Schottlandreise während Corona – going home

Ich wache vor dem Wecker auf. OK, ich bin ehrlich, ich habe ganze drei Wecker gestellt. Das ist vielleicht etwas übertrieben, nimmt mir aber die Sorge, die mir sonst den Schlaf rauben würde, dass der Wecker nicht funktioniert.

Meine Eltern sind so lieb und bringen mich in der Früh an den Bahnhof, öffentliche Verkehrsmittel gibt es in meinem kleinen Schwarzwaldort nicht, mit denen ich zeitnah an den nächsten größeren Bahnhof komme und so kann ich wenigstens den Familienhund noch einmal knuddeln, bevor ich mich wieder für gut 2 Monate nach Schottland verabschiede. Ich habe mich an die Straße gestellt und ihnen ausufernd zugewunken, als sie den Bergb herauf kamen, damit sie mich auch sehen und nicht die Auffahrt zum Haus nehmen. Allerdings war das gar ihr Auto. Der Mann wird sich vermutlich zu Recht gefragt haben, warum ihm morgens um kurz nach 6 Uhr eine Frau mit Koffer so freudig entgegen fuchtelt. Peinlich das.

Gleise

Es ist wenig los am Gleis und der erste ICE ist pünktlich, mit dem Comfort Check-in werde ich nicht einmal am Platz kontrolliert. Das ist wirklich sehr entspanntes Reisen mit Sicherheitsabstand. Jeder trägt Maske, ein Geschäftsmann mit überheblichem Blick trägt sie unter derm Kinn aber der ist wahrscheinlich schlauer als wir anderen.

Bahnhof Frankfurt

Schwuppsdiwupps bin ich bei meinem ersten Umstieg angekommen, pünktlich und völlig ohne Stress. Und der nächste ICE wartet in der Tat schon ein paar Gleise weiter. Hach ist das entspannt!

Noch vor der Abfahrt kommt ein junger Mann in Klamotten der deutschen Bahn ins Abteil. Er trägt kurze Hosen und seine mageren Beine sind übersät von alten Einstichflecken. Frankfurter Drogenszene denke ich und gebe ihm die 2,70 €, die er für ein angebliches Ticket nach Irgendwo will. Ich schätze er ist vielmehr ein Kandidat für ein Ticket nach Nirgendwo aber ich will mir kein Urteil erlauben. Das Leben meint es nicht mit allen gut. Er bedankt sicherlich freundlich und verlässt den Zug. Immerhin hat er eine Maske getragen.

Auch in diesem ICE ist wenig los, die Toiletten sind sauber, es gibt Seife und Desinfektionsmittel. Inzwischen bin ich froh, dass ich (wenn auch gezwungenermaßen) keinen Mietwagen genommen habe. Die gespenstische Leere am Zwischenhalt Frankfurt Flughafen Fernbahnhof spricht Bände über die Anzahl der Flüge, die die Lufthansa derzeit anbietet.

Rolltreppen Utrecht Central

Zweiter Wechsel dann in Utrecht. Alles sehr sauber hier in den Niederlanden.  Ich komme auf Gleise 5 an und der Schnellzug zum Flughafen Schiphol fährt auf Gleise 7 ab. Also, schließen ich messerscharf muss ich auf einen anderen Bahnsteig.

Gleisanzeige Bahnhof Utrecht Central

Nicht in Holland, wie ich feststelle, da liegen Gleis 5 und 7 am selben Bahnsteig gegenüber. Also wieder zurück. Macht nix, so eine Rolltreppe ist auch was Schönes. Dafür hat der letzte Zug eine nette Sitzecke.

Abflughalle Amsterdam Schiphol

Ich bin 4 Stunden vor meinem Abflug am Flughafen und gehe gleich durch den Sicherheitscheck. Bei der Passkontrolle werde ich von einem gutaussehenden Zollbeamten gefragt, wohin es geht.

 “Inverness”, sage ich.

Are you going home?

Ich zögere kurz bevor ich ihm antworte.

Yes, I am going home!

Montag: Über den Wolken

Schottlandreise während Corona – Finde einen Flug

Um nach Schottland zu kommen, bucht man einen Flug. So war das zumindest vor der Corona-Krise. Nun aber ist das mit dem Flug buchen nicht so einfach, es gibt nämlich keine.

Frankfurt – Glasgow? Fehlanzeige.

Stuttgart – Edinburgh? Keine Flüge

Und so geht es weiter und weiter.

Die Verbindungen haben sich im Laufe der Jahre immer geändert und ich bin schon so ziemlich alle Verbindungen zwischen Süddeutschland und Schottland geflogen. Frankfurt – Glasgow war bisher der einzig sinnvolle Direktflug gewesen. Der ist nun nicht mehr da.

Und die Flüge mit einer Zwischenlandung kosten zwischen 1300,- und 1600,- €. Nur der Hinflug!

Ich entscheide mich schließlich für KLM und den Flug von Amsterdam nach Inverness, setze einen Google Alert und beschließe noch nicht zu buchen. Er kostet 163,- €, was mir leicht überteuert scheint, aber vielleicht wird er ja noch billiger.

Der Flug ist deshalb praktisch, weil der Mann mich von Inverness abholen kann und ob ich nun nach Frankfurt an den Flughafen fahre oder nach Amsterdam macht auch nicht einen so großen Unterschied, denke ich. Es sind halt ein paar Stunden mehr Anfahrt.

Denkste!

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und schnüre die Laufschuhe für eine kleine Einheit im Wald. Ich stelle das Telefon an und will gerade aus der Tür, als es pingt, eine Mail von Google.

Der Preis ihres Fluges ist gestiegen. Der Flug kostet nun 571,- €.

AAAhhhhhh!

Ich setze mich um kurz nach 6 Uhr in der Früh in Laufklamotten ans Macbook und buche sofort den Flug von Amsterdam nach Inverness zwei Tage später, da hat er noch den niedrigen Preis.

Und dann, denke ich mit einem Lächeln, buche ich einfach einen Mietwagen und lasse den in Schiphol. Das sind zwar 6 Stunden Fahrt bis zum Flughafen aber der Flug ist ja erst am Abend. Mit ein bisschen Glück kann ich den Mietwagen morgens holen und am Nachmittag in den Niederlanden abgeben.

Schwarzwald Weg

Zufrieden mache ich mich auf in den Wald. Ich Ahnungslose!

Morgen: Ein Königreich für ein Auto

Schottischer Spitzen-Sommelier

Ich bin in einer Weingegend aufgewachsen, in der sehr gute weiße und akzeptable Rotweine angebaut werden.

Frankreich ist nah und damit noch mehr qualitativ hochwertiger Wein.

Wir sind hier, wie der alte Werbespruch so wahr sagt, von der Sonne verwöhnt.  Und natürlich vom Wein.

 

Der Mann ist in Glasgow aufgewachsen. Per se eher kein Weinanbaugebiet, zu seiner Zeit galt die Liebfrauenmilch als edles Getränk und Buckfast, der ultrasüße Likeurwein, als akzeptable Alternative zur Abendbelustigung.

Wir kommen also von einem recht unterschiedlichen Hintergrund und das zeigt sich ganz eindeutig, wenn es ums Wein kaufen geht. Wenn ich in Schottland Wein einkaufe, dann durchforste ich das Angebot nach italienischem Pinot Grigio oder französischem Roten was nicht ganz so leicht ist, denn das Standardangebot in den Regalen kommt aus Chile, Australien oder Neuseeland. Während ich also mit einem Ländersystem arbeite, pflegt der Mann ganz andere Standards, er differenziert nach Alkoholgehalt.

I had to lower my standards. sagt er mir letzte Woche auf Skype. Er war einkaufen und wie das so ist in Zeiten von Corona, hat nicht nur für sich sondern beim Großeinkauf auch für andere mit eingekauft. Man hatte ihn gebeten, eine Flasche Rosé mitzubringen. Eine Flasche? Meine innere Frage während ich ihm zuhöre wie er erklärt, dass es im Aldi in Inverness nur 12,5%igen Rosé gab. Ich kaufe eigentlich nie nur eine Flasche. Noch schaue ich auf die Etikett-Rückseite. Ich genieße Rosé an sonnigen Frühsommerabenden mit Eis auf der Terrasse. Mein Eis hat dabei 100% Frostgehalt. Dem schottische Weinkenner aber fehlen 0,5% zum Weinglück.

Du bist mir ein Sommelier! sage ich und lache.

Sommelier? fragt er und lacht noch mehr.

In Glasgow we call them winies.

Einmal war ich untreu

Diese Sache mit meinen zwei ganz unterschiedlichen Leben in Deutschland und Schottland klappt prima. Vor allem, weil ich die beiden so gut es geht voneinander trenne.

Doch gelegentlich werde ich mir untreu. Das geht wohl den meisten von uns so.

Und was mach ich? Ich geh‘ zum Fußball und arbeite. Ganz wie in Deutschland und doch ganz, ganz anders.

Natürlich!

Nur selten verschlägt es deshalb einen deutschen Spieler nach Schottland, wenn dann ist es eher umgekehrt. In diesem Falle aber war ein ehemaliger Spieler des SC Freiburg in Dingwall gelandet. Einer Kleinstadt westlich von Inverness, der Club dort heiß Ross County und weil sie einen Hirsch im Wappen haben, nennt man sie auch die Staggies.

Ross CountyUnd da spielte er nun, der Wolf, wie sie ihn nannten, Steffen Wohlfarth, in Friedrichshafen am Bodensee geboren ein Häfler, der in Freiburg gespielt hatte, wo sein Bruder Dominik als Torwarttrainer arbeitet. Ein Stück fürs Radio wollte ich produzieren und machte mich ans Werk…

Weil ich in Dingwall den Pressesprecher nicht kenne, rufe ich die Geschäftsstelle an. Die Nummer hab ich aus dem Internet. Es meldet sich der Sportdirektor, der Chef persönlich. Der macht die Pressearbeit, auch in der ersten Liga, was ungefähr so ist, als würde ich Klaus Allofs anrufen, wenn ich eine Akkreditierung fürs Stadion und einen Gesprächstermin mit Kevin de Bruyne brauche. Aber alles kein Problem in Dingwall. Ich soll mich einfach am Spielereingang melden.

Mach ich.

Ross County stadiumDer Mann und ich fahren also nach Dingwall. Schon weit vor dem Stadion herrscht Verkehrschaos. Ich habe natürlich keinen Parkschein für den Presseparkplatz. Es gibt nämlich gar keinen Presseparkplatz. Dem ersten Ordner sage ich, ich bin von der Presse. Der nickt nur kurz und winkt mich auf den Spielerparkplatz. Dabei sehe ich nicht wirklich aus, wie ein Sportjournalist und ich habe keinen Ausweis dabei. Das sollte man mal bei Bayern München versuchen!

Am Spielereingang treffen wir auf einen wuchtigen Glatzkopf mit Anzug und blütenweißem Hemd. Er hat so ein Telefonkabel im Ohr und sieht aus, als ob er keinen Spaß versteht. Der schottische Meister Proper reicht mir einen Umschlag, noch bevor ich den Mund aufmache. Fremde Journalisten fallen hier wohl gleich auf. In dem Umschlag ist meine Akkreditierung und  ein Zettel zum ausfüllen.

Mach ich, sobald ich im Presseraum bin, denke ich. Nur gibt es eben auch keinen Presseraum, weil hier alles so eng ist, bekommt man in der Pause sein Essen gebracht erklärt mir ein schottischer Kollege. Einfach ausfüllen und bei Sinclair abgeben.

DSC_0004Sinclair?

Der große Glatzkopf am Eingang!

Aha,

Pressetribüne Ross CountyBovrilBovril, Tee oder Kaffee sagt der Zettel und Wurstpastete oder Pie. Ich bestelle Kaffee und Pie, ich mag keine Rinderbrühe (Bovril) trinken. Der Mann mag Rinderbrühe trinken, er sagt, man kann nicht Fußball schauen ohne. Ich kann aber irgendwie und das mache ich dann auch auf meinen wenigen Zentimetern Klappstuhl eingezwängt zwischen zwei Radiokollegen. Und weil man hier, wenn man einmal sitzt nicht mehr raus kommt, bekommt man Mitte der zweiten Hälfte ein leckeres Törtchen auf dem Tablett gereicht. Von Sinclair höchstpersönlich. Ich sage artig danke und frage, wo nach dem Spiel die Mixed Zone für die Interviews ist.

Im Spielertunnel sagt er, aber nur für die BBC. Ihr macht eure Interviews hier auf der Tribüne.

Aber wie soll ich denn da an den Trainer ran kommen? frage ich verständnislos.

Wieso? fragt Sinclair seinerseits verständnislos. Der Trainer kommt doch zu euch.

Und das tut Derek Adams dann auch eine Viertelstunde nach Abpfiff. Undenkbar bei uns.

Die Möwen kreischen über dem leeren Stadion, die 3200 Fans sind schnell verschwunden.

Steffen WohlfarthSpäter kommt dann auch noch Steffen Wohlfarth zum Interview und erzählt sehr sympathisch und offen von seinem Leben im Hochland und dem Abenteuer des täglichen Lebens hier. In seiner Wohnung in Inverness muss er 50 Pence Stücke in eine Maschine werfen, damit er Heizung hat. Im Stadion lieben sie ihn, weil er gegen Celtic Glasgow das Siegtor (3:2) gemacht hat. Wegen seines Namens nennen sie ihn den Wolf und brechen in ohrenbetäubendes Wolfsgeheul aus, wenn der wuchtige Mittelstürmer den Platz betritt.

Steffen WohlafrthDas war 2013, inzwischen spielt er wieder in Deutschland und ist Kapitän beim FV Ravensburg. Dort habe ich ihn ein Jahr später in meinem deutschen Leben getroffen. Ich machte fürs Fernsehen eine Story über den Gegner. Als wir uns sahen, haben wir uns erst mal ganz spontan und ganz herzlich umarmt.

Das gibt es in Deutschland im Stadion eigentlich nie, dass sich Spieler und Journalist „in die Arme fallen“.

Dazu müssen schon zwei „Highlander“ aufeinander treffen.

DSC_0004

Vorsicht, der Mann liest meinen Blog!

Ich hatte natürlich mal wieder nicht recht!

Der Mann hat meinen letzten Blogeintrag gelesen. Nicht, dass er sonderlich viel Deutsch verstehen würde aber er hat Google Translate und damit einen genauen Einblick in mein Schreiben.

So, so, hat er diese Woche gesagt. Das Boot ist also ein Langzeitprojekt.

Was damit gemeint ist, erklärt sich aus dem letzten Post „Raus aufs Meer!“

Skye Sky 1

Den Vorwurf wollte er wohl auf seiner noch jungfräulichen Seefahrerseele nicht einfach so sitzen lassen, weshalb wir diesen Samstag schon um 7 Uhr 30 (fordere nie einen Schotten heraus, wenn du nicht unbedingt musst!) auf dem Weg nach Inverness zu Caley Marina waren, um den fehlenden Motor für das Boot zu kaufen.

Caley Marina (2)Caley Marina ist ein Laden, wo man Seemannsmützen, Rettungswesten, ganze Jachten und lauter kleine Teil kaufen kann, die irgendwo ans Boot gehören und von denen ich nie im Leben wissen werde, was sie sind oder wie sie auf Deutsch heißen.

Caley Marina (1)

 

Ich hab mir die wasserdichte Kleidung angesehen, Hose und Jacke gibt es schon für 350 Pfund. Das habe ich dann sofort als Langzeitprojekt hinten angestellt und mich zu dem Mann und dem Verkäufer namens Calum gesellt. Schließlich brauchen wir einen Aussenbordmotor.

 

Im Laden gibt es nur Yamaha-Motoren.

Hah! denke ich. Damit kenne ich mich aus!

Schließlich war mein erstes Motorrad ein Yamaha Einzylinder. Ich nicke also das Gespräch fachmännisch begleitend mit dem Kopf, begleite den Hinweis auf den Notaus mit einem noch intensiveren Nicken und versuche generell sehr bootskompetent auszusehen.

AussenbordmotorWir wollen einen 5er Motor und einen Extratank. Ich lächle locker, weil ich natürlich genau weiß, was ich in dem Bootsladen tue. Yamaha! Das ist schießlich mein Fachgebiet, der Mann hat ja keinen Motorradführerschein. Unter einem 5er Motor kann ich mir zwar nicht allzu viel vorstellen, nehme aber an, es handelt sich hier um die Größe.

Also Calum, sage ich mit dem wissenden Lächeln einer langjährigen Yamahamotorradbesiterin, können wir den Motor mal anhören?

Calum schaut mich verständlislos an und der Mann bückt sich ganz weit nach unten, um die Schraube zu überprüfen, seine Schultern zucken verdächtig.

Äh, mein Calum dann, das geht nur im Wasser.

Ach so. Na ja.

Ich überlasse die Männer ihrem Bootstalk und schaue mir ein paar Kompasse und Radare an.

Der Aussenbordmotor ist bereits geprüft und hat 5 Jahre Garantie, deshalb können wir den auch gleich mitnehmen, samt Zusatztank, Verbindungskabel und 10W 30er Bootsöl.

Dann hat mich der Mann zum Frühstück ins V8 Cafe ausgeführt, ganz in der Nähe des Hafens: Spielgelei im Brötchen für ihn, Speck im Brötchen für mich. Und natürlich ein Motor im Hintergrund.

Frühstück

Derart unprätentiös gestärkt verbringen wir den Rest unseres Ausflugs mit dem Aussenbordmotor auf dem Rücksitz und der Erkenntnis im Kopf, dass manche Langzeitprojekte schneller gehen, als man denkt und manche Experten doch weniger Ahnung haben als die Laien.

Das macht Hoffnung für die Küche!

Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

 

 

 

Erstens kommt es anders…..

Wenn man (oder in diesem Fall wenn Frau) einen Einkaufswagen voller Vorräte bei Starbucks parkt, dann läuft nicht alles rund. So viel ist ohne die genauere Analyse der Tatsachen ersichtlich. Die meisten Menschen nehmen ihren voll gepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt nicht mit auf einen entspannten Kaffee.

StarbucksAber… die meisten leben ja auch nicht in den schottischen Highlands. Da kann einem so was schon mal passieren.

entspannt geniessenAnstatt sich mit einem Krimi samt Café Latte den Tag zu entspannen, sitzt man auf glühenden Kohlen, unfähig sich auch nur auf eine Zeile des Buchs zu konzentrieren. Wäre ich nur wo anders! Gott sei Dank ist es noch so früh am Morgen, daß nur drei Menschen im Café sitzen.

Das Schlimmste ist, dass Starbucks hier auf einer offenen Galerie über einem Modegeschäft thront auf einer Art halbem, offenen Stockwerk. Man muß durch den ganzen Laden durch, um zum Aufzug zu gelangen. Mitsamt dem widerspenstigen Einkaufswagen zwischen Sommerpullies, Lederflipflops und Strandkleidern hindurch.

Nein, ich komme mir natürlich nicht blöd vor. Niemals!! Überhaupt nicht!!!

„Gott sei Dank ist der Laden (New Look) noch einigermaßen leer“, denke ich und „Wo zum Teufel steckt der Mann denn bloß?“ Ich sitze, allein gelassen mit meiner Petersilie, dem Cheddar Käse und der Scheuermilch im Café und warte. Starbucks Highland Style.

Endlich kommt der Mann, um mich zu retten.

Arnold Clark InvernessZwei Stunden nachdem er mich in Inverness am Supermarkt abgesetzt hat, um schnell den Dienstwagen zur Inspektion zu bringen und den Leihwagen abzuholen. Berechnete Fahrtzeit max 15 Minuten. Ergo berechnete Mannabwesenheit 30 Minuten plus 30 Minuten Formulare ausfülllen und Kram. Macht eine Stunde Einkaufszeit im Supermarkt. Nach deutscher Rechnung.

Highland-Rechnung geht so:

  • Der Mann setzt mich ab und raucht erst mal eine      5 Minuten
  • Fahrt durch den Berufsverkehr in Inverness      20 Minuten
  • Die Werkstatt hat den versprochenen Leihwagen nicht, Diskussion     20 Minuten
  • Der Mann denkt nach und raucht erst mal eine     5 Minuten
  • Der Mann versucht anderweitig einen Mietwagen zu organisieren     55 Minuten
  • Fahrt ohne Berufsverkehrs zurück zum Supermarkt     15 Minuten
  • Der Mann steigt aus und raucht erst mal eine     5 Minuten

Ich sitze immer noch mit meinem Einkaufswagen bei Starbucks. Als der Mann dann endlich auftaucht, ist das Autoproblem noch immer nicht gelöst. Der Mietwagen kommt erst in 2 Stunden.

2 Stunden Highland Zeit…..

Zumindest haben wir genug zu Essen in unserem Einkaufswagen, falls es dann doch ein wenig länger dauern sollte….

 

 

 

Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge