Das Bilderbuchdorf der Prophetin

Fordyce ist zunächst mal eins – wunderschön. Wenn man ein idyllisches schottisches Dörflein malen müsste, es sähe ganz genauso aus mit den steinernen Häusern, den gewundenen Sträßchen und den gepflegten Gärten. Hier gibt es nichts, was die Idylle stören könnte. Nicht mal ein Pub. Früher aber gab es das schon. Früher gab es auch einen jährlichen Markt, der Abwechslung brachte, aber der den örtlichen Geistlichen recht unglücklich machte, wegen der Betrunkenen oder sonstiger Unordnung, die den Frieden des Dörfchens störte.

Fordyce castle

Es gibt ein kleines castle an der Straßenecke und eine uralte Kirche samt Friedhof, geweiht dem ungewöhnlichen Talarican, einem katholischen Priester aus Irland. Hier wurde über 1000 Jahre lang zu Gott gebetet und von hier stammt eine Frau, die sich selbst anbetete und die wohl ungewöhnlichste Sekte Schottlands (the Buchanites) gründen sollte: Elspeth Simpson.

Baby Elspeth wurde 1739 in der Gemeinde Fordyce geboren. Ihr Vater war John Simpson, ihm gehörte ein Inn in der Nähe, die Mutter war Margaret Gordon. Als ihre Mutter starb, kümmerte sich eine Verwandte um Elspeth, sie soll ihre eine gute Erziehung gegeben haben. Diese Verwandte heiratete einen Farmer von den Westindischen Inseln und machte sich daran, zu ihm auszuwandern. Elspeth aber sprang in der sprichwörtlich letzten Sekunde ab und blieb im Greenock. Das Leben dort muss ihr wild und aufregend erschienen sein nach der Ruhe von Fordyce. Von nun an war sie auf sich allein gestellt.

Sie arbeitete als Dienstmädchen und heiratete einen Töpfer namens Robert Buchan, ursprünglich aus Banff. Sie bekamen drei Kinder. Robert wollte lieber wieder zurück in seinen Heimatort Banff, also zog die Familie wieder nach Norden, doch Roberts Töpferei war nicht gerade erfolgreich und die Ehe war auch nicht glücklich. Er verließ Frau und Kinder und verschwand nach Glasgow. Seine Frau war ihm wohl schnell nicht ganz geheuer.

Banff Hafen

Elspeth veränderte sich. Aus der eigenwilligen jungen Frau wurde eine religiöse Fanatikerin. Manchmal fastetet sie über Wochen und vernachlässigte ihre Kinder, sie nervte die Nachbarn und die machten ihr schließlich das Leben so schwer, dass sie sich gezwungen sah, nach Glasgow zu ihrem Mann zu gehen. Dort lernte sie Reverend Hugh White aus Irvine kennen, der so einige Probleme mit der Kirche hatte, weil er unorthodoxe Lehren verbreitete. Durch ihn wurde auch Elspeth immer extremer, bis sie schließlich der festen Überzeugung war, eine Prophetin und Figur aus der Bibel zu sein, die nicht nur unsterblich war, sondern die auch ihre Mitmenschen unsterblich machen konnte, indem sie auf sie herab atmete.

Steinbecken in Herzform

Es gab Menschen, die ihr das glaubten und eine kleine Sekte voller Suchender mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit, bildete sich um die Frau aus Fordyce. Die Gruppe reiste in Schottland von Ort zu Ort, versuchte sich niederzulassen und wurde oft mit Gewalt wieder vertrieben, sobald man ihre Ansichten erkannte. Nach Fordyce ist Elspeth wohl nicht zurück gekommen.

Diese so außergewöhnliche wie befremdliche Frau soll eine aufsehenerregende rote Robe getragen haben. Ihre Anhänger waren meist sehr junge Frauen. Deshalb auch der Name Mutter Buchan. Die Gruppe schaffte die Ehe ab, Kinder wurden von allen gemeinsam erzogen. Nach zwei abgebrochenen und recht chaotischen Versuchen, gemeinsam in den Himmel aufzusteigen, verließen einige Anhänger die Gruppe. Elspeth Buchan starb am 29. März 1791, versprach aber den anderen Sektenmitgliedern in sechs Tagen wieder zurück zu kommen. Schließlich war sie ja unsterblich. Aber nur, wenn der Glaube der Anhänger fest genug war. Wenn nicht, würde es länger dauern, bis sie zurückkäme.

Ihr Körper wurde nicht beerdigt, wie man die anderen und vor allem die Behörden glauben ließ, sondern in der Küche der Farm verscharrt, auf der die Gruppe lebte. Der 50. Todestag von Mutter Buchan kam und ging und sie war noch immer nicht zurückgekommen. Als einer der letzten noch übrige gebliebenen Anhänger dem Tod entgegensah, wollte er, dass sein Körper über dem ihren begraben würde. So würde sie ihn wecken, sollte sie sich erheben und endlich auferstehen.

Elspeth Buchans mumifizierter Körper wurde noch im selben Jahr in Newhouse, Crocketford (Dumfriesshire) entdeckt. Auf einem kleinen Friedhof auf dem Gelände der Farm sollen auch die restlichen Anhänger der Sekte nach deren Tod begraben worden sein.

Noch immer ist keiner von ihnen auferstanden.

alte KIrche und Kirchhof Fordyce

In Fordyce erinnert nichts an Elspeth Buchan. Wahrscheinlich ist man nicht sonderlich stolz.

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schottische Küche

Die Welt braucht mehr Kochsendungen! Ja, ganz im Ernst. Obwohl sie so inflationär sind im deutschen Fernsehen. Für mich jedenfalls gilt: Lieber Kochesendungen als Dokumentationen.

foto by the man

foto by the man

Wenn wir den Dokumentationen im deutschen Fernsehen glauben dürfen, dann ist Schottland voller einsamer, felsiger Berge, wo zwischen purpurnen Heideflächen glückliche Schafe und majestätische Hochlandrinder weiden. Die Schotten produzieren den ganzen Tag entweder Whisky oder scheren ihre Schafe, die Alten sitzen vor ihren weiß gekalten Steinhäusern und singen traurige gälische Lieder, die Jungen stehen mit Kilt und Dudelsack an jeder größeren Straßenecke. Dann gibt es noch ein Unterwassermonster (Loch Ness) samt Experten, einen glücklosen Möchtegernkönig (Bonnie Prince Charlie) sowie einen ebenso tragischen Revolutionär (Braveheart) und für die Intellektuellen vielleicht noch einen Schriftsteller (George Orwell zum Beispiel, die Auswahl ist groß), der sich zu Inspirationszwecken auf irgend eine Hebriden-Insel zurückgezogen hat. Im Herbst röhrt der Hirsch, springt der Lachs und balzt der Auerhahn. Der Rest ist Runrig.

Und natürlich ist das Essen schlecht und der Wein kommt von der Mosel, die Restaurants sind sonntags geschlossen, haben häßliche Gardinen und draußen regnets.

Ja, das kann tatsächlich alles ganz genau so sein. Kann sein, muß aber nicht!

Die Alten, die ich kenne, haben Ipads und bestellen ihre Einkäufe online. Vor den weißgekalkten Häusern sitzen allenfalls die Touristen, die haben sie nämlich für viel Geld gemietet. Karierte Röcke tragen vornehmlich Teenager aus Japan. Und wer sich aus Inspirationszwecken in die schottische Einsamkeit zurückzieht, ist zumeist eine malende oder töpfernde englische Ehefrau aus der oberen Mittelklasse. Und ja, es gibt sie noch die fetttriefenden Würste und Pommes im Brötchen.

Aber es geht auch ganz anders.

Lecker, mit gutem Wein und so herrlich frischem Fisch, dass man nie mehr weg möchte aus diesem Land der unendliche Köstlichkeiten.

Zuletzt erlebt im Café Fish in Tobermory auf der Isle of Mull. Man sollte aber unbedingt einen Tisch reservieren, der Andrang ist vor allem in der Saison sehr groß. Und mit typisch schottischem Humor werben sie mit dem Slogan:

Das Einzige was bei uns tiefgefroren ist, ist der Fischer, nicht der Fisch.

Vielleicht sollte man statt Dokumentationen lieber Kochsendungen über Schottland produzieren. Solche wie die Hairy Bikers (BBC): Zwei langhaarige Motorradfahrer röhren durch die Lande und kochen.

In den Dokumentationen röhrt immer nur der Hirsch!

http://www.thecafefish.com/

http://www.hairybikers.com/