Der Fischmann

Es war kurz vor sieben und ich war ein klein wenig nervös. Wir warteten auf den Fischmann. Es war unser erstes Mal.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, in Riech- und Sichtweite vom Meer zu leben und seinen Fisch zu kaufen. Ironie und einen Hauch von Versagertum. Der ich-esse-was-ich-gefangen-habe-Gedanke ist immer noch sehr ausgeprägt in den Highlands. Ich esse, was ich gekauft habe, was eher die dürre Touristenausrede ist. Naja, wir haben kein Boot und zum Angeln fehlt mir jegliche Geduld und Mordlust. Das ist meine Ausrede. Die Angelrute im Gästezimmer ignoriere ich geflissentlich seit Jahren.

Eine der Nachbarinnen riet mir letzte Woche zu John, dem Fischmann. Der fährt Mittwochs mit einem kleinen Transporter am Loch entlang und verkauft Fisch. Nicht billig aber sehr frisch und sehr nett. Nur letztere Auskunft bezog sich auf John, die ersten beiden Attribute betrafen seinen Fisch. Er fängt ihn nicht selbst, war die weiterführende Information. Aber er kauft ihn frisch im nächsten größeren Hafen.

Ich frage mich, ob John ein Einheimischer ist.

Die Nachbarin war so nett und bat ihn auch bei uns vorbei zu schauen, als er am Mittwoch bei ihr vorbei kam. John, der Fischmann, hält nur, wenn man ihn vorher anruft. Er  hatte sich für sieben Uhr abends bei der Nachbarin angekündigt. Bis zu uns sind es nochmal gute 3 Kilometer.

Wenn er ein Einheimischer ist, dann wird es frühestens halb neun bei uns auftauchen. 20:30 Uhr ist 19 Uhr „Highland time“. So ungefähr. Das rechne ich noch als ich die Lichter am Ende unserer stockdunklen Auffahrt sehe. Das muß er sein, zwei Minuten vor 19 Uhr. Er kann kein Einheimischer sein.

John, der Fischmann, ist Engländer, mittelgroß mit braunem Wuschelbart und sanften Augen. Er führt uns zu seinem Wagen und ich habe die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Lachs und monkfish, ohne zu wissen, was das ist. Mein Fischvokabular ist nicht sonderlich ausgeprägt.

John, der Fischmann, weiß das deutsche Wort auch nicht. Er kann nur Kabeljau, das ist cod. Ich kaufe den monkfisch und frage, wie ich John erreichen kann, wenn ich nächste Woche wieder Fisch will. Er reißt ein Fetzen von einem Karton ab und schreibt seine Nummer auf – Business Karton. Dann verschwindet er in der Dunkelheit.

Der Fisch ist herrlich frisch. Ich brate die Medaillons kurz und scharf an, serviere sie auf einer Tomaten, Knoblauch und Ingwersauce und reiche Kräuterbrot dazu. Fantastisch.

Natürlich habe ich monkfish gegoogelt. Das erste was ich gefunden habe war ein Video, in dem ein gruseliger Fisch einen Taucher angreift. Ich fühle mich so viel sicherer bei John, dem Fischmann, der mir den Seeteufel filetiert und auf Eis an die Haustür bringt.

 

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