Fenstersimszoo

Wir werden von einem Werwolf heimgesucht. Jeden Abend, Vollmond oder Neumond. Irgendwie unheimlich. Jeden Abend pünktlich um sechs ist er da, draußen in der Dunkelheit, im Regen, im Sturm und wartet, lauert, still und geduldig, macht kein Geräusch. Ich weiß, daß er da ist und er weiß, daß ich da bin.

Ich nähere mich vorsichtig dem Küchenfenster und starre in die Dunkelheit. Da sind sie, zwei grüne Augen glitzern aus der Schwärze – Wolfie. Zeit, zum fressen und der kleine Kopf mit den zotteligen langen Haaren kommt dem Fenster erwartungsvoll näher und näher.

Ich öffne das untere Fenster ein wenig und lege ein Stück rohen Fisch auf das Fenstersims. Dann schließe ich das Fenster und sehe zu, wie Wolfie ganz vorsichtig den Fisch schnappt und die Dachstreppe hinunterschleicht.

Wolfie ist eine sehr scheue wilde Katze, der letzte Neuzugang im Fenstersimszoo. Wir nennen sie Wolfie, weil sie das zottelige Aussehen eines Werwolfs hat. Wolfie weiß genau, wann ich koche und schaut dann vorbei. Wolfie mag Käse, Fisch und Fleisch, inzwischen sogar Trockenfutter. Ich rede Deutsch mit ihr, denn Wolfie ist sehr schlau. Vor dem Mann hat sie ein wenig Angst aber der kann ja auch nur wenig Deutsch.

Es hat ganz harmlos angefangen, mit ein wenig Haferflocken für die Vögel am Morgen, dann kamen Nüsse dazu, dann Rosinen und nun schauen von der Amsel über sämtliche Finken, Spatzen, Rotkehlchen und Krähen nun sogar Möwen vorbei. Ich kaufe Bircher Müsli für die Vögel und gebe täglich frisch gebackenes Brot aus. Ja, man wird sonderlich mit einem Fenstersimszoo.

A propos sonderlich.

Der Mann hat insgesamt 4 Außenkameras installiert. Die kann man über eine kleine Schalteinheit im Wechsel auf den Fenseher geben. Ja, damit kann man auch nachts den Garten überwachen, weil die Kameras überraschend lichtempfindlich sind. Vor allem kann man das Küchenfenstersims überwachen. Wenn man will 24 Stunden lang…..

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Wir füttern auch den Marder, da kommt fast jedes Jahr ein neuer, wahrscheinlich immer der letzte Wurf. Wir nennen sie nach dem Alphabet, haben mit Agnes angefangen und sind nun bei Dougie. Wir denken es ist ein Junge, so wie der frisst. Dougie ist auch sehr scheu, frisst Fleisch aber kein Trockenfutter und Dougie liebt Schokolade. Wenn er ganz viel Hunger hat, frisst er auch Brot. Dougie versteht kein Deutsch.

Eines Abends, wir saßen gemütlich auf der Wohnzimmercouch und schauten Fenstersimskamera, da kam etwas dunkles und schwerfälliges Großes den Kiesweg entlang zum Fenstersims. Ein Dachs! Er roch und schnüffelte, reckte die spitze Nase in die Luft. Das Fenstersims war voller Essensreste und Mister Badger hatte ganz offensichtlich Hunger. Nur ist Mister Badger nicht so gelenkig wie Wolfie oder Dougie oder hat gar Flügel. Er ist allerdings überraschend sportlich, denn Mister Badger versuchte es mit Klimmzügen, um an das Futter zu kommen. Es mißlang und irgendwann trottete Mister Badger hungrig von dannen.20140131_143525[1]

Ich sage dem Mann, das er etwas tun muß. Ich dulde keinen Darwinismus im Garten und bei mir bekommt jeder zu fressen. Der Mann zieht seine Gummistiefel an und beginnt Steine zu schleppen. 20140131_143602Er baut eine Dachstreppe, die Mister Badger inzwischen sehr gerne nutzt, denn dank der Treppe kommt der dicke Dachs nun auch ans Fensterbrett. Mister Badger frisst alles und versteht Deutsch, denn wenn ich Abendessen rufe, dann kommt er meist bald vorbei. Das direkte Gespräch scheut er allerdings, ich schätze weil er einfach ein alter Eigenbrötler ist.

Tolle Sache, so ein Fenstersimszoo. Egal wieviel oder was ich am Abend aufs Fenstersims lege, am nächten Morgen ist es weg. Sogar Melone, Radieschen und Krautwickel aus der Dose. Dann gieße ich einen Wasserkessel kochendes Wasser über den Stein und serviere Frühstück für alle, die zum fressen an unserem Fenstersims vorbei schauen.

Eilean Donan

Ich hoffe nur, dass die Pläne den Wolf in Schottland wieder heimisch zu machen nicht verwirklicht werden. Echte Wölfe haben bei uns Fenstersimsverbot, wir füttern höchstens kleine Möchtergernwölfe wie Wolfie.

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???

Kalender

Kürzlich habe ich im Drogeriemarkt einen Kalender gekauft. Das ist eigentlich nicht weiter berichtenswert, definitiv aber betrachtenswert.

Der Kalenderkauf ist eine im Prinzip völlig unnötige Aktion, denn ich habe ja schon einen. Grundschüler haben ihn gestaltet, sehr süß.

Dennoch, ich will diesen anderen Kalender unbedingt. Ich recherchiere, wo man ihn erwerben kann. Er wird an sämtlichen Tankstellen der Region und in der Drogerie in nächst größeren Ort, der etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt, verkauft.

Wildziegen Das klingt ungefährlicher, als es ist im Winter. Ich muss nämlich erst einer haarigen Horde Wildziegen ausweichen, die sich zum Lunch im Ort zusammen gerottet haben. Es gibt wohl nicht mehr viel zu fressen oben in den Bergen. Und in dem kleinen Fiat Panda fühlt man sich nicht ganz so unüberwindlich, wie man es zur eigenen Beruhigung gerne möchte.

Ich überstehe den Moment unverletzt und mit der Souveränität eines afrikanischen Wildhüters mit jahrzehntelanger Safarierfahrung und mache mich auf den Weg zu meinem Kalender.

Ein Stapel liegt direkt an der Kasse aus, im Sonderangebot, 50% Rabatt. Das kann doch nur an der Tatsache liegen, daß der Januar fast schon zu Ende ist. Oder sollte etwa der Kalender nicht den gewünschten Absatz gefunden haben?

Ich kann es mir nicht vorstellen, denn was die „Spielerfrauen“ des Shinty Clubs Kinlochshiel da aus der Handtasche gezaubert haben, ist allererste Liga!

Kinlochshiel Shinty Club (1)

Netterweise bakommt man in der Drogerie mit dem Kalender auch einen neutalen, weißen Umschlag, in den er gesteckt wird.  Ganz unauffällig.

Ich fahre stolz mit meinem Sonderangebotsschnäppchen nach Hause, wo der Mann nicht gerade begeistert ist von der Idee, den Kalender in die Küche zu hängen.

Naja, er mag eher Fußball.

Montag, Dienstag, Mittwoch…. Diardaoin, Diahaoine, Disathairne

Ich wusste ja, daß es nicht einfach werden würde aber so schwer hab ich es mir nun doch nicht vorgestellt: als wäre ich mit unheilbarer babylonischer Sprachverwirrung inmitten der schottischen Einsamkeit geschlagen.

Der Mann lernt Gälisch und ich bin mit zum Unterricht: Lektion 73, deren Höhepunkt eine sechszeilige Unterhaltung zum Thema Kürbis ist.

So schwer kann das ja alles gar nicht sein. Schließlich spreche ich mehrere Sprachen und habe Sprachwissenschaften studiert.

Ich kenne mich aus…….

Das schottische Gälisch gehört zu den q-keltischen Sprachen und ist nicht zu verwechseln mit den p-keltischen Sprachen in denen der indogermanische Labiovelar [K] zu [P] gewandelt wurde. Wie im Bretonischen, zum Beispiel. Ja, solche Dinge hab ich gelernt auf der Universität. Sag nochmal einer da lerne man nix fürs Leben.

Ich weiß, daß das schottische Gälisch hauptsächlich auf den Western Isles, in den Highlands und in Glasgow gesprochen wird. Letzteres vor allem wegen der Migration (Arbeit für die Landbevölkerung in der Großstadt unter Beibehaltung der eigenen Identität). Nur 1% der Schotten spricht diese alte Sprache noch.

Hier in den Highlands sind es verhältnismäßig viele. Die Straßenschilder sind zum Beispiel zweisprachig. Die schottische Regierung hat viel getan, um die Sprache zu erhalten. Ganze Schulen oder Klassenzüge haben Gälisch als Unterrichtssprache für alle Fächer. Und in der Erwachsenenbildung werden billige Kurse angeboten.

Wie meiner mit der Kürbislektion.

Und damit fangen die Probleme an. Nichts spricht man aus, wie man es schreibt. Keines der Worte kann man raten, wie ich es im Französischen oder Italienischen gelegentlich mache. Die Grammatik bleibt schleierhaft. Das Verb steht am Satzanfang. Und die Laute sind schön aber fremd. Nach 90 Minuten mitmachen, nachsprechen und rumstottern bin ich nicht viel weiter, als am Anfang. Was keinesfalls an der fröhlichen, geduldigen und humorvollen Lehrerin liegt: Ina, you were great!!

Ich kann sagen: Tha an t-aodann seo gun gruaidhean.

Das heißt auf Deutsch: Das Gesicht hat keine Wangen.

???

Das erinnert mich ein wenig an mein Latinum, von dem nur ein Satz wirklich in meinem Gedächtnis haften geblieben ist: Rana capillos non habet.

Der Frosch hat keine Haare.

Beide Sätze sind ähnlich nutzlos im täglichen Gebrauch. Ganz im Gegensatz zum Kürbisgespräch, das man hier oben unter den Croftern durchaus mal führen könnte, wenn man es richtig hinbrächte…

Es gibt immer mehr Deutsche, die das schottische Gälisch richtig gut sprechen können. Und so gut wie alle Deutschen wissen, daß das Wort Whisky aus dem Gälischen stammt und „Wasser des Lebens“ bedeutet.

Ich scheitere schon an Kürbissen.

‘S fheàrr iad as t-fhgohar. Fàg e an t-àm seo, a luaidh!

Was soviel heißt wie: „Sie sind besser im Herbst als sie es jetzt sind, meine Liebe.“

Ich mache meine Hausaufgaben und hoffe darauf, daß auch ich bald ein echter Kürbis bin – im Herbst viel besser als jetzt.

Das zweite Gesicht

Die gute Nachricht zuerst: wir waren auf dem Elfenhügel und sind vor den befürchteten 200 Jahren wieder zurückgekehrt. Ohne auch nur eine einzige Elfe getroffen zu haben.

fairy hill

fairy hill

Tomnahurich ist dennoch ein geheimnisvoller Ort, dunkel und still.

Tomnahurich graveyard, Inverness

Tomnahurich graveyard, Inverness

Obwohl der Friedhof am Rande von Inverness, der größten Stadt in den Highlands liegt, scheint er sehr verlassen und fern.                                

Zwei erstaunliche Dinge haben meine Recherchen für Tomnahurich ergeben. Neben der Elfen.

Mitte des 17. Jahrunderts lebte (und das taucht in mehreren historischen Quellen auf) ein einsamer Mann im Westen Schottlands, den sie den Brahan Seer, der „Seher von Brahan“ nennen, auf Gälisch Coinneach Odhar. Vermutlich auf der Hebrideninsel Lewis geboren, führte ihn seine Gabe an viele Orte und trieb ihn bald auch wieder weiter, Lewis, Kintail, Black Isle. Der „Seher von Brahan“ sagte zahllose große und kleine Dinge voraus, viele wurden wahr, zum Teil in allen noch so verwunderlichen Details. Ein ungelöstes Rästel bis heute.

Zwei seiner Vorhersagen betrafen Tomnahurich.

So seltsam es dir auch scheinen mag, die Zeit wird kommen, und sie ist nicht weit, wenn hinter Tomnahurich große Schiffe von Ost nach West segeln werden.

Das war Mitte des 17. Jahrhunderts völlig unmöglich, da Tomnahurich sowohl vom Meer als auch von Loch Ness viele Meilen entfernt liegt.

1822 wurde der Caledonian Canal fertig gestellt. Er verbindet die Seen des Great Glen mit dem Meer. Seitdem fahren Schiffe hinter Tomnahurich vorbei, der Kanal liegt direkt am Hügel.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Die zweite Vorhersage war zu der Zeit, in der sie gemacht wurde ähnlich unvorstelbar.

Der Tag wird kommen, wenn der Elfenhügel Tomnahurich verschlossen sein wird und die Geister darin sicher.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tomnahurich zu einem großen, umzäumten Friedhof mit Öffnungszeiten. Die Geister der Toten sicher darin.

Tomnahurich graveyard, InvernessWie konnte der „Seher von Brahan“ das sehen? In den Highlands zweifeln sie nicht an ihm, dem schottischen Nostradamus. Das zweite Gesicht ist für viele heute noch eine ganz selbstverständliche Gabe.

Hier, in dieser unglaublich grandiosen, gefährlichen und gnadenlosen Einsamkeit, lebt das Übersinnliche von Generation zu Generation fort, wird verebt und angenommen wie Sonnenaufgang und Regen.

Die Sehnsucht nach übersinnlichen Fähigkeiten scheint gerade in der modernen Gesellschaft unverändert groß.

Ich wünschte ich hätte diese Fähigkeit auch: das zweite Gesicht, das es mir ermöglicht, in die Zukunft zu blicken.

Dann hätte ich nämlich gewusst, dass gestern der Postmann zwei Stunden früher in der Tür stehen würde als gewöhnlich.

Und wäre ich nicht nackig durch die Wohnung gelaufen……

 

 

 

Der Fischmann

Es war kurz vor sieben und ich war ein klein wenig nervös. Wir warteten auf den Fischmann. Es war unser erstes Mal.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, in Riech- und Sichtweite vom Meer zu leben und seinen Fisch zu kaufen. Ironie und einen Hauch von Versagertum. Der ich-esse-was-ich-gefangen-habe-Gedanke ist immer noch sehr ausgeprägt in den Highlands. Ich esse, was ich gekauft habe, was eher die dürre Touristenausrede ist. Naja, wir haben kein Boot und zum Angeln fehlt mir jegliche Geduld und Mordlust. Das ist meine Ausrede. Die Angelrute im Gästezimmer ignoriere ich geflissentlich seit Jahren.

Eine der Nachbarinnen riet mir letzte Woche zu John, dem Fischmann. Der fährt Mittwochs mit einem kleinen Transporter am Loch entlang und verkauft Fisch. Nicht billig aber sehr frisch und sehr nett. Nur letztere Auskunft bezog sich auf John, die ersten beiden Attribute betrafen seinen Fisch. Er fängt ihn nicht selbst, war die weiterführende Information. Aber er kauft ihn frisch im nächsten größeren Hafen.

Ich frage mich, ob John ein Einheimischer ist.

Die Nachbarin war so nett und bat ihn auch bei uns vorbei zu schauen, als er am Mittwoch bei ihr vorbei kam. John, der Fischmann, hält nur, wenn man ihn vorher anruft. Er  hatte sich für sieben Uhr abends bei der Nachbarin angekündigt. Bis zu uns sind es nochmal gute 3 Kilometer.

Wenn er ein Einheimischer ist, dann wird es frühestens halb neun bei uns auftauchen. 20:30 Uhr ist 19 Uhr „Highland time“. So ungefähr. Das rechne ich noch als ich die Lichter am Ende unserer stockdunklen Auffahrt sehe. Das muß er sein, zwei Minuten vor 19 Uhr. Er kann kein Einheimischer sein.

John, der Fischmann, ist Engländer, mittelgroß mit braunem Wuschelbart und sanften Augen. Er führt uns zu seinem Wagen und ich habe die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Lachs und monkfish, ohne zu wissen, was das ist. Mein Fischvokabular ist nicht sonderlich ausgeprägt.

John, der Fischmann, weiß das deutsche Wort auch nicht. Er kann nur Kabeljau, das ist cod. Ich kaufe den monkfisch und frage, wie ich John erreichen kann, wenn ich nächste Woche wieder Fisch will. Er reißt ein Fetzen von einem Karton ab und schreibt seine Nummer auf – Business Karton. Dann verschwindet er in der Dunkelheit.

Der Fisch ist herrlich frisch. Ich brate die Medaillons kurz und scharf an, serviere sie auf einer Tomaten, Knoblauch und Ingwersauce und reiche Kräuterbrot dazu. Fantastisch.

Natürlich habe ich monkfish gegoogelt. Das erste was ich gefunden habe war ein Video, in dem ein gruseliger Fisch einen Taucher angreift. Ich fühle mich so viel sicherer bei John, dem Fischmann, der mir den Seeteufel filetiert und auf Eis an die Haustür bringt.

 

Stromausfall

Stromausfall

Mit einem Schlag war alles aus. Alles, was Strom hat. Gerade als ich mir die Zähne putzte. „Mist!“ murmelte ich durch die Zahnpasta, „Stromausfall!“

alles schwarz

alles schwarz

Die Sonne braucht noch eine Stunde, um hinter den Bergen hervor zu kommen. Es ist kurz vor 8 Uhr und stockdunkel überall.

In allen Räumen sind Kerzen und LED-Notlampen mit denen man der Dunkelheit begegnen kann, die sich nun in alle Bereiche des morgendlichen Ablaufs schleicht. Wozu man alles Strom braucht!

Notbeleuchtung

Notbeleuchtung

Ich kann das Gesicht nicht sehen, das ich eincreme, die Wäsche in der Maschine weicht vor sich hin, statt zu waschen, der Wasserkocher kocht kein Wasser. Bedächtig trinke ich die letzten zwei Schluck meines schon ziemlich kalten da-hatten-wir-noch-Strom-Kaffees und freue mich, daß ich den kleinen Kaminofen schon gesäubert und zum anfeuern bereit gemacht habe. Noch ist das Haus warm aber das wird sich schnell ändern, im Winter in den Highlands ohne Heizung. Dann ist es mit der Romantik der Wildnis ganz schnell vorbei. Ich denke sehnsüchtig an ein prasselndes Holzfeuer und eine Tasse dampfenden Kaffee.

Wie haben es die Crofter in ihren zugigen Steincottages mit den mickrigen Torffeuern früher nur ausgehalten? Die Moderne hat uns zu Mimosen gemacht.

Ich organisiere mich. Der Laptop hat noch alles, was die Batterie herzugeben hat. Ich schreibe im Kerzenlicht und schärfe meine Sinne. Erstaunlich, wie gut man seine Tastatur kennt, wenn man sie nicht sehen kann. Auf der anderen Seite des Lochs sind alle Lichter aus, in den Hausern und an den Straßen. Nur die vorbeifahrenden Autos erhellen für kurze Zeit das Schwarz. Kein gutes Zeichen, denn die Häuser auf der andere Lochseite liegen an einer anderen Versorgungslinie. Ist die auch gestört, dann haben wir ein größeres Problem.

Es war keine besonders stürmische Nacht, die Wahrscheinlichkeit, daß ein Baum auf die Stromleitungen gefallen ist also eher gering.

Der Strom fällt hier öfter aus, damit leben alle hier ganz selbstverständlich. Und die Gründe für einen Stromausfall sind zahlreich. Wegen Sturm oder Flut zum Beispiel. Die Oberleitungen sind alt und die Bäume daneben auch. Ein anderes Problem ist die zu hohe Auslastung, zu Beispiel über den Jahrswechsel, wenn alle Ferienhäuser entlang der Straße belegt sind und die Touristen in den Häusern alle Lichter in allen Zimmern brennen lassen. Irgendwann macht es dann bang und es wird für alle kalt und dunkel. Die Einheimischen haben Gaskocher für solche Notfälle. Ich hab mir leider nicht zeigen lassen, wie man unseren benutzt. Oder wo er ist….

Internet geht auch nicht, weil der Router keinen Strom hat. Das macht mir am meisten Sorgen. Kein Internet, wie soll ich da überleben??

Im vorletzten Winter war jeglicher Internetzugang am Loch für Tage unmöglich. Ein paar gewiefte „Unternehmer“ wollten ein Kupferkabel klauen und hatten vesehentlich das Glasfaserkabel erwischt, das die Region versorgt. Weil nach dem Diebstahlversuch ein Sturm aufkam und BT Taucher brauchte, für die Reparatur, hat es fast eine ganze Woche gedauert, bis das Internet wieder ans Loch zurück kehrte.

Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle

„Warum will jemand ein Kupferkabel klauen?“ frage ich mich. „Wozu braucht man überhaupt ein Kupferkabel?“ Ich bin mir sicher ich habe in meinen ganzen Leben noch nie ein Kupferkabel gebraucht.

„Kupfer ist teuer, man kann damit gut Geld verdienen.“ sagt man mir. „Wahrscheinlich konnte jemand das Kupferkabel gut brauchen.“

Aha. Das ist also so, als würde Frau im Drogeriemarkt einen Lippenstift mitgehen lassen: kleine Sache, die man brauchen kann.

Hier lassen Männer mal eben ein Kabel mitgehen…. unter Wasser, unter eiskaltem Wasser, mit Strömungen und Haien und…… und dann finden sie nicht mal das richtige Kabel.

!!!

Ein klein wenig problematischer, als nur die falsche Rotnuance zu erwischen.

Plötzlich: ta ta!

Das Licht ist an, der Strom ist wieder da. Ich kontrolliere das Haus und koche Wasser für  einen Kaffe. Dann geht es wieder zurück an den Computer. Ich muß meine Geschichte posten, solange ich Internet-Zugang habe. Hier weiß man nie, ob nicht irgendwo irgendeiner irgendwas brauchen kann……

Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge

Maus im Haus

Heute Morgen wurde ich mit dem Satz geweckt: “Schatz, rate mal, was ich in der Küche gefunden habe.“

„Den Spülschwamm?“ frage ich mich mit einem leichten Anflug von Morgenboshaftigkeit. Nur innerlich natürlich, während ich müde Augen auf den Überbringer der frühen Nachricht richte.

„Eine Maus!“ ist die Erläuterung, die ich nicht hören will. Und während ich diese Information versuche aufzunehmen, setzt er noch einen drauf.

„Ich hab sie gefangen und mit dem Messer getötet. Blut überall.“ sagt der Mörder fast schon beiläufig und grinst.

„Kleiner Scherz, aber gefangen hab ich sie.“ sagt er, bevor ich all die Luft wieder ausatmen kann, die ich geholt habe.

Ich versuche das Mäuseblutbad aus meinem Kopf zu löschen und den Mann nicht zu erwürgen. Mein Sinn für Scherze ist am Morgen sagen wir mal eher rudimentär ausgeprägt.

Es gelingt mir den Mann am Leben zu lassen und mich dem Schicksal der Maus zu widmen.

Sie kauert auf der Fußmatte unter einem durchsichtigen Plastikeimer, der einstmals Meisenknödel enthielt. Um ihn zu beschweren wurde ein Glas Instantkaffee auf dem nun oben liegenden Eimerboden gestellt.

Der Mann ist bereits auf der Suche nach Löchern in der Wand, was hier in den Highlands nichts ungewöhnliches ist. Die Wände sind Holzkonstruktionen, auf die man kleine Holzlatten nagelt und dann verputzt. Die Innenräume sind nicht isoliert, sondern oft hohl. Ein Mäuseparadies.

Und eine Maus im Haus ist alles andere als selten. Die Nachbarn hatten welche, Arbeitskollegen versuchen schon seit Tage ihre in die Falle zu locken. Deshalb lagert man Nahrungsmittel in den Küchen auch nicht offen oder in Schränken unter Brustthöhe. Nur ein letztes Stück deutscher Nußkuchen auf der Abbeitsfläche geht den Weg alles Verderblichen. Man weiß ja nie. Der Rest scheint in Ordnung.

Ich frage mich wozu ich eigentlich die wilde Katze füttere.

Die Maus zittert unter dem Meisenknödeleimer, während wir versuchen, ein Loch in der Wand zu finden. Ich rücke Regale und mein Milchschäumer zerschellt auf dem harten Küchenboden. Glasscherben überall. Und ich hatte noch keinen Kaffee.

Aaaarrrrggglllll!!!!!!

Die Maus zittert noch immer unter dem Meisenknödeleimer.

Vielleicht kam sie auch gestern Abend rein, als die Küchentür offen stand? Unbemerkt in der Dunkelheit. Auch jetzt ist es noch dunkel als ich den Mann zur Arbeit schicke. Die Maus vor dem Haus wieder auszusetzen, scheint mir wenig sinnvoll, jetzt wo sie einen Weg kennt, den wir nicht kennen. Dann kommt sie wieder. Vielleicht sollte ich sie in den Bach werfen, der am Rand des Grundstücks vom Berg ins Meer rauscht??

Ich warte bis die Sonne langsam aufgeht. Dann trage ich mit Handschuhen den Mauseimer samt Fußmatte die Straße am Loch entlang. Weit weg vom Haus setze ich die Maus aus.

Sie zittert im Gras.

Dann entsorge ich Eimer und Fußmatte und putze die Küche. Ich hoffe der Maus geht es gut.

Derweil schreibt der Mann eine Mail. Er hat mit Kollegen gesprochen und will es heute Abend mit „UF dust“ versuchen.

???

Ich google und finde einen Amerikanischen Piloten mit einem Jet auf dem Starfighter steht. Der benutzt „UF dust“ irgendwie.

Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen.

 

Waverley

PS WaverleyWie heißt das sperrige deutsche Wort bei dem man sich nie merken kann, mit wieviel “f” man es schreibt?

Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiff?

„Spießig und langweilig, nein danke!“ würde ich in Deutschland sagen.

Und in den Highlands?

„Super Idee!“, die Fahrt mit den Aushängeschild der schottischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Fahrt mit der Waverley.

PS Waverley

Über 5 Millionen Passagiere hatte die alte PS Waverley schon an Bord. Die 70 Jahre alte Lady ist der letzte seetüchtige Schaufelrraddampfer der Welt. Gelebte und PS Waverleyvon den Schotten und den Engländern geliebte Geschichte und ultra erfolgreicher Tourismus zugleich. Wenn auch ein wenig anders, denn die Besatzung an Bord ist ehrenamtlich unterwegs und wie man hört, wenn man hinhört, auf der ganzen Welt zu Hause: Italiener, Russen, Franzosen…

Die PS Waverley wurde nach ihrem Vorgänger, dem Minensucher HMS Waverley benannt, der vor Dünnkirchen 1940 eine bedeutende Rolle spielte und später vom Feind bei einem Luftangriff versenkt wurde (http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?161).

PS WaverleyIch verdränge, dass es sich dabei um meine Landsleute gehandelt haben muß und versuche so wenig Deutsch wie möglich auszusehen, als ich als Teil einer kleinen Gruppe Familie und Freunde in Mitten hunderter Touristen in Armadale auf der Isle of Skye an Bord gehe.

PS Waverley

„Hurrah!“ Oder besser „Hurray und ne Buddel voll Rum!“ denke ich und finde den Weg zur Bar während sich die Männer mit der Mechanik des Dampfantriebs auseinandersetzen. Ich verdränge nun den Gedanken an Heinz Rümann und bestelle Bier. Ich muss erst aufs Wasser schauen.

PS Waverley

Durch den windigen Sound of Sleat schaufeln die bunten Räder durch das klare Blau des heißen Sommertags. Möwen begleiten den Ausflugsdampfer in der Luft, Wasser glitzert und im Hintergrund ragen die majestätischen Gipfel der Cuilins über die Insel, die wir gerade verlassen haben. Wir befinden uns für ein paar Seemeilen auf der Schiffsroute nach Mallaig auf dem Festland, einer der Fährverbindungen von und nach Skye.

PS Waverley

Doch statt Mallaig anzusteuern, macht die PS Waverley Kurs auf Inverie, einem der Orte in den Highlands,

den man nur über das Wasser oder zu Fuß durch die Wildnis erreichen kann. Keine Straße führt nach Inverie, dem einzigen Ort auf der Knoydart Halbinsel. Ein paar Häuser, ein Pier, ein Strand und ein Pub. The Old Forge ist das abgelegenste Pub Schottlands und wer als erster dort ankommt, bekommt ein Freibier.

Während die Touristen einen Wettlauf von der Anlegestelle zum Pub veranstalten, PS Waverleylassen wir uns mit unseren mit gebrachten Sandwiches und Chips Päckchen am steinigen Strand nieder und genießen die Sonne und das Meer. Wie echte Touristen. Was für ein schönes Gefühl.

PS Waverley