Banff-tastisch

Mit quietschenden Schuhen verließ der adrette Ober den Raum. Ich sah mich um im Speisesaal des County Hotel. Das konnte ich ganz ungeniert tun, ich war der einzige Gast. Ein beeindruckendes Gebäude, elegant auf zwei Ebenen, gebaut für den Provost (Bürgermeister) George Robinson im Jahre 1770. Später gehörte es wohl einer reichen Bürgerin, die mit Leinen viel Geld gemacht hatte und ich bin mir sicher, dass sie den Blick aus dem ersten Stock genauso genossen hat wie ich.

Das Ambiente nobel und ein bisschen in die Jahre gekommen, Dekor schottisch mit einem französischen Touch, das muss am Chef liegen, der Franzose ist und auch kocht. Das war für mich der Grund, mich für ein Abendessen im Hotel zu entscheiden.  Den meisten Besuchern von Banff geht das wohl anders, der unglaublich großen Zahl von Fast Food Läden aller Nationen nach zu urteilen.

Nun saß ich also alleine beim Abendessen, vermisste den Mann ein wenig, hatte aber prinzipiell kein Problem damit. Ich hatte ja einen Ober, der mich unterhielt. Der quietschte gerade wieder herein.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“ fragt er.

„Ich nehme ein Glas Rosé von dem Hauswein als Aperitif.“

Er schaut leicht verwirrt in die Karte und dann zu mir. „Was für ein Glas wollen sie?“

Ich überlege, derweil geht er zur Anrichte und bringt mir zwei leere Gläser.  „So eins, oder so eins?“ fragt er und hält je eins in der Hand.

Ich deute auf das kleinere der beiden und er quietscht mit seinen wohl neuen Schuhen und beiden Gläsern aus dem Speisesaal, kommt aber kurz darauf mit dem gefüllten kleineren Glas wieder zurück und stellt es vor mich hin. Es ist eiskalt und der Rosé sehr trocken, genau, wie man es von einem Franzosen in der Küche erwarten würde. Trés bien!

Der Ober kämpft jetzt mit drei Karten, dem Weihnachtsmenu, das noch Gültigkeit hat, der eigentlichen Karte und der Weinkarte und versucht mir alles aufgeschlagen gleichzeitig zu reichen. Wir jonglieren das gemeinsam irgendwie hin. Ich bestelle ein großes Glas Merlot und ein Rindersteak. Die Karte ist ein sehr guter französisch-schottischer Mix und es fällt mir sehr schwer, mich zu entscheiden.

„Wollen Sie eine Vorspeise?“ fragt der Ober und zappelt dabei unruhig.

„Nein.“ danke sage ich und knabbere an den Chips aus dem kleinen Schälchen, das es zum Aperitif gab.

„Wollen sie vielleicht noch mehr Chips?“ fragt er dann, fast schon erfreut. Das edle französische Ambiente ist eher nicht seins und er macht den Job noch nicht lange aber er ist mit vollem Engagement dabei.

Ich verneine mit einem strahlenden Lächeln und beantworte die nächste Frage, wie ich denn das Steak will, mit medium, aber schottisches medium, nicht französisches. Das ist mir zu blutig und bei einem französischen Koch…

Nun ist aber der Ober ganz verwirrt, trägt die Order aber wohl ganz genauso in der Küche vor, denn das Steak kommt perfekt so wie ich den Garpunkt gerne mag und es ist darüber hinaus unfassbar lecker. Die Röstzwiebeln leicht und knusprig, das Ratatouille würzig, die Pommes aus frischen Kartoffeln, die Pilze ein Genuß. Ich esse beglückt vor mich hin, da quietscht der Ober auf schnellen Schuhen wieder herein.

„Ich habe ihr Steakmesser vergessen.“ ruft er mir aus ein quer durch den Saal entgegen, ganz besorgt, wegen seines Versäumnisses. Der Chef hat in der Küche wohl nachgefragt, ob er auch daran gedacht hat. Nun steht dem jungen Mann schon der Schweiß auf der Stirn.

„Sagen sie den Chef es schmeckt wunderbar.“ sage ich ihm. „Das muss ganz schön schwer sein, das großartige Essen zu servieren und nichts davon essen zu dürfen.“ sage ich. Er sieht irgendwie hungrig aus.

„Ich darf nur servieren.“ sagt er mit Trauer in der Stimme, „nicht essen. Aber der Duft….!“ Diesen letzten Satz lässt er wie den Rauch einer guten Zigarre durch den Raum schweben.

Ich bin mir nicht sicher, ob er für den Job wirklich gemacht ist, aber wahrscheinlich gibt es in Banff nicht wahnsinnig viel Jobs zur Auswahl. Zum Nachtisch serviert er mir Vanilleeis mit Toffee und ich frage, ob sie Espresso haben. Dann wäre mein Glück wahrlich perfekt.

Er kommt wieder aus der Küche zurück, offensichtlich kann er keine meiner Fragen selbst beantworten, weil sehr wahrscheinlich nicht viele Gäste diese Fragen stellen in Banff. In Frankreich wohl aber das weiß der Ober ja nicht. Er schaut mahnend auf die Uhr, sagt aber nicht wie spät es ist.

„Sie können auch entkoffeinierten Kaffee haben.“

Es ist also spät. Ich versuche mein Lächeln zu verstecken. „Das schaffe ich schon, ist ja erst acht Uhr.“Dann genieße ich und nehme eine Flasche des hervorragenden französischen Weißweins mit aufs Zimmer. Endlich mal kein Chardonnay, den sie in Schottland sonst überall anbieten, warum wird sich mir nie erschließen.

„Mit einem großen Glas.“ sage ich gleich, damit er Bescheid weiß. Er kommt mit einem normalen Weißweinglas zurück, nix mit langem Stil und großem Kelch aber egal. Es kommt auf den Wein an und der ist klasse.

Es war ein ausgesprochen leckeres und auch amüsantes Essen im County Hotel in Banff. Ein Besuch lohnt sich, aus vielerlei Gründen.

11 Gedanken zu “Banff-tastisch

  1. Liebe Nellie,

    quitschende Schuhe hatten wir bisher noch nie beim Essen in Schottland, aber dennoch erinnert es mich irgendwie an unser allererstes Frühstück in einem wunderschönen B&B in Schottland. Wir waren eh schon ganz begeistert von dem Ambiente des Hauses, den dicken Teppichen – ok, der im Badezimmer hat uns mehr irritiert – und den herrlichen Boxspringbetten (inzwischen haben wir auch eins und schlafen nun jede Nacht wie die Prinzessin auf der Erbse).
    Doch das Frühstück hat uns vollkommen überfordert. Da stand ein bisschen Müsli und so rum und ansonsten nur die Menü-Karte. Eine Menü-Karte zum Frühstück? War das jetzt inkludiert oder müssen wir das zusätzlich zahlen? Alles mit drin, wurde unsere Frage beantwortet. Auch der Lachs? Auch der Lachs, war die Antwort. Wir konnten es kaum glauben. Unter uns, darauf sollte man in Reiseführern besser eingehen, denn das schottische Frühstück ist eines der Dinge, in die wir uns verliebt haben. Daher buchen wir immer B&Bs und würden nie auf die Idee kommen ein Ferienhaus zu buchen. Wer würde uns dann das tolle Full Scottish Breakfast servieren, in das wir uns schon nach der ersten Nacht verliebt haben? 😉 Selbst Porridge haben wir inzwischen mehrfach probiert und auch darüber könnte man Bücher schreiben. Von Pattex-Konsistenz bis hin zu mit Sahne verfeinerten Mini-Portionen, alles gehabt und mal mehr und mal weniger lecker. Überhaupt haben wir in Schottland sehr häufig sehr gut gegessen!
    Schade, das unsere Hotels und die Route für April schon gebucht sind, sonst hätte ich mich glatt verführen lassen können, Banff auch einen Besuch abzustatten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

    LG
    Britta

    • Liebe Britta,

      in Sachen Frühstück bin ich total bei dir – großartig und man muss bis zum späten Nachmittag nichts mehr essen. Dann aber kann man immer lecker Scones folgen lassen 😉

      Aber meist bin ich vernünftig und bleibe beim Müsli zum Frühstück .

      Ich mochte Banff, es ist nicht die Nummer 1 Destination aber du bist ja auch Schottland Profi, da macht es Sinn. Wird hier noch ein paar Infos zur Region geben in den nächsten Wochen. Wohin wirst du denn als nächstes reisen?

      Liebe Grüße,

      Nellie

      • Liebe Nellie,

        jetzt läuft mir das Wasser im Mund zusammen 😦 Ein leckeres schottisches Frühstück, Nachmittags ein Scone mit Clotted Cream und Strawberry Jam und danach in einem Pub einen leckeren Steak&Ale Pie. Ich sabbere gerade 😉 Und in Schottland kann ich beim Essen nicht vernünftig sein, dafür ist es einfach zu lecker 🙂

        Nun ja, als Profi würde ich mich nicht bezeichnen, als glühende Liebhaberin eher!

        Da ich mit drei Schottland-Neulingen unterwegs bin, gibt es eine große Rundreise mit meinen persönlichen Best-of-Locations (sofern sie zeitlich machbar waren). Wir starten in Melrose mit den Border Abbeys, dann ein kleiner Abstecher zur Holy Island, schnell hoch in die Highlands über Dunrobin Castle (ich liebe die Falken-Show!) und weiter nach Ullapool und rüber nach Skye. Über Glencoe und Stirling wieder zurück. Ich bin gespannt, wie es wird und ob ich meine Begeisterung weitergeben kann. Ich bin schon so aufgeregt!

        LG
        Britta

      • Liebe Britta,
        Das klingt nach einer sehr guten Reiseroute! Würde mir auch Spaß machen.😊
        Glencoe fasziniert mich immer wieder, ich weiß nicht wie oft ich da schon durch gefahren bin und jedes Mal ist es ein Wow-Gefühl.
        Ich freu mich schon auf deine Fotos auf Instagram. 😉
        LGN

  2. zum glück, liee nellie, hab ich schon gefrühstückt, als ich dies hier las – das aktiviert also dermassen die magensäfte. ich bin wieder zugange mit der planung einer weiteren schottlandreise, schwierig sich zu entscheiden, wenn keine festpunkte bestehen. zwei wochen edinburgh sicher mal, dann wäre ich gerne dabei in arbroath bei der nächsten auob-geschichte. hältst du es für machbar, im april/mai einfach draufloszufahren und sich übernachtungen am ort zu suchen? oder ist das dann bereits unrealistisch?
    und eine weitere frage habe ich: du hast mal erwähnt, bbc scotland sei nicht so toll zum hören – ich bin nun bei den internetradios und brauche tipps, welcher sender gut ist… und welche zeitung? frag mal den mann bitte.
    herzlich dorothee

    • Liebe Dorothee,
      Planung ist auf jeden Fall gut. Der Mann würde sagen „and so German!“ aber er würde es mit einem Augenzwinkern sagen.
      April und Mai ist inzwischen auch schon viel los. Da würde ich nicht mehr einfach so drauf los fahren.
      Radio? Schwierig. Wir hören meist Planet Rock aber nur, wo es Internet gibt also nicht unterwegs. dafür reicht es nicht im Westen. Im Autoradio höre ich Radio Nan Gàidheal. Zum üben ;.-)
      Der Mann informiert sich über social media und https://www.scotsman.com
      Liebe Grüße,
      Nellie

  3. Guten Morgen liebe Nellie,

    Lieber spät als nie… aber zur Zeit geht es bei mir in der Firma drunter und drüber… Ich bin ja schon lange wieder reif für Schottland.

    Ich freue mich, dass Du aus einer – zumindest wie ich dachte – mir gut bekannten Gegend diesmal Beiträge schreibst. Es ist zwar gut sieben Jahre her, dass ich das letzte Mal dort war, aber ich habe schöne Erinnerungen daran. Aber dank deiner Beiträge lerne ich solche Plätze noch viel besser kennen, ich kann es kaum erwarten, dass endlich dein Reiseführer fertig ist. Im übrigen, wie war das mit dem Korrekturlesen? Kann man da schon mal bald damit rechnen😉?
    Landschaftlich ist es zwar nicht so aufregend wie unsere geliebten Highlands aber mir haben die kleinen Küstenörtchen gut gefallen und ich habe dreimal in dieser Gegend Urlaub gemacht.
    Auch meine kulinarischen Erlebnisse sind mir noch gut in Erinnerung😋.

    Liebe Grüße
    Andi

    • Lieber Andi,

      mir ging es ähnlich, es gab mehr zu entdecken, als ich dachte. Freu mich, das dir mein Beitrag gefallen hat.
      Ich dachte mir schon, dass bei dir beruflich viel los ist.
      Das neue Buch braucht doch länger als gedacht, wird aber auch viel umfangreicher als die ersten zwei. Ich hoffe, das ich nach dem Sommer so weit sein werde. Aber sicher ist das nicht. Es fehlen noch 8 Regionen und das erfordert auch ein paar Reisen für die ich im Sommer wohl nicht alle Zeit haben werde.
      Aber das ist ja das Schöne als Selfpublishing, es sitzt dir kein Verlag im Nacken und drängt.
      Höchstens Leser 🙂
      Mach es gut und hab noch einen schönen Sonntag.

      LG Nellie

  4. Umfangreicher … wie schön! Ich freue mich jetzt schon!

    LG
    Britta

    PS: und wir sitzen Dir nicht im Nacken, liebe Nellie. Wir sind nur so aufgeregt, das wir die Veröffentlichung kaum erwarten können 😉 Aber lass Dich uns nicht hetzen! Wir sind mit den Happen am Sonntag gut abgelenkt 😉

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