verzurrte Häuser

Sturm Brendan hatte meine Schreibhütte erfasst, angehoben und wieder abgesetzt. Drinnen herrschte Chaos und die nun unbefestigte Hütte drohte mit der nächsten Bö aufs Meer hinausgetragen zu werden. Brendan hatte eine Wucht von bis zu 130 Stundenkilometern und er war hier in unseren Garten.

Und nun? Es regnet in Strömen und der Sturm biegt die Tannen. Ich muss meine Sachen retten! die Bücher, einfach alles. Wenigstens habe ich meinen Laptop nicht über Nacht in der Hütte gelassen. Ich renne zurück zum Haus und brülle den Mann zu Hilfe. Der begreift recht schnell was los ist springt in Jacke und Gummistiefel und rennt zur Hütte und mitten im Sturm retten wir, was zu retten ist.

Der Mann versucht das Haus mit Seilen provisorisch festzubinden und ich schleppe alles, was ich in der Hütte hatte ins Haus, einen Tisch, das Regal, Bücher, Stuhl, mein Gott so viel Kram! Alles durch Wind, Regen und Matsch zum Haus. Was für eine Quälerei und im Hinterkopf immer die Sorge, dass die nächste Bö die Hütte samt Mann am Seil fortträgt.

Völlig durchnässt schauen wir entgeistert auf all den nassen Kram, der sich nun in der Küche stapelt. Nach einer Weile finde ich für jedes Stück einen Platz im Haus, es wird eng, aber es wird gehen. Der Mann ist sich sicher, dass er die Hütte wieder reparieren kann. Ich schaue traurig raus in den Sturm. Meine Schreibhütte!

Als es dunkel wird, scheine ich immer wieder mit der Taschenlampe in den Garten. Sie steht noch. Der Sturm will nicht zur Ruhe kommen. Es dauert zwei Tage, bis wir durchatmen können und der Sturm soweit nachgelassen hat, dass der Mann die Hütte wieder ordentlich auf ihr Fundament stellen kann. Er wird alles abdichten und ordentlich befestigen sobald es mal trocken ist. Man wird fast nichts mehr sehen von dem kleinen Ausflug meiner Hütte, sagt er.

Inzwischen hat er Spannriemen gekauft und die Hütte richtig festgezurrt. Windsicher.

Wenn ich nun die Schreibhütte sehe, muss ich an den Film Schiffsmeldungen mit Kevin Spacey denken. Ein wunderbarer Film, von dem mir immer in Erinnerung geblieben ist, dass die Familie Quoyle in Neufundland ihr zweistöckiges Haus an dicken Seilen übers Eis gezogen hat, um es dann an einer Klippe bei Killick-Claw mit Drahtseilen zu befestigen. Diese Drahtseile hatte ich immer im vor Augen aber angenommen, es handle sich um filmische Übertreibung.

Ich muss bald wieder nach Deutschland zurück und im Moment schreibe im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer weiter, von beiden kann ich auch aufs Meer sehen. Meine Schreibhütte werde ich dann im Sommer wieder beziehen und die kleinen Narben, die sie nach dem Abenteuer hat, wertschätzen. Wenn ich die Riemen sehe, die sie auf der schottischen Erde halten, werde ich nun nicht mehr nur an den Film, sondern auch an den Roman von E. Annie Proulx denken, auf dem er basiert. Sie hat damit den Pulitzer Preis gewonnen. Wenn das keine Inspiration ist für eine Schreibhütte ist, dann weiß ich auch nicht!

 

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???

Frauen, die aufs Wasser schauen

Samstag ist Wechseltag in den Ferienhäusern im Land. Die alten Feriengäste verlassen die Gegend, Putzfrauen reinigen und neue Gäste kommen.

Diesen Samstag war ich Morgens am Meer entlang laufen. Auf der Strecke liegen fast ein Dutzend Ferienhäuser vor denen die Autos gepackt werden. Die meisten müssen bis 12 Uhr aus dem Haus sein.

Abschiedsstimung lag in der salzigen Luft.

Nach kurzer Zeit sah ich die erste Frau, dunkelhaarig, vollschlank, Ende dreißig. Sie saß einach nur da und schaute aufs Wasser hinaus. Ein Hauch von Wehmut zog mit ihrem Tabakgeruch zu mir herüber. Mein fröhliches Guten Morgen beantwortete sie mit einem stummen und traurigen Nicken. Sie nahm Abschied von einem der schönsten Flecken dieser Erde. Ganz offensichtlich fiel ihr das nicht leicht.

Vier Ferienhäuser weiter saß die nächste Frau neben einem gepackten Mietwagen und schaute aufs Wasser. Ich konnte den Mann und die Kinder im Haus lärmen hören. Die Frau saß einfach nur still da, so als würde sie ein unsichtbares Band an den Flecken binden auf dem sie saß. So als sei nichts wichtiger als in diesem Moment hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Noch ein Abschied.

Ich nickte nur still im Vorbeilaufen. Sie nickte wortlos zurück.

Heute, am Montag Abend, sitze ich still an meinem Schreibtisch und schaue aufs Wasser, nehme Abschied nach zwei Monaten in den Highlands. Wie oft habe ich hinaus aufs Wasser geschaut. Doch nun ist es an der Zeit, mein anderes Leben in Deutschland wieder aufzunehmen. Ich verlasse die Highlands und kehre erst wieder um die Weihnachtszeit zurück.

Es ist als gäbe es nichts was wichtiger, schöner und erfüllender wäre, als hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. So wie die anderen Frauen, Samstags in den schottischen Highlands.