Das echte Leben mit einem Lächeln – purple wellies on tour

„Moment!“ rufe ich dem Mann zu. „Wir müssen noch meine Gummistiefel mitnehmen.“

Er nickt und wurschtelt weiter an seinem Dienstwagen herum. Der Wind bläst uns um die Ohren und das Meer treibt wütende Schaumkronen Richtung Strand. Das sehe ich, weil der Motor des Wagens schon läuft und die Scheinwerfer zwei Lichtkegel aufs Meer schicken. Es ist sieben Uhr und noch stockdunkel.

Wenigstens ist es trocken. Mehr als ein paar Minuten am Tag haben wir dieses Glück zu Zeit nicht. Es herrscht dauerhaft Gummistiefelwetter.

Ich begleite den Mann auf eine seiner Dienstfahrten, will ein bisschen fotografieren, wenn sich trotz des schlechten Lichts die Möglichkeit ergibt und sonst einfach Landschaft und Natur genießen. Die Strecke beinhaltet Highlights wie Kinlochewe, Shieldaig, Loch Maree und Gairloch. Meine deutschen Dienstfahrten beinhalten eher die A5, die A6, die A81 und die A8. Sicher auch ein Grund, warum sich das Leben in Schottland sich so viel besser anfühlt.

Und dann fahren wir durch den schottischen Morgen, der immer noch Nacht ist. Vor neun Uhr wird es nicht hell. Als dann langsam so etwas wie Sonne hinter den trüben Regenwolken den Tag erahnen lässt, habe ich eine Idee. Ich mache keine Fotos IN meinen Gummistiefeln, ich mache Fotos VON meinen Gummistiefeln!

Der Plan steht. Oft sind Landschaftsfotos eher langweilig, weil nichts darin ist außer Landschaft. Von dem ein oder anderen Hirsch oder einer Hochlandkuh mal abgesehen. deshalb nehmen viele Fotografen gerne hübsche Mädchen oder Frauen mit (bitte immer langhaarig), die dann in roten oder orangen Kleidern vor irgendwelchen Burgen die nackten Arme begeistert ausbreiten obwohl sie doch furchtbar frieren müssen. Wird zumindest auf Instagram gerne genommen.

Der Mann hätte wahrscheinlich nichts gegen eine hübsche junge Frau mit nackten Oberarmen im Auto einzuwenden. Ich schon eher und die Chance, dass der Mann sich seinerseits mit begeistert ausgebreiteten Armen für meine Kamera vor eine Burg stellt (schließlich hat er lange Haare, wenn auch nichts Signalrotes zum Anziehen) ist eher gering. Wenn es auf Instagram solche Bilder mit Männern als dekoratives Element gibt, dann haben die in der Regel professionelle Wanderkleidung und eine rote Jacke an. Keine Spur von nackten Armen oder Begeisterung. Die Männer strahlen Wissen und in sich ruhende Überlegenheit aus, wenn sie in der Landschaft stehen.

Also, Schluss mit dem Sexismus in der Landschaftsphotografie. Ich will Wissen und in sich ruhende Gelassenheit mit Begeisterung in meinen Bildern. Und Freude und ein wenig Humor. Das war auch der Grund, warum ich die Grafikerin bat, ein paar rosa Gummistiefel auf das Landschaftsfoto meines Buchs zu setzten. Gleich unter den Titel, damit klar wird: hier gibt es nicht nur touristische Schottlandromantik, hier gibt es das echte Leben mit einem Lächeln.

„Stop!“ rufe ich. „Foto!“ und zerre die Gummistiefel unter dem Equipment hervor, mit dem der Mann seinen Dienstwagen vollgestopft hat. Ich stelle sie in die Landschaft und hole die Kamera.

Der Mann schaut verdutzt, was ich da mache. Schließlich hat er meine Gedankengänge zur sexistischen Landschaftsfotografie nicht mitbekommen und ist nach wie vor der Ansicht, ich wolle IN und nicht VON meinen Gummistiefeln Fotos machen. Ich erkläre und er nickt. Dann mache ich die ersten Versuche, was gar nicht so leicht ist – in Schottland hat es so gut wie immer Wind.

Von da ab hält er auch die Augen offen nach einer guten Stelle für ein Foto. Und ich poste zu Hause das erste auf Instagram. Sieht gar nicht so schlecht aus und mir gefällt mein Projekt wellies on tour. Das ist Abenteuer Highlands pur! Nicht Lifestyle sondern echtes Leben. Und ein paar Likes bekommt es auch.

Gala

Nun, wir alle wissen, was eine Gala ist: großes Kino, große Garderobe, Frack, Smoking, Schleppe, vielleicht sogar Diadem, das ganze Programm.

Natürlich ist eine Gala in den Highlands eine völlig andere Angelegenheit. Die Kleidungsstandards umfassen hauptsächlich Regenjacken und Gummiestiefel. Nur Touristen gehen ohne Wellies, ohne Gummistiefel.

young pipers 1

Eine Gala in den Highlands ist ein ausgesprochen lustiges Erebnis. Die Veranstalter haben ein Stück Wiese eingezäumt und man muß Eintritt bezahlen, sofern man es geschafft hat auf der anderen Wiese zwischen den Schlammlöchern einen Parkplatz zu ergattern bei dem Hoffnung besteht, daß man auch wieder raus kommt.

7 Pfund ärmer aber endlich Mitten auf dem Galagelände gibt es so einiges zu sehen.

Der quietschgelbe Rettungshelikopter macht Schauflüge, die Nachwuchs-Dudelsack-Band spielt, ein Bauer fährt Kinder mit seinem Quad eine Wiese rauf und runter, im Zelt verkaufen die Frauen Tee, Kaffee und Selbstgebackenes.

lifeguard

Im Festzelt gibt es auch eine Bar und am Abend (nochmal extra Eintritt) auf dem Bretterboden Musik und Tanz. Soll wild zugehen hab ich mir sagen lassen.

Mein Highlight aber ist das Axtwerfen. Es gilt eine etwa 10 Meter entfernte (riesige) Zielscheibe zu treffen. Der Werfer hat die Wahl zwischen einer einhändigen und einer zweihändigen Axt. Man holt weit hinter dem Kopf aus und wirft aus der nach vorne gerichteten Körperbewegung heraus Richting Scheibe.

axthrowing

Ich überlege.

Was, wenn ich nicht rechtzeitig loslasse? Dann steckt die Axt in meinem Schienbein.

Alans wife axthrowing

Ich entscheide mit für die einhändige Axt, die scheint mir sicherer weil weiter weg vom Körper zu führen.

Drei Würfe kosten 1£. Ich bezahle für 9 Versuche und treffe exakt 0 Mal.

Eine Prüfung der Ergebnistafel (der Gewinner erhält eine Flasche Whisky) ergibt, dass eine gewisse Heike in Führung liegt.

Mir scheint hier waren mir Touristen ein bis zwei Axtlängen voraus. Zumindest hab ich an die Gummiestiefel gedacht.