Been there, done it! Das ist in der Regel ein Prozess, den Touristen überall auf der Welt, aber natürlich auch in Schottland durchlaufen: Eilean Donan Castle, Loch Ness, Royal Mile, Highland Games … Been there, done it. Gesehen und erledigt. Haken dran.
In einem etwas feineren Sinn bedeutet der Ausdruck aber auch, dass man selbst an diesem inneren Punkt gewesen ist und genau dasselbe getan hat, also zum Beispiel eine Hochzeit absagen, eine Schönheits-OP machen lassen, seine Frau betrogen, den Job verlieren. Been there, done it. Letztendlich ist der Ausdruck die tröstliche Gewissheit, dass der andere genau die gleichen Erfahrungen gemacht hat, wie man selbst.
Die andere Nellie ist mein been there, done it und das hat etwas sehr Schönes, denn es verbindet uns nicht nur auf eine besondere Art, es kann einen in den eigenen Entscheidungen bestärken und unterstützen, denn da gibt es jemand, dem es oft ganz genauso geht wie mir.
Wie ich in der Anfangszeit bringt sie jede Menge Dinge mit, die in ihrem deutschen Leben eine Rolle spielen, wenn sie zwischen beiden Ländern hin und her fährt: ein Fondue Set, Bier, Raclette Käse.
Nellie fährt Motorrad, ich eine Harley, sie eine Triumph. Das ist etwas Gemeinsames und ein Faktor, der uns unterscheidet. Ich gehöre zur Chopper-Fraktion, sie kommt aus der Racer-Ecke. Und was erzählt sie mir als eines ihrer ersten Erlebnisse hier in den Highlands? Sie hat ihr Nummernschild verloren. Ist das nicht kurios? Ich hätte mit der SR 500 schon fast das Schild verloren, am Ende hing es in Teilen in der Halterung. Mit der LS 650 war es dann ganz weg. Nur das Intruder Schild hat gehalten. Und für alle, die jetzt gönnerhaft lächeln – wir sind beide durchaus in der Lage, Schrauben festzuziehen. Die Straßen hier sind Hölle und wenn man nicht regelmäßig kontrolliert, ist es wegvibriert. Das Problem: M muss es ja auch wieder in Deutschland beim TÜV vorstellen, aber wie kommt man über die Grenze ohne Nummernschild?
Been there, done it! Vielleicht ein wenig tröstlich für beide Nellies. Die Quelle einer gewissen Frustration für mich ist allerdings, dass sie das Moped in den Highlands hat und meines in Deutschland steht. Meine Maschine fehlt mir! Ich schaue nach draußen, während ich das schreibe und relativiere. Es stürmt und der Wind treibt die Wellen mit Macht an den Strand. Der Regen kommt waagrecht. Jetzt wäre es lebensgefährlich mit dem Motorrad. Im Schwarzwald sind die Wetterbedingungen bei weitem nicht so extrem und die Straßen deutlich besser. Außerdem habe ich derzeit kein Auto, das Moped ist also mein einziges Fortbewegungsmittel in Deutschland. Das brauche ich. Hier haben wir ja ein Auto. Ich sage mir immer wieder, dass das so mehr Sinn macht, aber mir graut vor dem Tag an dem die andere Nellie textet:
Mit dem Motorrad unterwegs nach Applecross.
Denn dann kann ich nur denken, dass ich das zwar auch schon oft gemacht habe, aber dass ich nie genug davon bekommen kann. In diesem Sinne also:
A nod’s as guid as a wink tae a blind horse. Nicken ist so gut wie Augenzwinkern für ein blindes Pferd, sagt dieses ur-schottische Sprichwort. Die Bedeutung: Egal, wie sehr man sich anstrengt, manche werden die subtilen Hinweise und Signale einfach nicht verstehen. Daher ist es oft besser, direkt zu sagen, was man meint. Aber was, wenn diese Person den Schlaf der Gerechten schläft?
Es ist Freitag und in letzter Zeit sind wir regelmäßig mit Kinderbetreuung beschäftigt. Die Trennung der Eltern beeinflusst unser aller Leben. Vielleicht ist der Kleine deshalb zuletzt ein wenig anders und nicht ganz so unbeschwert fröhlich und unproblematisch, wie sonst. Tagsüber spielen er und der Mann im Garten und mit der Eisenbahn und ich versorgte ihn mit Snacks, Vitaminen und Abendessen. Er hat einen ausgesprochen gesunden Appetit und man muss schauen, dass man hinterher kommt mit dem „füttern“.
Am Ende des Abends sind wir total kaputt. Er darf natürlich länger aufbleiben, wenn er bei uns ist. Am nächsten Tag ist ja auch keine Schule. Es ist nach zehn Uhr, als er endlich schläft und wir wenig später auch. Gegen ein Uhr nachts weckt mich ein Geräusch und dieses Mal ist es ausnahmsweise nicht das Schnarchen des Mannes, sondern der Kleine, der gefühlt noch kleiner als sonst vor meinem Bett steht und vorsichtig flüstert:
„Mir ist das was passiert.“
Ich bin sofort wach und gehe in Kümmermodus.
„Komm, lassen wir Seanair (Opa, sprich: Schinner) schlafen und schaun mal, was los ist.“
In seinem Zimmer angekommen ist jede Menge los. Ihm war offensichtlich übel und er musste sich übergeben. Im Bett, auf dem Teppichboden, im Flur, im Wohnzimmer, im Flur zum Bad, über der Toilette, über dem Waschbecken und über der Wand mit den Handtüchern. Dann hat er seinen Pyjama und ein paar Handtücher genommen und versucht, alles wieder sauber zu machen, bevor ihm klar wurde, dass er das ohne Hilfe nicht schafft. Er hat sich sogar einen frischen Schlafanzug angezogen. Allerdings die restlichen sauberen Klamotten in dem Erbrochenen auf dem Boden verteilt.
Ich atme tief durch und beurteile die Lage. Hier ist ein Großputz erforderlich, mal schnell nächtlich drüberwischen wird nicht reichen.
Doch zuerst drück‘ ich den Kurzen fest und sage ihm, dass das überhaupt nicht schlimm ist und er mich in Zukunft gleich rufen soll, damit ich ihm helfen kann. Es scheint ihm gut zu gehen, nachdem sein Magen alles losgeworden ist und er ist sauber. Also stecke ich ihn an meiner statt ins Bett zu seinem Opa, der sich nicht rührt. Bekommt der denn gar nichts mit?
Dann gehe ich in Putzmodus und stelle fest, dass er außerdem noch ins Bett gepinkelt hat. Die feuchte Stelle hat er dann mit meinem Handtuch aus dem Bad zu trocknen versucht. Es ist ein Uhr dreißig am Morgen. Ich ziehe meine gelben Gummihandschuhe an und lege los, ziehe das Bett ab und stecke es mit den Handtüchern in die Waschmaschine.
Ob der Mann wohl bald aufwacht und mir hilft? Ich will nicht ins Schlafzimmer, um den Kleinen nicht zu wecken. Aber er muss mich ja hören. Putzen macht ja Lärm.
Ich gehe mit dem Reiniger über alle waschbaren Flächen. Später mit dem Wischmop über die Böden. Dann mache ich mich mit Bürste und Teppichreiniger an den Boden in seinem Zimmer. Um drei Uhr stecke ich die Wäsche in den Trockner und lasse den laufen. Dann reinige ich die Toilette und das Waschbecken und bin endlich soweit durch mit der Putzerei. Der Teppichboden ist Hochflor und sehr schwierig zu säubern. Ich werde ein Teppichreinigungsgerät organisieren müssen.
Wie kann der Mann bei diesem Lärm nicht aufwachen?
Jetzt bin ich todmüde, aber habe ja keinen Platz mehr im Bett. Den hat ja jetzt der Kleine. Also lege ich mich auf die Wohnzimmercouch und versuche einzuschlafen, obwohl die Couch recht unbequem ist und es draußen langsam hell wird. Im Wohnzimmer haben wir ein großes Fenster ohne Vorhänge oder Jalousien. Die mag der Mann nicht. Der Mann, der seelenruhig durch drei Stunden nächtlichen Großputz geschlafen hat. Der Mann, der sonst nie durchschläft und immer Probleme mit seinem Schlaf hat. Der Mann, der zwei Stunden später aufsteht und mich weckt mit den Worten.
„Schatz, warum schläfst du auf der Couch und der Kleine bei mir?“
„Schatz“, antworte ich. „Ich habe „genickt“ und „gezwinkert“, aber das „Pferd“ in meinem Bett ist „blind“ geblieben.
Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!
Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte.
Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht.
Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar.
Auch die andere Nellie macht ihre Erfahrungen mit schottischen Männern und durchlebte die erste Krise. Nicht alle schottischen Schlachten liegen in der Vergangenheit, manchmal gibt es sie im eigenen Haus. Oder besser gesagt, im Haus des anderen, auf fremdem Territorium. Wir sind ja dazu gezogen.
„Eine Frau braucht doch etwas mehr persönlichen Stauraum als eine freie Schublade“, sagt sie.
So eine Situation ist nicht immer leicht und gerade in den Wintermonaten kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Die Erfahrung machen natürlich nicht nur wir deutschen Frauen, aber wir haben hier nicht das soziale Netzwerk und die „Fluchtmöglichkeiten“, die Frauen haben, die von hier kommen.
Nellie war also auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe und ein wenig Abstand. Dream on! Hätte ich ihr am liebsten zugerufen als sie mir davon erzählt. Träum weiter. Bezahlbaren Wohnraum? Es gibt überhaupt keinen Wohnraum und wenn, dann ist er in der Regel nicht bezahlbar mit den Löhnen, die hier gezahlt werden. In der Regel bekommt man den Mindestlohn und die Mieten liegen bei sieben bis zehn Euro pro Quadratmeter, es gibt schlicht keine kleinen Wohneinheiten, keine Einzimmerapartments. Dazu kommen die Nebenkosten, die trotz der Preisdeckelung der Regierung seit 2022 exorbitant hoch sind.
Im Vereinigten Königreich kauft man Wohneigentum und mietet nicht, aber der Durchschnittspreis einer Immobilie in den Highlands liegt bei rund £207.000 also je nach Kurs um die €236.000. Wer kann das bei den Gehältern bezahlen? Zudem laufen die meisten Jobs hier nur von April bis Oktober, also während der Touristensaison. In dem Wintermonaten muss man von dem leben, was man während des Sommers angespart hat.
Die Frage ist nun, wo leben?
Nellie hat sich hier inzwischen eine Existenz aufgebaut, Freundschaften geknüpft, sie fühlt sich hier zuhause und will verständlicherweise nicht weg. Nun braucht sie eine bezahlbare Unterkunft. Ich kenne Einige, die mit Mitte Zwanzig und sogar mit Mitte Dreißig noch bei den Eltern leben, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, alleine zu wohnen.
Nellie ist da ganz anders. Die ist eine coole Socke und weil sie in der Gegend schon so gut vernetzt ist, hat sie unter der Hand gehört, dass ein Haus frei steht und vermietet werden soll, sobald einige kleinere Arbeiten abgeschlossen sind. Nellie hat herausgefunden wo und es sich angesehen. Ein Traum! Genau, was sie gesucht hat.
„Es ist mir ganz egal, wie es drinnen aussieht!“, ruft sie euphorisiert. Sie kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein und das Haus liegt wirklich sehr schön und ruhig. Ich kann sie gut verstehen, es ist ein traditionelles Cottage mit schönem Blick und nur zehn Minuten von ihrem jetzigen zuhause entfernt. Da würde ich auch einziehen.
Sie wird mir als Nachbarin fehlen. Den Weg zwischen den beiden Häusern haben wir schon den Nellie-Nellie-Weg getauft. Man kann ihn auf der Straße oder oben am Berg gehen. Und es dauert zu Fuß nur eine knappe halbe Stunde, zum neuen Haus eher eineinhalb, im Winter im Dunkeln ist das keine Option. Aber wenn sie happy ist, bin ich auch happy.
Nur, noch hat sie es ja nicht.
Wir entwerfen einen Masterplan. Sie backt ihr legendäres Shortbread und besucht die Eigentümer. Bei Kaffee und Keksen kann man in den Highlands viel erreichen. Zumal die Familie zu den Einheimischen gehört, das heißt sie lebt seit mindestens fünfzig Generationen vor Ort. Die haben eine präzise Vorstellung davon, wie so etwas zu laufen hat. Wenn sie ihre Lage schildert – Beziehung ist in der Krise, wahrscheinlich zu Ende, sie muss raus aus dem Haus- dann könnte das die Entscheidung für positiv beeinflussen. Außerdem kann sie einige Leumundszeugen angeben. Und sie hat sich einen Ruf erarbeitet, für Sauberkeit und Ordnungssinn. Nicht zuletzt, weil sie in ihrem Job, bevor sie in der Küche war im Housekeeping gearbeitet hat, also die Zimmer im Hotel gemacht hat. So jemanden will man doch als Mieterin, denke ich. Nun will Nellie auch ihre potenziellen Vermieter von der Idee zu überzeugen.
Und das tut sie, besucht die Vermieterin und bliebt zum Plausch, hakt dann nach einer Woche nochmal nach und schaut erneut, scheinbar zufällig, vorbei. Dann hat sie sie weichgekocht und darf besichtigen.
Das Haus ist alt und hat kleine Zimmer, aber sie mag es und warum auch nicht, es hat Charme, auch wenn die Möblierung etwas altmodisch und abgewohnt daherkommt. Nellie hätte wie ich lieber ihre eigenen Sachen um sich, aber leere Mietwohnungen sind nicht existent. Wenigstens kann sie ihr eigenes Bett mitnehmen, muss aber das vorhandene auseinanderbauen und irgendwie verstauen. Ich würde mich in fremden Sachen nicht wohl fühlen, aber Nellie kann und hat dem Haus schnell und effizient ihren eigenen Stil hinzugefügt.
Auch die Beziehung hat sich wieder einigermaßen eingerenkt und alles könnte so schön sein. Wenn da nicht der Winter wäre! Es regnet, es windet und es ist kalt und Nellie findet heraus, was es bedeutet, in einem schlecht isolierten Haus mit Nachtspeicherheizungen zu leben. Nachtspeicherheizungen sammeln Wärme in der Nacht, wo der Strom billiger ist, und gebe sie am Tag wieder ab. Das Problem bei Nellie ist, die Wärmeabgabe ist so gering, dass sie nicht mehr als zwölf Grad in der Bude hat. Und das, obwohl die Heizung volle Pulle läuft und sie Kilowattstunde für Kilowattstunde Geld den Kamin hoch bläst. Energetisch eine Katastrophe.
Ach ja, sie hat sogar zwei Kamine, die aber mehr für Zugluft als für Wärme sorgen. Ein offenes Feuer macht eben nicht sehr warm und ist auch problematisch im Unterhalt, wenn man aus dem Haus muss. Also hat sie überall Heizlüfter stehen, friert und ist gefrustet, weil sie viel Geld bezahlt, und es trotzdem nicht warm ist. Und die Vermieter? Die finden das alles völlig normal. Wahrscheinlich ist es bei ihnen nicht wärmer und sie leben schon seit Jahrzehnten so. Man könnte überlegen, ob es nach Jahrzehnten nicht vielleicht Sinn machen könnte, Heizkörper auszutauschen. Je mehr Nellie nachhakt und Alternativvorschläge macht, desto mehr blocken sie.
Und Nellie friert. Und friert. Und friert. Ausgerechnet in diesem Jahr dauerte der Winter länger als sonst. Im April liegt immer noch Schnee und die Temperaturen fallen des Öfteren noch unter den Gefrierpunkt. Wie sich jetzt herausstellt, hatte das Haus schon immer einen Ruf, ein kaltes Gemäuer zu sein. Nellie lebt in einer Gefriertruhe und noch ist der Frühling nicht in Sicht, während die Vermieter auf dem Standpunkt beharren, dass das alles normal ist.
Ich werde Nellie für das nächste Treffen mit den Vermietern von der schottischen Redewendung erzählen, die man benutzt, wenn der andere Blödsinn redet. Daran soll sie denken, wenn sie mit ihren Vermietern redet. Das wird sie aufheitern.
Yer bum’s oot the windae! Dein Popo hängt zum Fenster raus!
Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!
Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte.
Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht.
Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar.
Man sagt, von den Schwaben könne man das Sparen lernen. Mag sein, dass das stimmt. Ich will es nicht beurteilen, als Badener ist man möglicherweise voreingenommen.
Die Schotten, so heißt es, wären geizig. Googelt man das, bekommt man eine Viertelmillion Einträge. Es scheint sich also um eine weit verbreitete Meinung zu handeln. Für mich ein klares Vorurteil. Ich habe in all den Jahren hier nicht mehr geizige Menschen getroffen als in Deutschland oder irgendeinem anderen Land.
Von der anderen Nellie könnten sowohl die Schotten als auch die Schwaben das Sparen lernen, denn sie ist eine echte Sparfüchsin. Sie weiß, welches ihrer Haushaltsgeräte wieviel Strom verbraucht und vor allem welchen, den billigen Nacht- oder den teuren Tagstrom. Ihr entgeht kein Sonderangebot und sie prüft jeden Kassenbon, ob der Rabatt auch abgezogen wurde.
„Der kleine lokale Supermarkt will mich regelmäßig übers Ohr zu hauen“, sagt sie. „Wahrscheinlich bin ich dort schon als bargain lady bekannt, die mit Ihren Bons wieder zurückkommt und Geld zurückfordert.
Eine Mrs Scrooge ist sie nicht, sondern weit davon entfernt, geizig zu sein. Im Gegenteil, sie ist großzügig in sehr vielen Dingen und wenn es um ihre Hündin Emma geht, scheut sie keine Ausgaben. In vielen Dingen ist sie so zu meinem Vorbild geworden. Ich, die ich bisher eher sorglos in finanziellen Dingen war, muss nun mit dem halben Gehalt und den doppelten Haushaltskosten doch schauen, wo das Pfund und der Euro bleiben. Dazu kommt hier die sogenannte cost of living crisis mit zweistelliger Inflation und massiv gestiegener Nahrungsmittel- und Energiepreise dank Brexit und Ukraine-Krieg. Ein Pfund schottische Streichbutter kostet im Winter 2023 umgerechnet €5,37, das Heizöl 93 Cent der Liter, 1 Kilowattstunde Strom 46 Cent. Viele Menschen hier leben in fuel poverty, sie können sich die Heizung nicht leisten, vor allem jene, die in alten, schlecht isolierten Häusern leben.
Also werde ich auch zur Sparfüchsin und nutzte zum Beispiel die App im Supermarkt und löse Coupons ein, ich freue mich über den Rabatt für die Locals (Einheimischen) im Café und vergleiche beim Einkauf von Sonderangeboten die Preise mit denen der Internetanbieter, ob sie auch wirklich günstig sind oder nicht. Im Diskounter habe ich einen Teppichreiniger erstanden, der nicht nur zwanzig Euro billiger war als der bei Amazon, ich bekam auch noch 10% Rabatt, weil ich die monatliche Ausgabengrenze von £250 überschritten hatte.
Wäre ich noch in Deutschland, ich würde mir denken: Kleinvieh macht auch Mist. Die schottische Variante des Sprichworts klingt viel lautmalerischer: Mony a mickle maks a muckle.
So klingt Sparen gleich viel schöner, oder?
Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!
Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte.
Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht.
Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar.
für einen unvergesslichen Urlaub in den schottischen Highlands
Seit der Pandemie hat sich vieles verändert in den Highlands, aber eines ist ganz offensichtlich: Es sind deutlich mehr Camper unterwegs als früher. Ein Großteil hat englische Kennzeichen, aber es gibt auch viele Deutsche, Belgier, Österreicher, Schweizer und Franzosen, die sie Reise in die Highlands mit dem Camper, dem Van oder dem Wohnmobil angetreten haben. In der Saison kann es mitunter eng werden auf den Straßen und Parkplätzen, deshalb hier 7 Tipps & Tricks wie ihr aus eurem Campervan-Urlaub in den schottischen Highlands ein unvergessliches Highlight macht.
1 Kauf keine Mainstream Reiseführer
Bei den Standard Anbietern weißt du zwar, was du bekommst, aber du bist da, wo alle anderen auch sind, weil sie denselben Reiseführer gekauft haben: Loch Ness, Eilean Donan Castle, Old Man of Storr … Da ist es dann im Sommer ziemlich voll.
Besorge dir alternative Reiseführer wie, z.B. meinen Schottland für stille Stunden.So schaust du Schottland in die Seele jenseits der Marketing-Maschinerie.
2 Ändere deinen Tagesablauf
Im Sommer wird es schon gegen 4 Uhr hell und erst weit nach Mitternacht wieder dunkel. Die Abend- und die Morgenstunden sind die schönsten des Tages. Ich liebe es, wenn der Morgennebel vom Meer kommt und die untergehende Sonne, den Himmel ein glühendes Pink oder Orange taucht. Warum also nicht dann unterwegs sein, wenn die Straßen leer und die Luft frisch ist? Wer antizyklisch unterwegs ist, erlebt die Highlands viel intensiver.
summer haze – Scottish Highlands
3 Meide die Saison
Die Schottland-Saison geht traditionell von April bis Oktober und gerade 2023 hatte der April fast schon sommerliche Tage. Der Oktober ist oft zwar stürmisch, hat aber oft goldene Momente zu bieten. Die ganz Harten trauen sich auch in den Winter in die Highlands, der einen ganz eigenen Reiz hat. Nur dann hat so gut wie nichts auf, also auch keine Restaurants, die meisten Sehenswürdigkeiten sind ebenfalls geschlossen. Wenn du nicht an schulpflichtige Kinder gebunden bist, reise außerhalb der Saison an. Allein auf der Isle of Skye sind pro Saison rund 600 000 Touristen.
4 Vorsicht bei den Fähren
Hier herrscht gerade das pure Chaos in Schottland. Die Fährflotte ist überaltert und immer wieder fallen einzelne aus. Die neuen Fähren werden nicht fertig und die gecharterten Ersatzfähren haben oft technische Probleme. Es ist inzwischen keine Seltenheit, sondern eher die Norm, dass eine gebuchte Überfahrt nach z.B. Mull, Arran oder Uist ausfällt oder trotz Buchung einfach keine Campervans mitnimmt, weil das Mitteldeck nicht funktionstüchtig ist. Wer auf der sicheren Seite bleiben will, der verlässt zumindest im Moment Mainland Scotland nicht. Auch der Fährhafen in Dover hat an Feiertagen wie Ostern kilometerlange Abfertigungsstaus zu beklagen.
Bei allem Reiz des wilden Campens, viele Campingplätze, haben hier oft mehr im Angebot als nur Abwassertanks. Es gibt z.B. welche nur für Erwachsene, da ist Ruhe garantiert. Oder solche, die wunderbare Aussichten zu bieten haben und natürlich die, die ein kleines bisschen Luxus liefern. Wie wäre es mit handgemachter Schokolade und einer Barista Latte? Kein Problem! Und der Stellplatz ist auch sicher. Das ist beim wilden Campen oft nicht möglich, weil die Plätze ständig belegt sind.
Stellplätze sind rar und oft belegt.
6 Straßen
Erkundige dich vorher genau, welche Straßen für Campervans erlaubt sind und welche nicht. Das ist keine Frage des fahrerischen Könnens. Die Straßen sind eng, steil und die Kuppen haben einen kurzen Radius, längere Fahrzeuge sitzen auf oder bleiben im Morast stecken. Es fährt sich viel entspannter auf den legalen Wegen und immer daran denken, gelegentlich zur Seite zu fahren und den Verkehr passieren lassen, der sich hinter einem angesammelt hat.
Und wer nicht im Konvoi mit einer Horde Traktor-Enthusiasten, einer Clique Porschefahrer, einem Rudel Motorroller oder einer Bande Oldtimer stecken will, der meidet Marketing-Routen wie die NC500 lieber. Ganz zu schweigen von den Unimogs, den Range Rovern und den Radfahrern, Ehrlich! Ist besser für die Nerven.
7 Preise
Die Preise für Benzin und Diesel steigen, je weiter man in den ländlichen Raum kommt, während die Tankstellen gleichzeitig abnehmen. Deshalb ist es klüger, in größeren Ortschaft tanken, das macht mitunter über 20 Cents pro Liter aus. Im Gegensatz zu den deutschen Tankstellen ändern sich hier die Preise aber eher selten und schon gar nicht im Laufe des Tages. Ein Preisvergleich macht immer Sinn, wenn man die Möglichkeit hat, zwischen mehreren Anbietern zu wählen.
Preisvergleich ist auch bei den Campern entscheidend. Verschiedene Wohnmobilvermietungen miteinander zu vergleichen, ist oft der beste Weg, um Schnäppchen zu machen oder auch das Steuer auf der Seite zu haben, die man beim Fahren gewohnt ist. Mit dem Camper Champ kann man die Top-Marken auf der ganzen Welt vergleichen, um das beste Angebot zu erhalten, ohne Buchungsgebühr. Wohnmobile sind in Deutschland und Großbritannien sowie an anderen Reisezielen verfügbar.*
Und jetzt bleibt mir nur noch, Euch einen schönen Urlaub zu wünschen:
Es gibt durchaus einige Konzepte, die ich dem Mann nicht so wirklich vermitteln kann. Da gehört zum Beispiel auch der Brückentag dazu, denn so etwas gibt es in Schottland schlicht und einfach nicht.
Für mich gibt es Brückentage ebenfalls nicht, weil ich oft an Feiertagen und den Wochenenden arbeiten muss. Aber nun, an Fronleichnam, habe ich auch mal einen Brückentag gemacht und damit vier wunderbare kleine Urlaubstage geschaffen. Wieso habe ich das nicht früher schon mal versucht? Einfach mal frei machen! Herrlich!
Gerade im Mai und Juni fallen ja so einige Feiertage auf Donnerstag und dann gibt es eben Freitag den Brückentag. Das ist ein Konzept, das dem Mann völlig fremd ist. Er hat so gut wie keine klassischen Feiertage und wenn er mal welche hat, dann verstecken sie sich meist in den Wochenenden. Aber da gibt es im Vereinigten Königreich ja die wunderbare Variante des Ersatzfeiertags, auch Bank Holdiday Day genannt, weil da die Banken geschlossen haben.
Fällt ein Feiertag auf ein Wochenende, dann schauen die Deutschen blöd aus der Freizeitwäsche, während die Schotten sich verlässlich auf einen freien Montag freuen können. Damit haben sie immer ein verlängertes Feiertags-Wochenende?
Seit die Regierung 1871 mit dem Bank Holiday Act den Banken erlaubte, an einem Montag zu schließen, hat der Mann seine Feiertage gesetzlich zugesichert. Außerdem sind die Feiertage oft nicht mehr christlich, sondern haben einen anderen Anlass. Oft wurden in den wirtschaftlichen Zentren wie Glasgow oder Lanark Feiertage geschaffen, die man dann auf die christlichen legte, zum Beispiel der Glasgow Fair, der Glasgower Messe bzw. dem Glasgower Markt, den es seit dem 12. Jahrhundert gibt und bei dem die Schüler in Glasgow frei bekommen.
Schottland hat viele andere Feiertag als England, zu anderen Zeiten und mit anderem Gewicht. So ist Weihnachten hier von untergeordneter Bedeutung, das hatte schließlich Queen Victoria durch ihren Ehemann von Deutschland nach England importiert. Für die Schotten ist Hogmanay, also Silvester, ein viel bedeutenderer Feiertag als Weihnachten und der 2. Januar ist hier ebenfalls frei und damit so eine Art verlängerter Ausnüchterungstag für die Schotten, die die Neujahrsfeierlichkeiten damit auf drei Tage ausweiten können.
Und den letzten Montag im Mai haben sie auch frei, während wir uns am 1. Mai mit Leiterwägen belustigen.
Betrachtet man aber die Brückentage, dann wir Deutschen im Vorteil, denn wir haben nicht nur einen Tag länger frei, wir können uns durch einen Urlaubstag ganze vier freie Tage erkaufen. Dumm nur, dass diese Tage niemals mit den schottischen synchronisierbar sind.
Es sei denn, ein Deutscher oder eine Deutsche heiratet ins Königshaus ein, so wie einstmals Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Der brachte der Insel Weihnachten, der oder die nächste Deutsche vielleicht Feiertage an Donnerstagen. Wär das nichts? Also mehr Brücken kann ich den deutschen Adelshäusern nun wirklich nicht bauen!
Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!
Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte.
Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht.
Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar.
Meine Schreibhütte ist ein Geschenk, aus vielerlei Gründen. Wer Fotos davon auf meinen Social Media Accounts gesehen hat, wird das nachempfinden können. Die Berge, das Meer, der Wind; gelegentlich kommt draußen vor der Tür eine Maus vorbei oder ein Zaunkönig macht einen flüchtigen Besuch.
Und dann kommt der Tag, an dem draußen ein viel größeres Tier seinen Auftritt hat: Boris.
Ich sitze am Schreibtisch und arbeite an meinem ersten Krimi. Es ist ein trüber Wintermorgen, dunkel und kalt liegt das Meer vor mir. In meiner Hütte aber ist es muckelig warm. Der Mann ist unten am Wasser, um Fotos zu machen. Da ist er täglich, an den Wochenenden oft über Stunden, sein Happy Place.
Ping! Eine WhatsApp Nachricht.
Schatz, hast Du den Seehund gesehen? Ich glaube, mit dem stimmt was nicht.
Warum? Schreibe ich zurück. Mir ist nichts aufgefallen. Ich bin mitten im Morden.
Ich stehe schon über eine halbe Stunde hier, aber er bewegt sich nicht von der Stellen. Und er kommt so komisch senkrecht aus dem Wasser und taucht genauso gerade wieder unter. Als ob er mit den Flossen unten am Grund festhängt.
Oha, denke ich. Wenn der Mann derart ausführlich schreibt, dann macht er sich Sorgen. Ich blicke aus dem Fenster und kann den Kopf des Seehunds im linken unteren Quadrat des Sprossenfensters sehen. Sehr gut, so habe einen Anhaltspunkt, ob er sich fortbewegt oder an derselben Stelle bleibt. Hoffentlich ist das Tier nicht in Not.
Ich schreibe und schaue, und schaue und schaue, immer mehr abgelenkt von dem möglichen Drama, das sich da unter Wasser abspielt und wir nicht erkennen können. Der Mann hat Recht. Der Seehundkopf taucht senkrecht auf, so als würde man ihn an einer Schnur aus dem Wasser ziehen. Sonst kommen die Köpfe eher in einer gleitenden Bewegung an die Oberfläche und dann sehen sie sich meist auch um. Wie ein Mensch, der die Umgebung prüft, ob er sicher ist. Dieser Seehund tut nichts dergleichen. Er benimmt sich, als hinge er im Wasser.
Jetzt, wo sich vor mir derartige Dramen abspielen, kann ich mich nicht mehr aufs Schreiben konzentrieren. Ich klappe das MacBook zu und schlüpfe in die Gummistiefel. Schnell gehe ich hinunter zu Strand. Der Seehund ist gerade untergetaucht. Die Stelle scheint ganz nah. Ob man vielleicht sogar hin waten kann?
Der Mann und ich debattieren, was zu tun ist. Hin waten gut und schön, aber was dann? Der Meeresboden fällt bald stark ab, wahrscheinlich müsste man den Rest schwimmen. Das Wasser hat 8° Celsius. Und dann? Was, wenn dem Seehund nicht klar ist, dass ich seine Rettung bin? Er könnte ja auch vermuten, dass ich ihn angreifen möchte. Oder generell in Panik um sich beißen. Sind Seehunde gefährlich? Die sehen so nett aus.
Der Mann findet, sie sehen eher gefährlich aus. Er weiß, das ich Greenpeace Mitglied bin und möglicherweise zu spektakulären Aktionen neige.
Google ist mein Freund, denke ich und mache mich an die Recherche.
Wie gut, wenn man eine Journalistin im Haus hat, denkt der Mann und beobachtet weiter.
Der schottische Tierschutzbund RSPCA hat alles auf der Seite, was man wissen muss. Einschließlich Telefonnummern, die man in einem Notfall anrufen kann. Ich checke die Sektion „verletzte Wildtiere“ und finde folgende Information:
Seien Sie vorsichtig, wenn Sie sich wilden Tieren nähern, da sie aus Angst kratzen und beißen können – besonders wenn sie verletzt sind. Wenn es nach dem Beobachten aus sicherer Entfernung möglich ist, das verletzte Tier zu einem nahe gelegenen Tierarzt oder Wildtierpfleger zu bringen, rufen Sie zuerst an, um sicherzustellen, dass das Tier untersucht und behandelt werden kann.
Wenn Sie eines dieser Tiere verletzt sehen, halten Sie einen sicheren Abstand, fassen Sie es nicht an und transportieren Sie es nicht:
Reh
Seehund
Wildschwein
Otter
Dachs
Fuchs
Schlange
Raubvögel (einschließlich Eulen)
Schwan
Gans
Reiher
Möwe
Ich stelle mir vor, wie der Mann und ich gemeinsam versuchen, ein Wildschwein in den Fiat Panda zu bekommen und muss grinsen.
Draußen taucht wieder der grauen Kopf den unglücklichen Tiers auf. Zeit für die Rettungskräfte, denke ich, rufe an und schildere den Notfall. Die Frau am anderen Ende der Leitung ist sehr nett, fragt nach und lässt mich erklären.
„Gehen Sie auf keinen Fall näher an das Tier heran. Seehunde sind gefährlich und haben scharfe Zähne. Ein ausgewachsenes Tier kann bis zu 300 Pfund wiegen und über einen Biss üble Krankheiten übertragen“, sagt die freundliche Schottin.
Oha, denke ich. Gut, dass ich nicht rausgewatet bin.
Ich gebe ihr unseren Post Code und sie checkt den Computer.
„Wir können Ihnen einen wildlife officer schicken. Das sind freiwillige Wildpfleger. Aber ich weiß nicht, ob ich sie an einem Sonntag gleich erreiche. Ich versuche es. Falls ja, kann sie in einer halben Stunde bei Ihnen sein“ erklärt die Frau vom Tierschutzbund.
„Und was macht die Wildpflegerin dann?“ möchte ich wissen. Wie will die ein derart schweres Tier transportieren?
„Oh, sie transportiert das Tier nicht“, erklärt die Tierschützerin am Telefon. „Sie hat eine Decke dabei. Die wirft sie dann über das Tier.“
Okay, denke ich. Wie kommt sie mit ihrer Decke zum Seehund? Und was passiert, nachdem sie sie Decke über ihn geworfen hat? Ich bin verwirrt.
Die nette Dame am anderen Ende erklärt: „Wir brauchen noch ein Boot, um näher an das Tier heranzukommen und einen Taucher, der sich dem Tier nähert und es möglicherweise losschneidet.“
Verstehe, die Decke kommt erst an Land zum Einsatz. Ich hatte vor meinem inneren Auge schon einen Deckenweitwurfwettbewerb am Strand gesehen. Ein bisschen wie mit den Ringen am Jahrmarkt. Und der arme Seehund mittendrin.
Der RSPCA kann eine Taucherin organisieren, aber die kommt aus Portree. Das sind neunzig Minuten, wenn die Straßen frei sind. Hoffentlich hält das Tier so lange durch. Das Wasser steigt, die Flut kommt. Was, wenn es ihm nicht mehr gelingt, die Nase über der Oberfläche zu halten. Dann stirbt das Tier. Man hört ja immer wieder davon. Wale, die qualvoll verenden, weil sie sich in Netzen verfangen haben und so. Wir müssen uns beeilen!
Die Taucherin ist vom BDML, dem British Divers Marine Life Rescue, auch sie ist auf freiwilliger Basis unterwegs aber ausgebildet für solche Fälle. Wahnsinn!
Fehlt nur noch das Boot. Inzwischen hat mir die Frau vom RSCPA (gibt es eigentlich auch Männer bei der Rettung von Seehunden?) die Nummer der Taucherin und die der Deckenwerferin geschickt. Ich lege eine WhatsApp Gruppe seal in distress an und poste die Bilder, die der Mann gemacht hat. Alle sind unterwegs. Und noch haben wir kein Boot. Unseres ist im Winterschlaf und nicht seetauglich. Es ist Anfang Februar, um diese Jahreszeit hat hier kaum jemand sein Boot im Wasser. Außer der Fischer im Nachbarort, der hier ihm Loch seine Reusen ausgelegt hat. Ich habe keine Nummer von ihm, aber von seiner Lebensgefährtin. Die rufe ich an. Nur leider, wie ich tags darauf feststelle, geht sie sonntags nicht ans Telefon. Sie ist Künstlerin, wahrscheinlich zieht sie sich da zurück.
Woher ein Boot kriegen? Der Mann weiß auch keinen Rat.
„Was ist mit der Fischfarm?“ frage ich. „Die haben doch mehrere dieser schnellen Boote.“
„Ja“, bestätigt der Mann. „Die arbeiten auch an einem Sonntag. Aber ob gerade die einen Seehund retten wollen? Die Seehunde attackieren die Lachse. Ich nehme an, die Jungs von der Fischfarm sind nicht gut auf sie zu sprechen.“
Dann muss ich sie eben davon überzeugen, denke ich. Die Jungs von der Fischfarm (obwohl ausgewachsene Männer hier nur als fish farm boys bekannt) sind unsere einzige Hoffnung, wenn wir den Seehund retten wollen.
Gerade taucht seine Schnauze wieder aus dem Wasser auf. Ich stelle mir fest, wie die Flosse in Takelage oder alten Seilen festhängt, vielleicht ist er ja auch verletzt. Ich hole den Schlüssel und fahre zur Fischfarm. Dort angekommen ist alles wie ausgestorben. Wo sind denn alle? Die arbeiten doch sonst immer sonntags. Normalerweise stehen um die zehn Auto auf dem Parkplatz, außer einem grünen Range Rover ist der heute leer. Einer ist also da. Aber wo. Ich hoffe er ist nicht draußen an den Netzen, da kann ich ihn nicht erreichen.
Ich klopfe an beiden Türen am Haus. Kein Laut, keiner macht auf. Ich lächle dümmlich in die Sicherheitskamera. Keine Reaktion. Ich schaue mich um. Auf der anderen Seite der Straße, da wo die ganzen Maschinen und Gabelstapler stehen, ist eine große Lagerhalle. Vielleicht ist da jemand.
„Hallo? Ist da jemand?“
Habe ich tatsächlich den Horrorfilm Satz gerufen?
Die Tür geht auf und ein Bilderbuchfischer tritt heraus. Etwa ein Meter achtzig groß, schlank, weiße Harre, weißer Bart, wie frisch aus der Werbung für wasserdichte Funktionskleidung. Er trägt gelbe HellyHansen Hosen über einem Norwegerpullover und eine blaue Stickmütze. Fast schon zu perfekt, um wahr zu sein, denke ich.
Als er spricht, muss ich mir ein Lächeln verkneifen. Mit leiser Stimme, die so gar nicht zu dem Seemannslook passt, und in sehr gewähltem Englisch, frägt er mich höflich nach meinen Begehr. Er lächelt freundlich und ich erkläre ihm den Notfall.
„Ich habe auch Fotos“, sage ich. Nicht dass er denkt, ich habe das alles erfunden.
„Darf ich die mal sehen?“
Das muss der höflichste Fischer/Fischfarmarbeiter Schottlands sein.
Ich nicke und zeige ihm die Fotos aus meine Handy. Jetzt nickt auch er.
„Habe ich mir gedacht“, sagt er. „Das ist Boris.“
„Boris?“ echoe ich etwas ratlos. Meint er wie Boris Johnson?
„Ja, genau wie der. Und er hat eine kleine Freundin, die heißt Nicola, wie Nicola Sturgeon“, ergänzt er.
Die Jungs von der Fischfarm haben den Seehunden Namen von Politikern gegeben!
„Ich bin übrigens Alan“, durchbricht seine zarte Stimme meine Gedanken und auch ich stelle mich vor.
„Du musst die keine Sorgen machen, Nellie. Das macht Boris immer so. Er bleibt oft für eine Weile an einer Stelle und schaut, ob sich eine Gelegenheit bietet. Wir haben im Moment keine Fische in den Tanks. Die neuen kommen erst in ein paar Tagen. Deshalb sind hier auch keine anderen Mitarbeiter. Wahrscheinlich ist er einfach nur hungrig und will gefüttert werden. Die Jungs hier füttern ihn, obwohl sie das nicht sollten. Und nun wartet er darauf, dass ihr ihm was gebt. Aber ich komme gerne mit und schau es mir an.“
„Mit dem Boot? Es sind nur wenige Meilen bis zu uns. Ich erkläre ihm, wo wir sind.“
„Nein, es ist zu windig. Da kann ich nicht alleine raus und es ist niemand da, der mich retten könnte, wenn was passiert. Die offenen Boote sind nicht ungefährlich. Aber ich bin mir sicher, das wir kein Boot brauchen. Das ist nur Boris, der Hunger hat.“
Okay, denke ich. Haben wir hier eine Riesenpanik wegen nichts veranstaltet? Oh je.
Ich schreibe der Taucherin und der Teppichfrau, das es vermutlich eine Entwarnung gibt, wir das aber noch einmal überprüfen wollen. Die Taucherin wollte gerade ins Auto steigen und losfahren. Die Teppichfrau ist gerade beim Mann am Strand angekommen. Wenig später treffen auch Alan und ich ein. Und Boris ist immer noch da. Dann schaut er Alan mit dunklen Augen an, senkt den Kopf und gleitet geschmeidig in den Wellen davon.
Die Schweinebacke hat uns nur was vorgespielt!
Alan bleibt noch eine Weile und sucht mit seinem Fernglas das Meer ab. Die sehr nette Teppichfrau, die mit ihren grauen langen Haaren wie ein aus den Siebzigern entflohener Hippie aussieht, steigt wieder in ihr Auto und fährt nach Hause. Wir entschuldigen uns ausgiebig, aber sie will nichts davon hören.
„War nett, euch kennengelernt zu haben“, sagt sie und fährt davon. „Schönen Sonntag noch!“
Ich hätte gerne den Teppich gesehen. Dann verabschiedet sich auch Alan.
Der Mann und ich sind allein. Seal in distress! Von wegen!
Am nächsten Abend klopft es an unserer Küchentür. Ich öffne und aus dem Gartendunkel tritt Alan hervor.
„Hallo, ich wollte euch nur sagen, dass wir heute Boris gesehen haben. Es geht ihm gut.“
Dan dreht er sich um und geht freundlich winkend zurück zu seinem Auto.
Also mal ehrlich. Man möchte nie ein Tier in Not sehen, aber in Schottland verbindet es die Menschen und schafft neue Freundschaften. Und nun reden wir über Boris als gehöre er zur Familie.
„Hallo Schatz, ich habe Boris heute Morgen gesehen.“
„Ist das Boris da draußen?“
„Boris war heute da?“
Was Boris wohl über uns denkt?
Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!
Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte.
Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht.
Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar.
Versuch nicht, den Leuten etwas beizubringen, was sie bereits wissen – mit anderen Worten, sei kein Klugscheißer. Und der Teil mit den Eiern? Der ist ein Hinweis darauf, dass ältere Schotten früher oft wenige gesunde Zähne hatten und nur weiche Nahrung wie Eier essen konnten.
Diese schottische Redewendung bringt mich unweigerlich zu der Pfannkuchen Geschichte. Da spielen zwar auch Eier eine Rolle, aber keine Sorge, niemand hat an rohen Eiern gesaugt. Bäh! Was für eine gruslige Vorstellung!
Wie zuletzt häufig, ist der Enkel des Mannes bei uns. Ich habe bereits im letzten Buch (Abenteuer Highlands 2.0) über den Krümel geschrieben. Inzwischen ist er sechs Jahre alt und natürlich kein Krümel mehr. Ich bekäme einen vorwurfsvollen Blick, wenn ich das behaupten würde. Als er noch ein Krümel war, hat er alles gegessen was man ihm vorgesetzt hat: Obst, Gemüse, alles. Nun, als Steppke, ist er wählerisch geworden. Dies isst er nicht und das auch nicht und Karotten nur roh, aber nicht gekocht. Tomaten dagegen nur auf der Pizza oder im Ketchup, aber nicht roh.
Der Kurze nähert sich immer mehr dem Mann an, der Obst und Gemüse ja nur mit höchster Vorsicht begegnet. Die beiden frühstücken Berge von Würstchen mit Eiern, während ich mein Müsli löffle. Das ist doch doof und ich schlage vor, ob wir nicht alle zusammen Pfannkuchen essen wollen, mit Früchten und Ahornsirup. Der Mann hat nichts dagegen, weil dann nicht er in die Küche muss, sondern ich, um das Frühstück zu machen. Der Kurze überlegt für eine Weile und entscheidet sich dafür.
„Ich habe keine Pfannkuchen am Pfannkuchen Tag bekommen“, sagt er vorwurfsvoll und wohl in der Hoffnung, dass ich wegen der kulinarischen Versäumnisseein ernstes Wörtchen mit seiner Mutter rede.
Der Pfannkuchen Tag wird hier im Vereinigten Königreich begangen, weil sie kein Faschingsdienstag haben und die Fastenzeit hier im öffentlichen Leben keine Rolle spielt. In Deutschland kennt man ja auch die Faschingskrapfen. Wenn auch eher nicht zum Frühstück.
Der Kurze hat also eine Pfannkuchen Unterversorgung und ich machen mich dran, Abhilfe zu schaffen. Schnell mixe ich die Zutaten, hebe das geschlagene Eiweiß unter und gebe den Teig und in die Pfanne. Als die ersten fertig sind, lade ich sie auf zwei Teller, garniere mit Früchten und weise auf den Ahorn Sirup und das Zimt-Zucker-Gemisch hin, das auf dem Tisch steht, um wieder in der Küche zu verschwinden und den Rest auszubacken.
Als ich mit der nächsten Ladung wieder zurück am Tisch bin, starrt der Kurze trotzig auf seinen Teller. Er hat die Pfannkuchen nicht angerührt. Der Mann versucht ihn gerade davon zu überzeugen, dass man sie sehr wohl essen kann und sie sehr lecker sind, aber nein, er isst sie nicht.
„Was stimmt denn nicht, mit meinen Pfannkuchen?“ frage ich. Ich kann keinen Fehler entdecken.
„Sie sind nicht in der richtigen Form“, trotzt der Kleine und ich weiß sofort, was er meint.
Seine Generation kennt Pfannkuchen als perfekte, runde Gebäckstücke, gestapelt und mit Sirup übergossen. Meine sind zwar rund, aber keine perfekten Kreise. Form und Aussehen aber gehen ihm vor Inhalt.
Nichts leichter als das“, sage ich und nehme seinen Teller mit in die Küche. Dort steche ich mit den runden Ausstech-Formen für Hilda Plätzchen die runden Pfannkuchen zu perfekten Kreisen und serviere sie erneut. Der Kurze ist zufrieden und isst. Ich esse die ausgestochenen Ränder. Heimlich. In der Küche.
Heute nun der dritte und letzte Teil der Familiensaga zum Besuch. Nachdem wir die Frage geklärt hatten, wann ein Frühstück ein Frühstück ist und was genau in einem schottischen Kühlschrank Standard ist, klären wir hier die Frage Home oder Away.
Take Away oder Home Cooking?
Ich zeige dem Mann die Speisekarte des Café Sia. „Schau doch mal, das ist unsere Lösung. Hier ist für jeden was drauf. Es gibt auch Pizza mit Würstchen.“
Er ist nicht überzeugt und auch wenn seine Familie umgekehrt so gut wie nie was kocht, wenn Besuch kommt, er hätte es wohl gerne gesehen, wenn wir unseren Gästen home cooking geboten hätten. Take Away ist in Glasgow eher Standard als die Ausnahme. Das ist in Deutschland sicherlich anders. Aber so richtig klar sagt er auch nicht, was er will,
Ich beschließe, taktisch klug zu agieren in diesem potenziellen deutsch-schottischen Mienenfeld.
„Lass es uns doch heute Abend mal testen. Hast du Lust? Wir fahren einfach hin und schauen, ob sie das mit der Pizza nach machen. Sie bieten ja auch noch andere Sachen an, da laufen wir keine Gefahr, an zwei Abenden hintereinander das Gleiche zu essen.“
Er brummt etwas Unverständliches und schickt sich in sein Schicksal.
Am Abend fahren wir auf die Isle of Skye. Telefonisch haben wir zwei Pizzen für 18 Uhr bestellt. Mit zwei göttlich duftenden Kartons kommt er zurück ins Auto und überbringt die schlechte Nachricht.
„Take away machen sie eigentlich nicht mehr, auch wenn es noch auf der Webseite steht. Und die Preise sind happig, die zwei Pizzen haben £ 25 gekostet.“ erklärt er, während er sich mit den Kartons auf dem Beifahrersitz niederlässt.
Pizza vegetarisch Café Sia, Broadford, Isle of Skye
Pizzaduft füllt das Auto, durch das Fenster kommt die salzige Luft vom Meer. Die Möwen beobachten uns aufmerksam von oben, während sich die Sonne langsam anschickt unterzugehen.
„Lass uns ein paar Meter fahren“, schlage ich vor. Der Pizzamann auf dem Beifahrertisch nickt.
Mi einem Blick auf die Sonne steuere ich direkt Carr Brae an, der allerbeste Ort auf der Welt, um eine Pizza aus dem Karton zu essen. Oder habt ihr einen besseren?
Sonnenuntergang Eilean Donan Castle
Noch am selben Abend habe ich vier Lachsfilets aus der Gefriertruhe genommen und sie am nächsten Tag mit Reis und wahlweise Gemüse im Garten unter der Pergola serviert.
Am Wochenende hat es hier in den Highlands ziemlich gewütet und ein Sturm folgte auf den nächsten. Tagsüber war mal kurz Zeit zum Luft holen. Wie ich diese Momente genieße. Einfach mal Stille, Natur und Raum, die Gedanken schweifen zu lassen. Ich bin gespannt, wie es diese Woche hier aussieht und ob bald der Schnee kommt, der sonst den Januar so schön macht. Statt dessen tauchen hier schon die ersten Frühlingsblumen auf.
Es lebt sich am Meer einfach so viel enger mit der Natur, als man das von zu Hause und den Städten kennt.
Jeder Tag ist anders. Selbst wenn man auf dieselbe Szenerie schaut. Die Sonne, die Wolken, das Wasser, die Berge, Schnee oder kein Schnee, Regen oder trocken. Ich freue mich über alles und über die Abwechslung.
Ich hoffe ihr hattet alle ein wunderbares Wochenende und seid entspannt in der Mitte der neuen Arbeitswoche angekommen