Hochlandfrauen

NIrgendwo auf der Welt habe ich eine derartige Ansammlung aussergewöhnlicher Frauen getroffen wie hier im schottischen Hochland. Starke Frauen. Manchmal auch ein wenig seltsame Frauen. Keine wie die andere. Alle anders.  Als gäbe die wilde Weite der Natur ihnen mehr Freiheit anders zu sein, als anderswo. Vielleicht bin ich deshalb so gerne hier.

Die Frauen leben ihr Leben innerhalb der anerkannten und geschlechterspezifischen Normen, die auch hier oben gelten, vielleicht noch etwas mehr als sie das in Deutschland tun. Sie kochen, waschen, putzen und ziehen die Kinder groß. Und dennoch sind sie anders, weit entfernt vom Durchschnitt.

Was für mutige Frauen es hier gibt, erschließt sich erst nach ein paar Gesprächen.

Eine der Fauen hat hier ihr erstes Kind  zu Hause zur Welt gebracht. Nichts Aussergewöhnliches? Schon wenn man bedenkt, dass es weder Strom noch warmes Wasser gab, das Haus war (weil Eigenbau) noch im Rohbau und das nächste Krankenhaus mit Säuglingssgtation zwei Stunden entfernt.

Eine andere ist seit vielen Jahren mit einem Bauingenieur verheiratet und ihm überall hin auf der Welt gefolg: nach Saudi Arabien, in den Irak, nach Malaysia, auf die Westindischen Inseln. In den 70ern mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Ohne Sprachkenntnisse. Ohne Landeskentnisse. Welche Herausforderung muss in diesen Jahren schon allein ein Einkauf gewesen sein.

Wieder eine andere lebt mit einem dementen Mann, der sich die meiste Zeit des Tages nicht daran erinnern kann, wer sie ist. Und dennoch ist sie immer fröhlich als hätte sie unentwegt Grund zu lachen. Sie ist ein Freigeist, was in der kirchlich orientierten Dorfgemeinschaft in der sie lebt, nicht einfach sein kann. Wahrscheinlich fühlt sie sich oft allein, doch sie würde sich das niemals anmerken lassen.

Welche stille Kraft setzen diese Frauen dem Leben entgegen. Man sieht sie Traktoren und Schulbusse fahren, sich politisch engagieren, sie leiten Schulen und managen Hotels. Und natürlich ihre Familien. Sie werden alt und kämpfen darum, so lange es geht unanbhängig zu sein.

Für diese Frauen ändert der Busfahrer bei Bedarf auch mal seine Route.

Starke Frauen sind nichts Neues in den Highlands. Die keltischen Volksstämme waren in ihren Ursprüngen matriarchal. Vieleicht hat diese Land deshalb so viele starke Frauen hervorgebracht – Maria Stuart, Flora MacDonald, Nicola Sturgeon und die vielen anderen, die wohl für immer ungennant bleiben werden.

 

 

wandern

Was macht man in diesem Paradies unberührter Natur? Man geht wandern.

Wandern, wandern, wandern.

Alle tun es. Männer, Frauen, Einheimische, Touristen. Alle.

In die Einsamkeit der gewaltigen Bergwelt eindringen, sie bezwingen, die Stille und die Kraft der Berge in sich aufsaugen. Der Triumph am Gipfel.

Glengarry

Glengarry

Die Cuillins, die Five Sisters, der West Highland Way… man hat die Qual der Wahl.

Jedes Jahr verunglückt eine ziemlich große Zahl Wanderer und Bergsteiger tödlich, sie stürzen von Klippen, werden von Lawinen begraben oder erfrieren mit verstauchtem Knöchel. Oft, weil sie nicht richtig ausgerüstet in die Berge aufbrechen oder sich zu viel zumuten.

Die richtige Ausrüstung. Hah! Da haben wir Deutschen doch ein Händchen für. Wanderkarten, Alpenverein, Westweg, wir können selbstverständlich auch Schottland!

Ich gehe sie Sache also Generalstabsmäßig an: ich recherchiere und packe alles was man braucht in einen Rucksack. Erste Hilfe Päckchen, klar. Notzelt, äh gut. Thermoschlauch, es hat 30 Grad aber seis drum. Kompaß, wo ist nochmal Norden? Ein Messer, ist das zur Verteidigung? Ein Feuerzeug, wo ich nicht mehr rauche und eine Taschenlampe. Und, und, und…

Wanderausrüstung

Wanderausrüstung

Recherche abgeschlossen, Rucksack gepackt. Es kann los gehen. Ich bin sicher.

Ich konsultiere die Karte, dann den Weg und stelle fest, daß die Schotten das mit der Beschilderung nicht so haben. Wer den Pfad nicht sieht oder fühlt, der hat schlechte Karten. Oder seinen Kompaß nicht im Griff. Äh, ja.

Ich (vorbereitet) kenne den Unterschied zwischen einem Graham (winziger Berg), einem Corbett (kleiner Berg) und einem Munro (ganz großer Berg) und meine Wadenmuskeln kennen ihn auch.

Wanderweg

Wanderweg

Ich bin ein Profi-Wanderer!

Die Falls of Glomach sind mein Ziel. Ein spektakulärer Wasserfall, der 113 Meter in die Tiefe stürzt. Eine Wanderung über 17 Kilometer, mit 600m Höhenunterschied. Puh. In der Hitzewelle, nur im ersten Drittel von Bäumen geschützt, dann gnadenlos schattenlos offene Fläche. Ein schweißtreibender Anstieg, der nie zu enden scheint. Hat man endlich den höchsten Punkt erreicht (530 Meter), geht es steil bergab zu dem kleinen Fluß, der sich in einen reißenden Wassserfall verwandelt. Man möchte sich hineinwerfen, trinken bis er leer ist. Tauchen und kühlen. Im Fluß, nicht im Wasserfall natürlich.

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Der ist überraschender Weise nicht zu sehen. Nur wer sich gefährlich nah an den ungesicherten Abgrund traut, kann einen Blick auf den oberen Teil erhaschen. Der eigentliche Wasserfall bleibt dem müden Wanderer völlig verborgen.

Falls of Glomach Bild ist nicht von mir!!!!

Falls of Glomach
Bild ist nicht von mir!!!!

Erschöpft und durstig erreichen wir am frühen Abend wieder unseren Ausgangspunkt. Ohne auch nur eine einzige Untensilie aus meinem Überlebensrucksack gebraucht zu haben. Ich weiß, was da noch reingehört: ein Erfahrungsbericht von der Wanderung.

Denn das nächste Mal wandere ich zu etwas, das ich sehen kann.