Der Stalker im Wald

Einen Stalker zu treffen, wenn man allein im Wald unterwegs ist, wird in den meisten Ländern der Welt sicher ein unheimliches, unangenehmes oder gar gefährliches Unterfangen sein. Das gilt natürlich nicht für die schottischen Highlands. Ist doch klar! Hier ist es mal wieder ein Abenteuer.

Ich bin unterwegs in einer Gegend, in der ich sonst eher selten wandere und will einen Rundweg testen, den ich in einem Buch gesehen habe. Er soll tolle Blicke auf die Insel Skye und die Applecross Halbinsel bieten. Ich stelle also das Auto an der vorgesehenen Stelle ab und mache mich auf den Pfad, der bald sehr steil bergauf führt. Der Pfad ist sumpfig, manchmal ist er ein Bach und wenn er weder schlammig ist noch überflutet ist, dann führt er über rohen Fels.

Der Wald steht dunkel, dicht und unheimlich. Obwohl es ein recht schöner Morgen ist, fühlt sich alles klamm und düster an. Okay, könnte zum Teil auch an meiner Sonnenbrille liegen, aber sonnig und launig ist es auch ohne nicht. Es wird auch nicht besser im Laufe der weiteren Kilometer. Die fantastischen Blicke auf die Insel Skye und die Applecross Halbinsel gibt es, aber nur, wenn man einer der Tannen erklimmt oder zehn Meter hoch springen kann. Ich verzichte und bleibe blicklos. Schade eigentlich!

An der ersten Gabelung weist ein Schild den Weg, doch schon an der nächsten ist keine Beschilderung mehr vorhanden. Links oder geradeaus? Ich wähle geradeaus und kämpfe mich einen weiteren steilen Weg den Berg hinauf. Doch dieser ist zur Abwechslung breit und trocken. Es tut gut, nicht jeden Schritt genau setzen zu müssen, sondern einfach mal laufen zu können. Nach rund zwei Kilometern aber hört der Weg einfach auf. Um mich herum nur die dichte Tannen einer Plantage. Das war wohl nicht der richtige Weg. Mist!

Auf dem Weg nach unten sehe ich zum ersten Mal den Ausblick und ein riesiges chinesisches Frachtschiff im Meer. Was das wohl hier zu suchen hat? Ich beschließe unten an der Kreuzung den anderen Pfad zu nehmen, was sich kurz darauf als ebenso falsch herausstellt, denn der endet oberhalb einiger Klippen. Wie ich später erfahre, muss der Pfad, den ich gesucht habe, irgendwo dazwischen abgehen. Ich bin zweimal daran vorbei gelaufen, ohne ihn zu sehen.

Ich weiß, Sonnenbrille im Wald!

Gerade als ich umdrehen und wieder zurückgehen will, beginnt das Abenteuer.

Ein großes weißes Auto kommt in einer Lichtung auf mich zu. Man nennt sie hier teuchter wagon (sprich: Tuchter Wäggen), teuchter ist Scots und bezeichnet die Menschen in den Highlands, meist die gälisch sprechenden Highlander und impliziert Farm, Vieh und natürlich schlammiges Offroad-Terrain. Der Man steigt aus, sieht mich kurz an und sagt:

„Du bleibst jetzt besser hier stehen!“ Er zeigt auf einen Platz am linken Kotflügel. „Sonst wirst du gleich umgerannt.“

Ich frage wovon, doch da hat er sich schon rufend mit einem Sack in der Hand um die nächste Kurve verabschiedet, während er den Inhalt des Sacks am Weg entlang streut.

Ich stünde allein am Auto, wäre da nicht der kleine, schwarze Jagdterrier, der mich freudig begrüßt und sich dann zwischen meine Beine stellt und wie ich gespannt nach vorne blickt.

Was droht mich denn umzurennen? Hat der Hund auch Angst? Dann sehe ich sie. Eine Herde Rotwild, Rehe und Hirsche, kommt auf mich zugerast, mindestens dreißig Tiere, wunderschön, aber auch verdammt groß. Ich halte tapfer die Stellung, obwohl sie mit tempo bis auf eine Wagenlänge auf mich zukommen. Nicht zuletzt, weil der kleine Hund die für ihn riesigen Tiere völlig ignoriert. Er wollte sich also mit mir anfreunden und sich nicht verstecken. Na, wenn der sich nicht fürchtet, kann ich das wohl auch nicht! Cool überblicke ich die Herde. Wie gut, dass ich die Sonnenbrille an habe!

Dann kommt der Mann wieder zurück. Er ist ganz in Jägergrün gekleidet und wie sich schnell herausstellt, ist er der Stalker hier in dem Wald. Stalker sind so eine Mischung aus Jäger und Wildhüter, ihre Hauptaufgabe besteht darin, Touristen zur Jagd zu führen. Dazu sind sie bei einem Großgrundbesitzer angestellt, der wiederum die Jagden für viel Geld anbietet. Toller Job, denke ich mir.

Der Terrier heißt Beagha (sprich: Brieh-ja), das ist Gälisch und bedeutet hübsch oder schön. Der Stalker und ich kommen ins plaudern.

Was ich so mache, fragt er.

„Ich bin Autorin.“

„Ah, toll“, sagt er. „Ich lese keine Bücher von Frauen. Außer Sachbücher. Aber keine Romane. Was für Bücher schreibst du?“

Wahrscheinlich ist Jagen Männersport, denke ich und frage mich, ob er mich nur aufzieht, oder es ernst meint. Bei den Schotten weiß man nie.

Ich habe ein Exemplar meines ersten Krimis im Rucksack, um ein paar Fotos zu machen für Social Media.

„Hier, das ist mein erster Krimi“, sage ich und lege ihn auf die Kühlerhaube.

„Tolles Foto. Ist das hier?“

„Skiary.“

„Was, unten in Loch Hourn?“

„Ja, genau. Du bist der Erste, der sofort weiß wovon ich rede, wenn ich Skiary sage.“

Und jetzt beginnt er zu erzählen. Wie es früher an die dreihundert Häuser am Südufer von Loch Hourn gab, als die Heringsfischerei boomte. Damals gab es sogar ein Pub in Skiary und in Barrisdale einen Gutsherren, der gerne seine Bauern folterte. Und von alten Gräbern erzählt er auf einer Insel im Meer. Ich könnte ihm stundenlang zuhören.

Plätzlich stupst mich was von hinten an die Schulter. Ein Hirsch. Statt des Geweihs hat er nur zwei kleine dunkle Knubbel auf dem Kopf. Die sehen sehr weich aus.

„Darf ich ihn anfassen?“

„Klar, sagt er. Nicht schnell, arbeite dich mit der Hand langsam nach oben.“

Hat er einen Namen?“ Vielleicht beruhigt ihn das, denke ich.

„Nein“, sagt der Stalker.

„Weil du ihn irgendwann mal isst?“ frage ich. Schließlich isst man nichts, was einen Namen hat.

„Nein. Wen er einen Namen bekommt, stirbt er“, sagte der Stalker und lässt mich etwas ratlos zurück. Ich vergesse aber völlig, nachzuhaken, weil ich inzwischen die Hörner anfasse, und die fühlen sich so ganz anders an, als ich gedacht habe. Richtiggehend heiß. Jetzt darf ich ihn auch ein wenig kraulen. Das Fell ist borstig und staubig, aber er riecht nicht.

Ein Stalker, eine Autorin und ein Hirsch

Der Stalker erzählt von deutschen Jägern und der Schönheit der bayerischen Gewehre, von Schwarzwälder Schinken und Touren für Touristen. Das muss ein richtiges Erlebnis sein, mit ihm in die Berge zu gehen.

Wir haben mindestens eine Stunde gequatscht und langsam verabschiede ich mich. Am Abend überlege ich mir, ob ich ein kurzes Video mit ihm auf Social Media posten soll. Ich schreibe ihm eine DM auf Insta und bekomme bald darauf Antwort:

Hallo Nellie, wie ich sehe hast du einige Bücher geschrieben, nicht nur den Krimi. Selbstverständlich kannst du das Video posten, wenn du magst. Ich habe es wirklich genossen, mit dir zu sprechen, auch wenn du eine Frau bist, die Romane schreibt. Ich muss es unserer Bibliothekarin sagen.

Was den dritten Band der Highland Crime Serie angeht: Du könntest auch den Stalker ermorden! LOL

Hm, denke ich und erinnere mich an ein schottisches Sprichwort: What’s fur ye will no go by ye. Was geschehen soll, wird geschehen.

Den Stalker ermorden? I might just do that! LOL

Coming soon

Highland Crime Band 2: Im Dunkel von Skye

Ich habe ein Leben lang leidenschaftlich gerne Krimis gelesen und 2021 meinen ersten geschrieben: Schatten über Skiary, Band 1 der Highland Crime Serie um DI Robert Campbell und die deutschen Übersetzerin Isabel Hartmann. Der Krimi spielt in Glenelg und an einem der abgelegensten Orte Lochabers – Skiary.

In Band 2 finden die Ermittlungen auf der Isle of Skye statt.

DI Robert Campbell genießt seinen Motorrad-Urlaub an der schottischen Westküste. Übersetzerin Isabel, Issy, Hartmann ist auf der Insel Skye, um Gälisch zu lernen. Am Sabhal Mòr Ostaig College stößt sie unvermittelt auf einen ungeklärten Todesfall.

Starb die Studentin wirklich eines natürlichen Todes? Issy hat ihre Zweifel und stellt Nachforschungen an. Wer im Sprachkurs könnte ein Motiv gehabt haben? Und wie war es gelungen, die Tat zu verschleiern?

Weil Isabel Hartmann ihn um Hilfe bittet, nimmt sich DI Robert Hartmann inoffiziell des Falls an. Doch dann gibt es einen weiteren Toten, der offensichtlich mit den ursprünglichen Ermittlungen in Verbindung steht. Unvermittelt wird Isabel von der Hobbydetektivin zu einer Verdächtigen.

2 Gedanken zu “Der Stalker im Wald

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..