Das starke Bild des Alterns: Frauen im Wandel

Die Verpackung ist höflich – der Inhalt herablassend

„Little old lady“ – das klingt erst einmal niedlich. Fast liebevoll. Aber wer genauer hinhört, merkt schnell: Dieser Ausdruck ist ein Euphemismus für das, was unsere Gesellschaft Frauen ab einem bestimmten Alter gern andichtet – sie seien klein, hilfsbedürftig, harmlos. Und vor allem: still.

Alt bedeutet nicht automatisch schwach

Ich bin noch nicht alt – aber ich höre sie schon näherkommen, diese unausgesprochenen Erwartungen. Dass ich irgendwann leiser treten soll. Dankbarer sein. Mich führen lassen. Im Zweifel sogar über die Straße. Ohne zu fragen, ob ich da überhaupt rüber will.
Aber ich bin nicht auf dem Weg zum Zebrastreifen der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit. Ich bin auf dem Weg zur vollen Sichtbarkeit – mit Helm, Haltung und meiner Harley.

Ich bereite mich nicht auf ein sanftes Altern vor

Ich übe nicht das braves Nicken beim Einkaufen. Ich plane keine Karriere im Danksagen. Ich übe Haltung. Ich übe das Nein. Ich übe das „Fahr zur Seite, ich komm jetzt durch.“
Denn alt zu werden bedeutet für mich nicht, Platz zu machen – sondern mehr Raum einzunehmen. Mit jeder Falte ein bisschen mehr.

Die Zukunft ist laut

Wenn ich älter werde – und das werde ich mit Stil – dann nicht leise und freundlich, sondern unbequem und unübersehbar. Ich werde keine „little old lady“. Ich werde eine „bold old bitch“.

Wir brauchen Frauen, die sich nicht zurücknehmen. Frauen, die klar sagen, wie sie gesehen werden wollen. Frauen, die keine Angst mehr haben, als „zu viel“ zu gelten.
Denn genau das ist es, was unsere Gesellschaft weiterbringt: Frauen, die sich nicht entschuldigen – sondern fahren.

Frauen müssen draußen bleiben

KInloch church, Isle of LewisVieles ist auf der Insel Lewis anders als im Rest von Schottland. Die Religion spielt eine ganz andere Rolle, selbst die kleinsten Orte haben oft mehr als nur eine Kirche und die jeweils Parkplätze die Ausmaße eines Vergnügungsparks. Nur nicht ganz so lustig.

Sonntags geht man in die Kirche, die Männer im Anzug, die Frauen mit Hut. Sonntags arbeitet man nichts und sonntags lebt man nicht. Legendär sind die angekettete Kinderschaukeln und die Bed&Breakfasts, die am Tag des Herrn kein Essen servieren. Und ja, sonntags haben (Bis auf eines) auch die Restaurants in Stornoway, der Hauptstadt der Insel, geschlossen. Seit der Aufspaltung der Kirche im 19. Jahrhundert haben sich die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen hier etabliert. Die Free Church of Scotland ist in ihrer Ausrichtung sicher die extremste der protestantischen Glaubensgemeinschaften.

Moor auf der Insel LewisWenn sonntags deren gälische Gesänge über die Weiden wehen, dann klingt das seltsam beeindruckend und magisch, fast schon ein wenig orientalisch. Dazu die oft öde Landschaft und die meist grauen Häuser aus Fertigbeton – Lebenslust klingt definitiv anders. Lewis gibt es nicht ohne Religion und Regeln. Und dennoch ist derelict house diese Insel es wert, dass man sich näher mit ihr auseinandersetzt, denn die baumlose Landschaft hat atemberaubende Strände und selbst die strenge Religiosität hat durchaus ihre unterhaltsamen Ausnahmen.

Dalmore Beach

So berichtete Martin Martin in seinem Buch über die Äußeren Hebriden im Jahr 1703 darüber, wie die Gläubigen bereits beim Anblick der Kirche niederknieten und das Vaterunser beteten. Aber die Einwohner der Insel hatten auch ihre uralten Bräuche, mit denen sie den Meeresgott Shony (Seonaidh) anbeteten. So kamen alle Männer an Allerheiligen in der Kirche St.  Mulvay in Ness zusammen. Die Männer hatten alle Bier als Proviant dabei. Dann wählten sie einen aus ihrer Mitte, der in der Nacht mit dem Bier in der Hand ins Meer hinaus ging und festen Schrittes und mit starker Stimme nach dem Meeresgott Shony rief. Das aber bevor er was getrunken hatte.

Ich gebe dir diesen Bierkrug in der Hoffnung, dass du die Güte hast uns reich mit Meeresgaben zu beschenken, damit wir im kommenden Jahr unsere Felder reichlich düngen können.

dark sea and skies

Seetang wurde und wird in Schottland zum Düngen der Felder verwendet. Er war für die Landwirtschaft und das Überleben immanent wichtig. Dann wurde der Bierkrug ins Wasser geworfen und der Mann kehrte an Land zurück. Alle gingen zurück in die Kirche, wo eine Kerze auf dem Altar brannte. Und so standen sie still für eine gewisse Zeit, dann wurde die Kerze ausgeblasen. Man ging hinaus auf die Felder, es wurde gefeiert, getanzt und das restliche Bier getrunken. Der Brauch wurde von der Kirche nicht gern gesehen und Pastor Donald Morrison aus Barvas beendete ihn schließlich. Der Brauch aber blieb in andere Form erhalten. Die Menschen pilgerten im Frühjahr (16. Mai) zum Ende der Landzunge und baten den Heiligen Brendan um einen starken Wind, der den wichtigen Tang an Land spülen sollte. Ohne Bier selbstverständlich.

farbenfroher Seetang Sandstrand Muster

Lewis ist arm an guter Erde, sie ist entweder zu alkalisch oder nicht vorhanden. Die Friedhöfe finden sich häufig direkt neben den schönsten Stränden der Insel und die Toten werden auch im Sand begraben. Die Beerdigungen auf Lewis unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten von denen auf dem schottischen Festland.

Früher war eine Beerdigung hier ein großes Ereignis, an dem viele Menschen teilnahmen. Die Traditionen wurden sorgfältig gepflegt.

Bragar Cemetery

In den entlegeneren Siedlungen wurden Jungen herumgeschickt, um anderen mitzuteilen, wann die Beerdigung stattfinden würde. Das waren die Tage vor Internet oder Telefon. Die Jungen, die die Nachricht verbreiteten, verdienten sich so ein paar Pence. In den Städten brachten die Bestatter Zettel in den Schaufenstern an, auf denen Name, Adresse und alle wichtigen Einzelheiten der Beerdigung angegeben waren, einschließlich der Frage, ob Blumen erwünscht waren oder nicht.

Ganz früher wurde ein Horn geblasen, wenn jemand starb. Alle Dorfbewohner hörten auf zu arbeiten, bis die Beerdigung vorbei war. Im Haus des Verstorbenen wurden alle Vorhänge zugezogen, die Leiche auf das Bett gelegt. Besucher kamen und berührten die Stirn des Toten. Am Tag der Beerdigung fand der Gottesdienst im Haus statt. Weitere Trauernde versammelten sich draußen und nahmen am Trauerzug teil, als die Männer herauskamen.

Frauen spielten bei der Beerdigung keine Rolle; im Gegenteil, sie waren nicht zugelassen. Sie blieben mit den Kindern im Haus bleiben und kochten. Aber sie sollten länger trauern als Männer. Eine Witwe sollte für den Rest ihres Lebens schwarz tragen, während ein Witwer lediglich ein Jahr lang eine schwarze Armbinde und eine schwarze Krawatte trug. Dann war er frei zu tagen, was er wollte. Die Männer des Clans Macaulay gingen sogar noch weiter, sie erlaubten den Frauen nicht einmal, auf demselben Friedhof wie sie begraben zu werden. Die Herren der Schöpfung betrachteten ihre Grabstätte als heilig und privat und bestanden darauf, dass ihre Frauen auf dem Valtos-Friedhof begraben würden.