Redebedarf

Der Mann spricht gerne, klassisch von Angesicht zu Angesicht, per WhatsApp oder Facebook, per Twitter, alles seins. Zu der Kategorie des schottischen Schweigers darf man ihn also keinesfalls zählen.

An meinen Redebedarf kommt er natürlich nicht heran aber das ist ja auch nicht weiter überraschend, Frau und Journalistin!

Im Gegensatz zu mir redet er auch gerne mit ihm wildfremden Menschen, manchmal fast schon überfallartig. Ein scheues englisches Touristenpaar, das nichts ahnend auf einem stillen Spaziergang von einem langhaarigen Einheimischen gestellt und herzlich begrüßt wird, ist keine Seltenheit. Sie murmeln meist oder schauen betreten zu Seite. So ein fröhliches Guten Morgen, wie geht es Ihnen? Was für ein großartiger Tag heute, oder? Ist dann doch etwas zuviel für das touristische Distanzbedürfnis der Urlauber aus dem Süden des Vereinigten Königreichs. Sie starren meist verkrampft aufs Wasser oder ringen sich ein etwas unrundes Nicken ab. Manchmal, wenn er besonders gut drauf ist, dann erschreckt er die Passanten gar mit einer Begrüßung auf Gälisch.

Ich lauere immer noch auf einen Gälisch sprechenden Touristen, der ihn mit einer Antwort aus dem Konzept bringt. Bislang ist noch keiner aufgetaucht.

Wie dem auch sei, der Mann ist kommunikativ, das ist ein urschottischer Wesenszug. Man spricht miteinander, auch (oder vielleicht ganz besonders) mit Fremden.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfEs gibt aber Gegenüber, mit denen spricht der Schotte sehr ungerne. Der Stimme beim MacDonald’s Drive Through in Deutschland zum Beispiel. Er kann kein Deutsch aber das braucht man da ja nicht in dem Restaurant mit schottischen Namen, dessen Gerichte fast ausschließlich alle englische Bezeichnungen tragen aber wenn er einen toast mit cheese und bacon zum Frühstück (nicht, dass er das wollte aber für mich) oder ein Bacon Big Mac für sich, dann hört man die Fragezeichen förmlich aus dem Lautsprecher der Bestellsäule schweben. Man hat ihn nicht verstanden. Zu viel Akzent im Englischen.

Jemand, mit der der Mann auch nicht gerne spricht, ist Alexa. Ich spreche gerne mit Alexa und nutze sie auch häufig. Und man kann sie ja auch auf Englisch einstellen. Gar kein Problem.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfDer Mann versucht es:

Alexa, play Deep Purple.

Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden.

Deep Purple!

Folgende Artikel habe ich für sie gefunden sagt sie und präsentiert einen lila Umhang bei Amazon.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfAlexa versteht kein schottisches Englisch. Man kann sie einstellen auf Amerikanisches Englisch, auf südafrikanisches Englisch, auf was weiß ich nicht für ein Englisch aber nicht auf schottisches Englisch. Ist genau so wie in meiner Lieblingscomedy mit den Schotten im Aufzug.

Warum sprichst du denn nicht mit Alexa frage ich heimtückisch. Wohl wissend, warum.

Er schaut mir tief in die Augen.

Un dann habe ich zwei Frauen, die gleichzeitig reden? Das ist mir zuviel.

Treffer. Versenkt.

Knie, Post und Erbsen

Liebe Nellie,

Ich hörte von unserem Freund John die Post, dass Du Dein Knie verletzt hast. Es tut mir sehr leid und ich wünsche Dir eine rasche Genesung…..

 

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post ErbsenWas für eine Email-Überraschung am Morgen. Die guten Wünsche kamen von einem der anderen Deutschen oben in den Highlands, der ein paar Meilen entfernt wohnt und die Mailadresse aus meinem Buch entnommen hatte. Und natürlich hatte John wieder dafür gesorgt, dass die richtigen Menschen Bescheid wussten. Gehört hatte John die Post meine Knie-Geschichte vom Mann und nun bekam ich, wieder zurück im Schwarzwald und rund 1800 km von den Highlands entfernt Post. Wer so einen Postboten hat, der braucht eigentlich weder Facebook noch Instagram.

Ich bin mir sicher mein Knie und das Für und Wider einer Operation wurden am Loch ausführlichst diskutiert. Und das ohne mich!!!

Ich frage mich wie es wäre, wenn ich nun Voll- und nicht nur Teilzeitschottin wäre. Ich hätte Anspruch auf eine kostenlose OP und Nachsorge aber ich müsste lange darauf warten. Und ich könnte mir auch nicht aussuchen, in welcher Klinik ich mich operieren lassen möchte. Das Nationale Gesundheitssystem (NHS) ist eine großartige Sache aber wenn ich ehrlich bin ziehe ich es vor, in Deutschland Privatpatientin zu sein.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post Erbsen

Nun sitze ich also im Schwarzwald, kühle das Knie mit einer Gelmanschette und warte auf meinen OP-Termin. Statt zu arbeiten verbringe ich meine Zeit zu Hause und denke mich nach Schottland. Jetzt blühen die Krokusse und die Osterglocken an der Straße, mit Glück gibt es ein paar Sonnentage, der Winter lässt nicht so schnell los, wie in Deutschland. Fast ist mir, als könne ich die salzige Meerluft riechen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post Erbsen

Der Mann hat den Krümel (das Enkelkind) getroffen, er saß bei seiner Mutter im Auto. Statt einer Begrüßung warf der Krümel ihm ein aufgeregtes: „Nellie’s Knie tut weh!“  entgegen. Der Kleine weiß wie das ist, wenn einem das Knie weh tut, in seinem Alter fällt man ständig drauf. Dann bekommt man Erbsen und alles ist wieder gut. Tiefgefroren, wegen der Kühlung. Statt Gelmanschetten.

Put peas on it. ist ein gängiger Ausdruck. Mach Erbsen drauf. Was so Einiges darüber aussagt über die Gemüsevielfalt in schottischen Gefriertruhen aber das nur so nebenbei, wie waren ja beim Knie und dem entsetzten Krümel.

Statt mit weisem großväterlichem Gleichmut dem Zweijährigen Trost zu spenden, sitzt dem Mann mal wieder der schottische Schalk im Nacken.

„Klar!“ Sagt er und fügt mit ernstem Blick hinzu: „Ich hab ihr dagegen getreten.“

Hilflos vor so viel großväterlicher Grausamkeit senkt der Krümel beschämt den Blick. Highland Humor versteht er noch nicht. Er ist erst zwei und mag mich.

“Haha, Ich mach nur Spaß!” ruft er Mann und bringt damit die traurigen Kinderaugen wieder zum Lachen. Und mich am Abend, als er mir auf Skype davon erzählt.

Ich überlege, ob ich die Gelmanschette beiseite lege und Erbsen kaufe. Tiefgefroren.  Einfach mal so. Aus Heimweh!

 

 

 

Chips und das Leben

Ausflüge mit dem Mann sind immer ein kleines bis mittleres Abenteuer, kein Wunder, schließlich ist Schottland immer für eine Überraschung gut. Selbst so ganz unscheinbarer Schatz-ich-muss-für-eine-Schulung-nach-Inverness Trip kann lustiger werden, als es zunächst klingt. Inverness? Da denkt man sich ja nichts außer prima, der Mann ist für vier Stunden beschäftigt und ich kann das „Großstadtleben“ (Inverness hat weniger Einwohner als Baden-Baden ist aber dennoch die Hauptstadt der Highlands) genießen.

Natürlich begleite ich ihn. Dumm nur, dass er bereits um 8 Uhr dort sein muss. Wir fahren also um 6 Uhr los und schweigen in der frühmorgendlichen Findungsphase zu geistigem Bewusstsein gemeinsam so vor uns hin.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Es ist mitten im Winter und deshalb noch ziemlich dunkel, als der Mann mich kurz vor 8 in der Nähe der Fußgängerbrücke (auch shouglie bridge  genannt) zur Innenstadt aus dem Auto lässt und weiterfährt. Ich habe den Rucksack mit der Fotoausrüstung dabei und mache mich über die Wackelbrücke auf zur Old High Church, wo sie den nach der Schlacht von Culloden (1746) gefangen genommenen Schotten in der Kirche den Prozess machten und sie direkt im Anschluss auf dem Friedhof erschossen. Sehr, sehr traurig und mindestens ebenso gruselig, es ist nämlich noch immer nicht hell und ich schlendere durch den blauen Morgendunst zwischen den die Gräber und denke an vergangene Schlachten, die Schotten und England.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Jede Menge Geschichte und ich hab‘ noch nicht mal gefrühstückt. Also auf zu Costa’s da gibt es leckeren Kaffee und Toasties, mir ist nach was Warmem, was mit Käse. Comfort food nennt man das hier, Essen fürs wohlige Gefühl in Magen und Seele. Da ist definitiv was dran.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNach einem riesigen Latte Macchiato und einem Käsetoast mit Tomaten ist mir sehr wohlig und ich genieße es Zeit zu haben. Draußen vor der Tür dudelt Dudelsackmusik (kommt da das Wort dudeln her ???) aus den alten Lautsprechern vor dem Touriladen, der mit allerlei Krimskrams, Flaggen, Hochlandkühen als Plüschtier oder Kühlschrankmagnet, Tassen und Nessies in jeglicher Form Schottlandambiente verbreitet.

Die Einheimischen hasten vor dem Fenster vorbei zur Arbeit. Eine sehr magere Frau Anfang sechzig sitzt mit einer dünnen Lederjacke und einer Zigarette draußen im Nieselregen. Sie sieht nicht sonderlich wohlig aus. Aber sie hatte ja auch keinen Käsetoast.

Der Nieselregen scheint nicht mehr aufhören zu wollen, also beschließe ich mich drinnen zu vergnügen. Das Eastgate Center ist das Einkaufszentrum gleich um die Ecke: Schuhläden, Klamotten, Bücher, alles, was frau so braucht. Und einen Schuhmann, der hier witzigerweise nicht Mister Minit heißt. Wieso auch, in Schottland hat man mehr Zeit als nur eine schnöde Minute, auch für den Gummiabsatz, der bis eben noch auf meinen Nietenboots klebte. Billige Schuhe wirklich aber ich mag sie und hätte den Absatz gerne wieder drauf, das nasse Grass auf dem Friedhof muss wohl den Kleber gelöst haben.

„Haben sie Zeit?“ fragt der Schuhmann.

„Selbstverständlich!“ sage ich mit einem Ausrufezeichen. Ich bin ja in Schottland.

Er klebt den Absatz wieder auf und nagelt das Gummi zur Sicherheit zusätzlich. Auf beiden Schuhen. Friedhofssicher sozusagen. Ich sitze auf dem Hocker und baumle mit den Beinen. Mütter zerren ihre quengelnden Kinder vorbei, eine Gruppe jugendlicher Schulschwänzer schert sich nicht um die Sicherheitskameras und fährt Skateboard auf den Gängen. Ich hege Sympathie für diese altmodische Form der Insubordination.

Meine Schuhe sind fertig. Beide Absätze gemacht.

„Zwei Pfund.“ sagt der Schuhmann.

Ich weiß nicht, ob man in Deutschland beim Schuhmann irgendwas für zwei Euro bekommt. Ein Loch im Gürtel vielleicht.

Frisch beschwingt mit neuem Absatz gehe ich ins Schuhgeschäft (ja, diese Schuhe brauche ich), zu H&M (diese Pullover brauche ich nicht wirklich es ist sale und soo bilig) und stöbere im Waterstones’s nach neuem Lesestoff und prüfe, ob sie vielleicht eines meiner Bücher im Regal haben. Leider nicht. Vielleicht sollte ich danach fragen? Ich traue mich aber nicht. Werbung in eigener Angelegenheit zu machen ist mir peinlich.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNoch eineinhalb Stunden, bis der Mann mit seiner Schulung fertig ist. Also gehe ich nochmal auf den Friedhof, um noch ein paar Bilder bei Tag zu machen. Es ist noch immer trübe und regnerisch aber die Sonne ist zumindest aufgegangen. Hat außer mir schon mal jemand versucht, mit einer Schuhtüte, einer großen H&M Tüte und einer Tüte Bücher auf einem Friedhof zu fotografieren?

Nein? Kann es nicht empfehlen!

Der Mann hat nun die Schulung hinter sich gebracht. Wollen wir noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir wieder zurückfahren? Jetzt wo wir in der Zivilisation sind. Vielleicht im nächsten Pub?

Der Mann lässt sich überreden und steuert das Hootananny an, da gibt es Livemusik. Ich glaube der Mann hat da früher selbst gespielt. Gute Idee denke ich, man hört die Musik bis draußen auf die Straße. Der Laden ist voll und wir müssen an der Bar eine Weile warten, bis wir bedient werden. Essen gibt es hier nicht. Die Drei-Mann-Band ist laut, die Stimmung gut, der Gitarrist fängt an mit einer jungen Frau zu tanzen. Dass er aufgehört hat zu spielen ändert nichts am Sound, stelle ich erstaunt fest. Mit kindlicher Freude schwingt der Mann abwechselnd Gitarre und Tanzbein. Ich glaube, der war nur der Playback Künstler und hat sich mit jeder Menge Enthusiasmus in die Band geschlichen. Neben mir murmelt ein Mann Unverständliches in den Kragen seines Hawaiihemds, hinter ihm haben drei weitere Gäste ihre Rollatoren perfekt in Reihe geparkt, vor mir lächelt eine Mittachzigerin beseelt vor sich hin. Sie scheint allerdings nicht viel um sich herum wahr zu nehmen. Ich schaue mich genauer um, während der Mann bestellt.

Zwischen den vielen Menschen jenseits der 70 entdecke ich Begleitpersonal – das Altersheim hat wohl Ausflug. Der Mann hat mich ins Seniorenpub ausgeführt. Das dämmert ihm auch allmählich und er sieht mich etwas hilflos an mit seiner Cola. Ich trinke mein Pint und finde alles sehr lustig. Den Senioren geht es nicht anders. Partylunch.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

Essen holen wir uns auf die Hand bevor wir aus Inverness rausfahren. Der Mann eine Blätterteigtasche mit einer Wurst drin, „frisch“ aus dem Dauerheizfach des kleinen Supermarkts. Bäh! Ich gehen zum Chippie nebenan und bestelle eine kleine Portion Pommes halb roh mit billigem Malzessig und viel Salz. Und während ich auf meine chips warte, denke ich über das Leben nach und die faszinierende Fähigkeit der Schotten, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Hier sagt man he‘s had his chips wenn jemand sein Lebensende erreicht hat. Das geht auch im Neutrum als it’s had its chips wenn die Waschmaschine irreparabel kaputt ist. Ob Mann oder Maschine, seine Pommes gehabt zu haben heißt es ist vorbei.

Wie schön denke ich, dass die Seniorenresidenzler ihre Pommes noch mit voller Partylaune genießen.

 

ein Vogelnest und eine Hochzeit

Der Mann ist ja so etwas wie die ultimative Herausforderung für eine Frau wie mich, eine Journalistin, die Fragen stellt und solange bohrt, bis sie glaubt die richtige Antwort zu haben. Mir tun ja die Kollegen in Schottland leid, wie machen die das denn, mit den Schotten am Mikrofon? Ich jedenfalls kriege von meinem nie zu hören, was ich will. Klare Aussagen? Never! Ein hunderprozentiges dies oder das, ein Definitivum, eine Entscheidung, etwas zum festhalten, da beißt man bei dem Schotten nicht auf Granit sondern auf Treibsand. Nur nicht festlegen lassen, immer schön ausweichen, vage bleiben, keine klare Richtung oder gar Formulierung verwenden, sie könnte sie gegen einen verwendet werden.

Deshalb mag der Schotte (und speziell der aus Glasgow) so gerne den rhyming slang. Das heißt er sagt nicht, was er meint, sondern etwas, das klingt wie das was er meint.

Ist man beispielsweise genervt über Hund, Katze oder Kleinkinder und würde sie am liebsten als eine „Pest“ bezeichnen, dann nennt man sie bird’s nest, Vogelnest.

Du bist ein Vogelnest ist damit eine nett gemeinte aber kleine Rüge für nervige Zeitgenossen.

Schwalbe Schottland Abenteuer Highlands

Und wenn die Kinder, Hunde oder Katzen trotz des Sprachwitzes immer noch nicht hören, dann kann man auch gerne mal fragen, ob sie denn corned beef also deaf = taub sind. Deaf spricht sich im schottischen Englisch so, dass es sich reimt, deif. 

Und wenn man Lust auf Andy Murray hat, dann nicht auf den Tennisspieler sonder auf ein indisches Abendessen, Curry. 

Übertragen würden wir sagen es schmeckt Boris Becker, wenn wir was lecker finden und wir essen einen Schinken statt in der Kneipe zu trinken.

Naja, auf Deutsch funktioniert es eben nicht so richtig.

Eigentlich alles sehr lustig aber manchmal kann diese Ausweicherei aber auch sehr anstrengend sein, besonders dann, wenn man wirklich etwas wissen will.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Vogelnest und Hochzeit

Die Nachbarn zum Beispiel. Sie sind nur gelegentlich da, haben das Haus nebenan gekauft und vermieten es an die Touristen. Wenn sie aber mal da sind (eigentlich leben sie in England), dann wohnen sie in zwei kleinen Hütten im Garten. Und dieses gelegentlich anwesende nicht mehr ganz junge Paar hat nun beschlossen zu heiraten (ganz ohne Aufwand, am Strand vor dem Haus) und uns den Termin mitgeteilt. Einen an dem ich in Deutschland bin. Also hat der Mann ein Geschenk gekauft und nicht weiter darüber nachgedacht. Der Termin kam, der Termin ging und keiner hatte sich am Strand ewige Treue geschworen geschweige denn Ringe getauscht. Nichts bewegte sich in den Gartenhütten.

Was war los, fragte ich mich. War einer von beiden abgehauen? Hatten sie sich getrennt? Hatte der Mann es nur nicht mitbekommen? Dann müssten wir gratulieren aber wenn nicht…

„Was ist denn nun?“ frage ich auf Skype.

Der Mann zuckt mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Ich kann sie ja wohl kaum fragen.“

„Warum um Himmels willen kannst du sie denn nicht fragen, wie sollen wir es denn sonst heraus finden. Wir müssen ja gratulieren aber falls sie die Hochzeit abgesagt haben, möchte ich nicht in diese peinliche Falle tappen.“

„Naja, das ist ja wohl ein bisschen direkt…“

Wieso ist das direkt, sie hatten uns doch eingeladen.  Es erschließt sich mir nicht aber wahrscheinlich fällt dem Mann nur nichts passendes ein, was er fragen könnte, das sich auf Hochzeit (wedding) reimt… bedding (betten) shredding (zerkleinern) wrecking (zerstören)..??

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Vogelnest Hochzeit

Wäre ich vor Ort, ich würde wie in der Mixed Zone das Mikro über den Zaun halten und ganz einfach fragen: Habt ihr jetzt geheiratet oder nicht? Und dann hätte ich die gewünschte Antwort. Wir Journalisten haben es einfach.

Der Mann nicht, deshalb denkt nach. Wohl vor allem über die Folgen einer derartigen Zaunbefragung, sollte seine direkte Deutsche und die rätselhaften Engländer mal wieder zur gleichen Zeit anwesend sein. Hätte für ihn auf der Peinlichkeitsskala (1–10) mindestens eine 8.

„Ich habe mit den Nachbarn gesprochen.“ sagt er bei unserem nächsten Skype Gespräch.

„Und?“ sage ich gänzlich erstaunt.

„Naja, ich hab gesagt, dass du wissen willst, ob sie nun geheiratet haben oder nicht. Ich hab so getan, als ob es mich nicht interessiert. Sie wissen ja, das du Journalistin bist.“

Aha. Ich überlege, was sich auf schwarzen Peter reimt.

„Und haben sie nun?

„Nein. Die Braut war krank. (the bride was not well).

Ob das nun die Wahrheit ist? Oder auch wieder rhyming slang? Ist die Braut gefallen (fell) hat sie ihn zur Hölle geschickt (hell) oder wollten sie es nicht sagen (tell)?

Ich bin verwirrt und irgendwie kein bisschen Mike Krüger.

 

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Nellie Marthe Erkenbach

Das Taschenbuch zum Blog

Dear Reader,

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Sprache: Deutsch

ISBN-10: 1980806314

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Preis: 11,76 €

Erwähne nie den Hinterreifen!

Heute war Putzfrauentag und ich habe mal wieder viel gelernt über das Leben in den Highlands.

Der Plan war simpel und wie ich dachte gut: Mann und Hausgäste verlassen am Vormittag gemeinsam das Haus, Putzfrau kommt am Mittag und putzt damit ich endlich mit dem Schreiben anfangen kann, statt das Haus wieder auf Vordermann zu bringen.

Aber wie so oft in den Highlands gehen meine Pläne nicht auf, nicht mal die simplen.

Winter in den Highlands

Statt zur Mittagszeit taucht die Putzfrau bereits am Morgen auf, das Haus ist voller unkoordinierter Menschen in Aufbruchstimmung. Taschen überall, alle müssen nochmal aufs Klo, das Chaos ist perfekt.

Ich mache ihr erst mal einen Tee, unterhalte mich, und versuche sie an dem Trubel vorbei in eines das „Mann-Zimmer“ (das hat er bereits freigegeben, weil er voll auf damit beschäftigt ist das Gepäck von drei Erwachsenen und einem Baby in einen Kleinwagen zu stopfen) zu lotsen, damit sie schon mal anfangen kann. Mit wenig Erfolg.

Also wedelt sie ein wenig durch die Räume während überall gepackt und gewurschtelt und hin und her gerannt wird.

Ich habe noch keinen Satz geschrieben.

Mann und Gäste sind dann irgendwann einmal im Auto und fahren ab. Ich winke Ihnen hinterher, traurig, dass sie weg sind aber auch ein wenig erleichtert, dass ich nun endlich Ruhe zum Schreiben hab, während die Putzfrau putzt.

Ich werfe einen Blick auf ihr Auto bevor ich aus der nassen Kälte wieder zurück ins Haus gehe.

Der linke Hinterreifen ist total platt. Wie um alles in der Welt ist sie nur damit her gekommen??

Und dann begehe ich den Fehler des Tages – ich weise sie auf den platten Hinterreifen hin.

Von nun an ist an putzen nicht mehr zu denken. Sie entdeckt den Mechaniker in sich. Selbst ist die Frau und so. Hab ich früher oft gemacht und so.

Sie besieht sich den Schaden und beginnt in ihrem Auto nach einem Schlüssel für die Radmuttern zu suchen. Es sieht aus, als wäre es leichter die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Erstaunlich, was man so alles in einem Auto durch die Gegend fahren kann.

Ich checke mein Auto (Vorsprung durch Technik!) aber der Schlüssel passt natürlich nicht zu ihren Muttern.

Sie sucht im Werkzeuglager des Mannes aber da findet niemand was, nicht einmal der Mann selbst. Sie will im Dienstwagen des Mannes nachsehen, der steht noch in der Einfahrt. Ich suche den Schlüssel und sie versucht den Kofferraum zu öffnen. Ohne Ergebnis. Die nächste halbe Stunde verbringt sie damit, die Bedienungsanleitung des Dienstwagens zu lesen um herauszufinden, wie man an den Kofferraum und damit an den Schlüssel für die Radmuttern kommt.

Ich habe noch immer keinen Satz geschrieben.

unterwegs gen Süden

Ich rufe den Mann an, der sich gerade mit Sommerreifen durch Schneewehen nach Süden kämpft und frage um Rat. Er hat auch keinen passenden Radmutternschlüssel. Er sagt, er hat diverse Schraubenschlüssel aber die will sie nicht. Derweil ist alles was hier rumsteht WD40 und ein bischen Werkzeug statt Putzeimer und Glasreiniger.

Öl, Hammer und sonst was

Sie will in den nächsten Ort laufen, um nach einem Radmutternschlüssel zu fragen. Ich kalkuliere eine halbe Stunde Weg hin, eine halbe zurück…. ich biete an sie zu fahren.

Also Schuhe an, dem Chaos im Haus den Rücken gekehrt und raus ins Auto.

Im Dorf angekommen will sie beim Förster vorbei schauen. Rauch schlängelt aus dem Försterhauskamin in einen trüben Mittagshimmel. Es ist der 2. Januar und in Schottland immer noch Feiertag, da erholt man sich von Silvester. Manche schlafen deshalb sehr lange.

Sie geht ins Haus und ruft. Keine Antwort, kein Förster. Wir gehen wieder nach draußen. Im Garten stehen mehrere Autowracks, keine Räder, nur wenige Scheiben, mit Müll voll. Sie durchsucht die Wracks mit geübtem Blick (macht sie das öfter?) aber findet nichts.

Vielleicht im Schuppen? Der quillt über vor Dingen, die ich nicht zuordnen kann, Holz, Plastik, Metall. Das ist die potenzierte Werkzeugecke des Mannes. Ein Schuppen voller „Kruscht“. Irgendwie erinnert mich der Schuppen an The Day after.

Aber auch hier kein Radmutternschlüssel weit und breit. Auch nicht unter den anderen Eisenteilen, die rund um das Haus vor sich hinrosten. Zwei Männer kommen mit einer Leiter vorbei (wo waren die denn?) und erklären, dass der Förster unterwegs ist.

Die Männer mit der Leiter haben auch keinen dieser Schlüssel, den die Putzfrau will. Der ältere bietet einen Schraubenschlüsselsatz an aber sie will nicht. Sie sagt sie braucht Hebelwirkung.

Ich glaub ich brauch‘ Baldrian.

Wir fahren zum Ponyhof-Mann. Stroh ragt aus dem Kofferraum seines uralten Jeeps vor der Haustür. Drinnen sitzt er mit wasserdichten Outdoorhosen im Ledersessel vor dem Fernseher, drei Hunde verteilen aufgeregt ihre Haare auf dem dunkelblauen Blümchenteppich. Drei Frauen sitzen unaufgeregt vor dem elektrischen Kamin. Alle schauen Gameshow, die Hunde schauen mich an.

Die Putzfrau ist in ihrem Element. Ja, die Mutter ist okay, Nein, dem Bruder geht es wieder gut. Ja, der Schwester auch. Und der Hund….

Ohhmmm.

Der Mann mit dem Ponyhof hat so ein Radmutternkreuz wie es die Putzfrau will aber im Stall. Er steigt in seinen Jeep und fährt los. Ich fahre nicht hinterher, denn mit dem A3 hätte ich auf dem „Weg“ so meine Probleme mit dem Unterboden. Er kommt wieder mit dem Kreuz-Ding und die Putzfrau und ich fahren wieder nach Hause.

Ich habe immer noch keine Zeile geschrieben.

Die Putzfrau schraubt jetzt draußen vor der Tür vor sich hin. Ich sauge derweil die Zimmer durch. Sie kommt wieder rein, weil sie nicht richtig sehen kann. Sie findet ihre Brille nicht.

Meine Lesebrille (ich habe Astigmatismus bis an den Rand der Blindheit, es ist also völlig unmöglich für jemand anderen, etwas damit zu sehen) nimmt sie dennoch mit nach draußen zum Radwechsel. Die Brille ist bei weitem mehr wert als das Auto und ich frage mich mit leisem Zweifel, ob ihr das klar ist, während sie draußen damit rum hantiert.

Ich sollte jetzt wirklich langsam anfangen etwas zu schreiben. Ich lenke mich ab und spüle das Geschirr.

Nach vier Stunden ist es dann endlich so weit. Es wird geputzt im Haus (und zwar nicht von mir) und das Auto hat das Ersatzrad aufgezogen. Endlich greift der Plan.

Ich gehe in die Küche und mache der Putzfrau und mir etwas zu essen.

Nacher setzte ich mich an den Schreibtisch und schreibe. Genug Stoff für eine Geschichte hab ich ja jetzt.

 

 

doch so deutsch

Ich bin wieder zurück!

Es ist kalt aber klar und die Five Sisters of Kintail trutzen mit weißen Schneehauben über dem stillen und kalten Wasser des Lochs.

Weihnachten in der Wildnis.

foto by the man

Christmas in den Highlands

Nach zwei Tagen Fahrt durch die Zivilisation, immer weiter nach Norden, fast 1.800 Kilometer samt Kanalüberquerung. Der Moloch London eine andere Welt.

Ich übernachte in einem Hotel in der Nähe von Birmingham, dessen Eingangsbereich mich fatal an den Film The Shining erinnert; einsames Hotel, irrer Axt schwingender Schriftsteller, Geister…..

Die Rezeptionistinn raucht draußen vor der Tür erst mal in aller Ruhe ihre Zigarette fertig, bevor sie mich eincheckt. Jack Nicholson, denke ich nur. Jack Nicholson und starre ihr wild in die Augen. Aber sie tippt ungerührt auf der Computertastatur herum. Ich versuche ein wenig Hochlandgelassenheit und gehe auf mein Zimmer. Ich bin ohnehin zu müde für Irrsinn, der wahre Wahnsinn steht mir noch bevor.

Am nächsten Tag, es ist der 23. Dezember, fahre ich den Rest. Alles problemlos und nach Glasgow ist der Verkehr spärlich. Die Sonne geht gerade unter, als ich beim letzten Supermarkt parke, um die Weihnachtseinkäufe zu machen. Ich und gefühlt eine Million andere Menschen im Weihnachtswahnsinn und Hamsterkaufzwang. hilflose Ehemänner zerren an überfüllten Einkaufswagen und versuchen erfolglos mit ihren einkaufenden Frauen Schritt zu halten. Was unweigerlich dazu führt, dass sie  dabei mit anderen Frauen kollidieren. Die sind schneller beim Mehl, dem Frischkäse oder der Remouladensoße. Es wird geschubst und gedrängelt, ich sehe sogar Frauen mit genervtem Augenaufschlag und Einkaufszetteln.

Deutschland! Es fühlt sich an als wäre ich immer noch in Deutschland.

Selbst an der Kasse geben sie Gas und man kommt mit dem zusammen packen fast nicht hinterher. Die Ehemänner sammeln sich samt der quengelnden Kleinkinder derweil in scheuen Kleingruppen fluchtbereit nahe des Ausgangs.

gen NordenIch entfliehe dem Wahnsinn mit einem vollgepackten Auto. Noch eineinhalb Stunden durch die einsame kalte Nacht der schottischen Highlands und ich bin da.

organised and shot by the man

Tannenbaum

Und natürlich feiern wir am 24. und nicht am 25. Dezember. Der Mann hat einen Weihnachtsbaum „besorgt“, kaufen kann man sie nirgends. Ich packe Linzertorte (danke Mama!), Stollen (danke Papa!) und Sauerbraten aus. Mit Truthahn könnte ich mich ja noch anfreunden aber nicht mit Papierkronen, Rentierpullovern und diesen explodierende Weihachtspäckchen am Tisch. Der Mann ist Gott sei Dank auch nicht wahnsinnig wild drauf.

Also feiern wir am 24. und ganz deutsch. Alle perfekt organisiert.

Eins meiner Geschenke unter dem deutschen Weihnachtsbaum ist ein T-Shirt mit dem Hauch schriftlicher Ironie, die nur ein entspannter Schotte im Weihnachtswahn abrufen kann.

ohne Worte

Ein Rentierpullover wäre schlimmer gewesen!

Frohe Weihnachten an allen Schotten und andere Organisationstalente.

M für Mietwagen

Shetland hat vor allem eines: außergewöhnliche Menschen. Irgendwie ticken sie ein wenig anders hier oben, auf eine ganz großartige Art anders.

Einen kleinen Einblick in den Humor der Shetlander gibt dieses lustige Video.

https://www.youtube.com/watch?v=Su5weSQH1DY

Eigentlich ist dem nicht viel hinzuzufügen.

Sumburgh Airport (1)

Ich hätte nur noch M für Mietwagen zu ergänzen.

Ich habe ja nun von Berufs wegen häufiger das Vergnügen, irgendwo auf der Welt einen Mietwagen abzuholen und wieder abzugeben. So lustig wie in Sumburgh war es noch nie.

Sumburgh Airport (2)Das ging schon beim Abholen los.

Prüfen sie das Auto, Kratzer sind kein Problem, die polieren wir wieder raus.

In Deutschland wird jeder Hauch eines Kratzers akribisch auf dem Formular vermerkt.

So richtig lustig aber wurde es, als wir versuchten, das Auto wieder abzugeben.

Als wir ankommen ist der Schalter der Mietwagenfirma verwaist. Diverse Schlüssel und Papiere liegen griffbereit hinter der Theke.

Sumburgh Airport (6)Wir stehen eine Weile dumm rum und warten. Keine Klingel. Kein Schild „Bin gleich wieder da“. Nichts.

Wir checken unser Gepäck ein und kommen wieder.

Immer noch keiner da.

Ich kaufe Mitbringsel im kleinen Laden am Ende der Halle und komme wieder.

Immer noch keiner da.

poems on the looIch gehe auf die Toilette, lese sämtliche Gedichte an den Türen und komme wieder.

Immer noch keiner da.

Wir gehen in das kleine Bistro. Ich bestelle Bier und setze mich so, daß ich den Mietwagenschalter im Auge habe.

Da kommt keiner.

Der Mann geht eine rauchen und kommt wieder. Er hat an der Außenwand des Flughafens eine Klappe hinter dem Mietwagenschalter entdeckt.

Sumburgh Airport (4)

Die geht aber nicht auf. sagt der Mann.

Nach über einer Stunde beschließe ich, den vermaledeiten Mietwagen-Schlüssel einfach auf die Theke zu legen und durch Security zu gehen.

Ich gehe die paar Schritte rüber und da sitzt er, der Mann vom Mietwagenschalter. Einfach so. Nach 90 Minuten Schlüsselabgabeversuch. Der muß durch einen unterirdischen Tunnel gekommen sein.

Wo haben sie denn gesteckt? rutscht es mir heraus.

Ich lag die ganze Zeit unter dem Tisch hier. Der ältere Herr und schaut mich todernst an.

Ich hab mich schon gefragt, wann sie endlich mit dem Schlüssel auftauchen.

Nun stiehlt sich ein leichtes Grinsen in seine Züge.

Nun, der Mann hat versucht, den Schlüssel durch die Klappe da hinten zu werfen aber die ging nicht auf.

Ich lege leichten Vorwurf in meine Stimme.

Dann richten sie dem Mann einen schönen Gruß aus. Er hat leider völlig versagt.

Der Mietwagenmann hat ein großes Lächeln in der Stimme.

DSC_0536Mit dieser Nachricht und ohne Schlüssel gehe ich zurück zum Mann, der noch in dem kleinen Bistro sitzt. Und während ich ihm alles erzähle taucht der Mietwagenmann auf und wedelt mit einer CD, die sie hier am Flughafen verkaufen.

Hier, die haben sie im Auto vergessen!

Ist nicht unsere. 

Der Mann und grinst den Mietwagenmann vergeltungslustig an.

Da haben sie leider völlig versagt!

Großes Gelächter auf beiden Seiten.

Mit dem beruhigenden Gefühl eines 1:1 (und das noch auswärts) besteigen wir den Flieger, der uns wieder zurück in die Highlands bringt.

Sumburgh Airport (8)

Wir haben gelernt, das es im Shetlandalphabet noch einen 27. Buchstaben gibt :

Ü für Überraschung.

 

 

 

 

S

Stricken oder fiedeln?

Lerwick harbour

Stricken oder fiedeln?

Die blonde Mittfünfzigerin mit den perfekt manikürten Fingernägeln lächelt mich fragend an.

Stricken oder fiedeln???

Ich drehe mich hilfesuchend nach dem Mann um, der sich gerade nicht zwischen Cappuccino, Wodka mit Limone und Erdbeere entscheiden kann.

Lerwick, ShetlandWir sind im Laden der Shetland Fudge Company in Lerwick. Fudge ist eine der vielen Süßigkeiten in Schottland, die so viel Zucker beinhalten, dass man niemals und unter keinen Umständen die Kalorienangaben beachten sollte. Die Shetland Fudge Company schreibt sie gar nicht erst auf ihre Packungen. Das steht nur, daß der Inhalt für Vegetarier geeignet ist. Der Mann nimmt trotzdem welche, den Klassiker ohne schräge Geschmacksnuancen, einfach nur Zucker, Butter und Kondensmilch.

Stricken oder fiedeln!! flüstere ich ihm angespannt entgegen, in der Hoffnung er bringt Aufklärung in die noch immer im Raum schwebende Frage. Er schaut mich verständnislos an, wahrscheinlich denkt er, ich frage nach Fudge (sprich fadsch) Sorten.

Die Frau schaut mich immer noch an, ihr Lächeln wird dünner.

Stricken oder fiedeln……

Da kommt mir die Erleuchtung.

Es ist Shetland Wool Week und überall strickt und häkelt es. Außerdem ist Accordeon & Fiddle Festival. Weil „normale“ Touristen rar sind im Oktober, hat die nette Verkäuferin wohl einfach angenommen, ich könne entweder Geige spielen oder mit Stricknadeln umgehen.

Stricken oder fiedeln!!!!

Shetland (7)Sie könnte nicht mehr irren. Meine Strickarbeiten haben zahllose Handarbeitslehrerinnen an den Rand der Verzweiflung gebracht, meine Mutter hat meinen ersten Fäustling lange als Topflappen verwendet, meine Cousine konnte einen Pullover mit Muster stricken, da war ich immer noch dabei, den Bund von meinem wieder aufzuziehen. Meine Patentante hat sich irgendwann einmal erbarmt und für mich gestrickt. Wenn ich also irgend etwas bin, dann eine betrügerische Strickerin. Eine Strickbetrügerin.

Und Geige??? Wir decken den Mantel des musischen Schweigens über den Gedanken.

Shetland (6)Der Mann denkt nur an sein Karamell. Er ist ja Musiker und hat leicht kauen. Seine Mutter habe ihm auch das Stricken und Nähen beigebracht, meint er. Wolle will er sich allerdings keine kaufen. Was für mich stricken schon gar nicht.

Ich kaufe mir wenigstens eine Mütze mit Muster. Damit kann ich dann durch die windigen Gassen von Lerwick wandeln, mit warmen Ohren und dem Anschein von Können. Als hätte ich sie selbst gestrickt. Und ansonsten gebe ich den ganz normalen Durchschnittstouristen, inklusive Foto um den Hals.

Shetland (8)

Am Abend sitzen acht Frauen aus Finnland in der Hotellobby. Jede strickt.

Die sind wohl nicht zum fiedeln da.

 

Das zweite Gesicht

Die gute Nachricht zuerst: wir waren auf dem Elfenhügel und sind vor den befürchteten 200 Jahren wieder zurückgekehrt. Ohne auch nur eine einzige Elfe getroffen zu haben.

fairy hill

fairy hill

Tomnahurich ist dennoch ein geheimnisvoller Ort, dunkel und still.

Tomnahurich graveyard, Inverness

Tomnahurich graveyard, Inverness

Obwohl der Friedhof am Rande von Inverness, der größten Stadt in den Highlands liegt, scheint er sehr verlassen und fern.                                

Zwei erstaunliche Dinge haben meine Recherchen für Tomnahurich ergeben. Neben der Elfen.

Mitte des 17. Jahrunderts lebte (und das taucht in mehreren historischen Quellen auf) ein einsamer Mann im Westen Schottlands, den sie den Brahan Seer, der „Seher von Brahan“ nennen, auf Gälisch Coinneach Odhar. Vermutlich auf der Hebrideninsel Lewis geboren, führte ihn seine Gabe an viele Orte und trieb ihn bald auch wieder weiter, Lewis, Kintail, Black Isle. Der „Seher von Brahan“ sagte zahllose große und kleine Dinge voraus, viele wurden wahr, zum Teil in allen noch so verwunderlichen Details. Ein ungelöstes Rästel bis heute.

Zwei seiner Vorhersagen betrafen Tomnahurich.

So seltsam es dir auch scheinen mag, die Zeit wird kommen, und sie ist nicht weit, wenn hinter Tomnahurich große Schiffe von Ost nach West segeln werden.

Das war Mitte des 17. Jahrhunderts völlig unmöglich, da Tomnahurich sowohl vom Meer als auch von Loch Ness viele Meilen entfernt liegt.

1822 wurde der Caledonian Canal fertig gestellt. Er verbindet die Seen des Great Glen mit dem Meer. Seitdem fahren Schiffe hinter Tomnahurich vorbei, der Kanal liegt direkt am Hügel.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Die zweite Vorhersage war zu der Zeit, in der sie gemacht wurde ähnlich unvorstelbar.

Der Tag wird kommen, wenn der Elfenhügel Tomnahurich verschlossen sein wird und die Geister darin sicher.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tomnahurich zu einem großen, umzäumten Friedhof mit Öffnungszeiten. Die Geister der Toten sicher darin.

Tomnahurich graveyard, InvernessWie konnte der „Seher von Brahan“ das sehen? In den Highlands zweifeln sie nicht an ihm, dem schottischen Nostradamus. Das zweite Gesicht ist für viele heute noch eine ganz selbstverständliche Gabe.

Hier, in dieser unglaublich grandiosen, gefährlichen und gnadenlosen Einsamkeit, lebt das Übersinnliche von Generation zu Generation fort, wird verebt und angenommen wie Sonnenaufgang und Regen.

Die Sehnsucht nach übersinnlichen Fähigkeiten scheint gerade in der modernen Gesellschaft unverändert groß.

Ich wünschte ich hätte diese Fähigkeit auch: das zweite Gesicht, das es mir ermöglicht, in die Zukunft zu blicken.

Dann hätte ich nämlich gewusst, dass gestern der Postmann zwei Stunden früher in der Tür stehen würde als gewöhnlich.

Und wäre ich nicht nackig durch die Wohnung gelaufen……