Shinty

Shinty ist Sportart Nummer eins in den Highlands. Fußball ist natürlich auch wichtig. Wer aber nichts dazu sagen kann, wie Newtonmore im letzten Pokalmatch abgeschnitten hat oder wie stark Kingussie diese Saison in der Liga auftrumpft, der hat verloren oder ist Tourist. Selbst sämtliche älteren Damen aus der kirchlichen Frauengemeinschaft haben Shinty-Fachwissen. Irgendein Enkel von einer Nachbarin oder ein Cousin vom Sohn des Metzgers spielt immer.

Siegertypen und ideelle Nichttouristen machen sich also besser kundig.

Newtonmore ist das Bayern München der schottischen Shinty-Liga. Auch wenn der Austragungsort wenig mit der luxuriösen Allianz-Arena gemein. Hat, der sportliche Stellenwert ist vergleichbar. Newtonmore wird seit vielen Jahren mit größter Zuverlässigkeit Meister und Pokalsieger. Gäbe es eine Shinty-Champion-League, sie scheiterten maximal am Manchester United.

Shinty ist eine Art Fusion von Hockey und Boxen. Hockey mit vollem und völlig regelgerechten Körpereinsatz ohne Rücksicht auf Verluste, Boxen dann am Abend bei der Party nach der Partie in der Gemeindehalle. Da findet die Siegerfeier oder auch die Niederlagentrostfeier statt. Alkohol ist Pflicht und wer an Ende nicht boxt, ist Tourist.

Wie Feldhockey wird Shinty auf einem Feld gespielt. In Kinlochshiel ist das dann auch ein Feld im reinen Agraarsinn. Ein echter Acker, den ein Bauer dem Erstligaclub zur Verfügung gestellt hat. Umziehen können sich die Spieler in seinem Schafstall. Hier beginnt das Ganze sich deutlich vom Vergleich mit dem FC Bayern München zu unterscheiden. Die feuchte und klamme Umkleidekabine riecht unmissverständlich nach Schaf und ist auf der anderen Seite der einzigen Straße weit und breit. Also ist an Spieltagen ein Polizist vor Ort, er den Verkehr stoppt, wenn die Spieler aus der Kabine kommen und die Straße überqueren müssen, um aufzulaufen.

Die Zuschauerzahl sagt nichts über die Wichtigkeit des Ereignisses aus. Meist ist es so kalt und windig, dass nur ein paar wenige das Spielfeld säumen. Oft nur ein paar Väter, die sich am Rand des Spiels mit ihren Söhnen die Bälle zuspielen. Die meisten haben ihre Autos entlang der Straße geparkt, Tee und Sandwiches dabei und schauen aus dem warmen Auto heraus der Partie zu. Nach der ersten Hälfte wird Eintritt bezahlt. Und auch die Fans in den „Vip-Logen“ zahlen anstandslos einen kleinen Betrag, den der Clubmanager mit einem großen bunten Plastikeimer einsammelt. Feste Preise gibt es nicht, genauso wenig wie Tribünen, Dauerkarten oder Stadionwurst.

Der Bauer hat mit seinem Feld seinen allgemein anerkannten Beitrag zum Gemeinwohl geleistet. Er mäht das Feld ein paar Mal im Jahr mit einem dieser Mäher, auf denen man sitzen damit herumfahren kann. 3 Stunden braucht er, wenn er bedächtig zu Werke geht. Er geht immer bedächtig zu Werke. Manchmal ist es schwer, drei Stunden am Tag zu finden an denen es nicht regnet. Dann wird das Gras eben länger. Dem Spiel scheint das keinen Abbruch zu tun. Die Shinty-Spieler sind es gewohnt, dass Ballführung ein schwieriges Unterfangen sein kann. Manchmal scheint es schon ein Erfolg zu sein, wenn der Ball in die richtige Richtung geht. Kalklinien sucht man vergebens. Feldbegrenzungen scheinen mehr eine Sache von Anstand und Einfühlungsvermögen als von klar fest gelegten Regeln zu sein. Die Rolle des Schiedsrichters bleibt diffus.

Kollegen vom schottischen Fernsehen sind auch da und nehmen die Partie mit einer Kamera auf. Sie stehen dafür auf einer kleinen Holzpalette an einer eher ungewöhnlichen Position für Filmaufnahmen. Wie sich später herausstellt ist es der einzige Standplatz, der stabil genug ist. Der Boden ist fast überall weich und moosig. Zu weich für zwei Mann, eine Kamera und ein Stativ. Natürlich ist auch der Sportchef der regionalen Zeitung vor Ort. Er hat den Hauptartikel für die Sportseiten der nächsten Ausgabe zu schreiben.  Und alle anderen schreibt er auch – er ist der einzige Mitarbeiter der Sportredaktion des Blatts. Die Aufstellung muss er sich selbst zusammen reimen. Im Schafstall gibt es keinen Drucker.

Ist die Partie vorbei und alle auf dem Weg zur Gemeindehalle, dann kehrt wieder Ruhe über dem Acker ein, den die Shinty-Fanatiker Wiese nennen. Nebenan grasen ein paar Angus-Rinder. Nan riecht die salzige Meerluft, Möwen lassen sich nieder und suchen nach Sandwichresten. Gnadenlos rüttelt der Wind  an den Tornetzen.

Shinty Field

Im abendlichen Amselzwitschern steigt der Polizist in seinen Dienstwagen und fährt gemächlich davon. Er hat alle sicher über die Straße gebracht. Den restlichen Arbeitstag verbringt er in der Gemeindehalle. Da wird er mehr zu tun haben.

Nächsten Samstag spielen sie in Newtonmore. Das wird das Highlight des Jahres. Mir ist inzwischen furchtbar kalt und ich habe meine Shinty-Lektion gelernt – nie ohne Auto zum Sport, auch nicht im schottischen Sommer. Sonst ist man entweder Kälte unempfindlich oder Tourist.

 

Nachrichten

Hier im Hochland geht man nicht einkaufen, einholen oder Besorgungen machen. Hier geht man Nachrichten holen.

I am going to get messages. Ich gehe einkaufen.

Man besorgt Essen aber nicht ohne sich dabei über alles Wichtige vor Ort zu informieren. Deshalb ist einkaufen im Hochland auch eine zeitintensive Angelegenheit.

In Deutschland kauft man taktisch ein, vermeidet man Aldi wenn es geht montags und donnerstags, es sei denn man will was aus dem Angebot, dand ist man besser schon um 8 Uhr da. Man versucht sich nicht in die Kasse mit den älteren Frauen einzureihen, die nach Kleingeld suchen und es nie finden.  Man sammelt die Einkäufe so schnell es geht im Wagen, man legt sie schnell auf, man macht eben überhaupt alles schnell. Und effizient. Man hat Kühltaschen mit, andere Taschen und Körbe. Nur keine Plastiktüten. Alles schnell einpacken und los.

Das ist hier oben aber ganz undenkbar.

Der Supermarkt ist eine Dreiviertelstunde Fahrt entfernt. Mit einem Boot kann man es in einer halben Stunde schaffen. Je nach Wetter. Landschaftlich traumhaft hat ein Einkaufstrip im Hochland so gar nichts gemein mit den Fahrten zu Ali, LIDL oder real, den diversen Industriegebieten und Neubauflächen, in denen man in Deutschland seinen Wagen voll lädt.

Die meisten, die hier im Hochland einkaufen, haben eine lange Anfahrt hinter sich. Manche kommen sogar mit der Fähre von einer der kleinen Hebrideninseln. Auch sie brauchen natürlich Nachrichten. Geben und nehmen.

In meinen ersten Wochen hatte ich eine junge Frau vorgelassen, die nur ein paar Sachen besorgen wollte, nicht mehr, als sie in Händen halten konnte. Die ältere Dame an der Kasse war hocherfreut sie zu sehen und berichtete ausführlich über die Krankheiten ihres Mannes.

Ob der wohl wusste, was da so alles über ihn gesagt wurde?

Ich stand geduldig hinten dran, fragte mich aber schon, warum ich sie denn um alles in der Welt vorgelassen hatte.

Die junge Frau, wohl gerade frisch verheiratet, zählte fröhlich ihre Weihnachtsgeschenke auf. Von ihrem Mann hatte sie ein Halskettchen bekommen, das hatte sich aber mit dem Schal verheddert, den ihr ihre Mutter gestrickt hatte. Sie musste Jacke, Mütze und Schal abnehmen, um endlich das kleine Kettchen zeigen zu können. Es wurde gebührend bewundert, dann wurde die Kleidung wieder in den ursprünglichen Zustand zurück versetzt.

Ohne dass auch nur ein einziges Nahrungsmittel über den elektronischen Scanner gezogen worden wäre.

Nun packte die Kassiererin die zwei eingeschweißten Fleischwaren, die die junge Frau ihrer Familie zum Mittagessen zu servieren gedachte, liebevoll in ein weiteres Plastiktütchen ein. Dann wurde der Gesundheitszustand des Babys besprochen.

Ich begann mir nun um meinen Gesundheitszustand ernsthafte Sorgen zu machen. Würde ich vor Mitternacht wieder nach Hause kommen. Wie lange konnte ich noch stehen? Wie lange Geduld haben bevor ich mit einem gezielten Tritt gegen das Schienbein der jungen Frau mein Recht auf Kassenbeachtung einfordern würde?

Wie lange noch würden sie Nachrichten austauschen?

Gute 10 Minuten später war ich dann dran mit meiner Kühltasche, meinen Jutetaschen und der Klappbox. Und finsterer Miene.

Enjoying your holiday? Genießen sie ihren Urlaub?

Ich sah wohl nicht aus wie jemand, der Nachrichten auszutauschen hatte.