Sneak Preview 2 – Reiseinspirationsbuch Schottland

Die Untote von Edzell

Edzell (sprich: edschell ) ist ein malerisches kleines Städtchen aber Aussehen kann täuschen. Zum einen ist Edzell überhaupt nicht wirklich Edzell, das ging im Laufe der Jahrhunderte irgendwie verloren. Diese Siedlung hieß ursprünglich Slateford und bekam den Namen Edzell, nachdem das gleichnamige Dorf in der Nachbarschaft von seinen Bewohnern aufgegeben worden war. Das verlassene Dorf lag da, wo heute der Friedhof liegt und der birgt ein dunkles Geheimnis: hier ist das Grab einer Untoten.

Das Mausoleum der Familie Lindsay ist der einzige noch übrig gebliebene Teil der 1818 zerstörten Kirche. Um dieses Grabgewölbe und um die Lindsay-Familie rankt sich eine  Überlieferung, noch faszinierender und merkwürdiger als die des verlorenen Dorfes.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Angus

Die Lindsays waren eine wohlhabende Familie, die im nahe gelegenen Schloss Edzell lebte. Der Earl of Crawford aber verlor Anfang des 18. Jahrhunderts sein Vermögen. Die Geschichten, die sich um diese Familie ranken sind zahlreich und fesselnd zugleich, manche sind romantisch, andere beängstigend, diese ist beides. Sie spielt zu einer Zeit, als viktorianische Gruselromane populär waren und Werke wie Dracula, Frankenstein oder die Geheimnisse von Udolpho geradezu verschlungen wurden. Die Leser waren fasziniert von  Vampiren, Geistern und dem Leben nach dem Tod. Die Untoten waren mehr als nur eine weit hergeholte Angst, sie schienen Realität und die lag in Edzell näher, als manch einem lieb war.

Und hier ist die Geschichte (fairerweise muss gesagt werden, sie wird von mehreren Orten und mehreren toten Frauen erzählt): Es war einmal eine junge und höchstwahrscheinlich schöne Frau, deren Namen nicht bekannt ist. Sie war eine Lindsay, reich und tief betrauert als sie starb. Sie brachten ihre Leiche zur Familiengruft, Gold und Schmuck funkelten im Sarg. Dieser Überfluss war natürlich verlockend für jene in Edzell, die mit Reichtum nicht so gesegnet waren, wie die Lindsays. Der Küster sah wohl die Chance seines Lebens. Endlich nicht mehr arm sein! Mit dem Geld, das er für den Schmuck bekommen würde, könnte er anderswo ein wunderbares Leben führen.

Es wurde Nacht über dem Friedhof von Edzell, ein kalter Wind wehte über die Gräber. Ein dunkler Schatten schlich hinüber zur Familiengruft. Der Küster war zurück. Ein Käuzchen schrie in den Bäumen, der Nebel lag schwer über dem Boden. Leise trat der Küster an die schwere Tür der Gruft und schloss sie auf. Das Mondlicht wies ihm den Weg, Licht hätte ihn verraten. Da lag sie, die Leiche der toten Lindsay, das Gold schimmerte still in der Kälte der Gruft. Der Küster zündete eine Kerze an und nahm sich alles, doch die zwei großen Ringe an den Fingern der toten Frau bekam er einfach nicht ab. Er zögerte aber nicht lange. Ein scharfes Messer blitzte im Mondlicht als der Küster sich aufmachte die Finger der toten Frau abzuschneiden, um an die Ringe zu kommen.

Und im blassen Licht einer einzigen Kerze tropfte Blut zu Boden, und ein schwacher Schrei ertönte im Begräbnisgewölbe. Die Tote lebte. Der Küster war aus Angst vor dem, was er gerade gesehen hatte, selbst dem Tode nahe. Er ließ das Messer fallen und fiel in Ohnmacht. Und während er auf dem staubigen Boden der Gruft lag, erhob sich der blutende Leichnam und warf sein Leichentuch ab. Dann half die Auferstandene dem völlig verängstigten Küster auf und führte ihn hinaus aus der Gruft auf den Friedhof.

Der Küster war völlig verängstig und unfähig, irgendetwas zu tun. Sie bat ihn, sie ins Schloss zurückzubringen. Er schüttelte den Kopf. Sie versprach ihm eine Belohnung, wenn er sie zurück ins Schloss brächte. Er zitterte aber bewegte sich nicht von der Stelle. Sie versicherte ihm ihrer Vergebung und Dankbarkeit, aber er wollte nichts hören. Er wollte nur weg, ein für alle Mal weg von diesem Ort und der Leiche, die er zum Leben erweckt hatte, weg von dem Bild, das sich in seinen Kopf eingebrannt hatte wie sein Messer in die blasse weiße Hand schnitt, die zu bluten begann.

Sie gab auf und machte sich allein auf den Weg zum Schloss, lebendig, aber kalt und allein, ohne Licht und Hilfe. Der Küster aber verließ Schottland noch in derselben Nacht, in seinen Taschen der wertvolle Schmuck, der ihm helfen würde, ein neues Leben im Ausland zu beginnen. Sie hatte ihn angefleht, ihn zu behalten. Sie schuldete dem Dieb ihr Leben.

Seltsamerweise war dies nicht der einzige Fall einer vorzeitigen Bestattung in der Lindsay-Familie. Sir William Lindsay von Covington, wurde unter ähnlichen Umständen für tot erklärt. Nur den aufmerksamen Augen seiner jungen Urenkelin war es zu verdanken, dass er nicht lebendig in der Familiengruft endete, sie hatte „seinen Bart wackeln sehen“.

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen. 

Was ihr nun gelesen habt, ist ein Teil des ersten von rund 40 Kapiteln und nun ich hätte gerne von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

Im Juni werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

nächsten Sonntag: Die Bildersteine der Pikten

7 Gedanken zu “Sneak Preview 2 – Reiseinspirationsbuch Schottland

  1. Liebe Nellie,
    letzten Sonntag habe ich irgendwie Teil 2 total ignoriert…
    Vielleicht auch hier eine kleine Karte dazu, wo sich dieses Städtchen befindet, denn man nekommt schon Lust, Deine Erzählungen erleben zu dürfen und einfach durch Schottland zu reisen.
    Ich träume dann mal schon. Danke, dass Du meine Träume bildhaft werden lässt.
    Liebe Grüße
    Andy

    • Liebe Andy,
      Ich plane mit einer Übersichtskarte am Anfang des Buches und Ausschnitte zu den jeweiligen Kapiteln. Im Blog geht das leider nicht aber die Posts haben zumindest eine Verortung, damit kann man nachvollziehen, wo man gerade ist.
      Hör nicht auf zu träumen, man weiß nie, was noch kommt!!!
      Vielen Dank für deine so positive Rückmeldung. Das motiviert wirklich sehr.
      Liebe Grüße,
      Nellie

  2. Hallo Nellie,

    Da es nun scheinbar funktioniert noch mal meinen Kommentar zu der Geschichte von letzter Woche: Witzigerweise war ich vor Jahren mal an diesem Platz und habe den schönen Garten in der Burgruine bewundert.
    Und natürlich habe ich aus Neugier ein bisschen vor ab recherchiert hast du die Woche davor von der Untoten von Edzell schriebst. Das einzige was ich allerdings gefunden habe war eine Geschichte über die „White Lady“ die anscheinend an diesem Platz immer wieder gesehen wird. Deine Geschichte war nicht zu finden ist es natürlich umso besser und interessanter macht.
    Mit so einer Geschichte kommt natürlich auch noch zusätzlich allerhand Spannung und Gänsehaut in dein neues Buch. Die Fotos sind sehr gut ( also bitte ein Lob an den „Mann“ ausrichten) und der Schreibstil – wie von dir gewohnt – hervorragend.
    Also, bitte so weitermachen…

    LG
    Andi

    PS: vielen Dank für den Tipp mit der St. Mary‘s chapel in Dunvegan und auch dem Friedhof. Ist ja fast peinlich, dass ich über eine Woche an den Ort war und diese Plätze nicht gefunden habe. Aber genau für sowas ist ja auch dein Buch gedacht.

    • Lieber Andi,
      Auch ich bin froh, dass wieder alles funktioniert. Ich freue mich immer über dein Feedback.
      Google ist auch mein Freund 🙂 aber für alte Geschichten nutzt man besser die alten Quelle. In diesem Fall war das diese – Andrew Jervise: The land of the Lindsays in Angus and Meaens, with notices of Alyth and Meigle. Edinburgh, Sutherland & Knox, George Street; 1853.
      Und danke! Ich werde dein Lob ausrichten und mich dann in meine Schreibhütte begeben. Die Arbeit ruft!
      Liebe Grüße und Tipps bekommst du gerne jederzeit.
      Nellie

      • Gern geschehen, ich glaube ich spreche im Sinne aller deiner Anhänger, dass wir gerne helfen um dein Buch noch besser zu machen.

        Ich werde Mitte Juli mal circa zehn Tage auf Isle of Skye verbringen und obwohl ich natürlich die Insel auch ein bisschen kenne, bin ich natürlich für Insider Tipps sehr dankbar.. Vor allem auch für tolle Wanderstrecken.
        Ich werde mich auch ein bisschen auf die Arbeit stürzen – allerdings ist die Aussicht nicht ganz so gut wie bei dir… Der Stiglmayer Platz hier in München fasziniert mich nicht so sehr wie die schottische Westküste

      • Ich liebe diese Serie und habe unzählige Wanderungen/Spaziergänge daraus gemacht. Ideal für normale Wanderungen ohne Steigeisen oder Seil. Isle of Skye: 40 Coast and Country Walks (Pocket Mountains) (Pocket Mountains S.) by Amazon.co.uk

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