Experten sind überall – man muss nur wissen wo

Ein Krimi braucht natürlich auch ein gewisses Fachwissen. Ein Mord kann ausgesprochen komplexe Fragestellungen nach sich ziehen: Todesursache, Tatwaffe, forensische Analyse und Motiv sind nur einige Bereiche, in denen Expertise gefragt ist. Wo Motivation noch der zugänglichste scheint, wenn man sich mit Psychologie und Menschenführung beschäftigt hat, dann übersteigen andere Bereiche definitiv mein Wissenspektrum.

Krimi schreiben

Der Pathologe

Ich wäre keine Journalistin, wenn ich nicht klar wüsste, was in so einem Fall zu tun ist. Ich brauche Experten. Den ersten habe ich schon vor langer Zeit kontaktiert: den schottischen Pathologen. Der gehörte nun nicht zu meinem Bekanntenkreis. Aber ich habe eine Suche auf Linkedin gestartet und einen in Inverness gefunden. Die Kontakatanfrage hat er bestätigt und war auch gerne bereit, mit dann Detailfragen zur Leiche, Vewesungsfaktor, Einfluss des Wetters und anderer Komponenten präzise uns schnell zu beantworten. Ich habe viel gelernt im Gespräch mit ihm.

Die Polizistin

Polizeiarbeit war das Nächste, den die ist in Schottland natürlich anders organisiert als z.B. in Deutschland oder auch in England. Wie gut, dass eine ehemalige Polizistin zu unserem Freundeskreis gehört. Sie hat mir in einem langen Videocall alle Fragen beantwortet, die ich ihr zuvor aufgeschrieben hatte und bei jenen, die sie nicht sicher selbst beantworten konnte, einen befruendeten Detective Inspector für mich angesprochen. Also war ich auch was Prozedere, Handlunsgspielraum der Behörden und Umgang mit Verdächtigen anbelangt genauestens informiert. Doch leider konnte sie meine Fragen zu verschiednenen Waffen nicht beantworten. Warum auch. Die schottische Polizei trägt keine Waffen im Dienst.

Der Waffenexperte

Ich nahm also Kontakt mit dem deutschen Schützenbund auf. Der Pressesprecher leitete meine Fragen an den Bundestrainer und zwei Tage später hatte ich meine Antwort, aus sehr kompetenter Quelle. Dumm nur, so wie ich mir das gedacht hatte, funktionierte es nicht. Mein Täter musste eine andere Waffe benutzen und das wiederum hatte Auswirkungen auf alle möglichen anderen Szenarien. Neue Waffe, neuer Kontext. Es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste nochmal über das komplette Manuskript und umschreiben. Damit waren zwei Wochenenden komplett weg. Puh!

Dos und Don’ts

Hätte ich mal lieber nicht gewartet, bis ich fertig war mit allem. Wenn ich in Band zwei wieder eine Waffe mode, ist der Bundestrainer der Erste, den ich fragen werde. Ohne den wird niemand mehr erschossen! Da es für jede Waffengattung einen eigenen Bundestrainer gibt, wird der Pressesprecher möglicherweise ganz schön zu tun bekommen. Aber ich habe ja noch andere Optionen wie Gift, Messer oder erwürgen.

Fachliteratur konsultieren

Ich jedenfalls habe festgestellt, dass ich mehr Experten um mich bzw. in erreichbarer Nähe habe, als ich angenommen habe. Und für alles andere, gibt es Fachliteratur. Die braucht es natürlich auch

Kein Cappuccino für Boris Johnson

„Ich mache mich jetzt auf den Rückweg. In etwa 6 Stunden bin ich zu Hause.“ Ich drücke senden und starte den Motor.

Es ist Sonntagnachmittag und Saison, es wird also viel Verkehr sein aber Google Maps sagt, die Strecke ist weitgehend frei. Ich war ein Wochenende allein unterwegs, weil Verwandte des Mannes länger zu Besuch geblieben waren, als angekündigt. Die Übernachtung für unser zweites Wochenende in den Borders war aber bereits gebucht und wir hätten das Zimmer bezahlen müssen, ohne es zu nutzen. Das schien uns nicht die beste Lösung also hatten wir beschlossen, dass der Mann zu Hause die Stellung hält während ich alleine in die Borders fahre, um zu recherchieren. Blöd aber nicht zu ändern.

Deshalb war ich also allein unterwegs, rund 500 Kilometer nach Süden am Samstag und rund 500 Kilometer wieder zurück am Sonntag.

Dumfries Coast (1)

Ich hatte Glasgow hinter mir gelassen und war bereits aus Dumbarton raus, hatte am Lomondgate Roundabout bei Costas einen großen Cappuccino geholt und war auf der Toilette gewesen. Ich war gerüstet für die Highlands und alle Abenteuer, die da auf einen warten.

Am übernächsten Kreisverkehr plötzlich ein langer Rückstau, die Straße nach Loch Lomond abgeriegelt, ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht blockiert den Weg, ein Polizist im Kreisverkehr dient als Erklärer.

„Sorry, die A82 ist bei Luss gesperrt. Wissen sie, wie sie umfahren müssen?“

„Ja, kein Problem!“ sage ich. Zumindest trifft das ungefähr zu aber ich habe sowohl Karte als auch Telefon und Ladekabel im Auto, ich werde also keine Probleme bekommen. Zumal – ich muss einfach nur allen anderen hinterher fahren. Die A82 ist die Hauptverkehrsader nach Norden, wenn man im Westen des Landes unterwegs ist.

Google Maps hatte nur von einem Unfall und 15 Minuten Zeitverzögerung gesprochen. Die Straße ist  bei Luss sehr gut ausgebaut, da kann man einen Unfall eigentlich umfahren. Wenn die Polizei aber die Straße komplett sperrt, dass hat es Tote gegeben. Und das dauert meist mindestens einen halben Tag, bis sie die Straße wieder für den Verkehr freigeben wird.

Ich texte dem Mann, aktiviere meine Position auf Google Maps und teile sie mit ihm. So kann er immer sehen, wo ich gerade bin.

Ich fliege auf der westlichen Umfahrung, die Straße ist super ausgebaut. Warum fahre ich hier eigentlich nicht öfter? Schließlich ist der enge obere Abschnitt der A82 am Loch Lomond immer schlecht zu fahren, weil die entgegenkommenden Busse und LKW fast nicht aneinander vorbei kommen.

Dann sehe ich die ersten Schilder (MOD) und es wird mir klar, warum die Straße hier so hervorragend ausgebaut ist. Das MOD ist das Verteidigungsministerium und ich fahre geradewegs auf Faslane zu, den Flottenhafen der Marine, in dem die Atom U-Boote cAuto mit Bootsanhänger verursacht Stausitzen, die und wer weiß was noch alles. Passend zum Thema wird das Wetter plötzlich dunkel und regnerisch und selbst Gare Loch, der Meeresarm an dem ich nun vorbei fahre, wirkt düster und bedrohlich. Was hier unter der Wasseroberfläche liegt, hat die Macht zur totalen Zerstörung. Ich würde am liebsten so schnell wie möglich an dem Stützpunkt vorbei fahren aber ein entgegenkommendes Auto mit Bootsanhänger blockiert den gesamten Verkehr. Der Fahrer hat schließlich ein Einsehen und fährt soweit das auf der engen Straße geht links ran. Damit kann der Verkehr auf meine Spur an ihm vorbei aber der Verkehr auf seiner steht.

Und genau ist das Problem für die nächsten Stunden (Google liegt leider völlig falsch mit der Prognose). Der umgeleitete Verkehr (die meisten werden über die östliche Umfahrungsroute geleitet aber manche eben über die im Westen) kommt auf dem engen Teilabschnitt entlang des Gare Loch nicht aneinander vorbei, normale Autos ja aber Busse, Bootsanhänger oder Camper nein. Und es gibt viele Busse, Bootsanhänger und Camper an einem Sommersonntag rund um Loch Lomond. Und weit und breit gibt es so gut wie keine Ausweichbuchten oder Parkplätze. Es gibt kein Entkommen.

Das stop and go zieht sich über Stunden, bis sich mein operierter Meniskus beschwerte. Ich sehne mich nach meinem deutschen Auto mit Automatik. Ansonsten vertreibe ich mir die Wartezeit, bis es wieder weiter geht mit Instagram Posts und Serien, die ich auf das Tablett heruntergeladen habe. Ich bin entspannt. Die meisten Menschen sehen allerdings ziemlich genervt aus in ihren Autos. Kein Wunder, es geht ja auch kaum voran.

Auf deutschen Autobahnen ist das mit dem Ferienverkehr sicher auch nicht anders Auto wendet im Staudenke ich und entspanne. Schließlich habe ich allen Grund, nicht gestresst zu sein, ich habe Café und Schokolade und brauche keine Toilette. In diesem Monsterstau gibt es bestimmt einige, die nicht so glücklich sind. Manche versuchen sogar zu wenden, um ihr Glück in der anderen Richtung zu suchen. Und ich schaffe es noch vor Sonnenuntergang nach Hause.

Am nächsten Tag besucht Prime Minister Boris Johnson Faslane, um sich über das Prozedere im Falle eines nuklearen Angriffs zu informieren. Natürlich wird er per Helikopter eingeflogen, was bedeutend schneller und unproblematischer ist  aber ich wette keinen Cappuccino von Costa beinhaltet, denn die haben zwar einen drive-thru aber keinen Heli-Landeplatz. Wahrscheinlich mag Boris Johnson ja gar keinen Cappuchino, der Europa Verweigerer genießt sicher viel lieber echt „britischen Tee“ aus Assam, China oder Ceylon.