Tartan Noir

Vor ein paar Jahren hatte ich die skandinavische Phase, verschlang Krimis aus Schweden, Island, Dänemark. Die Detektive aßen Rentiersalami, kämpften sich durchs ewige Eis und bewunderten die Nordlichter. Es hat ein wenig gedauert, bis ich  mich ein wenig tiefer in die schottische Kriminalliteratur eingelesen hatte,  aber dann gab es kein Zurück mehr.  Jetzt gibt es Whisky, tückische Moore und blutige Steinkreise. Tartan Noir! 

Scottish crime novels

Der Trend Tartan Noir ist bei den Buchveröffentlichungen nicht zu leugnen. Es gibt sie in Massen, die schottischen Krimis, nicht alle auf Deutsch, aber ich lese sie ohnehin nur im Original. Ob es am fehlenden Markt oder an der Schwierigkeit liegt, einen adäquaten Übersetzer zu finden kann ich nicht sagen. Allein schon dieses Zitat aus Margaret Kirks Shadow Man ist eine echte Herausforderung.

Die Schotten verwenden das Wort body nicht nur im Sinne von Leiche sondern auch im Sinne von Mensch, wie in somebody. Wobei in einem Krimi das Wort body selbstverständlich eine eigene Konsequenz hat. Was für ein brillanter Einstig in einen Krimi.

Ian Rankin books

Klassiker sind natürlich seit vielen Jahren der einst bahnbrechende Ian Rankin, dessen Whisky vernichtender Inspector Rebus auch als Verfilmung besonders gelungen ist. Er ermittelt in Edinburgh, der Stadt, die geschaffen ist für Mörder und schreckliche Taten. Die Gassen sind alt und dunkel und die Geschichte grausam und blutig. Düsterer als Edinburgh in einer kalten Novembernacht kann eine Stadt nicht sein. Naja. Sieht man mal von den Touristenströmen ab, die auf Ghost oder Crime Walks die dunklen Ecken der Stadt mit ihren Selfies erleuchten.

Es gibt die schottischen Schriftsteller, deren Bücher in Schottland spielen und die, deren Helden im benachbarten England ermitteln. Val MacDermid, stammt aus Kirkaldy in Fife und lebt nach einem Ausflug nach England inzwischen in Edinburgh. Sie hat mehrere Ermittler zu Papier gebracht, die aber meist außerhalb von Schottland ermitteln. Ihre Fähigkeit, Spannung aufzubauen ist unerreicht, und ich frage mich, ob es ein Buch von ihr gibt, das ich nicht gelesen habe.

Ganz weiblich wird es bei der erfolgreichen Lin Anderson, die wie ich neben der Lust am Schreiben auch eine Leidenschaft für ihre Harley pflegt. Ihre Heldin ist Dr. Rhona MacLeod, eine forensische Pathologin, die vor allen gerne auf abgelegenen kleinen Inseln vor der schottischen Küste oder anderen skurrilen Orten versucht, Mördern Einhalt zu gebieten. Der dazugehörige Ermittler ist DI Michael McNab und die Reihe hat inzwischen schon erstaunliche Ausmaße angenommen.

William McIlvanneys Laidlaw Romane spielen in der Glasgower Unterwelt. Es geht hart zu in seinen Krimis, es ist eben Glasgow. Fast noch lieber mag ich seine anderen Romane, wie Docherty (William McIlvanney: Docherty. Canongate, Edinburgh, 1975) die viel über das Leben der Arbeiter im frühen 20. Jahrhundert erzählen. Von ihm stammen wunderbare Sätze

„It appeared to her that the sins of the fathers were the sons.” (Es schien ihr, als seien die Sünden der Väter ihre Söhne.)

Oder

„Dead hopes lay heaped in her like a mass grave.” (In ihre häuften sich unerfüllte Hoffnungen wie in einem Massengrab.)

Denzil Meyricks DCI Daley stammt ebenfalls aus Glasgow aber ermittelt gerne weg von der Großstadt, auch, um seiner problematischen Ehe zu entfliehen. Ein wenig Grusel mit einem Schuss dunklem Humor. Und die Leichen häufen sich.

Stuart MacBrides DS Logan MacRae ermittelt an der Ostküste im Großraum Dundee und Perth. Auch seine Krimis sind in gewisser Weise voller Humor sehr blutig und etwas Dialog lastig.

Alex Gray hat DCI Lorimer zum Leben erweckt und schickt ihren Ermittler in Glasgow auf Verbrecherjagd.

Und dann wäre da noch Margaret Kirk, die sich inzwischen noch spezifischer als Tartan Noir unter Highland Noir einordnen lässt und deren DI Lukas Mahler in Inverness Morde aufklärt. Das hat für mich eine ganz besondere Faszination, weil ich da nun wirklich alle Orte kennen, die Mahler aufsucht. The Shadow Man lese ich gerade.

Vielleicht sollte ich das alte Manuskript aus den Tiefen meiner Festplatte ausgraben, mein erster Versuch eines Krimis, der an der schottischen Westküste spielt.  Der will noch geschrieben werden.

Was ich aber schon geschrieben habe ist Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland, das ist der zweite Teil von Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Das Buch ist gerade als eBook und Taschenbuch bei Amazon erschienen. Und ja, der ein oder andere Mord kommt auch darin vor!

Abenteuer Highlands 2.0 zwischen Schwarzwald und Schottland

Chips und das Leben

Ausflüge mit dem Mann sind immer ein kleines bis mittleres Abenteuer, kein Wunder, schließlich ist Schottland immer für eine Überraschung gut. Selbst so ganz unscheinbarer Schatz-ich-muss-für-eine-Schulung-nach-Inverness Trip kann lustiger werden, als es zunächst klingt. Inverness? Da denkt man sich ja nichts außer prima, der Mann ist für vier Stunden beschäftigt und ich kann das „Großstadtleben“ (Inverness hat weniger Einwohner als Baden-Baden ist aber dennoch die Hauptstadt der Highlands) genießen.

Natürlich begleite ich ihn. Dumm nur, dass er bereits um 8 Uhr dort sein muss. Wir fahren also um 6 Uhr los und schweigen in der frühmorgendlichen Findungsphase zu geistigem Bewusstsein gemeinsam so vor uns hin.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Es ist mitten im Winter und deshalb noch ziemlich dunkel, als der Mann mich kurz vor 8 in der Nähe der Fußgängerbrücke (auch shouglie bridge  genannt) zur Innenstadt aus dem Auto lässt und weiterfährt. Ich habe den Rucksack mit der Fotoausrüstung dabei und mache mich über die Wackelbrücke auf zur Old High Church, wo sie den nach der Schlacht von Culloden (1746) gefangen genommenen Schotten in der Kirche den Prozess machten und sie direkt im Anschluss auf dem Friedhof erschossen. Sehr, sehr traurig und mindestens ebenso gruselig, es ist nämlich noch immer nicht hell und ich schlendere durch den blauen Morgendunst zwischen den die Gräber und denke an vergangene Schlachten, die Schotten und England.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Jede Menge Geschichte und ich hab‘ noch nicht mal gefrühstückt. Also auf zu Costa’s da gibt es leckeren Kaffee und Toasties, mir ist nach was Warmem, was mit Käse. Comfort food nennt man das hier, Essen fürs wohlige Gefühl in Magen und Seele. Da ist definitiv was dran.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNach einem riesigen Latte Macchiato und einem Käsetoast mit Tomaten ist mir sehr wohlig und ich genieße es Zeit zu haben. Draußen vor der Tür dudelt Dudelsackmusik (kommt da das Wort dudeln her ???) aus den alten Lautsprechern vor dem Touriladen, der mit allerlei Krimskrams, Flaggen, Hochlandkühen als Plüschtier oder Kühlschrankmagnet, Tassen und Nessies in jeglicher Form Schottlandambiente verbreitet.

Die Einheimischen hasten vor dem Fenster vorbei zur Arbeit. Eine sehr magere Frau Anfang sechzig sitzt mit einer dünnen Lederjacke und einer Zigarette draußen im Nieselregen. Sie sieht nicht sonderlich wohlig aus. Aber sie hatte ja auch keinen Käsetoast.

Der Nieselregen scheint nicht mehr aufhören zu wollen, also beschließe ich mich drinnen zu vergnügen. Das Eastgate Center ist das Einkaufszentrum gleich um die Ecke: Schuhläden, Klamotten, Bücher, alles, was frau so braucht. Und einen Schuhmann, der hier witzigerweise nicht Mister Minit heißt. Wieso auch, in Schottland hat man mehr Zeit als nur eine schnöde Minute, auch für den Gummiabsatz, der bis eben noch auf meinen Nietenboots klebte. Billige Schuhe wirklich aber ich mag sie und hätte den Absatz gerne wieder drauf, das nasse Grass auf dem Friedhof muss wohl den Kleber gelöst haben.

„Haben sie Zeit?“ fragt der Schuhmann.

„Selbstverständlich!“ sage ich mit einem Ausrufezeichen. Ich bin ja in Schottland.

Er klebt den Absatz wieder auf und nagelt das Gummi zur Sicherheit zusätzlich. Auf beiden Schuhen. Friedhofssicher sozusagen. Ich sitze auf dem Hocker und baumle mit den Beinen. Mütter zerren ihre quengelnden Kinder vorbei, eine Gruppe jugendlicher Schulschwänzer schert sich nicht um die Sicherheitskameras und fährt Skateboard auf den Gängen. Ich hege Sympathie für diese altmodische Form der Insubordination.

Meine Schuhe sind fertig. Beide Absätze gemacht.

„Zwei Pfund.“ sagt der Schuhmann.

Ich weiß nicht, ob man in Deutschland beim Schuhmann irgendwas für zwei Euro bekommt. Ein Loch im Gürtel vielleicht.

Frisch beschwingt mit neuem Absatz gehe ich ins Schuhgeschäft (ja, diese Schuhe brauche ich), zu H&M (diese Pullover brauche ich nicht wirklich es ist sale und soo bilig) und stöbere im Waterstones’s nach neuem Lesestoff und prüfe, ob sie vielleicht eines meiner Bücher im Regal haben. Leider nicht. Vielleicht sollte ich danach fragen? Ich traue mich aber nicht. Werbung in eigener Angelegenheit zu machen ist mir peinlich.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNoch eineinhalb Stunden, bis der Mann mit seiner Schulung fertig ist. Also gehe ich nochmal auf den Friedhof, um noch ein paar Bilder bei Tag zu machen. Es ist noch immer trübe und regnerisch aber die Sonne ist zumindest aufgegangen. Hat außer mir schon mal jemand versucht, mit einer Schuhtüte, einer großen H&M Tüte und einer Tüte Bücher auf einem Friedhof zu fotografieren?

Nein? Kann es nicht empfehlen!

Der Mann hat nun die Schulung hinter sich gebracht. Wollen wir noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir wieder zurückfahren? Jetzt wo wir in der Zivilisation sind. Vielleicht im nächsten Pub?

Der Mann lässt sich überreden und steuert das Hootananny an, da gibt es Livemusik. Ich glaube der Mann hat da früher selbst gespielt. Gute Idee denke ich, man hört die Musik bis draußen auf die Straße. Der Laden ist voll und wir müssen an der Bar eine Weile warten, bis wir bedient werden. Essen gibt es hier nicht. Die Drei-Mann-Band ist laut, die Stimmung gut, der Gitarrist fängt an mit einer jungen Frau zu tanzen. Dass er aufgehört hat zu spielen ändert nichts am Sound, stelle ich erstaunt fest. Mit kindlicher Freude schwingt der Mann abwechselnd Gitarre und Tanzbein. Ich glaube, der war nur der Playback Künstler und hat sich mit jeder Menge Enthusiasmus in die Band geschlichen. Neben mir murmelt ein Mann Unverständliches in den Kragen seines Hawaiihemds, hinter ihm haben drei weitere Gäste ihre Rollatoren perfekt in Reihe geparkt, vor mir lächelt eine Mittachzigerin beseelt vor sich hin. Sie scheint allerdings nicht viel um sich herum wahr zu nehmen. Ich schaue mich genauer um, während der Mann bestellt.

Zwischen den vielen Menschen jenseits der 70 entdecke ich Begleitpersonal – das Altersheim hat wohl Ausflug. Der Mann hat mich ins Seniorenpub ausgeführt. Das dämmert ihm auch allmählich und er sieht mich etwas hilflos an mit seiner Cola. Ich trinke mein Pint und finde alles sehr lustig. Den Senioren geht es nicht anders. Partylunch.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

Essen holen wir uns auf die Hand bevor wir aus Inverness rausfahren. Der Mann eine Blätterteigtasche mit einer Wurst drin, „frisch“ aus dem Dauerheizfach des kleinen Supermarkts. Bäh! Ich gehen zum Chippie nebenan und bestelle eine kleine Portion Pommes halb roh mit billigem Malzessig und viel Salz. Und während ich auf meine chips warte, denke ich über das Leben nach und die faszinierende Fähigkeit der Schotten, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Hier sagt man he‘s had his chips wenn jemand sein Lebensende erreicht hat. Das geht auch im Neutrum als it’s had its chips wenn die Waschmaschine irreparabel kaputt ist. Ob Mann oder Maschine, seine Pommes gehabt zu haben heißt es ist vorbei.

Wie schön denke ich, dass die Seniorenresidenzler ihre Pommes noch mit voller Partylaune genießen.

 

Frohes Neues Jahr!

Ich wünsche Euch ein gesundes, glückliches und abenteuerliches 2019.

Vielen Dank für Eure Zeit, das Feedback und die vielen guten Rezensionen zu „Abenteuer Highlands“.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands

Ich habe 2018 zwei Bücher veröffentlicht und gerade mit dem nächsten angefangen.

Bliadhna Mhath Ùr!

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch.

Nellie