Seit über zwanzig Jahren lebe ich vom gesprochenen Wort. Ich schreibe fürs Hören – für Radio und Fernsehen. Für Formate, in denen das Timing wichtiger ist als das Komma. Wo der Klang zählt, nicht die Orthografie. Wo aus einem schnell hingeworfenen Satz ein lebendiges Gespräch wird. Und wo ein fehlendes Wort niemanden stört, solange der Tonfall stimmt.
Das gesprochene Wort ist mein Zuhause. Es ist spontan, lebendig und flexibel. Fehler? Geschenkt. Improvisation? Alltag.
Schreiben mit dem Rotstift im Nacken
Wenn ich heute an meinen Büchern arbeite, merke ich, wie sehr sich das unterscheidet. Plötzlich zählt jedes Zeichen. Plötzlich kann ich nicht mehr einfach „drüber weg sprechen“. Das geschriebene Wort ist nicht kulant. Es bleibt da – schwarz auf weiß – und schaut mich an, als wollte es sagen: „Du kannst das besser.“
Und ich? Ich fluche, feile, verwerfe. Ich lese laut. Ich schleife. Ich beginne von vorn.
Ohne Testleser wäre ich verloren
Was mich rettet? Meine Testleserinnen und Testleser. Ohne sie würde ich mich heillos verirren im Dickicht der Buchstaben. Sie sind mein Korrektiv. Mein Resonanzraum. Mein „Stopp, das geht so nicht!“. Sie holen das Beste aus mir heraus – und aus meinen Texten.
Die leise Kraft des geschriebenen Wortes
Und je länger ich mich auf diesen Prozess einlasse, desto mehr wächst mein Respekt. Das geschriebene Wort ist nicht einfach nur „nicht gesprochen“. Es ist etwas Eigenes. Es verlangt Hingabe – aber es schenkt auch etwas: Tiefe. Dauer. Präsenz.
Vielleicht sind wir noch keine alten Freundinnen, das geschriebene Wort und ich. Aber wir nähern uns an. Tag für Tag. Buchstabe für Buchstabe.
Vor dem Korrektorat kommt das Lektorat und ich kann mich glücklich schätzen, Freundinnen zu haben, die gerne für mich testlesen. Für den Krimi hatte ich vier Frauen gefragt, ob sie nicht Zeit und Lust hätten, mein Manuskript zu lesen – ein Lektorat im Zehn-Augen-Prinzip.
Von ihnen erhoffte ich mir wertvollen Input zu Details wie: Sind die Charaktere stimmig? Ist es zu viel oder zu wenig Lokalkolorit? Wie überzeugend ist die Handlung? Ist es spannend?
Und, und, und.
Ich hatte viele Fragen, unter anderem auch: Kann ich überhaupt Krimis schreiben?
Schreibhüttenblick
Lehrerin, Leserin, Schulfreundin und Kollegin
Also ging das Manuskript an eine Leherin für Deutsch und Geschichte. Eine echte Fachfrau also, allerdings nicht gerade eine leidenschaftliche Krimileserin. Sie ist mehr in der großen Literatur zu Hause. Von ihr erhofte ich mir stilistischen Input, Hinweise auf sprachliche Mängel, Kritik an Struktur und Plot.
Die zweite ist nicht nur eine leidenschaftliche Leserin, sondern auch eine, die Krimis mag und meiner Einschätzung nach exakt die Zielgruppe darstellt. Da war mir vor allem wichtig, was bei ihr gut ankam und was sie weniger mochte in einem Krimi, also wie viel Blut, wie viel Emotion, mehr Sex oder lieber Land und Leute.
Die dritte Testleserin ist eine Schulfreundin, mit der ich gemeinsam Leistungskurse in Englisch und Deutsch besucht und in den Pausen Backgammon gespielt hatte. Letzteres ohne Einfluss auf meine literarischen Bemühungen, ersteres schon. Sie war nach dem Abitur in Richtung Kunstgeschichte und Design gegangen und konnte mir auch zum Cover gute Tipps geben.
Und dann war das noch die Kollegin, wie ich Journalistin, die als Mutter zweier Kinder ein ganz anders Leben führt als ich und mit der ich doch so viel gemeinsam habe. Unter anderem die Liebe zum Motorrad. Sie korrigiert täglich Texte, schnell, mit Übersicht und klugen Anmerkungen.
Bester Schreibplatz der Welt
Lektorat geteilt durch vier
Jede hatte ihre eigenen Schwerpunkte und Stärken und das würde mir helfen. Sie alle hatten von mir einen Monat Zeit bekommen, das Manuskript zu lesen. Mit dem Feedback würde ich in die erste Überarbeitung des Manuskripts gehen. Und wow, was für ein Feedback!
Jede der vier hatte eine ganz eigene Sicht der Dinge und alles war wertvoll: Es gab Hinweise zu Wortwiederholungen, Metaphern, Anschlussfehlern, charakterlichen Eigenheiten, Kulinarischem … Die Liste war lang und jeder waren ganz andere Dinge aufgefallen. Ich hatte jede Menge Punkte, die ich überarbeiten wollte und musste.
Und dann war da noch das große Fragezeichen: die Zeit. Ich hatte den ursprünglichen ersten Ertwurf im Präteritum geschrieben. Als ich dann das Manuskript wieder aufgenommen hatte, hatte ich alles ins Präsens umgeschrieben. Ich fand, damit wurde die Geschichte authentischer und die Spannung größer, weil es ja jetzt geschieht. Und doch waren sich alle einig – im Präteritum lässt es sich leichter lesen. Es störte nicht alle, aber das Präsens gefiel keiner.
Mist!
Aber die schönste Erkenntnis – das Buch hatte allen gefallen.
Puh!
Was tun mit den Hinweisen aus dem Lektorat?
Das komplette Manuskript in eine neue Zeit zu setzen ist eine Wahnsinnsarbeit. Aber wenn es die vier lieber mögen? Dann muss ich da wohl durch. Vielleicht hängt man als Journalistin zu sehr in der Sprache der aktuellen Berichtersttattung und schätzt es nicht richtig ein, wie es sich für andere anfühlt. Schließlich müssen sich meine Leser mit dem Buch wohlfühlen.
Acht Augen hatten entschieden und die letzten zwei, meine, gaben nach. Aus dem Präsens wurde das erzählerische Präteritum.
Und im Buch liest sich das dann so:
Ein Mann kam um die Ecke, nicht sonderlich groß, aber sehr kräftig, das Gesicht voller Ecken und Kanten. Der Kopf steckte in einer ausgeblichenen Wollmütze, die Füße in dreckigen Gummistiefeln, der Rest in Militärhosen und einem karierten Holzfäller-Fleece in der Farbe der Gummistiefel: grün und braun. Die waren das Einzige, das keine Löcher zu haben schien. Er roch nach Schweiß und Kuhscheiße und sein „WAS“ hatte ein Ausrufezeichen, kein Fragezeichen gehabt.