Orte verbinden, Menschen erfinden

Ich stellte relativ bald im Schreibprozess fest, dass ich eine Wand brauchte, an die ich Ideen, Personen, Zusammenhänge und Fragen heften konnte. Genauso eine Wand, wie man sie aus Fernsehkrimis kennt. Als Autorin bin ich ja so eine Art Detektiv, ich erkunde die Seele meiner Charaktere, ihre Motivation, ihre Ängste. Hätte ich anschließend nicht neu streichen müssen, ich hätte auch Linien gezogen und Punkte vehement durchgestrichen. Aber ich hasse streichen, also sind es simple post-its geworden.

crime board

reale Orte im Kriminalroman

Hier verband ich Orte im Buch miteinander, durch die Handlung, durch Geschichten aus der Vergangenheit und dadurch, das meine Protagonisten diese verschiedenen Orte aufsuchten. Alle meine Orte sind real. Ich kenne sie. Sie gehören zu meinem Leben.

Sie mit Protagonisten zu füllen, die fiktional sind, die ich erfinde, entwickle, erschaffe, ist komplex aber auch sehr spannend für mich als Autorin. Und immer wieder stelle ich mir die Frage: Was für Menschen leben an Orten wie diesen?

Upper Sandaig House

Protagonisten – Fiktion und Inspiration

Natürlich sind alle Protagonisten frei erfunden. Es gibt sie nicht. Nur in meinem Kopf. Und vielleicht dann bald im Kopf meiner Leser. Allerdings kommt die Inspiration schon von den Menschen, denen man begegnet, die man in einem Film oder im Fernsehen sieht, von denen man liest oder hört.

Doch was braucht es für eine stimmigen Charakter? Wie sieht der Protagonist aus? Wie spricht er? Welche Eigenheiten hat er? Das herauszuarbeiten ohne langweilig zu sein ist, die Herausforderung. Und natürlich darf das Dorf in den schottischen Highlands nicht voller skurriler und erschrobener Typen sein. Es muss vor allem lebensecht sein. Deshalb redet der Crofter aus dem Hochland nicht nur anders als der Polizeichef, er trägt auch andere Schuhe.

Und im Krimi liest sich das dann so:

„Jetzt haben wir die nationale Presse am Hals, dank Ihnen habe ich schon den fünften Journalisten abwimmeln müssen. Finden Sie das Leck und stopfen Sie es. Subito!“, knurrte McGill und runzelte die formvollendeten Augenbrauen.

Robert fragte sich, ob McGill italienische Wörter einwarf, weil so seine Schuhe besser zur Geltung kamen.

Nellie Methe Erkenbach

Der Mörder in mir

Es ist schon eine Weile her, dass ich die Idee hatte, einen Krimi zu schreiben. Gehört unter Journalisten inzwischen fast schon zum guten Ton. Außerdem hab ich schon so viel über mein Leben und die Geschichte Schottlands geschrieben, es war Zeit für was Neues, Zeit für Fiktion.

Natürlich sollte es ein Schottland Krimi sein, ich habe eines Tages einfach angefangen und losgeschrieben. Die Angst for dem Anfang, vor einer leeren Seite, hatte ich noch nie. Doch diese war eine andere Art des Schreibens, die mich natürlich sofort zu der Frage brachte – was für ein Typ Krimiautor bin ich eigentlich? Einer, der lange und wohüberlegt ein komplexes Plot entwickelt und strukturiert Passagen entwirft? Oder einer, der sich treiben lässt von Ideen und Charakteren seiner Geschichte? Thomas Mann hätte es den dionysischen und den apollinischen Ansatz genannt.

Welche Sorte Krimiautor bin ich?

Ich stelle fest, ich bin beides. Was die sortierte Herangehensweise und die Arbeitsdisziplin anbelangt, bin ich definitiv appolonisch, man könnte auch sagen sehr deutsch. Ich stehe auf, mache Sport und schreibe mit Disziplinfür ein paar Stunden. Da ich noch berufstätig bin, eben an den Wochenenden. Aber beim Schreiben selbst hört die Ordnung auf und zu meiner eigenen Überraschung übernehmen die Figuren im Buch das Kommando. Der Krimi schrieb sich ganz von selbst und ich schaute nicht nur gebannt zu, ich dokumentierte, was ich sah.

Ich hatte den Anfang gemacht, der Mord, der Mörder, alles war klar und das Buch auf einem guten Weg. Dann schoben sich andere Projekte in den Vordergrund und ich legte den Krimi erst mal auf Eis.

Was braucht man, um einen Krimi zu schreiben?

Und dann ging ich es richtig an: Ich entwarf ein crime board an meiner Schreibüttenwand, klebte bunte Post-its drauf, hing eine Landkarte auf, wo ich Tatort und Fundort der Leiche markierte. Jetzt tauchte ich tief ein in die Mordgeschichte. Meine Schreibhütte mit dem traumhaften Blick auf Meer und Berge der schottischen Highlands gab mit die Abgeschiedenheit und Ruhe, die ich für den Prozess brauchte und gleichzeitig die Inspiration für das Setting der Handlung.

Nun begann ich ernsthaft zu schreiben und wenige Kapitel später wurde mir klar: Das Motiv meines Möders überzeugte mich nicht wirklich und eigentlich fand ich ihn viel zu sympathisch, um ihn zu einem Killer zu machen. Und nun? Ich musste umschreiben.

Wenn der Krimi ein Eigenleben entwickelt

Ich machte einen anderen meiner Charaktere zum Mörder. Doch damit änderte sich auch die Mordwaffe, denn die ist etwas sehr persönliches. Und damit war klar, ich musste noch einmal komplett durch die bisherigen Kapitel und umschreiben, denn wenn sich die Todesursache ändert, ändert sich so Vieles ebenfalls: Erkenntnisse des Pathologen, Entsorgung der Waffe, Verfügbarkeit der Waffe, Zeugen, Verdächtige …

Nun floss die Geschichte förmlich aus mir heraus. In dem Moment, in dem ich mich an dem Schreibtisch setzte und den Laptop aufklappte, lebten meine Protagonisten und ich schrieb auf, was sie dachten und durchmachten. Ich war mittendrin.

Demnächst: Der Tatort