Das starke Bild des Alterns: Frauen im Wandel

Die Verpackung ist höflich – der Inhalt herablassend

„Little old lady“ – das klingt erst einmal niedlich. Fast liebevoll. Aber wer genauer hinhört, merkt schnell: Dieser Ausdruck ist ein Euphemismus für das, was unsere Gesellschaft Frauen ab einem bestimmten Alter gern andichtet – sie seien klein, hilfsbedürftig, harmlos. Und vor allem: still.

Alt bedeutet nicht automatisch schwach

Ich bin noch nicht alt – aber ich höre sie schon näherkommen, diese unausgesprochenen Erwartungen. Dass ich irgendwann leiser treten soll. Dankbarer sein. Mich führen lassen. Im Zweifel sogar über die Straße. Ohne zu fragen, ob ich da überhaupt rüber will.
Aber ich bin nicht auf dem Weg zum Zebrastreifen der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit. Ich bin auf dem Weg zur vollen Sichtbarkeit – mit Helm, Haltung und meiner Harley.

Ich bereite mich nicht auf ein sanftes Altern vor

Ich übe nicht das braves Nicken beim Einkaufen. Ich plane keine Karriere im Danksagen. Ich übe Haltung. Ich übe das Nein. Ich übe das „Fahr zur Seite, ich komm jetzt durch.“
Denn alt zu werden bedeutet für mich nicht, Platz zu machen – sondern mehr Raum einzunehmen. Mit jeder Falte ein bisschen mehr.

Die Zukunft ist laut

Wenn ich älter werde – und das werde ich mit Stil – dann nicht leise und freundlich, sondern unbequem und unübersehbar. Ich werde keine „little old lady“. Ich werde eine „bold old bitch“.

Wir brauchen Frauen, die sich nicht zurücknehmen. Frauen, die klar sagen, wie sie gesehen werden wollen. Frauen, die keine Angst mehr haben, als „zu viel“ zu gelten.
Denn genau das ist es, was unsere Gesellschaft weiterbringt: Frauen, die sich nicht entschuldigen – sondern fahren.

Hochlandfrauen

NIrgendwo auf der Welt habe ich eine derartige Ansammlung aussergewöhnlicher Frauen getroffen wie hier im schottischen Hochland. Starke Frauen. Manchmal auch ein wenig seltsame Frauen. Keine wie die andere. Alle anders.  Als gäbe die wilde Weite der Natur ihnen mehr Freiheit anders zu sein, als anderswo. Vielleicht bin ich deshalb so gerne hier.

Die Frauen leben ihr Leben innerhalb der anerkannten und geschlechterspezifischen Normen, die auch hier oben gelten, vielleicht noch etwas mehr als sie das in Deutschland tun. Sie kochen, waschen, putzen und ziehen die Kinder groß. Und dennoch sind sie anders, weit entfernt vom Durchschnitt.

Was für mutige Frauen es hier gibt, erschließt sich erst nach ein paar Gesprächen.

Eine der Fauen hat hier ihr erstes Kind  zu Hause zur Welt gebracht. Nichts Aussergewöhnliches? Schon wenn man bedenkt, dass es weder Strom noch warmes Wasser gab, das Haus war (weil Eigenbau) noch im Rohbau und das nächste Krankenhaus mit Säuglingssgtation zwei Stunden entfernt.

Eine andere ist seit vielen Jahren mit einem Bauingenieur verheiratet und ihm überall hin auf der Welt gefolg: nach Saudi Arabien, in den Irak, nach Malaysia, auf die Westindischen Inseln. In den 70ern mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Ohne Sprachkenntnisse. Ohne Landeskentnisse. Welche Herausforderung muss in diesen Jahren schon allein ein Einkauf gewesen sein.

Wieder eine andere lebt mit einem dementen Mann, der sich die meiste Zeit des Tages nicht daran erinnern kann, wer sie ist. Und dennoch ist sie immer fröhlich als hätte sie unentwegt Grund zu lachen. Sie ist ein Freigeist, was in der kirchlich orientierten Dorfgemeinschaft in der sie lebt, nicht einfach sein kann. Wahrscheinlich fühlt sie sich oft allein, doch sie würde sich das niemals anmerken lassen.

Welche stille Kraft setzen diese Frauen dem Leben entgegen. Man sieht sie Traktoren und Schulbusse fahren, sich politisch engagieren, sie leiten Schulen und managen Hotels. Und natürlich ihre Familien. Sie werden alt und kämpfen darum, so lange es geht unanbhängig zu sein.

Für diese Frauen ändert der Busfahrer bei Bedarf auch mal seine Route.

Starke Frauen sind nichts Neues in den Highlands. Die keltischen Volksstämme waren in ihren Ursprüngen matriarchal. Vieleicht hat diese Land deshalb so viele starke Frauen hervorgebracht – Maria Stuart, Flora MacDonald, Nicola Sturgeon und die vielen anderen, die wohl für immer ungennant bleiben werden.