Campbells Canna

John Lorne Campbell war ein Farmer, Fischer, Gelehrter, Lepidopterologe und ein Sammler und Bewahrer von gälischen Liedern und Gedichten. Seine Familie hatte Landbesitz, war aber nicht adlig. Von klein an streifte John durch Wiesen und Wälder, die seiner Familie seit Generationen gehörten. Sie waren die Campbells of Inverneill.

John und seine Brüder Charles, Colin und George wuchsen in der Obhut ihrer Gouvernante, einer gewissen Miss Martin, und der Großeltern auf. Die Eltern waren viel unterwegs und kümmerten sich nicht sonderlich um die Kinder. Der Großvater war einer der typisch viktorianischen Patriarchen, der in Indien gedient hatte und die Enkelkinder im Kilt und Dudelsack spielend zur Kirche führte. Adlige und Militärs gingen ein und aus in Inverneill und Taynish House.

Der Erste Weltkrieg hatte verheerende Folgen für die Finanzen der Familie und die beiden Landsitze. Man musste nach London umziehen, Geld war knapp. John ging nach Oxford und studierte. Er war nun ein echter Gentleman, den nichts von einem klassischen Adligen mit Landbesitz unterschied. Nichts als eine Sache, das nötige Geld, um sich diesen Lebensstil auch leisten zu können.

Er war ein stiller, unsicherer Mann, der zurückgezogen lebte. Seine Leidenschaft waren die Schmetterlinge und die gälische Sprache. Er lernte sie von den Angestellten auf Taynish House und er sollte sich sein Leben lang der Faszination dieses klangvollen Idioms nicht mehr entziehen können. Sein erster Lehrer war Hector MacLean von der Insel Tiree, Lehrstoff war das Neue Testament.

Nach Abschluss eines Studiums und Jahren der Forschung veröffentlichte John Lorne Campbell die Highland Songs of the Forty-Five, die Lieder der Highlands, die den Aufstand von 1745 unter Prinz Charles Edward Stuart gegen die Engländer zum Thema hatten. Ihn interessierte nicht nur die Sprache sondern auch der politische Inhalt dieser Lieder, er verurteilte die Vorurteile, die viele der Sprache entgegen brachten und er verurteilte die Ignoranten, denen nicht klar war, dass Gälisch die Sprache der Hälfte der schottischen Bevölkerung war, die die Engländer nach 1745 auszuradieren versucht hatte. Wo es um seine politischen Überzeugungen ging war von der Scheu des jungen Mannes nichts mehr zu spüren, er war ein leidenschaftlicher Verfechter seiner politischen Überzeugungen.

Zunächst lebte er mehrere Jahre auf der Insel Barra, wo er sich erfolgreich für die Probleme der Fischer einsetzte und er wehrte sich gegen die Straßensteuern, die man auf Barra bezahlen musste, obwohl es auf der Insel so gut wie keine Straßen gab.  Den Norden und den Süden verband nur der Traigh Mhòr, der große Strand, der bei Ebbe befahrbar ist und heute als Flughafen genutzt wird.

Dann lernte er die Musikerin Margaret Fay Shaw kennen und heiratete sie 1935. Beide konvertierten später zum katholischen Glauben. Die Zeremonie wurde auf Gälisch abgehalten. Margaret teilte Johns Leidenschaft für die Erhaltung der gälischen Sprache und Kultur. Sie wollte sie aufzeichnen, um sie der Nachwelt zu erhalten. Und damit begann ihr gemeinsames Projekt, die Lieder von Barra aufzunehmen, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts war das in Gegensatz zu heute eine ziemlich aufwändige Aufgabe.

Nun begann sich John immer mehr politisch für die Inseln und ihre Lebensgemeinschaften einzusetzen. Immer mehr verließen die Inseln, auf St. Kilda, auf Raasay, auf Eigg. Er suchte nach Wegen, die es möglich machten auf den Inseln ein Auskommen zu haben und damit die Kultur der Inseln zu erhalten. Die meisten der kleineren Inseln waren in sogenannte sporting estates verwandelt worden, also reine Jagdreviere für reiche Großgrundbesitzer und ihre Gäste.

John Lorne Campbell lebte inzwischen auf Canna und überlebte da auch den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Die Inselbewohner konnte sich im Gegensatz zu den Menschen in London gut ernähren. John und Margaret waren nun so etwas wie das Zentrum der gälischen Forschung. Sie pflegten interessante Freundschaften, Gavin Maxwell und die Dichterin Kathleen Raine gehörten zu den Besuchern. Mit der „guten Gesellschaft“ von Argyll hatten die beiden allerdings weniger am Hut, zu reaktionär für den Geschmack des Paars.

Unter großen finanziellen Opfern und dank einer unerwarteten Erbschaft gelang es John Lorne Campbell Canna zu kaufen. Er lebte dort viele Jahre und schuf auf der Insel mit viel Leidenschaft die wirtschaftlichen Voraussetzungen für ein unabhängiges Leben.

Iain Latharna Caimbeul, so sein Name auf Gälisch, starb an einem Herzinfarkt kurz vor seinem 90. Geburtstag. Margret starb wenige Tage nach ihrem 101. Geburtstag Seine Insel schenkte er 1981 dem National Trust for Scotland.

Quelle und weiterführende Literatur: Ray Perman: The Man Who Gave Away His Island. A Life of John Lorne Campbell of Canna. Edinburgh, Birlinn, 2013

William Soutar – der Gesang des Todes

Sein Leben war kurz und er starb lange. Sein Schicksal trug er mit Würde und Kraft. William Soutar starb 13 lange Jahre in seinem Bett im Haus seiner Eltern. Er empfing Besucher, schrieb Gedichte und ertrug alles mit Hilfe seiner kreativen Produktivität, wohl wissend, dass er nie wieder gesund werden würde. Wie konnte er diesen ständigen Tod vor Augen ertragen? Wie konnte er nicht in völlige Verzweiflung verfallen?

grave of William Soutar Westhill Cemetery, Perth

Der junge Soutar war Student an der Perth Academy, er war gerade 18 Jahre alt geworden, ein starker, beliebter Kommilitone, der Gedichte schrieb und sich verliebte. Er hatte alles, was ein normaler 18-jähriger hat. Später schreibt er über diese Zeit, er habe diesen Zustand der Lebensfülle nie wieder erreicht, außer in kurzen Momenten. Das schreibt er 1937, da war er bereits ans Bett gefesselt.

Der junge William Soutar war voller LebenHerbstblüten, ein junger Englisch-Student, ein leidenschaftlicher Schwimmer und ein Dichter mit einer tiefen Liebe zur schottischen Sprache. Doch dann kam der Krieg. Er ging zur Marine und wie für viele junge Männer voller Kraft und Zukunft, war dies der Moment, der ihr Leben beendete oder es für immer veränderte.

Kriegsgräber Perth

Während seiner Zeit bei der Marine erlitt er eine Lebensmittelvergiftung, die nicht erkannt oder behandelt wurde. Eine folgenschwere Unterlassung, die schließlich zu seinem Tod führen sollte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs musste sich Soutar seinem schwersten Kampf stellen.

Im Oktober 1923 wurde Soutar zum ersten Mal geröngt. HerbstlaubProfessor John Frasers Diagnose nach eingehender Untersuchung: Spondylitis (Entzündung der Wirbelsäule), zu spät erkannt, um geheilt zu werden. Als Soutar klar wurde, dass die Krankheit nicht nur sein Leben begleiten sondern es sogar beenden würde, soll er einen Moment inne gehalten haben. Dies war der Moment der Erkenntnis: Nun kann ich Dichter werden. Und das tat er. Er wurde einer der besten seines Landes.

Poesie und innere Stärke sind untrennbar mit der Betrachtung des Lebens von William Soutar verbunden. Aus seinem langen Kampf gegen Tod und Verzweiflung entsprangen Gedichte, die wohl kein unbeschwertes Leben geschaffen hätte. Der Tod besiegte ihn am Ende, den Kampf mit der Verzweiflung gewann er. Er schrieb noch am Tag seines Todes.

William Soutar war Teil der schottischen Renaissance, die das traditionelle Scots als Sprache wieder zu Leben und zur Anerkennung verhalf. Im Gegensatz zu vielen Dichtern der MacDiarmid Schule schrieb Soutar in reinem Perthshire Scots.

 

Er starb am 15. Oktober 1943 an Tuberkulose.

Nae Day Sae Dark

Nae day sae dark; nae wüd sae bare;

Nae grund sae stour wi‘ stane;

But licht comes through; a sang is there;

A glint o‘ grass is green.

 

Wha hasna thol’d his thorter’d hours

And kent, whan they were by,

The tenderness o‘ life that fleurs

Rock-fast in misery?

 

Kein Tag so dunkel

Kein Tag so dunkel, kein Wald so kahl;

Kein Boden so staubig vom Stein.

Aber Licht durchdringt und Lieder singt

und das Gras schimmert grün.

 

Wer hat nicht durchlitten die anderen Stunden

und wusste wann sie vorbei,

die Zartheit des Lebens das blüht

auf Felsen im elendem Grau?

Der Mann, die Nachtigall

Die heutige Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag des Jahres 2018 im sonnigen Schwarzwald, an dem eine den Lesern dieses Blogs bekannte Autorin den Rasen ihres Garten mähte und dabei von der Mauer fiel. Was zunächst keine weiteren Folgen außer einem zerrissenen Blaumann und einem grün-blauen und für Röcke wochenlang untauglichen Bein zu haben schien, stellte sich ein halbes Jahr später als Meniskusriss heraus, der eine OP erforderte.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Erste Lernerfahrung: mähe nie auf der Mauer, es sei denn du weißt, wie man oben bleibt.

Nun also OP beim anerkannten Spezialisten und danach… ja danach Physiotherapie, Arzttermine, Auto fahren, einkaufen.. alles Dinge die mit nur einem fitten Bein hoch oben im Schwarzwald alles andere als leicht zu bewerkstelligen sind, wenn man allein lebt.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Zweite Lernerfahrung: Mit einem Schotten ist man nie allein.

Der Mann kündigte sich an. Retter in der Not. Wie romantisch. Allerdings nicht auf einem weißen Pferd und glänzender Rüstung sondern mit dem Auto bis Edinburgh, mit dem Flieger bis Frankfurt, mit dem Leihwagen bis in den Schwarzwald. Tagestortour. Für 10 Tage. Meine „Lieblingskrankenschwester“, meine ganz persönliche Florence Nightingale!

Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob der Mann meine Gedanken genauso romantisch finden würde wie ich. Schließlich war Schwester Nightingale Engländerin. Meine Romantisiererei könnte zu politischen Verwicklungen führen. Ich beschloss also, eine in der Geschichte verbriefte und herausragende schottische Krankenschwester zu wählen, mit der ich ihn vergleichen konnte. So viel political correctness musste sein. Aber ich kannte keine berühmte schottische Krankenschwester. Also Recherche. Kann man ja, als Journalistin.

Dritte Lernerfahrung: die schottischen Krankenschwestern haben viel mehr Ruhm verdient.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

 

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann NachtigallWas für außergewöhnliche, großartige und beeindruckende Frauen habe ich entdeckt! Auf der Liste “Die 10 herausragenden Krankenschwestern des Ersten Weltkriegs” (ja, so eine Liste gibt es), fand ich meine Lieblingsschwester: Mairi Chisholm (sprich Mahri Tschissom), eine motorradverrückte Frau aus Nairn mit einer Leidenschaft für Geschwindigkeit und Haarnadelkurven, sie schraubte, fuhr Rennen, sie war eine echte Bikerin und diente im Ersten Weltkrieg zunächst als „Dispatch Rider“  dann ging sie nach Belgien. Dort fand sie eine ebenfalls motorradverrückte Krankenschwester namens Elsie Knocker.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann NachtigallGemeinsam transportierten sie verwundete Soldaten zu einem Feldlazarett (als Motorradfahrerinnen wussten sie schließlich, wie man schnell aus brenzligen Situationen kam) oder transportierten die verstümmelten Leichen ab. Frustriert von der unfassbaren Zahl der Soldaten, die dennoch ihr Leben verloren, eröffneten sie in einem verlassenen Keller ein eigenes Kamikaze-Lazarett, nur knapp 100 Meter von den Schützengräben entfernt. Sie glaubten, so mehr Leben retten zu können, weil sie die Verletzten so schneller versorgen konnten. Diese mutigen Bikerinnen retteten das Leben tausender Soldaten.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Vierte Lernerfahrung: mein Meniskus ist Jammern auf hohem Niveau.

Kurz vor Mitternacht klopft der Mann an der Tür. Ich lege mein Bein wieder hoch, wir trinken Wein und essen Käse. Wie dankbar müssen all die Verwundeten in Belgien gewesen sein für ihre schottische Krankenschwester. Wie viel besser geht es uns doch gut hundert Jahre später. Und wie viel weniger dramatisch ist die Lage. Und doch bin ich unglaublich dankbar für meine schottische „Krankenschwester“, die zwar nicht motorradverrückt ist, aber für die motorradverrückte Meniskusverletzte den ganzen Weg aus den Highlands kam. Da verzeihe ich auch die fehlende Uniform!

 

von schottischen Schlachten und anderen schrägen Wochenendveranstaltungen

Celebration of the Centuries, Fort George (82)Sonntag war Zeitreisetag. Der Mann und ich sind früh aufgestanden und nach Norden gefahren, um in die Welt der Pikten, Kelten und Römer einzutauchen, um Mittelalter zu erleben und uns den ersten und zweiten Weltkrieg anzusehen. Alles hinter 12 Meter hohen Sandsteinmauern.

Celebration of the Centuries, Fort George (59)Fort George, ein paar Meilen außerhalb von Inverness, der „Hauptstadt“ der Highlands, gleich neben dem Flughafen. Eine Befestigungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, gebaut von den Engländern um das aufrührerische Schottland nach dem gescheiterten jakobitischen Aufstand von 1745 zu befrieden.

Die Anlage dient heute noch als Garnison und beherbergt die Soldaten der sogenannten Black Watch, das 3. Bataillon des Royal Regiment of Scotland. Eine alte und hochdekorierte Einheit. Sie sind so was wie die Superstars der schottischen Militärgeschichte.

Celebration of the Centuries, Fort George (12)Am Wochenende war hier alles anders: Celebration of the Centuries. Für die Freunde längst vergangener Tage. Ein geschauspielerter Einblick in diverse Volksgruppe und Jahrhunderte – ein wenig wie Braveheart trifft die Ritter der Tafelrunde bevor der mit Indiana Jones dann Zurück in die Zukunft fliegt.

Sie waren alle da, die Schotten, die bei der Schlacht von Bannockburn 1314 einen ihrer wichtigsten Siege über die Engländer feierten.

Die Römer, die Britannien besetzten aber im Norden nach Schottland hin eine Mauer bauen mussten, um von den wilden Pikten Ruhe zu haben.

Celebration of the Centuries, Fort George (18)

Die wiederum saßen friedlich und blau tätowiert am Feuer.

Celebration of the Centuries, Fort George (120)

Mittelalterliche Ritter pflegten Schwerter und Schilde. Die Frauen bereiteten die traditionellen Bannocks auf offenem Feuer zu.

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Und die Soldaten hatte Weltkrieg.

Wir hatten nach drei Stunden und insgesamt 1500 Jahren Geschichte genug gesehen und gingen mit ein paar mittelalterlichen Bauern, einem Pestarzt und Soldaten mit Hellebarden dem Ausgang entgegen.

Celebration of the Centuries, Fort George (2)

Im Auto hab ich sicherheitshalber mal das Smartphone angemacht und den Kalender geprüft. Nur um ganz sicher zu sein, daß wir auch im richtigen Jahrhundert nach Hause fahren.

 

http://www.historic-scotland.gov.uk/celebration/events/event_detail.htm?eventid=26900