Kaffee oder Tee?

Kaffee oder Tee? Die vielleicht meist gestellte Frage auf der Insel, ob tief unten im englischen Süden und hoch oben im schottischen Hochland.

Mit dieser Frage beginnt ein Ritual, dessen Regeln ein wenig diffus sind, dennoch aber eingehalten werden wollen. Schwierig für jemanden wie mich, der den lieben langen Tag mit einer Tasse Kaffee durch die Gegend läuft. Die Tasse ist sozusagen schon ein Teil meiner Person geworden und wird transportiert nicht zelebriert. Ich musste mich umstellen.

Die Frage Kaffee oder Tee? ist nicht zuletzt ein Signal der Gastfreundschaft, ein Ausdruck von Zeit und Wertschätzung für denjenigen, der den Kaffee oder Tee bekommt. Es geht weniger um die Flüssigkeitsaufnahme.

Der lose Tee in der vorgewärmte Porzellankanne  wird nur in Filmen oder Fünf-Sterne-Hotels serviert. Im normalen Leben gibt es den Tee als Beutel mit einem, zwei oder drei Zucker, weiß oder ohne Milch. Selbiges gilt für den Kaffee, der immer Instant ist. Ein Löffel oder zwei?

Dann werden die mugs verteilt, Unterteller sind für die Kekse, die aber nicht zu jeder Zeit serviert werden müssen. Mitten am Morgen ist keine Keksezeit. Mitten am Mittag schon.

Zu jeder Zeit und in jedem Fall ist die Zubereitung von Kaffee oder Tee aber nötig, um ein Gespräch zu beginnen. Oder anders herum, ein Gespräch ist nötig, wenn man Kaffe oder Tee gemacht hat. Ganz und gar unbeiläufig.

Wird man gefragt, ob man zum Tee vorbei kommen möchte, dann ist das aber eine Einladung zum Abendessen. In der Regel gegen 17 Uhr. Auch wenn die wenigsten heute noch Tee dazu trinken, die Hauptmahlzeit des Tages heißt immer noch so. Man geht hier nach Hause zu seinem Tee. Auch wenn man ausschließlich Kaffee trinkt

Das sind die Hausregeln. Die Auswärtsregeln sind ein wenig anders.

Mitunter treffe ich Fremde, die von mir wissen wollen, wo man hier Kaffee oder Tee trinken kann. Im Reisefall ist das Getränk ein Moment des Innehaltens, eine Pause. Je nach dem wo man ist, ist die Strecke zur nächsten Pause recht umfangreich und zeitintensiv. Ist man einmal dort, dann trifft man all jene, die man unterwegs schon mal getroffen hat. Alle wollen irgend wann Kaffee oder Tee. Das ist geschlechter- und herkunftsunspezifisch.

Letztes Jahr, ich war gerade joggen, graues Sweatshirt und dunkelblaues Basecap mit der gelben Stickerei FBI vorne drauf. So eine Art Jodie Foster Imitat aus Schweigen der Lämmer. Ein großer, schwarzer SUV schloß von hinten zu mir auf, die dunkel getönte Fensterscheibe der Beifahrerseite ging mit einem leisen Surren herunter und ich erblickte zwei massige Männerkörper in dunklen Anzügen, Glatze, Sonnenbrille und Kabel im Ohr. Das volle FBI-Programm. Dann ging die Scheibe der Hintertür des schwarzen Ungetüms herunter.

„Kann man hier irgendwo Kaffee trinken?“ fragte eine weiche und sehr melodische Stimme die zu einem gut aussehenden Mann arabischen Ursprungs gehörte. Im edelsten Englisch, das ich je hier oben gehört hatte. Ich schickte ihn zum nächsten Kaffee, etwas 30 Minuten auf der anderen Seite des Lochs. Er würde dabei am Ferienhaus seines Vaters vorbei fahren, denn er war ohne jeden Zweifel seine königliche Hoheit Scheich Hamdan bin Rashid Al Maktoum, Stellvertretender Herrscher von Dubai and Finanzminister eben da.

Der brauchte ganz offensichtlich auch mal ne Pause.

 

Der Scheich von Dubai

Der Scheich von Dubai ist unser Nachbar. So wie man hier oben in den Highlands eben Nachbar ist. Er wohnt in Sichtweite, ca. 1 Meile entfernt auf der anderen Seite des Lochs.

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Wobei wohnen wohl nicht das richtige Wort ist. Wir wohnen, er residiert. Sein zweistöckiges Herrenhaus mit 15 Schlafzimmern, einer Suite und einem Bootsanlegesteeg liegt in einer gepflegten Parkanlage, ist letztlich aber nichts weiter als eine Ferienwohnung, denn meist residiert seine Hoheit nicht im schottischen Hochland. Er hat wie ich noch ein anderes Leben.

Ein Leben, das ich ein wenig kenne, denn unsere Wege haben sich schon einmal kurz gekreuzt. Vor Jahren in Dubai. Ich war dort, um einen Film über Distanzreiten zu drehen. Ein Hobby des Herrschers. Ich habe seine makellosen und ausgedehnten Stallungen gesehen, die vielen trainierten Klassepferde, den Reichtum in der Stadt und die Armut in der Wüste. Und die Verschwendung.

Während des Distanzritts durch die Hitze der Wüste wurden die Pferde an Verpflegungsstationen mit eingeflogenem französischen Edelwasser gekühlt. 1,5 Liter Evian über den Pferdekopf, die Plastikflaschen ab in den Sand. Ganze Paletten voll. Nach dem Pferderennen dachte keiner an sammeln oder recyceln.

Naturschutz steht wohl nicht ganz oben auf des Scheichs Maktoums to do Liste. Sport  schon.

Viele Male am Tag sehe ich jetzt hinüber zu dem dunklen, grauen Anwesen. Der Ginster blüht in leuchtend gelben Flecken, der Tannenwald dahinter zieht sich dunkelgrün über die steilen Hänge des Berges, an dessen Fuß der Scheich nur selten Gastspiele gibt.

Aber wenn, dann ist was los am Loch.

Der Scheich kommt. Jeder weiß es. Die Mädchen und jungen Frauen der Gegend werden „eingezogen“ und machen drüben Haus und Herd startklar für den Scheich und seine Gäste. Unmengen von Essen werden eingeflogen. Räume werden gelüftet und gereinigt. Im Park ein paar Kieselsteine an der Auffahrt zurechtgerückt.

Dann beginnt das Warten, denn es kann durchaus sein, dass Scheich Maktoum sein Kommen für Montag ankündigt aber erst am Freitag auftaucht.

Weil der Scheich seine Reisezeiten ins Feriendomizil so flexibel handhabt, bekommen viele Familien am Loch das ausgefallenste Obst und Gemüse. Denn das kommt jeden Tag frisch. Kommt aber der Scheich nicht, wird es weggeworfen.

Was wiederum kein Schotte versteht. Hier in der Einsamkeit des Nordens wird nichts verschwendet oder weggeworfen. Schon gar nichts, das nichts kostet. Wenn sich die Ankunft des Scheichs zieht, dann essen viele Menschen gut.

Die Haushaltshilfen dürfen nehmen was sie wollen und kommen nach Hause mit großen Obststeigen voller ausgefallener Dinge: Spargel, Mango und Papaya, Artischoken. Alles Dinge, die es hier oben so gut wie nicht zu kaufen gibt.

Nicht nur das Esen wird per Helikopter eingeflogen. Auch die Gäste. Das Rotorengeräusch der kleinen Luxustransporter stört die Stille für Stunden. Zeitgleich mit dem Helikopterheer zieht die Yacht vom offenen Meer herein. Sie ist zu groß, um direkt am Anwesen anzulegen. Die Gäste müssen per Beiboot an Land gebracht werden. Wobei das Beiboot schon bedeutend größer ist als alle Boote, die es im Umkreis am Loch gibt. Mit Ausnahme des Futterfrachters der Lachsfarm.

Am Abend glitzert das hell erleuchtete Anwesen des Scheichs übers Wasser. Wie der große Gatsby, prunkvoll prächtig in seinem Reichtum. Und mit seiner eigenen Stromversorgung. Die offizielle ist notorisch störungsanfällig.

Am nächsten Morgen dann, so gegen 11 Uhr, knattern die Rotoren wieder über der Stille des Lochs. Ein Helikopter nach dem anderen fliegt zunächst das Haus an und dann hinauf in die Berge von Lochaber und Lochalsh. Der Scheich und seine Gäste gehen jagen. Es wird still am Loch. Erst am Abend kommen die Helikopter wieder. Einer nach dem anderen fliegt die Gäste zu ihrem Dinner, das den ganzen Tag in der Küche zubereitet worden ist.

deer Kinloch Hourn

Zuletzt, als es fast schon dunkel ist und das Anwesen des Scheich herausfordernd über das kalte Wasser glitzert, kommt noch ein Helikopter. Ein schwerer Rotorenton. An einem Seil unter dem Heli hängen die schwere Körper der Hirsche. Langsam lässt der Pilot die tote Last am Maktoumschen Strand herunter. Eine Stunde später, die Gäste sind wohl inzwischen beim Hauptgang angekommen, lodert ein großes Feuer ein Stück vom Anwesen entfernt durch die Nacht. Das erlegte Wild verbrennt am Strand während im Hause die eingeflogenen Früchte zum Nachtisch serviert werden.