Teppich-Matrosen aus dem Fachhandel

Neulich nachts musste ich mal und machte mich auf dem Weg ins Badezimmer.

„Komisches Geräusch.“ denke ich und öffne die Tür, um Sekunden später plötzlich hellwach und völlig durchnässt vor einer großen Frage zu stehen.

„Was zum Neptun ist hier los?!“

Wir haben einen Wasserrohrbruch und das eiskalte Wasser schwappt schon in den Flur. Ich wecke den Mann, der dreht das Wasser ab, setzt sich die Kopflampe auf und sucht Werkzeug im Schuppen. Ich wische derweil eimerweise Wasser auf. Am nächsten Morgen kommt ein befreundeter Installateur und bringt uns Abklemmschrauben, die neuen Leitungen kommen tags drauf von Amazon.

Nachdem alles getrocknet ist, ist klar, der Linoleumboden muss erneuert werden. Wir fahren also am Wochenende nach Inverness zum Fachbetrieb für Bodenbeläge und finden schnell, was wir suchen. Weil ich mir nicht sicher bin, ob die Rolle in den kleinen Panda passt, frage ich vorsichtshalber nach, ob sie auch liefern?

„Klar.“ sagt der Verkäufer und stellt eine kleine Frage, die bei mir große Wirkung erzielt.

By boat?

Boote

Ich sehe ihn vor mir, den schwimmenden Teppich Händler, das stolze, weiße, Boot, das majestätisch in den Meeresarm vor unserem Haus gleitet. Die Möwen rufen und der Mann rudert hinaus durch türkisblaue Wellen und lädt kostbare Seidenteppiche und duftendes Echtholzparkett in sein Boot. Teppich-Matrosen winken mir von Deck aus zu. Ich stehe an der Mole, den Wind im Haar und die Kreditkarte in der Hand.

Ja, so muss er sein, der Teppichkauf. Ob der Kapitän zum Kassieren kommt?

Mole

No, we live on the mainland. antwortet der Mann, nichtsahnend von meinem Bootsfantasien. Nein, wir leben auf dem Festland.

Puff!

Der Traum ist futsch.

„Ah gut, das macht es billiger,“ erwidert der Teppichverkäufer, der auch nicht ahnt, was ich gerade für ein Kopfkino hatte.

Natürlich liefern die Bodenbeläge per Boot nur auf die Inseln. Zu uns käme ein schnöder Transporter. Da zwänge ich mich doch lieber neben die Linoleumrolle auf den Beifahrersitz. Wenn ich das Fenster aufmache und die Augen schließe, kann ich das Meer riechen. Immerhin!

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Vorsicht, der Mann liest meinen Blog!

Ich hatte natürlich mal wieder nicht recht!

Der Mann hat meinen letzten Blogeintrag gelesen. Nicht, dass er sonderlich viel Deutsch verstehen würde aber er hat Google Translate und damit einen genauen Einblick in mein Schreiben.

So, so, hat er diese Woche gesagt. Das Boot ist also ein Langzeitprojekt.

Was damit gemeint ist, erklärt sich aus dem letzten Post „Raus aufs Meer!“

Skye Sky 1

Den Vorwurf wollte er wohl auf seiner noch jungfräulichen Seefahrerseele nicht einfach so sitzen lassen, weshalb wir diesen Samstag schon um 7 Uhr 30 (fordere nie einen Schotten heraus, wenn du nicht unbedingt musst!) auf dem Weg nach Inverness zu Caley Marina waren, um den fehlenden Motor für das Boot zu kaufen.

Caley Marina (2)Caley Marina ist ein Laden, wo man Seemannsmützen, Rettungswesten, ganze Jachten und lauter kleine Teil kaufen kann, die irgendwo ans Boot gehören und von denen ich nie im Leben wissen werde, was sie sind oder wie sie auf Deutsch heißen.

Caley Marina (1)

 

Ich hab mir die wasserdichte Kleidung angesehen, Hose und Jacke gibt es schon für 350 Pfund. Das habe ich dann sofort als Langzeitprojekt hinten angestellt und mich zu dem Mann und dem Verkäufer namens Calum gesellt. Schließlich brauchen wir einen Aussenbordmotor.

 

Im Laden gibt es nur Yamaha-Motoren.

Hah! denke ich. Damit kenne ich mich aus!

Schließlich war mein erstes Motorrad ein Yamaha Einzylinder. Ich nicke also das Gespräch fachmännisch begleitend mit dem Kopf, begleite den Hinweis auf den Notaus mit einem noch intensiveren Nicken und versuche generell sehr bootskompetent auszusehen.

AussenbordmotorWir wollen einen 5er Motor und einen Extratank. Ich lächle locker, weil ich natürlich genau weiß, was ich in dem Bootsladen tue. Yamaha! Das ist schießlich mein Fachgebiet, der Mann hat ja keinen Motorradführerschein. Unter einem 5er Motor kann ich mir zwar nicht allzu viel vorstellen, nehme aber an, es handelt sich hier um die Größe.

Also Calum, sage ich mit dem wissenden Lächeln einer langjährigen Yamahamotorradbesiterin, können wir den Motor mal anhören?

Calum schaut mich verständlislos an und der Mann bückt sich ganz weit nach unten, um die Schraube zu überprüfen, seine Schultern zucken verdächtig.

Äh, mein Calum dann, das geht nur im Wasser.

Ach so. Na ja.

Ich überlasse die Männer ihrem Bootstalk und schaue mir ein paar Kompasse und Radare an.

Der Aussenbordmotor ist bereits geprüft und hat 5 Jahre Garantie, deshalb können wir den auch gleich mitnehmen, samt Zusatztank, Verbindungskabel und 10W 30er Bootsöl.

Dann hat mich der Mann zum Frühstück ins V8 Cafe ausgeführt, ganz in der Nähe des Hafens: Spielgelei im Brötchen für ihn, Speck im Brötchen für mich. Und natürlich ein Motor im Hintergrund.

Frühstück

Derart unprätentiös gestärkt verbringen wir den Rest unseres Ausflugs mit dem Aussenbordmotor auf dem Rücksitz und der Erkenntnis im Kopf, dass manche Langzeitprojekte schneller gehen, als man denkt und manche Experten doch weniger Ahnung haben als die Laien.

Das macht Hoffnung für die Küche!

Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

 

 

 

Raus aufs Meer!

 

Der Mann hat ein Boot gekauft.

Das Boot (7)

Das Boot (3)Das hat er mir nicht erzählt in all den vielen Skype Gesprächen, die wir hatten, während ich in Deutschland war. Stunden über Stunden reden und das verschweigen. Jetzt bin ich wieder zurück in den schottischen Highlands und das erste was ich bei meiner Ankunft sehe ist ein kleines Boot auf einem Anhänger in der Auffahrt zum Haus.

Wie können Männer ein solches Ereignis denn nur geheim halten?

Das Boot (5)Ich überlege natürlich sofort einen Namen, sehe aufregende Fahrten zu einsamen Inseln vor meinem geistigen Auge und überlege, ob wir noch Champagner für eine Taufe haben. Wie viel idyllische Bootszenen hab ich schon gesehen, seit ich ein zweites Leben in Schottland habe. Ein Traum!

Conchra Loch Long 2

Das Boot (2)Auf den zweiten Blick und mit etwas weniger Abstand betrachtet sieht das Boot dann doch eher wie ein etwas ältliches „Bootle“ aus und ich frage mich, wie viel Platz noch für ein Picknickkorb bleibt, wenn ich und der Mann in See stechen…..

Das Boot (4)Der Mann erklärt mir jedenfalls all die Extras, die er mit dem Boot und für ganz wenig Geld dazu bekommen hat: Anker, Hänger (Er besitzt kein Auto mit Anhängerkupplung aber vielleicht ist das ja  nicht so wichtig.) und Seile (Ich habe keine Ahnung, wie man diese Seemannsknoten macht, die man doch bestimmt braucht auf See). Und natürlich zwei Rettungswesten, die sich automatisch aufblasen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen.

Das Boot (6)

Dann erklärt mir der Mann, das man als erstes die Nummer der Küstenwache ins Handy programmieren soll, falls was schief geht. Dann kann man nur hoffen, das sollte was schief gehen, es in den wenigen Gegenden passiert, wo man auch Handy Empfang hat.

Ich sehe der ersten Ausfahrt mit gemischten Gefühlen entgegen und frage, wann die denn stattfinden soll.

Das Boot (1)„Ach“, sagt der Mann „wir müssen erst noch einen Außenbordmotor besorgen.“ Der war nämlich nicht mit dabei. Einen Motor zu kaufen, scheint aber ein größeres Projekt zu sein: Fahrt nach Inverness, Auswahl, Testlauf, Auswahl, Öl und Benzin wieder aus Motor lassen, dann nach Tagen verschicken….

Ich verstehe langsam. Das Boot ist ein Projekt und gehört in den Garten wie in manchen Ecken Deutschlands die Gartenzwerge. Alle haben ein Boot im Garten oder mit Glück auch vor dem Haus im Meer, fahren sieht man allerdings die wenigsten.

Applecross (35)

Und dann brauchen wir noch einen Anlegeplatz und wir müssen…..

Ich wäre ja mit der Champagnertaufe schon zufrieden, wir haben aber nur noch eine Flasche im Haus. Das reicht nicht für taufen und trinken.

Ich beschließe noch welchen zu kaufen, sollte das Bootprojekt irgendwann mal in die Motorkaufphase übergehen.

In der Zwischenzeit bleibe ich an Land und schau mir das Wasser aus der Ferne an. Erst am Wochenende haben wir Pilotwale gesehen, ein wunderbares Erlebnis. Aber ob ich die (nur mit einer sich automatisch aufblasenden Rettungsweste „bewaffnet“) neben unserem kleinen ungetauften Boot ohne Namen auftauchen sehen möchte, ist eine andere Frage.

pilot whales (11)

Wie gut, dass Projekte in den Highlands immer länger dauern, als man denkt!