…. und zweitens als man denkt.

Meine Zeit in Schottland geht schon wieder zu Ende und es stehen noch so viele Dinge auf der Liste, die ich eigentlich tun wollte. Manches hab ich geschafft, eine Wanderung beispielsweise, eine, die ich schon immer mal machen wollte. Ich habe gerade ein Bergsteigerbuch gelesen.

Ich fühle mich vom Mount Everest, dem Kangchengzönga und dem Matterhorn inspiriert und beschließe, mich an die 15 Kilometer Glenelg-Ardintoul-Totaig zu machen. Ich habe immerhin einen Berg auf meiner Route und den Smythschen Geist (27 Bücher und noch mehr Gipfel) in mir.

Auch mein Berg ruft!

Ich fühle mich schon ganz elegisch.

“On a hill it is possible to sense the unity and continuity of life, a rhythm that sends men and worlds on their way (..) He who finds beauty on a hill finds also an answer to a thousand questions. “             

Frank S. Smythe: A Mountain Vision; Hodder and Stoughton, 1941, P.6

Großartig, denke ich. Die Einheit des Seins, der Mensch, die Welten und die Schönheit der Berge und die Antwort auf tausend Fragen noch dazu.

Ich greife zum Telefon und bestelle den Bus.

Wenn der hier halten soll, dann muß man eine Anfrage stellen. Halt vor der Haustür gibt es nur auf Anfrage. Ich frage an (mindestens 21 Stunden im voraus) und der Bus hält. Ich bin der einzige Fahrgast, abgesehen von der älteren Dame mit den Einkaufstüten aber die schläft. Nach 20 Minuten und 3 Pfund 10 bin ich am Ausgangspunkt meiner Wanderung.

Am Anfang des WegsIch kann es kaum erwarten, den „Rhythmus zu spüren, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (13)Sanft schlängelt sich der Pfad durchs Ufergrün, blau stahlt die See und die Möwen schreien über den Felsen des Sound of Sleat.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (15)Ich erreiche den Strand von Ardintoul nach etwa einer Stunde. In der salzigen Meerluft schmeckt mein Schinken mit Ei Sandwich noch viel beser. Ich lege mich ins Gras und fühle die Schönheit der Berge vor mir. Ich atme den Geist großer Bergstieger!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (19)Noch bin ich auf Meereshöhe, fühle mich aber schon als hätte ich keine Fragen mehr, als wär ich Reinhold Messner und Louis Trenker in einer Person. Ich und der Berg!

Der Wanderführer rät in Ardintoul links halten, dann geht es in den Aufstieg. Ich finde die Weggabelung und halte mich links. Nach einer Weile erreiche ich das letzte Haus im Weiler. Ein alter Mann sieht mir entgegen. Er will mir bestimmt auf Gälisch einen guten Weg wünschen. Weit gefehlt, er ist Engländer und sagt mir, daß ich auf dem falschen Weg bin. Ich kann es mir nicht erklären. Seine Frau kommt dazu und beide beschreiben mir den richtigen Weg. Sie sagt es geht links am Wald entlang, Er sagt rechts. Beide sind sich einig, daß ich am besten die Abkürzung über den Hügel hinter dem Haus nehme. Ein wenig cross country und ich sei wieder auf dem richtigen Pfad. Ich folge dem Rat und mache mich auf ins Gelände.

Hinweis: Ein wenig cross country gibt es nicht in den Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (10)Ich stolpere durch einen Bach, greife in Brennesseln und kratze mich an einem Dornenbusch, völlig erschöpft erreiche ich schließlich etwas, das ein Pfad sein könnte. Könnte aber auch einfach nur ein Schafweg sein. Oder Einbildung. Ich gehe ihn eine Weile und entdecke schließlich ein Schild. Ich bin auf dem richtigen Weg.

Hinweis: Ein Weg ist immer relativ in den schottischen Highlands!

Binsen, Steine, Schotter, Äste – der Weg lässt Raum für Interpretationsfreiheit: Kann ein Weg sein, kann aber auch nicht. Unsicher interpretiere ich mich bergauf. Da fällt es mir wieder ein, daß ich eine Wanderbeschreiburg meiner Strecke gelesen habe, in der ein freundlicher älterer Mann einem zu früh abgebogenen Wanderer eine komplett falsche Wegbeschreibung gegeben hatte und den Wanderer damit bis an den Rand der Erschöpfung trieb……

Hinweis: Wegweiser sind Vertrauenssache in den schottischen Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (24)Was einstmals Wald war, ist nun hässliche, abgeforstete Baumwüste. Kahlschlag gibt es überall und mit dem Wiederaufforsten haben sie es nicht so hier. Ich komme mir vor wie Mad Max auf Bergtour und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Hinweis: Es kann immer schlimmer kommen in den schottischen Highlands!

Dem Freitod nahe, erklimme ich nach einer weiteren Stunde den vorläufigen Gipfel, nun beginnt der Restwald, den sie wohl wegen der schwere Zugäglichkeit nicht abgeholzt haben. Dicht gepflanzt hält er Wind und Sonne vom Boden ab. Das Ergebnis lässt sich leicht an meinen Schuhen ablesen.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (29)Ich denke über Moorleichen und Sinklöcher nach und frage mich, wie man das hier einen Weg nennen kann.

Hinweis: Schlammbäder sind kostenlos in den Highlands!

Ich rutsche den Hang entlang und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (26)Der weiche Boden hat den zu dicht gepflanzten Bäumen wenig Halt zu bieten. Kaum habe ich es aus dem schlimmsten Schlamm geschafft, muß ich über massige Baumstämme klettern, von denen keiner weiß, ob sie nicht noch weiter abrutschen, wenn ich drüber zu steigen versuche. Ich überlebe auch das und schaffe es endlich aus dem Wald auf eine weitere Kahlschlagfläche.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (31)Der Blick ist atenmberaubend. Die Sonne scheint und der Wind ist nicht mehr als ein leichter Hauch von Sommer. Ich setzte mich aud das weiche, moosige Gras, höre den Kuckuck und schaue aufs Meer. Ich bin ganz oben, eins mit mir, der Welt und ….. beginne wie eine Wahnsinnige um mich zu schlagen, mich um die eigene Achse zu drehen, zu fuchteln und dann schleunigst die Flucht zu ergreifen. Die Mückenplage!

Hinweis: Midges wird man nur mit Wind, Regen oder Flucht los in den schottischen Highlands.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (35)Irgendwann bin ich von meinem Berg wieder unten. Ob der Nagar Parbat auch solche Gefahren birgt? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Ich bin nach über fünf Stunden wieder bei uns an der Straße angekommen. Ich wandere an den Fereienhäusern entlang. Der Schlamm reicht mir bis an die Hüften. Vom Bergsteigen hab ich erst mal genug und bin froh, wenn ich mein „Basislager“ erreiche. Ich sehen aus wie der Ötzi und ich fühle mich auch so. Ich will ein heißes Bad und ein Glas Wein.

Hinweis: Wenn der Berg ruft, höre ich nicht mehr hin in den schottischen Highlands.

Gott sei Dank ist der Mann später dran als geplant und noch nicht zu Hause. Die Mädels vom Gälisch Unterricht haben ihn aufgehalten. Als hätten sie geahnt, daß sich die „Bergexpertin“ erst mal vom Schlamm ihres Abenteuers befreien möchte. Ich sehe nämlich nicht aus, als hätte ich „den Rhythmus gespürt, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Danke Mädels, auf euer Berggefühl ist Verlaß!!

 

 

Die Jagd nach Geld

Der Deutsche an sich neigt dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Ich neige dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Manchmal bin ich unerträglich Deutsch, obwohl ich es gar nicht sein will.

KontoeroeffnungIch beschließe, ein Konto in den Highlands zu eröffnen. Das macht Sinn, denn dann kann ich hier problemlos mit Karte zahlen und überall wo ich will ohne Auslandsgebühren Geld abheben. Das wird mein Leben einfacher machen.

Dachte ich!

Kyle of LochalshIch recherchiere im Internet die Banköffnungszeiten und fahre nach Kyle of Lochalsch. In der Filiale sind sie einigermaßen aufgeregt. Hier hat wohl noch nie eine Deutsche ein Konto eröffnet. Geht aber alles, dank Europa. Und auch hier gibt es seitenweise Formulare auszufüllen, bei denen 60% der Fragen absolut sinnlos scheinen. Fühlt sich irgendwie deutsch an.

„Die Bankkarte wird Ihnen nach Deutschland geschickt.“ sagt mir die nette Bankangestellte, der schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen, weil sie meinen komischen deutschen Namen ins System eintragen muß. „Kein Problem!“ sagt sie als ich mich für meinen komplizierten Namen entschuldige. „Ich muß ja auch die gälischen Namen schreiben und ich kann gar kein Gälisch.“

mobile bankingWir lächeln uns an und ich habe ein schottisches Konto.

In Deutschland finde ich nicht eine, sondern zwei Bankkarten in der Post. Ich verbringe einen halben Vormittag in der Hotline, bis wir verifiziert haben, welche Karte es denn nun sein soll. Dann überweise ich einen größeren Betrag und freue mich auf Schottland und den Bankautomaten.

Lässig schlendere ich bei meiner Rückkehr auf einer Stippvisite in Edinburgh zum nächten Bankautomaten, gebe meine schottische PIN ein und wähle den Auszahlungsbetrag. Die Maschine rattert und druckt und sagt mir, daß ich kein Geld bekomme.

Ist was los mit der Karte? Betrug? Betrag zu hoch? Automat leer?

Der Ausdruck gibt keine Auskunft. Meine Selbstsicherheit in Sachen schottisches Konto schrumpft. Ich versuche es etwas verkrampfter am nächten.

Sorry, diesen Dienst können wir derzeit nicht anbieten.

Ich hebe am selben Automaten mit meiner deutschen Karte problemlos Geld ab und frage mich, was mit meinem schottischen Konto los ist. Vielleicht geht es ja nur in den Highlands??

Da kommt das Geld nämlich von alleine vorbei. So sagt man mir und ich habe den blauen Geldtransporter meiner Bank, der hier die Kunden anfährt, auch schon öfter gesehen. Immer Donnerstags fährt er bei uns vorbei.

„Man muß nur ein Schild mit der Aufschrift BANK raushängen.“ sagt mir die Nachbarin. „Dann halten sie an.“

Ich richte also Donnerstags früh die nötigen Dinge für eine Abhebung, ganz strukturiert durchsuche ich die Werkzeugecke, ich brauche Gaffaband. Der Mann hat (ganz Deutsch) ein Schild laminiert. Außerdem hat er einen Pfosten betoniert. Nicht wegen der Bank sondern wegen des Gatters, das da eines Tages mal sein soll. Alles ist bereit für die Abhebung.

Doch der blaue Transporter fährt vorbei. Ohne mein Schild zu beachten.

Langsam wird mein Bargeld knapp. Ich habe derzeit kein Transportmittel zur Verfügung und wenn ich keine Tageswanderung zum nächsten Bankautomaten (30 Autominuten entfernt) machen möchte, dann unternehme ich besser schnell etwas.

Ich muß den Geldtransport stoppen! Koste es, was es wolle!!

Ich erwäge Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es auch mit einem Telefonanruf getan sein könnte. Der Geldtransporter soll auch bei mir anhalten soll. Ganz einfach.

Dachte ich!

Ich recherchiere die Nummer meiner Filiale im Internet und rufe an.

Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel. Dann, endlich ein Mensch in der Leitung. Ich muß meinen Namen sagen und sie tut so, als fände sie den nicht komisch. Sie versucht mich weiter zu verbinden. Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel, dann ein Besetztzeichen und ich fliege aus der Leitung.

Wieder erwäge ich Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es für eine Lösung innerhalb des Gesetzes noch nicht zu spät ist.

Ich rufe noch mal an und als ich endlich durchkomme schildere ich ihr die Lage.

„Wo genau sind sie denn?“ fragt die Stimme.

„Na zwischen x und y.“ Ich sage ihr die Hausnummer. Eine Straße haben wir nicht.

„Können sie das präzisieren?“ fragt die Stimme.

„Klar!“ sage ich und halte sie für sehr schwer von Begriff. „Gleich nach dem Friedhof rechts, da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“

Die Stimme räuspert sich.

Mir schwant Schreckliches.

„Ich bin doch jetzt mit der Filiale in Kyle verbunden?“ frage ich vorsichtig.

„Nein.“ sagt die humorlose Stimme am anderen Ende. „Sie sind in der Zentrale in Greenock.“

Das liegt gute vier Stunden südlich. Die wissen wohl nicht, wo Cath und Tom früher gewohnt haben.

Sie sagt, dass der Transporter nicht einfach so für Jeden hält. Er hat Standplätze und Stellzeiten. Sie hat einen Zeitplan für mich. Ganz strukturiert, großartig.

bikeAm nächsten Tag schwinge ich mich um 10:25 Uhr aufs Fahrrad und fahre die knapp 2 Kilometer bis zum Standplatz, wo der Geldtransporter um 10:30 Uhr auftauchen soll.

 

waiting for my moneyIch warte und genieße den Blick. Kein Mensch, kein Verkehr aber auch kein Geld weit und breit.

ZeitplanEine halbe Stunde später gebe ich auf und fahre wieder nach Hause. Dort mach ich mir einen Kaffee, sehe aus dem Fenster aufs Meer und überlegen den nächsten Schritt.

Plötzlich fährt der blaue Transporter der Royal Bank of Scotland vorbei.

„Sch…ade!“ rufe ich laut und suche meine Schuhe. Flugs aufs Rad und hinterher. Die Jagd nach dem Geld ist noch nicht zu Ende.

Bereits nach zwei Kurven sehe ich ihn. Da steht er in der Haltebucht beim Nachbarn. Ein Endfünfziger mit Banksakko steht daneben.

20140529_113711Nein, der Zeitplan, den ich von der Zentrale bekommen habe, stimmt nicht. Sie sind erst um 11 da, wo ich gewartet hatte aber heute etwas später dran. Und ich soll einfach ein Schild raushängen, dann halten sie im Hof. Wo ich genau wohne will er wissen.

„Da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“ sage ich, denn er kommt nicht aus Greenock

„Alles klar.“ sagt er. „Ich hab ein Auge drauf in Zukunft.“ Dann klappt er die Treppe aus und ich steige die Stufen hinauf. Ich betrete den Transporter der von innen wie eine winzige Bankfiliale aussieht. Mit Glasfront und Durchreichen. Scottish moneyHinter der Glasfront wartet eine Endzwanzigerin, die die Scheine genau abzählt und durch die Durchreiche schiebt.

Ich habe soeben 200 Pfund abgehoben. Ganz einfach. Bei mir um die Ecke. Und das nächste Mal kommt die Bank in den Hof.

Endlich hab ich verstanden, wie „mobile banking“ in den Highlands funktioniert. Man darf einfach nicht zu Deutsch sein.

Erstens kommt es anders…..

Wenn man (oder in diesem Fall wenn Frau) einen Einkaufswagen voller Vorräte bei Starbucks parkt, dann läuft nicht alles rund. So viel ist ohne die genauere Analyse der Tatsachen ersichtlich. Die meisten Menschen nehmen ihren voll gepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt nicht mit auf einen entspannten Kaffee.

StarbucksAber… die meisten leben ja auch nicht in den schottischen Highlands. Da kann einem so was schon mal passieren.

entspannt geniessenAnstatt sich mit einem Krimi samt Café Latte den Tag zu entspannen, sitzt man auf glühenden Kohlen, unfähig sich auch nur auf eine Zeile des Buchs zu konzentrieren. Wäre ich nur wo anders! Gott sei Dank ist es noch so früh am Morgen, daß nur drei Menschen im Café sitzen.

Das Schlimmste ist, dass Starbucks hier auf einer offenen Galerie über einem Modegeschäft thront auf einer Art halbem, offenen Stockwerk. Man muß durch den ganzen Laden durch, um zum Aufzug zu gelangen. Mitsamt dem widerspenstigen Einkaufswagen zwischen Sommerpullies, Lederflipflops und Strandkleidern hindurch.

Nein, ich komme mir natürlich nicht blöd vor. Niemals!! Überhaupt nicht!!!

„Gott sei Dank ist der Laden (New Look) noch einigermaßen leer“, denke ich und „Wo zum Teufel steckt der Mann denn bloß?“ Ich sitze, allein gelassen mit meiner Petersilie, dem Cheddar Käse und der Scheuermilch im Café und warte. Starbucks Highland Style.

Endlich kommt der Mann, um mich zu retten.

Arnold Clark InvernessZwei Stunden nachdem er mich in Inverness am Supermarkt abgesetzt hat, um schnell den Dienstwagen zur Inspektion zu bringen und den Leihwagen abzuholen. Berechnete Fahrtzeit max 15 Minuten. Ergo berechnete Mannabwesenheit 30 Minuten plus 30 Minuten Formulare ausfülllen und Kram. Macht eine Stunde Einkaufszeit im Supermarkt. Nach deutscher Rechnung.

Highland-Rechnung geht so:

  • Der Mann setzt mich ab und raucht erst mal eine      5 Minuten
  • Fahrt durch den Berufsverkehr in Inverness      20 Minuten
  • Die Werkstatt hat den versprochenen Leihwagen nicht, Diskussion     20 Minuten
  • Der Mann denkt nach und raucht erst mal eine     5 Minuten
  • Der Mann versucht anderweitig einen Mietwagen zu organisieren     55 Minuten
  • Fahrt ohne Berufsverkehrs zurück zum Supermarkt     15 Minuten
  • Der Mann steigt aus und raucht erst mal eine     5 Minuten

Ich sitze immer noch mit meinem Einkaufswagen bei Starbucks. Als der Mann dann endlich auftaucht, ist das Autoproblem noch immer nicht gelöst. Der Mietwagen kommt erst in 2 Stunden.

2 Stunden Highland Zeit…..

Zumindest haben wir genug zu Essen in unserem Einkaufswagen, falls es dann doch ein wenig länger dauern sollte….

 

 

 

Mülltrennung

waiting for the bin men

Als Deutsche, Greenpeace-Mitglied und ehemalige Freiburgerin bin ich qua Nation, Überzeugung und früherem Wohnsitz hochgradig qualifizierte Expertin für wichtige Aufgaben im Leben:

Mülltrennung!

Ja, ich kann sie alle: gelbe Tonne, grüne Tonne, braune Tonne, graue Tone, Glasmüll….. ich sortiere, trenne und recycle, spüle Plastikbecher und reiße mit feiner Vorsicht die Plastiksichtfensterchen von den Barilla Nudelkartons bevor ich sie in den Papiermüll gebe. Ich habe ein Müllgewissen.

Und damit ein Problem in den Highlands.

BierdoseSchon vor fast 25 Jahren, als ich in Glasgow studierte, ging ich den weiten Weg zur can bank, um die leeren Bierdosen (Flaschen gab es damals nur Fürstenberg und deutsches Bier wollte man ja nicht rinken) zum Recycling zu geben. Was in wilden Studentenjahren unweigerlich die Gefahr einer Sehnenscheidenentzündung mit sich brachte: Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte ……

Heute ist in Schottland Mülltrennung so normal wie bei uns, nur in den Highlands ist es natürlich nochmal anders. Das Problem liegt darin, dass es in der Wildnis eben keine großen Trenn- und Weiterverarbeitungsmäglichkeiten gibt. Dazu ist das Sammeln zu umständlich und das Aufkommen nicht groß genug. Das bedeutet: in den Highlands gibt es Mülltrennung nur in der light Version.

Die grüne Tonne ist für den Restmüll und die blaue fürs Recycling. Da kommt alles rein außer Glas, Plasikbecher, -dosen, -schalen, -deckel, keine PET Kartons, dafür aber Dosen. Papier und Plastikflaschen, alles zusammen in einen Mülleimer.

blaue TonneBrav konsultiere ich vor jeder Entsorgung die Liste, die der Mann seiner wunderlichen Deutschen ausgedruckt hat.

Den Müllmännern habe ich vorsorglich ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Der Mann sagt, sie leeren den Mülleimer nicht, wenn der Müll nicht korrekt getrennt ist. Doch mich beschleicht der leise Verdacht, daß es auch daran liegen könnte, daß der Mann gerne Mittwoch vergisst. Mittwochs wird der Müll abgeholt. Ab Donnerstag fängt er dann an, den auch den Müll der nächsten zwei Wochen in die Tonne zu pressen. Wahrscheinlich kriegen die den Pressmüll gar nicht wieder aus der Tonne, wenn sie denn mal unten an der Straße zum leeren steht. Der Mann ist nämlich Experte für Müllpressung.

MuelleimerIch trenne derweil vor mich hin. Ich weiss meist, wann Mittwoch ist.

Nicht weit von hier gibt es auch eine Sammelstelle für Glas. Da fahre ich regelmäßig hin: vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker ….

 

 

Die Putzfrau

Ich war natürlich vorbereitet!

Nach wochenlanger Abwesenheit war mir eines sonnenklar – das Haus in Schottland würde einer gründlichen Reinigung bedürfen. Der Mann und ich haben unterschiedliche Vorstellungen von aufgeräumt und dem Zeitpunkt, ab dem man das Putzen nicht mehr aufschieben kann. Und dann hatte sich auch noch mehr oder minder zeitgleich mit meiner Rückkehr Besuch angekündigt.

Für dieses Problem gab es nur eine Lösung: Putzfrau.

Ich wollte vorbereitet sein.

Ich googelte und fand eine Agentur in der Nähe, zwei Mails später hatten wir eine Putzfrau, die am Morgen nach meine Heimkehr mit mir gemeinsam das Haus auf Vordermann bringen sollte………

„Wow!“ denke ich, als Mhairi am nächsten Tag auftaucht, ein ganzes Auto voll mit Putz – Utensilien, Wannen, Eimern, Wischlappen und diversen Reinigungsmitteln.

„Gut.“ denke ich. Dann muß ich unsere Putzmittel (letzten Sommer vom deutschen ALDI mit dem Auto hergefahren) schon nicht übersetzen.

Was heißt nochmal Duschkabinenreiniger???

Egal, wir machen eine Tasse Tee und Lagebesprechung. Also ich mache Lagebesprechung, sie macht Konversation. Ich zeige ihr die Zimmer und alles, was man einer Putzfrau so zeigen muß. Sie scheint autark und effizient. Kein Wunder, die Agentur organisiert ja auch Putzfrauen für die vielen Ferienhäuser in der Gegend. Da kostet die Stunde aber doppelt so viel wie für uns. Das gilt auch für sämtliche Handwerker.

In der Küche kremple ich die imaginären Hausfrauen-Ärmel hoch und fange an; Kühlschrank zuerst dann Gefriertruhe. Daß Verfallsdatum mit Entsorgung zu tun hat, ist nicht allen Mitgliedern des Haushalts gleich offensichtlich. Ich werke also fröhlich Musik hörend vor mich hin. „Meine Putzfrau“ putzt sich geschäftig von Zimmer zu Zimmer. Wir machen nur eine kleine Mittagspause mit Gemüsesuppe und Käsemuffins (aus der inzwischen wieder sortierten Gefriertruhe) und putzen dann weiter. Jetzt machen wir beide Konversation und ich beginne meine Putzfrau richtig zu mögen,

Irgendwann, als die Küche schon so aussieht als könnte sie auch eine ausgebrochene Herde zotteliger Hochlandrinder nicht vom Glänzen mehr abhalten, schaue ich nach den Fortschritten in den anderen Zimmern.

Das Bad ist nicht gewischt, die Zimmer nicht gesaugt und auf Fernseher und Musikanlage liegt still der Staub.

Was hat sie die ganze Zeit gemacht???

Die Fenster blitzen. Und?

In diesem Moment der germanischen Ratlosigkeit kommt der Mann nach Hause und sieht sofort die schottischen Bemühungen, die mir noch immer entgehen.

Fussleiste

„Fußleisten!“ sagt er und nickt vielsagend. „Früher im Schulcamp mussten wir die Zimmer auch immer ganz ordentlich putzen. Da gab es Inspektionen und wenn die Fußleisten oder die Türleisten nicht blitzblank waren, dann gab es Ärger.“

TürknaufIch sehe ihn vor meinem geistigen Auge vor meinem geistigen Auge in einer Art kurze Hosen/lange Haare Version von Full Metal Jacket, versäume aber nicht die Türleisten zu kontrollieren. Sowas von sauber. Und die Steckdosen, die Lichtschalter, die Lampen, die Türknäufe aus Messing sind poliert. Alles glänzt.

SteckdoseDa hätte ich nie hin geschaut. Die Einheimischen schon. Aber jetzt sah unser Haus aus, wie ein sauberes Haus in den Highlands aussehen soll.

Ich bedanke mich herzlich bei unserer Putzfrau, gebe Trinkgeld und winke ihr nach 8 Stunden zum Abschied hinterher. Dann sauge ich und denke über Fußleisten und Männer in kurzen Hosen nach. Mein Blick schweift nach oben.

In der Ecke des Wohnzimmers hängen noch ein paar Messingrohre vom alten Boiler aus Decke und Wand. Die sollte der Heizungsinstallateur schon längst entfernt haben. Der kam aber noch nicht dazu.

Das sollte er dann am Tag nach der Putzfrau machen, dachte der Mann.

Auf keinen Fall hatte ich gesagt. Dann ist wieder alles dreckig und ich muß das ganze Haus saugen.

Ich sauge das Haus und betrachte unsere neue Wandkunst. Die Rohrreste blitzen wie neu, Mhairi hat sie poliert.

Restrohrkunst

Darauf war ich natürlich nicht vorbereitet.

Das zweite Gesicht

Die gute Nachricht zuerst: wir waren auf dem Elfenhügel und sind vor den befürchteten 200 Jahren wieder zurückgekehrt. Ohne auch nur eine einzige Elfe getroffen zu haben.

fairy hill

fairy hill

Tomnahurich ist dennoch ein geheimnisvoller Ort, dunkel und still.

Tomnahurich graveyard, Inverness

Tomnahurich graveyard, Inverness

Obwohl der Friedhof am Rande von Inverness, der größten Stadt in den Highlands liegt, scheint er sehr verlassen und fern.                                

Zwei erstaunliche Dinge haben meine Recherchen für Tomnahurich ergeben. Neben der Elfen.

Mitte des 17. Jahrunderts lebte (und das taucht in mehreren historischen Quellen auf) ein einsamer Mann im Westen Schottlands, den sie den Brahan Seer, der „Seher von Brahan“ nennen, auf Gälisch Coinneach Odhar. Vermutlich auf der Hebrideninsel Lewis geboren, führte ihn seine Gabe an viele Orte und trieb ihn bald auch wieder weiter, Lewis, Kintail, Black Isle. Der „Seher von Brahan“ sagte zahllose große und kleine Dinge voraus, viele wurden wahr, zum Teil in allen noch so verwunderlichen Details. Ein ungelöstes Rästel bis heute.

Zwei seiner Vorhersagen betrafen Tomnahurich.

So seltsam es dir auch scheinen mag, die Zeit wird kommen, und sie ist nicht weit, wenn hinter Tomnahurich große Schiffe von Ost nach West segeln werden.

Das war Mitte des 17. Jahrhunderts völlig unmöglich, da Tomnahurich sowohl vom Meer als auch von Loch Ness viele Meilen entfernt liegt.

1822 wurde der Caledonian Canal fertig gestellt. Er verbindet die Seen des Great Glen mit dem Meer. Seitdem fahren Schiffe hinter Tomnahurich vorbei, der Kanal liegt direkt am Hügel.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Die zweite Vorhersage war zu der Zeit, in der sie gemacht wurde ähnlich unvorstelbar.

Der Tag wird kommen, wenn der Elfenhügel Tomnahurich verschlossen sein wird und die Geister darin sicher.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tomnahurich zu einem großen, umzäumten Friedhof mit Öffnungszeiten. Die Geister der Toten sicher darin.

Tomnahurich graveyard, InvernessWie konnte der „Seher von Brahan“ das sehen? In den Highlands zweifeln sie nicht an ihm, dem schottischen Nostradamus. Das zweite Gesicht ist für viele heute noch eine ganz selbstverständliche Gabe.

Hier, in dieser unglaublich grandiosen, gefährlichen und gnadenlosen Einsamkeit, lebt das Übersinnliche von Generation zu Generation fort, wird verebt und angenommen wie Sonnenaufgang und Regen.

Die Sehnsucht nach übersinnlichen Fähigkeiten scheint gerade in der modernen Gesellschaft unverändert groß.

Ich wünschte ich hätte diese Fähigkeit auch: das zweite Gesicht, das es mir ermöglicht, in die Zukunft zu blicken.

Dann hätte ich nämlich gewusst, dass gestern der Postmann zwei Stunden früher in der Tür stehen würde als gewöhnlich.

Und wäre ich nicht nackig durch die Wohnung gelaufen……

 

 

 

Musik

Im Grunde genommen ist es unmöglich, kurz über Musik in den Highlands zu schreiben. Musik ist hier überall, ein Wesenzug, allumfassend, vielfältig. Man könnte tausend Posts darüber veröffentlichen und hätte immer noch was Entscheidendes zu sagen.

Was den Deutschen vom Schotten unterscheidet ist vor allem das Repertoire. Vor vielen Jahren (ich war mit einer Gruppe Deutscher unterwegs) wurden wir in einem Pub gebeten, ein deutsches Volkslied zum Besten zu geben. Was uns nach langem Überlegen einfiel war Alle meine Entchen und Hoch auf dem gelben Wagen. Bei letzterem waren wir nach der ersten Strophe aber textunsicher.

Debakulös!

Für einen Schotten ist das schlichtweg unverständlich. Der kann ad hoc mindestens hundert Volkslieder singen. Und das mit allen Strophen. Meist kann er sie auch spielen. Auf mehreren Instrumenten. Und überall.

Kürzlich kamen wir spät Abends aus einem Restaurant. Auf einem Floß saßen ein Geiger und ein Gitarrist und unterhielten das Publikum auf der Straße. Einfach so.

Wassermusik

Wassermusik

Gerade jetzt im Sommer gibt es überall Konzerte, vor allem traditional music. Das lieben die Touristen, selbst die, die zu Hause mit Volksmusik nichts anfangen können. Bei einem Konzert der Tannahill Weavers, einer alten Glasgower Folk Band, waren mindestens genau so viel Deutsche wie Schotten im Publikum.

Tannahill Weavers Portree

Tannahill Weavers Portree

Am Wochenende wollen wir am Strand grillen. Irgend ein Nachbar wird auftauchen, seine Gitarre und ein paar Dosen Bier im Schlepptau und er wird spielen bis es dunkel ist. Das ist hier so sicher, wie der nächste Regenschauer.

Gelbe Seiten

Gelbe Seiten sind im Hochland ein echter Anachronismus.

Einmal im Jahr kommt ein Mann in einem Auto. Verschämt, fast schon heimlich, nähert er sich den Häusern und wirft die Gelben Seiten in die Postkästen. Es macht den Eindruck als sei er froh, wenn man ihn nicht bemerkt.

Ich war in der Küche als er auftauchte und die Tür war offen, so wie sie es immer ist im Sommer am Meer, damit der Wind die Feuchtigkeit aus den Wänden nimmt.

Scheu übergab mir der Mann die Gelben Seiten und schlich mit einem unverständlichen Gemurmel von dannen. Ich stand mit meinen Gelben Seiten da und dachte, gut, dann weiss man, wo man anrufen muß, wenn man mal einen Handwerker braucht.

Natürlich eine dämlich deutsche Denkweise.

In den Highlands ruft man nicht einfach so jemanden an.

Hat man beispielsweise einen verstopften Abfluß und braucht einen Installateur, dann ruft man nicht einen Installateur aus den Gelben Seiten an sondern einen Mann, der weiß, welchen Installateur man anrufen könnte. Weil der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte aber nicht zu Hause, verbringt man die nächsten dreißig Minuten im Gespräch mit seiner Frau.

Der Rückruf des Mannes, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, dauert. Bis zu drei Tage. Dann trägt man ihm das Problem vor (der Abfluß ist immer noch verstopft) und er verspicht über das Problem nachzudenken. Das dauert drei weitere Tage. Man darf ihn aber keinesfalls durch einen weiteren Anruf (was ist jetzt?) beim denken stören. Irgendwann ruft dann der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, an und gibt einen Namen weiter. Dazu eine Telefonnummer und einen weiteren Namen, auf den man sich berufen kann. Sonst zahlt man den Preis, den Ferienhaus besitzende Engländer bezahlen.

Dann wartet man mindestens drei weitere Tage, um nicht den Anschein von Dringlichkeit zu erwecken (der Abfluß ist immer noch verstopft) und ruft schließlich den Installateur an. Der ist nicht da, Gott sei Dank seine Frau auch nicht. Dann hinterlässt man seine Nummer und sein Anliegen und den Kontaktnamen auf seinem Anrufbeantworter und beginnt auf einen Rückruf zu warten. Das kann Wochen dauern. Der Abfluß ist immer noch verstopft

In der Zwischenzeit darf man aber (weil man vielleicht langsam die Geduld verliert) keinesfalls einen anderen Installateur aus den Gelben Seiten anrufen.

Nach einer Woche ruft der Installateur zurück und man schildert das Anliegen, ohne den unhöflichen Eindruck von Dringlichkeit zu erwecken. Der Installateur brummt ein wenig und macht dann den Vorschlag nächste Woche vorbei zu kommen. Genauer werden Termine hier selten gefaßt. Man muß also gefaßt sein, eine Woche lang.

Es kann aber immer etwas dazwischen kommen.

Während ich auf den Installateur warte, lerne ich die praktischen Seiten der Gelben Seiten kennen. Man kann mit ihnen Möbel unterlegen, ein Feuer entzünden und man kann sie in den Recycling Müll werfen. Nutzen würden sie nur Menschen, die keine Geduld haben.

Keine Einheimischen also.

Straßen oder Ähnliches

So groß, weit und einsam das Hochland auch ist, manchmal geht es verdammt eng zu. Das liegt vor allem daran, daß es so wenige Straßen gibt.

Hochlandkuh

Hochlandkuh

Selten sind die Seltenen gut ausgebaut, meist sind sie extrem steil, extrem oft überflutet, extrem verschmutzt oder alles zusammen.
An manchen Abschnitten muß man etwas Mut aufbringen. Im Sommer. Im Winter ist man ein Held, meistert man ein derartige Wagnis.

Handarbeit

Handarbeit

Eine dieser Straßen ist die legendäre Calum’s Road. Geteertes Vermächtnis eines schottischen Sturschädels. Noch immer auf der Insel Raasay zu bewundern. Gewundener, geteerter und selbst aus dem Stein gehauener Weg. Mit Hacke, Schaufel und Schubkarren baute Calum MacLeod die Straße, die die offiziellen Stellen verweigerten. Es gab nämlich keine zu seinem Haus. Als nach und nach alle um ihn herum weg gezogen waren weil es keine Strasse gab, hatte der alte Calum die Faxen dicke – zehn Jahre später waren drei Meilen Straße fertig. Made in Scotland.

wenn Schweine fliegen könnten - Calum's Road

wenn Schweine fliegen könnten – Calum’s Road

Nicht nur an, auch auf schottischen Straßen trennt sich die Spreu vom Weizen, vor allem auf den legendären Single Track Roads, den Straßen, die für beide Richtungen nur eine gemeinsame Spur haben. Die Lösung liegt im häufigen Fall des Aufeinandertreffens zweier Fahrzeuge in entgegengesetzter Richtung in den sogenannten Passing Places, den Ausweichbuchten.
An den Passing Places trennt sich der Tourist vom Einheimischen.

Passing Place
Hier ist der Ortskundige natürlich klar im Vorteil. Er weiß, wo er nach Gegenverkehr schauen muß und wo nicht, weiß wie schnell er fahren kann (generell gilt immer sehr schnell, es sei denn er ist über 80, dann gilt generell sehr langsam) und wie spät er bremsen kann. Das ermöglicht dem Einheimischen ein geschmeidiges Einlenken und süffisant gelangweiltes Warten. Profis kündigen das auch gerne mit einem (keinesfalls mehreren) kurzen Blinkzeichen an.
Während also der Einheimische die Situation früh erkannt, die notwendigen Maßnahmen schnell getroffen und dann den entspannten Habitus eines Sachverständigen eingenommen hat, kämpft der Tourist noch immer mit dem Schock „Oh Gott, da kommt einer!“ „Ausweichbucht!“ denkt dann der Reisende (oder sein Ratgeber auf dem Beifahrersitz), während der Einheimische schon längst Platz sparend in einer Ausweichbucht steht. Statt also weiter zu fahren und den übrigen Verkehr nicht zu behindern, beschließt der Tourist einigermaßen panisch den Rückzug zur letzten Ausweichbucht. Man ist ja Gast im Land und will sich höflich den Gepfogenheiten anpassen. Während der Einheimische also in stiller Verzweiflung darauf wartet, der Tourist möge doch endlich an ihm vorbei fahren, rangiert der höfliche Gast umständlich rückwärts, verliert dabei den Überblick über rechts und links und kommt dem tiefen matschigen Straßenrand gefährlich nahe. Nach drei vier Korrekturen hat der Tourist es aber geschafft und zeigt dem Einheimischen voller Stolz per Lichthupe an, dass er nun für die enge Passage bereit steht. Der ist inzwischen am Rande seiner Geduld angekomen. Es ist schon der dritte Tourist auf der Fahrt zur Arbeit. Er fährt ergeben los, entgegnet dam euphorisierten Winken der Touristen mit einem freundlichen Nicken und gibt Gas. Jetzt kommt ein frei einsehbares Stück. Während der Tourist, jetzt wo er schon einmal steht, beschließt ein Foto zu machen.
An unserer Straße auch eine Single Track Road kenne ich natürlich jede Ausweichbucht und die Stellen, an denen man aufpassen muß. Und ich kann auch rückwärts fahren. Ein echter Profi also. Erst neulich kam mir kurz vor den cattle grid, dem Viehgatter, ein Holländer entgegen. Ich war gerade an meine Ausweichbucht vorbei. Also – lässiger kurzer Blick in den Rückspiegel, kurzer Blinker und die paar Meter rückwärts. Dachte ich.
Beim kurzen Blick in den Rückspiegel sah ich, wie sich gerade eine riesige Spinne vom Autodach auf meine Schulter abseilte. Panik, Hektik, Fuchtel….
Irgendwann fuhr der Holländer ergeben rückwärts und wartete in seiner Ausweichbucht. Lässig wie ein echter Profi. „Deutsche Touristen!“ wird er wohl gedacht haben.

Auf dem Laufenden

Was mache ich den ganzen Tag wenn ich nicht koche, putze oder schreibe? Ich laufe. Nicht ist herrlicher als entlang des Lochs der massiven Bergkette der Five Sisters entgegen zu laufen, den salzigen Geruch des Meers in der Nase.

Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten. Aus dem Haus und rechts die Straße entlang oder aus dem Haus und links die Straße entlang. Beide Strecken sind relativ flach. Cross country ist  für Jene, die mit Gummistiefeln laufen können.

 Shiel Bridge Cattle Grid

Eine Laufeinheit am Loch hat immer einen zoologischen Lerneffekt – erstaunlich, was einem da so begegnen kann: Möwen, Reiher, Rehe, Dachse, Otter, Schwäne, Marder, Kühe, Schafe, Wildziegen, Gänse, Enten und mit Glück auch Schweinswale. Die meisten Tiere schenken mir weiter keine Beachtung. Der Reiher fliegt schimpfend davon, Rehe rennen scheu und schnell ins grüne Dickicht. Die Wildziegen tun gar nichtsnund das ist gut so. Sie haben Hörner, die gut und gerne die Länge meiner Arme haben. Es heißt sie seien ganz friedlich. Ich hoffe die Wildziegen wissen das auch. Die Ziegen sind eine alteingesessene Herde, die es immerhin zu einem eigenen Verkehrsschild gebracht hat. Vor allem deshalb, weil sie stur stehen bleiben wo sie sind. Wenn sie einmal beschlossen haben, auf der Straße zu stehen, dann hilft auch im Auto alles hupen nichts. Schottische Ziegen können ganz schön bockig sein.

Anfangs bin ich gelaufen, um den Körper und Geist fit zu halten und die Natur zu bewundern. Das tue ich immer noch aber seit ich hier zeitweise lebe, laufe ich noch aus einem ganz anderen Grund: ich laufen um auf dem Laufenden zu sein, denn nichts ist so informativ wie eine kleine Laufeinheit entlang des Lochs.

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Stufe eins und damit niedrigster Level des Informationsflusses ist das einfache Zuwinken, aus dem Garten, dem Fenster, dem Auto oder dem Boot. Damit weiß man Jean ist wieder da, dem alten Donald geht es gut und die Kinder haben Schulferien. Zu Stufe eins gehört ausserdem das Wahrnehmen wichtiger Details wie die Fortschritte eines Anbaus hier, den neuen Pflanzen im Garten da oder die neue Bank von Linda, die Jeff aus Treibholz zusammen gebaut hat. Mit einem kleinen Herz aus Sandstein in der Mitte.

Dann gibt es Stufe zwei: intensiver Informationsfluss. Er ist nur durch bilaterale Kommunikation erreichbar. Und je mehr Menschen man kennt, umso mehr erfährt man. Das können kleine lustige Dige sein. Margrets Hühner zum Beispiel lieben Flöhe, deshalb sammelt Margret bei Ebbe Algen. Und ihre Hühner picken euphorisch die hüpfenden Jumping Jacks. Cath und Tom haben Besuch von ihrem Sohn aus Kanada, der ihnen beim Verkauf des Hauses helfen soll, nun aber krank im Bett liegt. John die Post war in Urlaub, Flusskreuzfahrt in Holland. All inclusive. Den Rotlichtbezirk in Amsterdam hat er nicht besucht, auf dringendes Anraten seiner Frau. John der Installateur hat ein neues Lieblingsgetränk seit er eine Woche mit Bruce von der Forstverwaltung mit dem Boot unterwegs war – beide trinken seither Kaffee Whisky. Den Urlaub kann man sich gut vorstellen.

Die ultimative Stufe drei sind bahnbrechende Neuigkeiten. Auch die gibt es sozusagen im Vorbeilaufen. Krankheiten, Todesfälle, Trennungen. Im Winter traf ich kurz nach meinem Wendepunkt auf der LinksausdemHaus-Strecke Stella, ebenfalls am Laufen. Stella berichtete mehr oder weniger unaufgefordert von ihrer Trennung von Paul, ihrem Auszug und ihrem neuen Leben auf der anderen Lochseite. Dann trenten sich unsere Wege wieder. Ich war noch Mitten im gedanklichen Sortierprozess dieser für mich überraschenden Neuigkeit, da traf ich auf Paul im Auto, der mir sofort und unaufgefordert berichtete, dass er sich nicht hatte trennen wollen, nicht genau wisse warum Stella überhaupt ausgezogen war und selbst erst mal hier bleiben und abwarten wolle. Mehr war nicht zu erfahren, weil dann die Autos hinter uns zu hupen begannen, Sie kamen auf der einspurigen Strasse nicht vorbei.  Touristen. Einheimische würden still warten, bis alles Nötige besprochen war. Kurz vor Ende meiner Enheit traf ich auf eine der älteren weisen Frauen am Loch. Sie wusste natürlich alles. Paul und Stella hatten sich viele Jahre gekannt, bevor sie ein Paar wurden. Er war Hausmeister und sie Lehrerin an einer Schule in England gewesen. Sie trennten sich damals von ihren jeweiligen Partnern und begannen ein neues Leben in Schottland. Das war nun auch zu Ende. Und das Haus stand zum Verkauf.

Laufen hat sich als fantastisches Mittel erwisen, auf den Laufenden zu sein. Nur meine Laufzeiten haben sich, seit ich hier am Loch immer mehr Menschen kenne, fatal verschlechtert.