Die wilden Ziegen von Glenshiel: Eine Familiengeschichte

Wer durch Glenshiel reist, wird oft von den zähen, langhaarigen Ziegen überrascht, die sich sicher auf den steilen Hängen bewegen und fast eins mit der wilden Landschaft der Highlands wirken. Seit Jahren ranken sich Geschichten um ihre Herkunft – manche behaupten, sie stammten aus der Zeit der Jakobiten oder seien Überbleibsel der Highland Clearances. Doch so spannend diese Legenden auch sind, die wahre Geschichte der Ziegen von Glenshiel ist viel greifbarer – und mit dem Schicksal einer ganz bestimmten Familie verbunden.

picture @Ewan Roy MacGregor

Woher kommen die Ziegen in Glenshiel

Die Geschichte beginnt am Eas nan Arm, dem Wasserfall unterhalb des historischen Schlachtfelds von Glenshiel. Hier lebte einst Alexandrina (Ina) MacRae, die in Ault a’Chruinn geboren und aufgewachsen war. Sie heiratete einen Stewart aus Tomdoun, und gemeinsam lebten sie in der Nähe des Wasserfalls, während ihr Mann für den Rat arbeitete und Straßen durch das abgelegene Hochland baute – eine harte, aber notwendige Arbeit.

Doch wie so viele Highland-Familien standen auch sie vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, gab es keine Arbeit mehr in der Gegend, und die Familie zog nach Edinburgh, wo Ina’s Mann eine Anstellung bei der Eisenbahn fand.

Der Abschied von den Ziegen

Ein Umzug in die Stadt war eine Sache, das Mitnehmen des Viehs eine andere. In jenen Tagen hatten Schafe und Rinder einen klaren wirtschaftlichen Wert – sie konnten verkauft oder mitgenommen werden. Ziegen hingegen? Die wurden kaum geschätzt. Sie galten als wenig nützlich und wurden nicht wie anderes Vieh gehandelt. Und so blieb der Familie keine andere Wahl, als ihre Ziegen zurückzulassen.

Das geschah noch vor dem Bau des Cluanie-Damms, der später die Landschaft der Region veränderte. Ihr Haus stand noch einige Zeit, doch 1967 wurde es abgerissen. Heute ist nur noch die Stelle zu erkennen, an der es einst stand – zum Glück existieren noch Fotos, die seine Erinnerung bewahren. Doch während das Haus verschwand, blieben die Ziegen.

Donald John Macmillan: Glen Shiel, Kintail – A history (2020)

Überleben in der Wildnis

Trotz ihres plötzlichen Schicksals bewiesen die Ziegen bemerkenswerten Überlebenswillen. Sie passten sich dem rauen Terrain an, ernährten sich von Heidekraut, Farnen und allem, was die Natur hergab. Über Jahrzehnte hinweg wuchs ihre Population, und sie wurden zu einem festen Bestandteil der Landschaft.

Heute glauben viele, dass diese Ziegen aus einer weit entfernten Vergangenheit stammen, dass sie vielleicht Nachfahren von Tieren sind, die mit den Jakobiten oder den vertriebenen Clans in Verbindung standen. Doch ihre Geschichte ist viel persönlicher – sie sind das Erbe einer Familie, die gezwungen war, weiterzuziehen, und der Tiere, die zurückbleiben mussten.

Und doch hat Ina sie nie vergessen. Jedes Mal, wenn sie zurückkam und die Ziegen sah, lächelte sie und sagte: „Das sind meine.“

picture: Ewan Roy MacGregor

Ein herzliches Dankeschön an Inas Verwandte für ihre Gastfreundschaft und dafür, dass sie diese Familiengeschichte geteilt hat – damit die wahre Herkunft der Ziegen von Glenshiel nicht in Vergessenheit gerät.

Schutz der wildlebenden Ziegen in Glenshiel

Ein Aufruf zum Handeln

Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält beschreibende Inhalte über ein verletztes Tier und könnte für sensible Leser belastend sein.

Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, ein Foto dieses Moments zu posten. Es wäre zu grausam, ein solches Bild zu teilen. Stattdessen möchte ich mit Worten schildern, was passiert ist, um das Bewusstsein zu schärfen und für den Schutz der wilden Ziegen in Glenshiel einzutreten.

Es gibt Erlebnisse, die man nie vergisst – Momente, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis brennen und einen dazu bringen, die Welt um sich herum anders zu betrachten. Einer dieser Momente hat mich hier in den Highlands tief berührt, und ich möchte ihn mit euch teilen, weil ich glaube, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Es geht um diese wunderbaren Tiere.

An einem eigentlich ganz normalen Tag bin ich unterwegs, um in Shiel Bridge den Glasmüll wegzubringen, als ich auf der Straße eine tragische Szene sehe: Ein großer Ziegenbock, einer der wilden Ziegen von Glenshiel, liegt schwer verletzt auf der Fahrbahn. Seine Hinterbeine sind gebrochen, die Knochen ragen heraus, und er schreit vor Schmerz. Es war einfach furchtbar.

Die Menschen, die zuerst angehalten haben, wollten das Tier nur von der Straße bringen – ohne sich um sein Leiden zu kümmern. Autos fahren einfach vorbei, hupen sogar. Niemand scheint sich für das schreiende Tier zu interessieren, außer mir und ein Paketbote, der auch ausgestiegen ist und die Polizei anruft. Es braucht eine lange Zeit, um über die Notrufnummer der Polizei klarzumachen, wo wir sind. Währenddessen liegt der Bock am Straßenrand, unfähig, sich zu bewegen, und ich kann nichts tun, außer bei ihm zu bleiben und darauf zu hoffen, dass endlich Hilfe kommt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht die Polizei auf – zwei junge Beamte, die nicht viel tun können. Die Polizei trägt in Schottland keine Waffen. Letztlich ist es ein Farmer aus der Gegend, den ich mit Hilfe einer Freundin kontaktiert habe, der das Leiden des Tieres beendet. Mit einem Gewehr erlöst er den Ziegenbock von seinem Schmerz. Es ist ein schrecklicher, aber auch notwendiger Moment. Aber es hat viel zu lange gedauert, etwa eine Stunde, bis er erlöst war.

Dieser Vorfall hat mich zum Nachdenken gebracht. Diese Ziegenherde, etwa 30 Tiere, lebt seit Generationen in dieser Gegend, mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg, manche sagen sie gehen sogar zurück auf die Zeiten von Bonnie Prince Charlie. Sie sind ein wilder und freiheitsliebender Teil der Highlands – ein Symbol für die unberührte Natur dieser Region. Doch sie sind schutzlos. Es gibt nur zwei Warnschilder an der A87, und viele Fahrer ignorieren sie. Rasende Autos gefährden das Leben dieser Tiere, die in Straßennähe grasen und oft die Fahrbahn überqueren.

Das darf nicht so weitergehen. Wir müssen handeln, um diese Ziegen zu schützen. Es muss mehr Schilder geben, Geschwindigkeitsbegrenzungen an den gefährlichen Stellen – irgendetwas, das das Bewusstsein schärft und das Leben dieser Tiere sicherer macht. Sie gehören niemand, deshalb fühlt sich auch keiner verantwortlich.

Ziegen sind ein natürlicher Bestandteil der kulturellen und ökologischen Landschaft der Highlands. Obwohl ihre Populationen aktiv kontrolliert werden müssen, um Schäden an einheimischen Wäldern und Ökosystemen zu vermeiden, verdienen sie dennoch Schutz vor unnötigem Leid. Wie NatureScot im Scotland’s Nature-Blog betont: „Ziegen werden oft mit wilden und rauen Orten in Verbindung gebracht und tragen zur Romantik der schottischen Landschaft bei.“ Obwohl diese Tiere manchmal als invasiv angesehen werden, sind sie ein wichtiger Teil des regionalen Erbes und sollten vor vermeidbaren Gefahren wie Verkehrsunfällen geschützt werden, um ein Gleichgewicht zwischen ökologischer Kontrolle und Tierschutz zu gewährleisten.

Die wilden Ziegen von Glenshiel sind keine echten Wildziegen, sondern vor langer Zeit von Menschen ausgesetzte Hausziegen. Gerade deshalb verdienen unseren Schutz. Ihre Freiheit sollte nicht bedeuten, dass sie ihrem Schicksal überlassen bleiben, wenn sie in Gefahr geraten. Ich habe beschlossen, aktiv zu werden.

Seid ihr dabei? Lasst uns gemeinsam dafür einstehen, dass diese Tiere sicher in ihrer Heimat leben können. Shiel Bridge braucht mehr Schilder und eine Geschwindigkeitbegrenzung! Bitte teilt diesen Post auf Social Media mit dem Hashtag #ProtectGoatsOfGlenshiel – Danke!