Fenstersimszoo

Wir werden von einem Werwolf heimgesucht. Jeden Abend, Vollmond oder Neumond. Irgendwie unheimlich. Jeden Abend pünktlich um sechs ist er da, draußen in der Dunkelheit, im Regen, im Sturm und wartet, lauert, still und geduldig, macht kein Geräusch. Ich weiß, daß er da ist und er weiß, daß ich da bin.

Ich nähere mich vorsichtig dem Küchenfenster und starre in die Dunkelheit. Da sind sie, zwei grüne Augen glitzern aus der Schwärze – Wolfie. Zeit, zum fressen und der kleine Kopf mit den zotteligen langen Haaren kommt dem Fenster erwartungsvoll näher und näher.

Ich öffne das untere Fenster ein wenig und lege ein Stück rohen Fisch auf das Fenstersims. Dann schließe ich das Fenster und sehe zu, wie Wolfie ganz vorsichtig den Fisch schnappt und die Dachstreppe hinunterschleicht.

Wolfie ist eine sehr scheue wilde Katze, der letzte Neuzugang im Fenstersimszoo. Wir nennen sie Wolfie, weil sie das zottelige Aussehen eines Werwolfs hat. Wolfie weiß genau, wann ich koche und schaut dann vorbei. Wolfie mag Käse, Fisch und Fleisch, inzwischen sogar Trockenfutter. Ich rede Deutsch mit ihr, denn Wolfie ist sehr schlau. Vor dem Mann hat sie ein wenig Angst aber der kann ja auch nur wenig Deutsch.

Es hat ganz harmlos angefangen, mit ein wenig Haferflocken für die Vögel am Morgen, dann kamen Nüsse dazu, dann Rosinen und nun schauen von der Amsel über sämtliche Finken, Spatzen, Rotkehlchen und Krähen nun sogar Möwen vorbei. Ich kaufe Bircher Müsli für die Vögel und gebe täglich frisch gebackenes Brot aus. Ja, man wird sonderlich mit einem Fenstersimszoo.

A propos sonderlich.

Der Mann hat insgesamt 4 Außenkameras installiert. Die kann man über eine kleine Schalteinheit im Wechsel auf den Fenseher geben. Ja, damit kann man auch nachts den Garten überwachen, weil die Kameras überraschend lichtempfindlich sind. Vor allem kann man das Küchenfenstersims überwachen. Wenn man will 24 Stunden lang…..

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Wir füttern auch den Marder, da kommt fast jedes Jahr ein neuer, wahrscheinlich immer der letzte Wurf. Wir nennen sie nach dem Alphabet, haben mit Agnes angefangen und sind nun bei Dougie. Wir denken es ist ein Junge, so wie der frisst. Dougie ist auch sehr scheu, frisst Fleisch aber kein Trockenfutter und Dougie liebt Schokolade. Wenn er ganz viel Hunger hat, frisst er auch Brot. Dougie versteht kein Deutsch.

Eines Abends, wir saßen gemütlich auf der Wohnzimmercouch und schauten Fenstersimskamera, da kam etwas dunkles und schwerfälliges Großes den Kiesweg entlang zum Fenstersims. Ein Dachs! Er roch und schnüffelte, reckte die spitze Nase in die Luft. Das Fenstersims war voller Essensreste und Mister Badger hatte ganz offensichtlich Hunger. Nur ist Mister Badger nicht so gelenkig wie Wolfie oder Dougie oder hat gar Flügel. Er ist allerdings überraschend sportlich, denn Mister Badger versuchte es mit Klimmzügen, um an das Futter zu kommen. Es mißlang und irgendwann trottete Mister Badger hungrig von dannen.20140131_143525[1]

Ich sage dem Mann, das er etwas tun muß. Ich dulde keinen Darwinismus im Garten und bei mir bekommt jeder zu fressen. Der Mann zieht seine Gummistiefel an und beginnt Steine zu schleppen. 20140131_143602Er baut eine Dachstreppe, die Mister Badger inzwischen sehr gerne nutzt, denn dank der Treppe kommt der dicke Dachs nun auch ans Fensterbrett. Mister Badger frisst alles und versteht Deutsch, denn wenn ich Abendessen rufe, dann kommt er meist bald vorbei. Das direkte Gespräch scheut er allerdings, ich schätze weil er einfach ein alter Eigenbrötler ist.

Tolle Sache, so ein Fenstersimszoo. Egal wieviel oder was ich am Abend aufs Fenstersims lege, am nächten Morgen ist es weg. Sogar Melone, Radieschen und Krautwickel aus der Dose. Dann gieße ich einen Wasserkessel kochendes Wasser über den Stein und serviere Frühstück für alle, die zum fressen an unserem Fenstersims vorbei schauen.

Eilean Donan

Ich hoffe nur, dass die Pläne den Wolf in Schottland wieder heimisch zu machen nicht verwirklicht werden. Echte Wölfe haben bei uns Fenstersimsverbot, wir füttern höchstens kleine Möchtergernwölfe wie Wolfie.

Das zweite Gesicht

Die gute Nachricht zuerst: wir waren auf dem Elfenhügel und sind vor den befürchteten 200 Jahren wieder zurückgekehrt. Ohne auch nur eine einzige Elfe getroffen zu haben.

fairy hill

fairy hill

Tomnahurich ist dennoch ein geheimnisvoller Ort, dunkel und still.

Tomnahurich graveyard, Inverness

Tomnahurich graveyard, Inverness

Obwohl der Friedhof am Rande von Inverness, der größten Stadt in den Highlands liegt, scheint er sehr verlassen und fern.                                

Zwei erstaunliche Dinge haben meine Recherchen für Tomnahurich ergeben. Neben der Elfen.

Mitte des 17. Jahrunderts lebte (und das taucht in mehreren historischen Quellen auf) ein einsamer Mann im Westen Schottlands, den sie den Brahan Seer, der „Seher von Brahan“ nennen, auf Gälisch Coinneach Odhar. Vermutlich auf der Hebrideninsel Lewis geboren, führte ihn seine Gabe an viele Orte und trieb ihn bald auch wieder weiter, Lewis, Kintail, Black Isle. Der „Seher von Brahan“ sagte zahllose große und kleine Dinge voraus, viele wurden wahr, zum Teil in allen noch so verwunderlichen Details. Ein ungelöstes Rästel bis heute.

Zwei seiner Vorhersagen betrafen Tomnahurich.

So seltsam es dir auch scheinen mag, die Zeit wird kommen, und sie ist nicht weit, wenn hinter Tomnahurich große Schiffe von Ost nach West segeln werden.

Das war Mitte des 17. Jahrhunderts völlig unmöglich, da Tomnahurich sowohl vom Meer als auch von Loch Ness viele Meilen entfernt liegt.

1822 wurde der Caledonian Canal fertig gestellt. Er verbindet die Seen des Great Glen mit dem Meer. Seitdem fahren Schiffe hinter Tomnahurich vorbei, der Kanal liegt direkt am Hügel.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Die zweite Vorhersage war zu der Zeit, in der sie gemacht wurde ähnlich unvorstelbar.

Der Tag wird kommen, wenn der Elfenhügel Tomnahurich verschlossen sein wird und die Geister darin sicher.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tomnahurich zu einem großen, umzäumten Friedhof mit Öffnungszeiten. Die Geister der Toten sicher darin.

Tomnahurich graveyard, InvernessWie konnte der „Seher von Brahan“ das sehen? In den Highlands zweifeln sie nicht an ihm, dem schottischen Nostradamus. Das zweite Gesicht ist für viele heute noch eine ganz selbstverständliche Gabe.

Hier, in dieser unglaublich grandiosen, gefährlichen und gnadenlosen Einsamkeit, lebt das Übersinnliche von Generation zu Generation fort, wird verebt und angenommen wie Sonnenaufgang und Regen.

Die Sehnsucht nach übersinnlichen Fähigkeiten scheint gerade in der modernen Gesellschaft unverändert groß.

Ich wünschte ich hätte diese Fähigkeit auch: das zweite Gesicht, das es mir ermöglicht, in die Zukunft zu blicken.

Dann hätte ich nämlich gewusst, dass gestern der Postmann zwei Stunden früher in der Tür stehen würde als gewöhnlich.

Und wäre ich nicht nackig durch die Wohnung gelaufen……

 

 

 

Stromausfall

Stromausfall

Mit einem Schlag war alles aus. Alles, was Strom hat. Gerade als ich mir die Zähne putzte. „Mist!“ murmelte ich durch die Zahnpasta, „Stromausfall!“

alles schwarz

alles schwarz

Die Sonne braucht noch eine Stunde, um hinter den Bergen hervor zu kommen. Es ist kurz vor 8 Uhr und stockdunkel überall.

In allen Räumen sind Kerzen und LED-Notlampen mit denen man der Dunkelheit begegnen kann, die sich nun in alle Bereiche des morgendlichen Ablaufs schleicht. Wozu man alles Strom braucht!

Notbeleuchtung

Notbeleuchtung

Ich kann das Gesicht nicht sehen, das ich eincreme, die Wäsche in der Maschine weicht vor sich hin, statt zu waschen, der Wasserkocher kocht kein Wasser. Bedächtig trinke ich die letzten zwei Schluck meines schon ziemlich kalten da-hatten-wir-noch-Strom-Kaffees und freue mich, daß ich den kleinen Kaminofen schon gesäubert und zum anfeuern bereit gemacht habe. Noch ist das Haus warm aber das wird sich schnell ändern, im Winter in den Highlands ohne Heizung. Dann ist es mit der Romantik der Wildnis ganz schnell vorbei. Ich denke sehnsüchtig an ein prasselndes Holzfeuer und eine Tasse dampfenden Kaffee.

Wie haben es die Crofter in ihren zugigen Steincottages mit den mickrigen Torffeuern früher nur ausgehalten? Die Moderne hat uns zu Mimosen gemacht.

Ich organisiere mich. Der Laptop hat noch alles, was die Batterie herzugeben hat. Ich schreibe im Kerzenlicht und schärfe meine Sinne. Erstaunlich, wie gut man seine Tastatur kennt, wenn man sie nicht sehen kann. Auf der anderen Seite des Lochs sind alle Lichter aus, in den Hausern und an den Straßen. Nur die vorbeifahrenden Autos erhellen für kurze Zeit das Schwarz. Kein gutes Zeichen, denn die Häuser auf der andere Lochseite liegen an einer anderen Versorgungslinie. Ist die auch gestört, dann haben wir ein größeres Problem.

Es war keine besonders stürmische Nacht, die Wahrscheinlichkeit, daß ein Baum auf die Stromleitungen gefallen ist also eher gering.

Der Strom fällt hier öfter aus, damit leben alle hier ganz selbstverständlich. Und die Gründe für einen Stromausfall sind zahlreich. Wegen Sturm oder Flut zum Beispiel. Die Oberleitungen sind alt und die Bäume daneben auch. Ein anderes Problem ist die zu hohe Auslastung, zu Beispiel über den Jahrswechsel, wenn alle Ferienhäuser entlang der Straße belegt sind und die Touristen in den Häusern alle Lichter in allen Zimmern brennen lassen. Irgendwann macht es dann bang und es wird für alle kalt und dunkel. Die Einheimischen haben Gaskocher für solche Notfälle. Ich hab mir leider nicht zeigen lassen, wie man unseren benutzt. Oder wo er ist….

Internet geht auch nicht, weil der Router keinen Strom hat. Das macht mir am meisten Sorgen. Kein Internet, wie soll ich da überleben??

Im vorletzten Winter war jeglicher Internetzugang am Loch für Tage unmöglich. Ein paar gewiefte „Unternehmer“ wollten ein Kupferkabel klauen und hatten vesehentlich das Glasfaserkabel erwischt, das die Region versorgt. Weil nach dem Diebstahlversuch ein Sturm aufkam und BT Taucher brauchte, für die Reparatur, hat es fast eine ganze Woche gedauert, bis das Internet wieder ans Loch zurück kehrte.

Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle

„Warum will jemand ein Kupferkabel klauen?“ frage ich mich. „Wozu braucht man überhaupt ein Kupferkabel?“ Ich bin mir sicher ich habe in meinen ganzen Leben noch nie ein Kupferkabel gebraucht.

„Kupfer ist teuer, man kann damit gut Geld verdienen.“ sagt man mir. „Wahrscheinlich konnte jemand das Kupferkabel gut brauchen.“

Aha. Das ist also so, als würde Frau im Drogeriemarkt einen Lippenstift mitgehen lassen: kleine Sache, die man brauchen kann.

Hier lassen Männer mal eben ein Kabel mitgehen…. unter Wasser, unter eiskaltem Wasser, mit Strömungen und Haien und…… und dann finden sie nicht mal das richtige Kabel.

!!!

Ein klein wenig problematischer, als nur die falsche Rotnuance zu erwischen.

Plötzlich: ta ta!

Das Licht ist an, der Strom ist wieder da. Ich kontrolliere das Haus und koche Wasser für  einen Kaffe. Dann geht es wieder zurück an den Computer. Ich muß meine Geschichte posten, solange ich Internet-Zugang habe. Hier weiß man nie, ob nicht irgendwo irgendeiner irgendwas brauchen kann……

Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge

Waverley

PS WaverleyWie heißt das sperrige deutsche Wort bei dem man sich nie merken kann, mit wieviel “f” man es schreibt?

Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiff?

„Spießig und langweilig, nein danke!“ würde ich in Deutschland sagen.

Und in den Highlands?

„Super Idee!“, die Fahrt mit den Aushängeschild der schottischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Fahrt mit der Waverley.

PS Waverley

Über 5 Millionen Passagiere hatte die alte PS Waverley schon an Bord. Die 70 Jahre alte Lady ist der letzte seetüchtige Schaufelrraddampfer der Welt. Gelebte und PS Waverleyvon den Schotten und den Engländern geliebte Geschichte und ultra erfolgreicher Tourismus zugleich. Wenn auch ein wenig anders, denn die Besatzung an Bord ist ehrenamtlich unterwegs und wie man hört, wenn man hinhört, auf der ganzen Welt zu Hause: Italiener, Russen, Franzosen…

Die PS Waverley wurde nach ihrem Vorgänger, dem Minensucher HMS Waverley benannt, der vor Dünnkirchen 1940 eine bedeutende Rolle spielte und später vom Feind bei einem Luftangriff versenkt wurde (http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?161).

PS WaverleyIch verdränge, dass es sich dabei um meine Landsleute gehandelt haben muß und versuche so wenig Deutsch wie möglich auszusehen, als ich als Teil einer kleinen Gruppe Familie und Freunde in Mitten hunderter Touristen in Armadale auf der Isle of Skye an Bord gehe.

PS Waverley

„Hurrah!“ Oder besser „Hurray und ne Buddel voll Rum!“ denke ich und finde den Weg zur Bar während sich die Männer mit der Mechanik des Dampfantriebs auseinandersetzen. Ich verdränge nun den Gedanken an Heinz Rümann und bestelle Bier. Ich muss erst aufs Wasser schauen.

PS Waverley

Durch den windigen Sound of Sleat schaufeln die bunten Räder durch das klare Blau des heißen Sommertags. Möwen begleiten den Ausflugsdampfer in der Luft, Wasser glitzert und im Hintergrund ragen die majestätischen Gipfel der Cuilins über die Insel, die wir gerade verlassen haben. Wir befinden uns für ein paar Seemeilen auf der Schiffsroute nach Mallaig auf dem Festland, einer der Fährverbindungen von und nach Skye.

PS Waverley

Doch statt Mallaig anzusteuern, macht die PS Waverley Kurs auf Inverie, einem der Orte in den Highlands,

den man nur über das Wasser oder zu Fuß durch die Wildnis erreichen kann. Keine Straße führt nach Inverie, dem einzigen Ort auf der Knoydart Halbinsel. Ein paar Häuser, ein Pier, ein Strand und ein Pub. The Old Forge ist das abgelegenste Pub Schottlands und wer als erster dort ankommt, bekommt ein Freibier.

Während die Touristen einen Wettlauf von der Anlegestelle zum Pub veranstalten, PS Waverleylassen wir uns mit unseren mit gebrachten Sandwiches und Chips Päckchen am steinigen Strand nieder und genießen die Sonne und das Meer. Wie echte Touristen. Was für ein schönes Gefühl.

PS Waverley

Oh, deer!

Im hinteren Teil des Gartens, ganz oben in der Nähe des Waldrands, ist im Sommer Morgens oft das Gras niedergedrückt. Als hätte ein Riese eine Picknick-Pause gemacht.

Die Rehe haben sich da eine Kuschelecke eingerichtet, wo sie auch schlafen. Morgens frühstücken sie dann im Garten, was man gerade frisch angepflanzt hat und ziehen sich wieder in die weiten, einsamen Hügel von Kintail zurück, bis die Dunkelheit anbricht.

deer grazing

deer bathingÜberhaupt macht der Sommer das Rotwild recht wagemutig. An heißen Tagen kann man sie baden sehen. Das Wasser willkommene Kühlung und Flucht zugleich. Die „midges“, die winzigen, in den Wahnsinn treibenden Mücken, sind überall.

Auch im Winter kommen das Rotwild gerne in die Gärten. Ihre Spuren im Schnee verraten sie. Der Hunger treibt sie sogar bis zum Vogelfutter, ganz nah am Haus. Die kahlen Hügel im Hochland bieten jetzt keine Nahrung mehr. Wenn ein ausgewachsener Hirsch direkt vor einem steht, wenn man die Haustür öffnet, dann kann das einem schon einen ziemlichen Schrecken einjagen. Ein riesiges Tier mit spitzen Geweih vor einem. Das ist dann ein gefühlter Elch.

stag Cluanie

Kein Wunder nennt man den Hirsch auch „Monarch of the Glen“, den Herrscher des Tals.

stag Cluanie

Kürzlich wurde in der Nähe sogar eine Touristin von einem Hirsch angegriffen. Der war auf einem Gartengrundstück in die Falle gelaufen und der gefährlichen Enge blindlings und pnaisch am einzigen Ausweg, dem Gartentor, entflohen. Da aber stand die Frau und plauderte mit Freunden, die mit ihr Urlaub machten. Der Hirsch trampelte sie nieder und verletzte sie mit seinem Geweih. Sie hatte tiefe Fleischwunden im Hals und eine Wirbelsäulenverletzung. Sie musste ernsthaft verletzt nach Glasgow ins Krankenhaus geflogen werden.

deer Kinloch HournIn der Regel ist Rotwild scheu und vorsichtig. Manchmal sieht man Herden über die Berge ziehen. Man muss genau hinsehen, aus der Ferne verchmelzen sie mit der braunen Heide. Nur Bewegung oder Grasflächen machen sie sichtbar.

Etwa 300.000 Hirsche und Rehe gibt es in Schottland. Und wenn im Herbst die Brunftschreie der Hirsche durchs Tal hallen, hört man förmlich die Einsamkeit der Berge. Bis der Magen knurrt und man sich verstohlen Gedanken über Reh in Rotweinsauce macht.

Hogmanay

Hogmanay ist kein Spass. Schliesslich ist Hogmanay der höchste Feiertag, den die Schotten zu bieten haben. Die Bedeutung auf der nationalen Feiertage-Wichtigkeitsskala war immer schon am höchsten. Da kann Weihnachten nicht mal ansatzweise mithalten. Denn ist der Geschenke- und Weihnachtskartenwahn erst mal überstanden und die Papierkronen wieder weggepackt, dann kann man sich umgehend auf die wahrhaft wichtigen Tage im Jahr vorbereiten: auf Hogmanay.

Silvester oder Neujahr, wie man will. Drei Tage Ausnahmezustand im Land und vor allem auf dem Land. In grossen Städten wie Edinburgh, Glasgow oder Stirling krachen wie überall viel Feuerwerk und Böller, dröhnt Entertainment von gigantischen Bühnen mit große Menschenansammlungen davor.

Davon ist man im Hochland weit entfernt. Grosse Menschenansammlungen sind hier schlichtweg auch viel schwerer zu bewerkstelligen. Man findet sich im kleinen Kreis zusammen.

Und die Bräuche sind ganz anders, als i Deutschland.

Keiner stösst hier stilvoll mit Champagner an. Ist teuer, schwer zu bekommen und außerdem – wer hat schon die Gläser für so was im Schrank. Ich streiche also das perlende Festgetränk von einer mentalen Silvesterliste und arrangiere mich mit Bier, Wein und Whisky. Das „was“, ist in diesen drei Tagen nicht so wichtig. Das wieviel ist eher eine Frage, die diskutiert werden will. Im besten Fall heißt die Antwort immer „Viel.“.

Statt Feuerwerk wird an trockenen Jahreswechseln, also solchen mit mäßigem Niederschlag, böigem Wind und leichten Schneeschauern, gerne mal ein Lagerfeuer entfacht. Das ist überall am Strand erlaubt. In Jahren mit feuchten Jahren, also solchen mit Platzregen, Orkanböen und Blitzeis lässt man es meist ausfallen.

bonfire

bonfire

Das Feuer knistert und wärmt in der stockdunklen Winternacht, die viel schwärzer ist, als in der Stadt. In der Romantik des Festgeschehens vergisst man gerne, dass der eine Nachbar einen Kanister Diesel über dem alten und feuchten Holz ausgekippt hat, um es zu entzünden und daß der andere Nachbar zwei Altreifen auf dem Silvesterfeuer entsorgt hat. Bedenken über giftige Gase werden mit einer Handbewegung lächelnd weggewischt. Bald ist ohnehin jeder so betrunken, daß er das brennende Gummi gar nicht mehr riecht.

Fällt die Neujahrsnacht im Freien flach, dann ist mit dem Glockenschlag („at the bells)“ die Sunde des grossen, gutaussehenden und gehemnisvollen Fremden gekommen. Er sollte die erste Person sein, die im neuen Jahr die heimische Schwelle überschreitet (“first footing“). Man darf da natürlich auch schummeln und kurz vor zwölf jemand Dunkelhaariges aus der Familie in die Kälte schicken, der dann nach Mitternacht wieder reinkommen darf. Allerdings muß er dann ein paar Kohlen in der Hand haben und die im Haus ins Feuer werfen, das soll Glück und Reichtum bringen. Die Frage, wie das in Haushalten ohne Kaminofen oder Kamin gehandhabt wird, konnte bislang noch nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden. Vermutlich werden in den Städten am 1. Januar die Fenstersimse voller Kohlen liegen.

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Und zu essen? Unsere Nachbrarin macht eine Art süßen Knödel, den „clootie dumpling“, der unfassbar süß ist und den ganzen Tag in ein Tuch (“clootie“ kommt von „cloth“ also Tuch) eingewickelt im Topf vor sich hinköchelt. Rosinen, Butter und Zucker im Überfluß, gefühlte 5.000 Kalorien das Stück. Danach braucht der Magen dringend einen Whisky womit wir wieder bei dem „viel“ und der Frage sind, was Hogmanay denn nun wirklich ausmacht. Es gibt letstlich nur eine Antwort: viel trinken.

Die Tatsache, dass die Schotten nicht nur vom 31. auf den 1. feiern, sondern bis zum 2. den Jahreswechsel auskosten, die sagt doch alles.

Slainte! (Prost!) Whisky

Straßen oder Ähnliches

So groß, weit und einsam das Hochland auch ist, manchmal geht es verdammt eng zu. Das liegt vor allem daran, daß es so wenige Straßen gibt.

Hochlandkuh

Hochlandkuh

Selten sind die Seltenen gut ausgebaut, meist sind sie extrem steil, extrem oft überflutet, extrem verschmutzt oder alles zusammen.
An manchen Abschnitten muß man etwas Mut aufbringen. Im Sommer. Im Winter ist man ein Held, meistert man ein derartige Wagnis.

Handarbeit

Handarbeit

Eine dieser Straßen ist die legendäre Calum’s Road. Geteertes Vermächtnis eines schottischen Sturschädels. Noch immer auf der Insel Raasay zu bewundern. Gewundener, geteerter und selbst aus dem Stein gehauener Weg. Mit Hacke, Schaufel und Schubkarren baute Calum MacLeod die Straße, die die offiziellen Stellen verweigerten. Es gab nämlich keine zu seinem Haus. Als nach und nach alle um ihn herum weg gezogen waren weil es keine Strasse gab, hatte der alte Calum die Faxen dicke – zehn Jahre später waren drei Meilen Straße fertig. Made in Scotland.

wenn Schweine fliegen könnten - Calum's Road

wenn Schweine fliegen könnten – Calum’s Road

Nicht nur an, auch auf schottischen Straßen trennt sich die Spreu vom Weizen, vor allem auf den legendären Single Track Roads, den Straßen, die für beide Richtungen nur eine gemeinsame Spur haben. Die Lösung liegt im häufigen Fall des Aufeinandertreffens zweier Fahrzeuge in entgegengesetzter Richtung in den sogenannten Passing Places, den Ausweichbuchten.
An den Passing Places trennt sich der Tourist vom Einheimischen.

Passing Place
Hier ist der Ortskundige natürlich klar im Vorteil. Er weiß, wo er nach Gegenverkehr schauen muß und wo nicht, weiß wie schnell er fahren kann (generell gilt immer sehr schnell, es sei denn er ist über 80, dann gilt generell sehr langsam) und wie spät er bremsen kann. Das ermöglicht dem Einheimischen ein geschmeidiges Einlenken und süffisant gelangweiltes Warten. Profis kündigen das auch gerne mit einem (keinesfalls mehreren) kurzen Blinkzeichen an.
Während also der Einheimische die Situation früh erkannt, die notwendigen Maßnahmen schnell getroffen und dann den entspannten Habitus eines Sachverständigen eingenommen hat, kämpft der Tourist noch immer mit dem Schock „Oh Gott, da kommt einer!“ „Ausweichbucht!“ denkt dann der Reisende (oder sein Ratgeber auf dem Beifahrersitz), während der Einheimische schon längst Platz sparend in einer Ausweichbucht steht. Statt also weiter zu fahren und den übrigen Verkehr nicht zu behindern, beschließt der Tourist einigermaßen panisch den Rückzug zur letzten Ausweichbucht. Man ist ja Gast im Land und will sich höflich den Gepfogenheiten anpassen. Während der Einheimische also in stiller Verzweiflung darauf wartet, der Tourist möge doch endlich an ihm vorbei fahren, rangiert der höfliche Gast umständlich rückwärts, verliert dabei den Überblick über rechts und links und kommt dem tiefen matschigen Straßenrand gefährlich nahe. Nach drei vier Korrekturen hat der Tourist es aber geschafft und zeigt dem Einheimischen voller Stolz per Lichthupe an, dass er nun für die enge Passage bereit steht. Der ist inzwischen am Rande seiner Geduld angekomen. Es ist schon der dritte Tourist auf der Fahrt zur Arbeit. Er fährt ergeben los, entgegnet dam euphorisierten Winken der Touristen mit einem freundlichen Nicken und gibt Gas. Jetzt kommt ein frei einsehbares Stück. Während der Tourist, jetzt wo er schon einmal steht, beschließt ein Foto zu machen.
An unserer Straße auch eine Single Track Road kenne ich natürlich jede Ausweichbucht und die Stellen, an denen man aufpassen muß. Und ich kann auch rückwärts fahren. Ein echter Profi also. Erst neulich kam mir kurz vor den cattle grid, dem Viehgatter, ein Holländer entgegen. Ich war gerade an meine Ausweichbucht vorbei. Also – lässiger kurzer Blick in den Rückspiegel, kurzer Blinker und die paar Meter rückwärts. Dachte ich.
Beim kurzen Blick in den Rückspiegel sah ich, wie sich gerade eine riesige Spinne vom Autodach auf meine Schulter abseilte. Panik, Hektik, Fuchtel….
Irgendwann fuhr der Holländer ergeben rückwärts und wartete in seiner Ausweichbucht. Lässig wie ein echter Profi. „Deutsche Touristen!“ wird er wohl gedacht haben.

Schafe

Schafe sind in den Highlands immer und überall. Nicht fliehbar.

Es ist als ob die Berge sie zum atmen brauchten. Kleine weiße Bergatemflöckchen, launig verteilt auf den mal grünen, meist braunen Hängen der Munroes.

Natürlich sind Schafe sagen wir mal schlicht. Der Grad ihrer Schlichtheit hängt selbstverständlich auch von der Rasse ab. Doch eine grundlegende Schlichtheit ist allen Rassen einfach nicht abzusprechen. Es gibt allerdings einige wenige Ausnahmen, bei denen einem das ungute Gefühl eschleicht, die Schlichtheit sei nur vorgetäuscht und ein flockiges Deckmäntelchen für in der Tat recht clevere Ausnahmen ihrer Spezies. Jene so unschuldig dreinschauenden Schafe, die es faustdick hinter den Schlappohren haben.

In der Regel stehen die Schafe in Schottland mit sich selbst beschäftigt auf wenig nahrhafte Weiden, oft auch direkt auf den Straßen, zumeist dann, wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit um die unübersichtliche Kurve kommt. Meist gelingt ein halsbrecherisches Bremsmanöver in letzter Sekunde. Und der letzte Eindruck, der im Gedächtnis haften bleibt, ist das triumphierende Schafsgrinsen.

Gotcha.

Aber das ist sicher nur Einbildung. Schafe grinsen nicht. Wohl aber haben sie ganz unterschiedliche und deutlich voneinander unterscheidbare Stimmen. Määähh und määäh klingen mitunter völlig anders.

Von den Schafen in der Nachbarschaft hat eines ein sehr tiefes und heiseres määhh, ich habe es Janis getauft. Nach Joplin. In meiner seltsame Angewohnheit allen Tieren meiner Umgebung Namen zu geben. Vielleicht ist das typisch für kinderlose Frauen mittleren Alters, die nie ein Baby benennen durften. Aber ich schweife ab. Das ist wohl auch typisch für Frauen mittleren Alters. Unabhängig von ihrer Reproduktivität.

Zurück zu den Schafen. In der Herde lebt ein weiteres unbeschwert und ohne Sorgen vor sich hin – Heidi. Nicht wegen Geisenpeter oder Almöhi, vielmehr wegen der schrecklichen Stimme Klum.

Ich bin also in vielerlei Hinsicht interessiert an den heimischen Hochlandschafen. Nur essen mag ich sie nicht. Was in der Nachbarschaft nicht verstanden wird. Lamm ist Delikatesse und selbst Hammel wird gerne gegessen, wenn  er umsonst ist. Irgendeiner schlachtet immer. Dann ruft er rum, wer will holt sich eine Hälfte. Eine Hälfte Schaf! Im Kofferraum. Das sägt man dann in Stücke und verstaut das süße Ding in der Gefriertruhe. Niemals brächte ich auch nur einen Bissen herunter. Ich bin ein Weichei und ich glaube das können sie Schafe riechen.  Den Duft von Feigheit vor dem Feind.

Erst heute hatte ich wieder eine Schafbegegnung der anderen Art. Ich war wandern. Ein einsames, windiges, matschiges Hochlandtal hinauf. Fünf Stunden lang sah ich keine Menschenseele. Gänse, ein Bussard, eine Herde Rotwild und natürlich überall Schafe.

Immer wieder Schafe, überall. Sofort auf der Flucht kaum tauchte ich auf. Fasziniert von mir, man konnte in ihren Augen sehen, dass sie sich fragten, ob diese Menschengestalt vielleicht ein wenig Salat oder Karotte dabei hatte. Oder – wenn Träume wahr wurden, vielleicht sogar ein trockenes Stück Brot. Unwiderstehlich.

Ich genoss das Gefühl der Macht, die Schafe vor mir her zu treiben. Schnitt durch sie hindurch wie durch Butter, sah sie rechts und links flüchten, auf den schmalen ausgetretenen Pfaden durch den morastigen Boden. Ich war Herrin der Lage. Mit leichten Schritten ging ich weiter das Tal hinein.

Es war auf einmal so seltsam still. Die Berge schienen bedrohlicher, der Wind kälter und es war als lauerte Unheil überall. Weit und breit war kein Schaf mehr zu sehen. Plötzlich hörte ich hinter mir ein seltsames Geräusch….

Image

Sie hatten sich zusammengerottet, um mich zu verfolgen. Hungrige Augenpaare starrten auf meinen Rucksack. Ich floh.

Das Beste am schottischen Hochland ist die Einsamkeit. Peinliche Momente gehen in der Regel unbemerkt vorbei. An diesen werden sich nur ich und die Schafe erinnern. Und die sind ja ziemlich schlicht, dachte ich zumindest.

Shinty

Shinty ist Sportart Nummer eins in den Highlands. Fußball ist natürlich auch wichtig. Wer aber nichts dazu sagen kann, wie Newtonmore im letzten Pokalmatch abgeschnitten hat oder wie stark Kingussie diese Saison in der Liga auftrumpft, der hat verloren oder ist Tourist. Selbst sämtliche älteren Damen aus der kirchlichen Frauengemeinschaft haben Shinty-Fachwissen. Irgendein Enkel von einer Nachbarin oder ein Cousin vom Sohn des Metzgers spielt immer.

Siegertypen und ideelle Nichttouristen machen sich also besser kundig.

Newtonmore ist das Bayern München der schottischen Shinty-Liga. Auch wenn der Austragungsort wenig mit der luxuriösen Allianz-Arena gemein. Hat, der sportliche Stellenwert ist vergleichbar. Newtonmore wird seit vielen Jahren mit größter Zuverlässigkeit Meister und Pokalsieger. Gäbe es eine Shinty-Champion-League, sie scheiterten maximal am Manchester United.

Shinty ist eine Art Fusion von Hockey und Boxen. Hockey mit vollem und völlig regelgerechten Körpereinsatz ohne Rücksicht auf Verluste, Boxen dann am Abend bei der Party nach der Partie in der Gemeindehalle. Da findet die Siegerfeier oder auch die Niederlagentrostfeier statt. Alkohol ist Pflicht und wer an Ende nicht boxt, ist Tourist.

Wie Feldhockey wird Shinty auf einem Feld gespielt. In Kinlochshiel ist das dann auch ein Feld im reinen Agraarsinn. Ein echter Acker, den ein Bauer dem Erstligaclub zur Verfügung gestellt hat. Umziehen können sich die Spieler in seinem Schafstall. Hier beginnt das Ganze sich deutlich vom Vergleich mit dem FC Bayern München zu unterscheiden. Die feuchte und klamme Umkleidekabine riecht unmissverständlich nach Schaf und ist auf der anderen Seite der einzigen Straße weit und breit. Also ist an Spieltagen ein Polizist vor Ort, er den Verkehr stoppt, wenn die Spieler aus der Kabine kommen und die Straße überqueren müssen, um aufzulaufen.

Die Zuschauerzahl sagt nichts über die Wichtigkeit des Ereignisses aus. Meist ist es so kalt und windig, dass nur ein paar wenige das Spielfeld säumen. Oft nur ein paar Väter, die sich am Rand des Spiels mit ihren Söhnen die Bälle zuspielen. Die meisten haben ihre Autos entlang der Straße geparkt, Tee und Sandwiches dabei und schauen aus dem warmen Auto heraus der Partie zu. Nach der ersten Hälfte wird Eintritt bezahlt. Und auch die Fans in den „Vip-Logen“ zahlen anstandslos einen kleinen Betrag, den der Clubmanager mit einem großen bunten Plastikeimer einsammelt. Feste Preise gibt es nicht, genauso wenig wie Tribünen, Dauerkarten oder Stadionwurst.

Der Bauer hat mit seinem Feld seinen allgemein anerkannten Beitrag zum Gemeinwohl geleistet. Er mäht das Feld ein paar Mal im Jahr mit einem dieser Mäher, auf denen man sitzen damit herumfahren kann. 3 Stunden braucht er, wenn er bedächtig zu Werke geht. Er geht immer bedächtig zu Werke. Manchmal ist es schwer, drei Stunden am Tag zu finden an denen es nicht regnet. Dann wird das Gras eben länger. Dem Spiel scheint das keinen Abbruch zu tun. Die Shinty-Spieler sind es gewohnt, dass Ballführung ein schwieriges Unterfangen sein kann. Manchmal scheint es schon ein Erfolg zu sein, wenn der Ball in die richtige Richtung geht. Kalklinien sucht man vergebens. Feldbegrenzungen scheinen mehr eine Sache von Anstand und Einfühlungsvermögen als von klar fest gelegten Regeln zu sein. Die Rolle des Schiedsrichters bleibt diffus.

Kollegen vom schottischen Fernsehen sind auch da und nehmen die Partie mit einer Kamera auf. Sie stehen dafür auf einer kleinen Holzpalette an einer eher ungewöhnlichen Position für Filmaufnahmen. Wie sich später herausstellt ist es der einzige Standplatz, der stabil genug ist. Der Boden ist fast überall weich und moosig. Zu weich für zwei Mann, eine Kamera und ein Stativ. Natürlich ist auch der Sportchef der regionalen Zeitung vor Ort. Er hat den Hauptartikel für die Sportseiten der nächsten Ausgabe zu schreiben.  Und alle anderen schreibt er auch – er ist der einzige Mitarbeiter der Sportredaktion des Blatts. Die Aufstellung muss er sich selbst zusammen reimen. Im Schafstall gibt es keinen Drucker.

Ist die Partie vorbei und alle auf dem Weg zur Gemeindehalle, dann kehrt wieder Ruhe über dem Acker ein, den die Shinty-Fanatiker Wiese nennen. Nebenan grasen ein paar Angus-Rinder. Nan riecht die salzige Meerluft, Möwen lassen sich nieder und suchen nach Sandwichresten. Gnadenlos rüttelt der Wind  an den Tornetzen.

Shinty Field

Im abendlichen Amselzwitschern steigt der Polizist in seinen Dienstwagen und fährt gemächlich davon. Er hat alle sicher über die Straße gebracht. Den restlichen Arbeitstag verbringt er in der Gemeindehalle. Da wird er mehr zu tun haben.

Nächsten Samstag spielen sie in Newtonmore. Das wird das Highlight des Jahres. Mir ist inzwischen furchtbar kalt und ich habe meine Shinty-Lektion gelernt – nie ohne Auto zum Sport, auch nicht im schottischen Sommer. Sonst ist man entweder Kälte unempfindlich oder Tourist.