Sehnsuchtsland Schottland

Ich habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Schottland. Draußen ist es trüb und grau und irgendwie scheint mir Tristesse in Schottland nicht nur angemessener, sondern sie fühlt sich auch viel besser an, richtig irgendwie, was natürlich in Wahrheit eine sehr romantische Sichtweise ist aber schauen wir Deutsche denn nicht (fast) alle mit Romantik im Sinn nach Schottland? Und das nicht erst seit Outlander!

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Es ist nicht die Rosamunde Pilcher Romantik, die mich (und viele andere nach Schottland zieht, keine wiedergefundenen Millionärskinder, keine einsamen Erben eines prachtvollen Schlosses. Aber es sind die Werte, wie sie in Outlander transportiert werden: Freiheit, Kraft, Ursprünglichkeit, Wildheit. Ein Land, im dem das Herz lauter schlägt.

Ich bin bei weitem nicht die einzige Deutsche, die es seit vielen Jahren unwiderstehlich nach Schottland zieht. Nun inzwischen habe ich dort ein richtiges Leben und viele Menschen, die mir fehlen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Die Sehnsucht nach Schottland aber hatte ich schon seit ich das erste Mal einen Blick in dieses wunderbare Lande geworfen habe. Ich war 15 und mit meiner Cousine per Interrail unterwegs. Damals hatte Schottland uns beide tief und irgendwo im Inneren berührt. Es muss die Seele gewesen sein, denn dieses Gefühl hat uns nie wieder losgelassen. Was für ein Glück hatte ich, dass ich nun nicht mehr nur eine Besucherin bin.

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Wie viele Menschen sitzen außer mir noch am Computer und träumen sich über Fotos und Posts auf Social Media nach Norden, verschlingen Bücher (Hab ich schon erwähnt, dass ich ein Buch über Schottland geschrieben habe?) nehmen TV Dokumentationen auf oder schauen sich Drohnenflüge über die Highlands auf YouTube an. Doch die Sehnsucht stillt all das nicht. Im Gegenteil, es lässt sie noch viel stärker werden.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Deutschland hat nur noch sehr wenig Wildes, Großes, Überwältigendes, nicht mal mehr im Schwarzwald, wo es selbst im Naturpark Nordschwarzwald, dem größten in Deutschland, diese atemberaubende Abgeschiedenheit nicht gibt. Zugegeben, im Sommer gibt es sie auch in Schottland nicht mehr aber sobald es Herbst wird, so wie jetzt, dann ist mein Sehnsuchtsland wieder still, einsam und verlockend und dann fällt es mir schwer nicht sofort den nächsten Flieger zu buchen und wieder zurück zu fliegen.

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Von einigen von euch weiß ich, wie sehr es euch in dieser Beziehung genauso geht. Und die anderen? Was macht ihr mit euer Sehnsucht nach dem Land des Windes und der Weite, wo der Klang des Dudelsacks durch einsame Täler hinauf auf mythische Berge zieht und die Luft nach Salz und Torf schmeckt, wo die Menschen Fremden freundlich begegnen und wo alles, selbst der kleine Stein, eine faszinierende Geschichte hat?

Wie lebt ihr mit eurer Sehnsucht nach Schottland?

 

 

 

Fremde

SchreibhütteEs ist Sommer, wenn auch nicht unbedingt erkennbar an der Temperatur aber immer erkennbar am „Füllgrad“ der Highlands. Im Juli ist es voll, überall, in den Hotels, den B&Bs, auf den Straße, voll, voll, voll. Ich bleibe soweit es geht zu Hause und bewege mich allenfalls vom Haus zur Schreibhütte und zurück. Mit dem operierten Knie ist joggen und wandern ohnehin noch nicht drin. Die Bewegung fehlt mir aber nicht der Trubel, der derzeit da draußen herrscht. Es ist als wäre die ganze Welt in Schottland.

Heute aber fühlte ich mich wagemutig und habe den Mann auf eine Dienstreise begleitet. Das klingt irgendwie hochtrabender wenn man es schreibt. Sagen wir, ich habe den Mann auf eine Dienstfahrt begleitet: nach Kinlochewe, Plockton und Kyle of Lochalsh, drei zentrale Anlaufstellen für Touristen an der Westküste der Highlands. Wenn man lange genug wartet, dann schafft man auch ein Foto ohne Verkehr.

Der Verkehr ist nervenaufreibend, ständig bremst irgendwo einer unvermittelt, weil er ein Fotomotiv zu erkennen glaubt oder er macht ganz bewusst langsam, weil er schließlich im Urlaub ist.

Der Mann ist leicht genervt, kein Wunder, der macht das Montags bis Freitags mit. Und er weiß, es dauert noch ein paar Monate, bis es wieder stiller wird. Ich wäre noch viel genervter an seiner Stelle.

A pro pos stiller.

BankWährend der Mann ein paar Dinge erledigt, suche ich mir eine stille Bank, um zu lesen. Es ist sonnig und warm heute, ausnahmsweise mal. Ganz Europa leidet unter der Hitzewelle und wir haben jeden Abend die Heizung an. Aber heute brennt die Sonne und es ist trotz Wind fast schon zu warm, um in der Sonne zu sitzen. Ich aber genieße es und fühle förmlich, wie ich Vitamin D tanke. Ich halte mein Gesicht in die Sonne. Schottland ist wunderbar!

railway Plockton

Dann, wie aus dem Nichts, ein Dutzend Amerikanerinnen mit Handgepäck. sie kommen von oben und rollen bergab. Lautstark, mit Stimmen wie aus einer amerikanischen Sitcom, unnatürlich schrill und laut. Da geht sie hin, die Idylle und ich frage mich, wo diese US Invasion herkommt.

Zug! Es fällt mit schnell ein. Gerade eben ist der kleine Regionalzug (zwei Waggons) vorbeigerattert. Da sind sie wohl ausgestiegen.

Plockton„Oh look at the view!“ stellen mindestens sieben von ihnen lautstark und nacheinander fest. Wunderbare Aussicht. Ich krame in meiner Handtasche und suche die Ohrstöpsel.

„Girls, let’s take a picture.“ Die Mädels zücken ihre Handys und versuchen sich sinnvoll aufzustellen. Ich stelle fest, dass ich die Ohrstöpsel vergessen habe.

Weitere giecksende Begeisterungsstürme, die Damen aus Übersee sind resistent gegenüber meinen Ignorierungsversuchen.

Irgendwann trollen sie sich bergab mit ihren Handgepäckkoffern.

Stille. Wunderbare Stille. Nur der Wind, die Bäume und ich….

Ein deutsches Auto hält neben mir. Ein Kennzeichen aus Rheinland-Pfalz. Eine Frau in den Sechzigern steigt aus und kommt herüber.

„What a lovely view.“ sagt sie.

„Ja. Wunderbar.“ Sage ich, damit sie weiß, dass ich auch Deutsche bin. Ich habe ja kein Kennzeichen, das mich verrät.

Sie geht wieder zurück zum Auto. Habe ich sie erschreckt? Nein, sie hat ihren Mann geholt.

„Stört es sie, wenn wir ihnen Gesellschaft leisten?“ fragt sie, diesmal auf Deutsch.

„Nein, natürlich nicht.“ Sage ich und wir genießen gemeinsam. Sie trinken ihren Kaffe, essen ihre Blätterteigtaschen und wir plaudern, über die beste Route, den Verkehr, ihren Urlaub und Camping. Und irgendwie ist es richtig nett (und nein, das meine ich nicht blöd sondern genauso wie ich es schreibe), mal wieder Deutsch zu reden.

Nach einer Viertelstunde verabschieden sie sich, es gibt ja noch so viel zu sehen.

Ich sitze noch ein wenig und genieße die Stille. Man wird ein wenig zum Eigenbrötler, wenn man nur in seiner Schreibhütte sitzt und vor sich hinschreibt, denke ich. Manchmal muss man einfach raus und mit Fremden reden. Ganz besonders dann, wenn man das Glück hat, in diesem wunderbaren Land nicht fremd zu sein.