Chips und das Leben

Ausflüge mit dem Mann sind immer ein kleines bis mittleres Abenteuer, kein Wunder, schließlich ist Schottland immer für eine Überraschung gut. Selbst so ganz unscheinbarer Schatz-ich-muss-für-eine-Schulung-nach-Inverness Trip kann lustiger werden, als es zunächst klingt. Inverness? Da denkt man sich ja nichts außer prima, der Mann ist für vier Stunden beschäftigt und ich kann das „Großstadtleben“ (Inverness hat weniger Einwohner als Baden-Baden ist aber dennoch die Hauptstadt der Highlands) genießen.

Natürlich begleite ich ihn. Dumm nur, dass er bereits um 8 Uhr dort sein muss. Wir fahren also um 6 Uhr los und schweigen in der frühmorgendlichen Findungsphase zu geistigem Bewusstsein gemeinsam so vor uns hin.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Es ist mitten im Winter und deshalb noch ziemlich dunkel, als der Mann mich kurz vor 8 in der Nähe der Fußgängerbrücke (auch shouglie bridge  genannt) zur Innenstadt aus dem Auto lässt und weiterfährt. Ich habe den Rucksack mit der Fotoausrüstung dabei und mache mich über die Wackelbrücke auf zur Old High Church, wo sie den nach der Schlacht von Culloden (1746) gefangen genommenen Schotten in der Kirche den Prozess machten und sie direkt im Anschluss auf dem Friedhof erschossen. Sehr, sehr traurig und mindestens ebenso gruselig, es ist nämlich noch immer nicht hell und ich schlendere durch den blauen Morgendunst zwischen den die Gräber und denke an vergangene Schlachten, die Schotten und England.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Jede Menge Geschichte und ich hab‘ noch nicht mal gefrühstückt. Also auf zu Costa’s da gibt es leckeren Kaffee und Toasties, mir ist nach was Warmem, was mit Käse. Comfort food nennt man das hier, Essen fürs wohlige Gefühl in Magen und Seele. Da ist definitiv was dran.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNach einem riesigen Latte Macchiato und einem Käsetoast mit Tomaten ist mir sehr wohlig und ich genieße es Zeit zu haben. Draußen vor der Tür dudelt Dudelsackmusik (kommt da das Wort dudeln her ???) aus den alten Lautsprechern vor dem Touriladen, der mit allerlei Krimskrams, Flaggen, Hochlandkühen als Plüschtier oder Kühlschrankmagnet, Tassen und Nessies in jeglicher Form Schottlandambiente verbreitet.

Die Einheimischen hasten vor dem Fenster vorbei zur Arbeit. Eine sehr magere Frau Anfang sechzig sitzt mit einer dünnen Lederjacke und einer Zigarette draußen im Nieselregen. Sie sieht nicht sonderlich wohlig aus. Aber sie hatte ja auch keinen Käsetoast.

Der Nieselregen scheint nicht mehr aufhören zu wollen, also beschließe ich mich drinnen zu vergnügen. Das Eastgate Center ist das Einkaufszentrum gleich um die Ecke: Schuhläden, Klamotten, Bücher, alles, was frau so braucht. Und einen Schuhmann, der hier witzigerweise nicht Mister Minit heißt. Wieso auch, in Schottland hat man mehr Zeit als nur eine schnöde Minute, auch für den Gummiabsatz, der bis eben noch auf meinen Nietenboots klebte. Billige Schuhe wirklich aber ich mag sie und hätte den Absatz gerne wieder drauf, das nasse Grass auf dem Friedhof muss wohl den Kleber gelöst haben.

„Haben sie Zeit?“ fragt der Schuhmann.

„Selbstverständlich!“ sage ich mit einem Ausrufezeichen. Ich bin ja in Schottland.

Er klebt den Absatz wieder auf und nagelt das Gummi zur Sicherheit zusätzlich. Auf beiden Schuhen. Friedhofssicher sozusagen. Ich sitze auf dem Hocker und baumle mit den Beinen. Mütter zerren ihre quengelnden Kinder vorbei, eine Gruppe jugendlicher Schulschwänzer schert sich nicht um die Sicherheitskameras und fährt Skateboard auf den Gängen. Ich hege Sympathie für diese altmodische Form der Insubordination.

Meine Schuhe sind fertig. Beide Absätze gemacht.

„Zwei Pfund.“ sagt der Schuhmann.

Ich weiß nicht, ob man in Deutschland beim Schuhmann irgendwas für zwei Euro bekommt. Ein Loch im Gürtel vielleicht.

Frisch beschwingt mit neuem Absatz gehe ich ins Schuhgeschäft (ja, diese Schuhe brauche ich), zu H&M (diese Pullover brauche ich nicht wirklich es ist sale und soo bilig) und stöbere im Waterstones’s nach neuem Lesestoff und prüfe, ob sie vielleicht eines meiner Bücher im Regal haben. Leider nicht. Vielleicht sollte ich danach fragen? Ich traue mich aber nicht. Werbung in eigener Angelegenheit zu machen ist mir peinlich.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNoch eineinhalb Stunden, bis der Mann mit seiner Schulung fertig ist. Also gehe ich nochmal auf den Friedhof, um noch ein paar Bilder bei Tag zu machen. Es ist noch immer trübe und regnerisch aber die Sonne ist zumindest aufgegangen. Hat außer mir schon mal jemand versucht, mit einer Schuhtüte, einer großen H&M Tüte und einer Tüte Bücher auf einem Friedhof zu fotografieren?

Nein? Kann es nicht empfehlen!

Der Mann hat nun die Schulung hinter sich gebracht. Wollen wir noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir wieder zurückfahren? Jetzt wo wir in der Zivilisation sind. Vielleicht im nächsten Pub?

Der Mann lässt sich überreden und steuert das Hootananny an, da gibt es Livemusik. Ich glaube der Mann hat da früher selbst gespielt. Gute Idee denke ich, man hört die Musik bis draußen auf die Straße. Der Laden ist voll und wir müssen an der Bar eine Weile warten, bis wir bedient werden. Essen gibt es hier nicht. Die Drei-Mann-Band ist laut, die Stimmung gut, der Gitarrist fängt an mit einer jungen Frau zu tanzen. Dass er aufgehört hat zu spielen ändert nichts am Sound, stelle ich erstaunt fest. Mit kindlicher Freude schwingt der Mann abwechselnd Gitarre und Tanzbein. Ich glaube, der war nur der Playback Künstler und hat sich mit jeder Menge Enthusiasmus in die Band geschlichen. Neben mir murmelt ein Mann Unverständliches in den Kragen seines Hawaiihemds, hinter ihm haben drei weitere Gäste ihre Rollatoren perfekt in Reihe geparkt, vor mir lächelt eine Mittachzigerin beseelt vor sich hin. Sie scheint allerdings nicht viel um sich herum wahr zu nehmen. Ich schaue mich genauer um, während der Mann bestellt.

Zwischen den vielen Menschen jenseits der 70 entdecke ich Begleitpersonal – das Altersheim hat wohl Ausflug. Der Mann hat mich ins Seniorenpub ausgeführt. Das dämmert ihm auch allmählich und er sieht mich etwas hilflos an mit seiner Cola. Ich trinke mein Pint und finde alles sehr lustig. Den Senioren geht es nicht anders. Partylunch.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

Essen holen wir uns auf die Hand bevor wir aus Inverness rausfahren. Der Mann eine Blätterteigtasche mit einer Wurst drin, „frisch“ aus dem Dauerheizfach des kleinen Supermarkts. Bäh! Ich gehen zum Chippie nebenan und bestelle eine kleine Portion Pommes halb roh mit billigem Malzessig und viel Salz. Und während ich auf meine chips warte, denke ich über das Leben nach und die faszinierende Fähigkeit der Schotten, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Hier sagt man he‘s had his chips wenn jemand sein Lebensende erreicht hat. Das geht auch im Neutrum als it’s had its chips wenn die Waschmaschine irreparabel kaputt ist. Ob Mann oder Maschine, seine Pommes gehabt zu haben heißt es ist vorbei.

Wie schön denke ich, dass die Seniorenresidenzler ihre Pommes noch mit voller Partylaune genießen.

 

Italienische Reise Teil 3

Essen, trinken, Schuhe

Der Mann wird am frühen Morgen gleich aus seiner Komfortzone gerissen: er ist warmes Frühstück gewohnt. Ein kaltes lässt ihn irgendwie unbefriedigt zurück. Liegt wohl am schottischen Wetter, da ist man meist froh über ein wenig Wärme im Magen. Mehr als warmen Kaffee bekommt man in Italien aber meist nicht zu Frühstück, mit biscotti und brioche kann man den Mann nicht locken aber wir entdecken einen modernen Bagel Laden gleich gegenüber von unserem Apartment – die toasten ihre Bagel und machen den Mann glücklich. Ich nehme das Joghurt mit Früchten, kühle Leichtigkeit in der italienischen Wärme und wir sind beide voll auf zufrieden mit dem Start in den Tag.

Generell scheint es mir so, als sei der Schotte an sich sehr viel mehr in seinem Schottischein verwurzelt als ich es in meinem Deutschsein bin. Ich genieße es anders zu sein, wenn ich anderswo bin, während der Mann anderswo versucht das zu finden, was er kennt. Die Lust auf Neues und Unbekanntes scheint dem Germanen näher als dem Highlander. Der ist immer vor alle eins – schottisch.

Wir genießen das Leben und die drei essenziellen Dinge im Leben: essen, trinken, Schuhe. Also irgendwie alles, was Italien tief im Innersten so ausmacht für uns Deutsche. Zumindest für mich.

Und nein, wer glaubt der Mann habe mit all dem nichts zu tun, der irrt in fataler Weise. Der Mann isst und trinkt auch sehr gerne. Mit Schuhen hat er es gemeinhin nicht so. Ich war schon erleichtert, dass er die Gummistiefel nicht eingepackt hat, die er zu Hause in den Highlands eigentlich immer trägt, wenn er aus der Tür tritt und nicht zur Arbeit geht. Die Notwendigkeit eines neuen Paars Schuhe ist für ihn generell nicht so offensichtlich wie für mich. Aber irgendwie ist das in den Highlands mit modischen Schuhwerk auch ziemlich schwierig. Da ist man in der Tat mit Hausschuhen, Wanderschuhen und Gummistiefeln einigermaßen gut und ausreichend ausgerüstet.

Und Italien? Hallo! Das geht nur mit neuen Schuhen.

Markt in Turin

Aber das darf man dem Mann nicht so einfach aufzwingen und vor allem darf man ihn nicht in schicke Schuhläden schleppen, da beharrt er dann trotzig auf seinen Gummistiefeln und nichts ist erreicht. Wie viel besser ist das das lässig beiläufige Schlendern über einen der vielen Märkte. Ich bin gefangen, kaufe Halstücher und finde einen Schuhstand, an dem ich gleich drei Paar Schuhe (eigentlich sind es vier aber ein Paar ist für meine Schwester) erstehe. Für schlankes Geld.

Der Mann ist angetan von meinem Sparsinn, wenn auch etwas amüsiert über die Menge, in der gespart wird. Er lässt sich treiben und probiert tatsächlich ein paar Schuhe an einem Stand mit Männerschuhkartons an. Der Verkäufer und ich schieben ihm in einer gemeinsamen Anstrengung diverse Exemplare zu und Mann probiert sie sogar an.

„Aber die sind grau, die kann ich zu Hause nicht tragen.“ sagt er.

Wieso kann man in Schottland keine grauen Schuhe tragen, wenn man unentwegt graue Hosen trägt? Modefragen sind, wenn sie denn mal auftauchen, gerne komplexer in den Highlands.

Diese Einschränkung scheint mir nicht schlüssig und nach einigem hin und her hat auch der Mann Schuhe, Halstücher für die Schwester und allerlei andere Dinge, die der Markt so bietet erstanden. Als wir am Ende der Gasse angelangt sind, ist uns das Bargeld ausgegangen.

Zeit, etwas zu trinken und die vielen Tüten um uns zu drapieren. Der Mann nennt mich Imelda, aber das ignoriere ich tunlichst und betrachte unauffällig meine Schuhe.

Bier und Eiskaffee TurinIch nehme ein Bier, er am Ende seiner Kräfte und deshalb mit erhöhtem Zuckerbedarf, einen Turiner Eiskaffee. Wir sind beide höchst zufrieden, wie wir da im Schatten der Arkaden sitzen und uns erholen.

Wer hätte gedacht, dass man mit dem Highlander shoppen gehen kann!

Am Abend steht der Mann beim Essen wieder vor dem nächsten Abenteuer.

In Italien wird nicht frittiert, hier legenen sie grüne Dinge auf die Teller und servieren Nudeln. Alles Dinge, die dem Mann höchst suspekt erscheinen. Und dann isst man auch noch im Freien, da würde man in Schottland, mal ganz abgesehen von den Temperaturen, selbst zum Abendessen. Wegen der Millionen midges, die sich gerne ins Fleisch beißen. In Bella Italia aber ist es angenehm lau, man kann mit einem Halstuch auch im Oktober noch wunderbar al fresco dinieren.

Turin at nightEs gibt vongole und für Meeresfrüchte ist der Mann immer zu haben. Er lässt sich sogar breitschlagen, die mit Spaghetti zu bestellen. Die sind aber so al dente, dass er sie höflich im Teller zurücklässt. Wir sitzen auf einem lauschigen piazza und schwelgen in schwarzen Trüffeln und Risotto und genießen den Wein aus dem Piemont. Herrlich!

Bis im Haus nebenan eine dicke Signora auf den winzigen Balkon tritt und altes, offensichtlich eingeweichtes Brot mit einem lauten platsch! auf dem Platz wirft. Kennt man aus dem Mittelalter, ist aber in der Neuzeit vor allem neben Restaurant eher nicht üblich. Die Dame verschwindet wieder und lässt mich ratlos zurück.

Jetzt könnte man Gummistiefel brauchen meint der Mann.

Ich schweige. Weise.

 

Demnächst: Arrivederci Italia