderen Worten, sei kein Klugscheißer. Und der Teil mit den Eiern? Der ist ein Hinweis darauf, dass ältere Schotten früher oft wenige gesunde Zähne hatten und nur weiche Nahrung wie Eier essen konnten.
Diese schottische Redewendung bringt mich unweigerlich zu der Pfannkuchen Geschichte. Da spielen zwar auch Eier eine Rolle, aber keine Sorge, niemand hat an rohen Eiern gesaugt. Bäh! Was für eine gruslige Vorstellung!
Wie zuletzt häufig, ist der Enkel des Mannes bei uns. Ich habe bereits im letzten Buch (Abenteuer Highlands 2.0) über den Krümel geschrieben. Inzwischen ist er sechs Jahre alt und natürlich kein Krümel mehr. Ich bekäme einen vorwurfsvollen Blick, wenn ich das behaupten würde. Als er noch ein Krümel war, hat er alles gegessen was man ihm vorgesetzt hat: Obst, Gemüse, alles. Nun, als Steppke, ist er wählerisch geworden. Dies isst er nicht und das auch nicht und Karotten nur roh, aber nicht gekocht. Tomaten dagegen nur auf der Pizza oder im Ketchup, aber nicht roh.
Der Kurze nähert sich immer mehr dem Mann an, der Obst und Gemüse ja nur mit höchster Vorsicht begegnet. Die beiden frühstücken Berge von Würstchen mit Eiern, während ich mein Müsli löffle. Das ist doch doof und ich schlage vor, ob wir nicht alle zusammen Pfannkuchen essen wollen, mit Früchten und Ahornsirup. Der Mann hat nichts dagegen, weil dann nicht er in die Küche muss, sondern ich, um das Frühstück zu machen. Der Kurze überlegt für eine Weile und entscheidet sich dafür.
„Ich habe keine Pfannkuchen am Pfannkuchen Tag bekommen“, sagt er vorwurfsvoll und wohl in der Hoffnung, dass ich wegen der kulinarischen Versäumnisseein ernstes Wörtchen mit seiner Mutter rede.
Der Pfannkuchen Tag wird hier im Vereinigten Königreich begangen, weil sie kein Faschingsdienstag haben und die Fastenzeit hier im öffentlichen Leben keine Rolle spielt. In Deutschland kennt man ja auch die Faschingskrapfen. Wenn auch eher nicht zum Frühstück.
Der Kurze hat also eine Pfannkuchen Unterversorgung und ich machen mich dran, Abhilfe zu schaffen. Schnell mixe ich die Zutaten, hebe das geschlagene Eiweiß unter und gebe den Teig und in die Pfanne. Als die ersten fertig sind, lade ich sie auf zwei Teller, garniere mit Früchten und weise auf den Ahorn Sirup und das Zimt-Zucker-Gemisch hin, das auf dem Tisch steht, um wieder in der Küche zu verschwinden und den Rest auszubacken.
Als ich mit der nächsten Ladung wieder zurück am Tisch bin, starrt der Kurze trotzig auf seinen Teller. Er hat die Pfannkuchen nicht angerührt. Der Mann versucht ihn gerade davon zu überzeugen, dass man sie sehr wohl essen kann und sie sehr lecker sind, aber nein, er isst sie nicht.
„Was stimmt denn nicht, mit meinen Pfannkuchen?“ frage ich. Ich kann keinen Fehler entdecken.
„Sie sind nicht in der richtigen Form“, trotzt der Kleine und ich weiß sofort, was er meint.
Seine Generation kennt Pfannkuchen als perfekte, runde Gebäckstücke, gestapelt und mit Sirup übergossen. Meine sind zwar rund, aber keine perfekten Kreise. Form und Aussehen aber gehen ihm vor Inhalt.
Nichts leichter als das“, sage ich und nehme seinen Teller mit in die Küche. Dort steche ich mit den runden Ausstech-Formen für Hilda Plätzchen die runden Pfannkuchen zu perfekten Kreisen und serviere sie erneut. Der Kurze ist zufrieden und isst. Ich esse die ausgestochenen Ränder. Heimlich. In der Küche.
„Oh, Schatz“, sage ich mit Blick auf den Kalender in meinem Telefon. „Das hätte ich fast verpasst. Am Wochenende beginnt die Sommerzeit.“
Der Mann runzelt ebenso misstrauisch wie spöttisch die Stirn.
„Ist März nicht ein bisschen früh für Sommer?“
Ich habe es wieder gemacht! Mal schnell so daher gesagt und nicht nachgedacht. Wenn mir das passiert, ist der Mann sofort mit einer Korrektur am Start.
Sommerzeit ist nicht summertime, sondern daylight saving time. Nur wenige nutzen das Wort summertime. Weiß ich eigentlich. Wieso sage ich es dann nicht? Ich war mit meinen Gedanken schon wieder zwei Ecken weiter.
„Wichtig ist ja nicht, ob die Bezeichnung das Wort Sommer beinhaltet oder nicht. Wichtig ist, dass die Uhren umgestellt werden!“ merke ich an.
Ich, die ich mit Wörtern meinen Unterhalt verdiene als Journalistin und Autorin, sollte etwas feinfühliger in meiner Wortwahl sein. Präziser. Denn hinter den Wörter stecken oft ganze Konzepte, die man mitdenken muss.
Für mich steht weder das Umstellen der Uhr noch der Prozess der Zeitumstellung eine Rolle bei der Sommerzeit. Für mich bedeutet die Umstellung Sommer, Licht und lange Tage. Für den Mann das praktische Umstellen der analogen Uhren, der Energiesparaspekt und die Implikationen, die das für sein Morgenfoto hat, bevor er zur Arbeit fährt. Zwei Konzepte eben.
Noch liegt Schnee auf dem Bergen, deshalb ist mir das Wort Sommer wahrscheinlich so wichtig. Der Winter zieht sich gefühlt ewig hin. Es ist Zeit für Wärme und Licht. Und gerne auch fürs Energiesparen. Horrend, was wir diesen Winter für Strom und Heizung bezahlt haben.
Viellicht ist daylight saving time ja doch kein so seltsames Konzept.
Also gut, ich gebe dem Mann recht. Aber nur hier und ganz leise. Ihr haltet dicht, oder?
Und außerdem: Es ist nie zu früh für Sommer! März hin oder her!