Schottlandreise während Corona – Zügig zum Ziel

Nach dem Mietwagen-Aus stelle ich die gesamte Reise nach Schottland in Frage. Soll ich nicht vielleicht doch lieber mit dem Auto fahren? Braucht es eine Planänderung? 

Ich könnte ja den Eurotunnel nehmen, da kann man im Auto sitzen bleiben. Aber der hat inzwischen auch die Preise angezogen und so richtig ist der auch nicht im Einklang mit den Einreiseregeln. Ich muss schließlich 14 Tage in Selbstisolation und auf direktem Weg von der Grenze zu meinem Bestimmungsort. Das sind von der Südküste Englands aus knappe 1000 Kilometer und von zu Hause bis zum Ärmelkanal nochmal knapp 700. Das schaffe ich nicht ohne Schlaf und Schlaf in einem Hotel beißt sich irgendwie mit direktem Weg und nur an einem Ort aufhalten. Streng genommen müsste ich durchfahren oder im Auto übernachten.

Der Mann runzelt die Stirn als ich ihm das erzähle. Im Auto übernachten sieht die Polizei auf der Insel generell nicht gerne, unabhängig von Corona. Also irgendwie ist das alles nicht so super.

Dann also Zug, eingesperrt mit vielen anderen Menschen, die alle dieselbe Luft atmen. Genau wie im Flieger, aber da wird sie ja angeblich alle 3 Minuten ausgetauscht. Im ICE kann man kein Fenster aufmachen.

Allerdings gibt es eine sehr gute Verbindung mit nur 2x umsteigen direkt zum Flughafen in Amsterdam. Und die Preise in der 1. Klasse sind mit 90,- € wirklich gut. Da kann man eigentlich nicht nein sagen. Ich hoffe, dass die Züge nicht zu voll sein werden. Zusammengepfercht mit vielen anderen möchte ich nämlich nicht sein. Schon gar nicht über 6 Stunden. Aber es scheint mir die sinnvollste Lösung im Moment. Schließlich ist fast nichts mehr so, wie es vor Corona war.

Ich buche also einen Zug, um zügig zum Ziel zu kommen. Sparpreis. Wenn was dazwischenkommt, bekomme ich mein Geld nicht zurück. Egal. Es kommt nichts dazwischen.

Es kommt ganz bestimmt nichts dazwischen!

Morgen: Ich bin vorbereitet!

Schottlandreise während Corona – Finde einen Flug

Um nach Schottland zu kommen, bucht man einen Flug. So war das zumindest vor der Corona-Krise. Nun aber ist das mit dem Flug buchen nicht so einfach, es gibt nämlich keine.

Frankfurt – Glasgow? Fehlanzeige.

Stuttgart – Edinburgh? Keine Flüge

Und so geht es weiter und weiter.

Die Verbindungen haben sich im Laufe der Jahre immer geändert und ich bin schon so ziemlich alle Verbindungen zwischen Süddeutschland und Schottland geflogen. Frankfurt – Glasgow war bisher der einzig sinnvolle Direktflug gewesen. Der ist nun nicht mehr da.

Und die Flüge mit einer Zwischenlandung kosten zwischen 1300,- und 1600,- €. Nur der Hinflug!

Ich entscheide mich schließlich für KLM und den Flug von Amsterdam nach Inverness, setze einen Google Alert und beschließe noch nicht zu buchen. Er kostet 163,- €, was mir leicht überteuert scheint, aber vielleicht wird er ja noch billiger.

Der Flug ist deshalb praktisch, weil der Mann mich von Inverness abholen kann und ob ich nun nach Frankfurt an den Flughafen fahre oder nach Amsterdam macht auch nicht einen so großen Unterschied, denke ich. Es sind halt ein paar Stunden mehr Anfahrt.

Denkste!

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und schnüre die Laufschuhe für eine kleine Einheit im Wald. Ich stelle das Telefon an und will gerade aus der Tür, als es pingt, eine Mail von Google.

Der Preis ihres Fluges ist gestiegen. Der Flug kostet nun 571,- €.

AAAhhhhhh!

Ich setze mich um kurz nach 6 Uhr in der Früh in Laufklamotten ans Macbook und buche sofort den Flug von Amsterdam nach Inverness zwei Tage später, da hat er noch den niedrigen Preis.

Und dann, denke ich mit einem Lächeln, buche ich einfach einen Mietwagen und lasse den in Schiphol. Das sind zwar 6 Stunden Fahrt bis zum Flughafen aber der Flug ist ja erst am Abend. Mit ein bisschen Glück kann ich den Mietwagen morgens holen und am Nachmittag in den Niederlanden abgeben.

Schwarzwald Weg

Zufrieden mache ich mich auf in den Wald. Ich Ahnungslose!

Morgen: Ein Königreich für ein Auto

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Ich hasse den Flughafen in Frankfurt/Main, hasse ihn aus ganzem Herzen. Die Anfahrt ist jedes Mal mit Stau verbunden, das Parken entweder mit einem Vermögen oder einer Shuttle-Odyssee von wer weiß wo in Hessen und Security macht mich mit großer Zuverlässigkeit so aggressiv, ich möchte Amok laufen gegen die Herdenhaltung von Passagieren und dem damit einhergehenden Verlust der Würde und Selbstbestimmung.

Es hat ja noch verhältnismäßig lustig angefangen. Der Mann und ich waren in meinem Auto unterwegs nach Frankfurt, dort haben wir den Check-In beim Shuttle-Unternehmen schnell gefunden und auch die Parkanleitung (mit Code für das Rolltor) problemlos gemeistert. Der Busfahrer, der uns zum Terminal 1 brachte, war gut gelaunt und plauderte wild auf den Mann los. Der kann zwar seit er Duolingo macht sogar etwas Deutsch sprechen aber mit seinem Paradesatz „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“ kommt er nicht weit. Ich erkläre also dem Busfahrer, dass der Mann kein Deutsch spricht.

Flughafen-Shuttle Schild

„Was ist er denn?“ fragt er vom Fahrersitz herüber.

„Schotte.“ sage ich.

„Dann spricht er also Englisch.“ stellt der Busfahrer mit Überzeugung fest.

„Naja,“ sage ich. „So eine Art.“

Worauf der Mitreisende im Bus zu kichern beginnt.

Am Terminal 1 angekommen ist aber Schluss mit lustig. Der Mann muss seinen Koffer einchecken. Wir fliegen Lufthansa und das heißt ab an den Automaten. Ich hasse diese Dinger, weil sie nie funktionieren. Und na klar – er funktioniert nicht. Das gelangweilt rumstehende Servicepersonal der Lufthansa hat im Laufe der Karriere das Ignorieren von hilflosen Fluggästen an einem ihrer Automaten perfektioniert und schlendert beiläufig hin und her. Alle vier!

Gepäcktrolleys am Flughafen Glasgow

„Entschuldigung. Wäre einer von Ihnen mal so freundlich, zu helfen?“ sage ich im Kommandoton. Einer zuckt mit den Schultern und schlurft zum Mann hin. Er murmelt ein paar sinnlose Ratschläge und besteht darauf, dass er den Automaten nicht berühren darf. Das sind die Regeln, meint er mit einem Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldet. Ich bin kurz versucht ihm verständlich zu machen, was ich von seinen Regeln halte, ziehe es aber dann doch vor an den Schalter mit dem echten Personal zu gehen, zu dem man nur gelangt, wenn man vorher am Automaten ein paar Nerven gelassen hat.

Nachdem der Koffer endlich weg ist, kommt die Sicherheitskontrolle. Man treibt uns durch endlose Sinnlosschleifen von Absperrband Richtung nächstem Automaten. In Schottland treiben sie so die Schafe zum Desinfizieren. Ich bin völlig Laus frei und schon ziemlich genervt. Natürlich funktioniert auch dieser Automat nicht, mit dem die Bordkarte gescannt wird und ich werde in eine andere Schlange getrieben. Irgendwann sind der Mann und ich dann da, wo das Handgepäck geprüft wird und man alles wieder auspacken muss. Hinter mir drängeln die deutschen Urlauber mit ihren eingetüteten Flüssigkeiten unter 50 ml. Vor mir sortiert sich ein englisches Paar. Der Mann kämpft in der Schlange neben mir. „Ich bin so genervt, ich möchte mich lauthals auf Artikel eins des deutschen Grundgesetzes berufen und Die Würde des Menschen ist unantastbar! schreiend durch die Security Zone brechen,“ murmle ich dem Mann zu.

„Keine gute Idee meint er und schaut nach vorne.“ Mein Blick fällt auf die drei schwer bewaffneten Polizisten, die am anderen Ende des Raumes stehen, mit Gewehr und schusssicheren Westen.

„Ich wäre wohl nicht erfolgreich aber einen Aufstand könnte ich schon machen,“ sage ich. Schließlich bin ich Journalistin.

„Das ist bei uns nicht unbedingt ein Nachweis der Integrität,“ meint der Mann mit leichtem Sarkasmus im Unterton. Er ist kein Freund der BBC.

Ich schreite durch den Bodyscanner, stelle meine Füße brav in die vorgeschriebenen Fußspuren und halte meine Arme genauso, wie sie es wollen und sammle die Einzelteile meines Gepäcks wieder ein. Da tritt die Engländerin auf mich zu, die vorhin in der Schlange vor mir war.

„I‘m sorry. I just wanted to say thank you for what you do.“

Ich schaue sie verständnislos an. Wofür bedankt sie sich bei mir? Was tue ich denn?

„Ich meine es ernst,“ sagt sie und nickt. „Danke, dass sie in diesen dunklen Zeiten Journalistin sind.“

Frankfurt Flughafen

Sie meinte natürlich die schwierige politische Situation rund um den unsäglichen Brexit und weniger die Behandlung, die einem an großen Flughäfen wie Frankfurt zu Teil wird. Ich sah der Frau nach, wie sie mit ihrem Mann im Gewühl der Menschen auf dem Weg nach irgendwo verschwand.

Sie hatte mir soeben meine Würde wiedergegeben.

PS: Der Mann weist mich gerade darauf hin, dass er sagen kann „Ich habe elf Katzen und fünf Hunde“ und nicht „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“. Ordnung muss sein. 😂

 

M für Mietwagen

Shetland hat vor allem eines: außergewöhnliche Menschen. Irgendwie ticken sie ein wenig anders hier oben, auf eine ganz großartige Art anders.

Einen kleinen Einblick in den Humor der Shetlander gibt dieses lustige Video.

https://www.youtube.com/watch?v=Su5weSQH1DY

Eigentlich ist dem nicht viel hinzuzufügen.

Sumburgh Airport (1)

Ich hätte nur noch M für Mietwagen zu ergänzen.

Ich habe ja nun von Berufs wegen häufiger das Vergnügen, irgendwo auf der Welt einen Mietwagen abzuholen und wieder abzugeben. So lustig wie in Sumburgh war es noch nie.

Sumburgh Airport (2)Das ging schon beim Abholen los.

Prüfen sie das Auto, Kratzer sind kein Problem, die polieren wir wieder raus.

In Deutschland wird jeder Hauch eines Kratzers akribisch auf dem Formular vermerkt.

So richtig lustig aber wurde es, als wir versuchten, das Auto wieder abzugeben.

Als wir ankommen ist der Schalter der Mietwagenfirma verwaist. Diverse Schlüssel und Papiere liegen griffbereit hinter der Theke.

Sumburgh Airport (6)Wir stehen eine Weile dumm rum und warten. Keine Klingel. Kein Schild „Bin gleich wieder da“. Nichts.

Wir checken unser Gepäck ein und kommen wieder.

Immer noch keiner da.

Ich kaufe Mitbringsel im kleinen Laden am Ende der Halle und komme wieder.

Immer noch keiner da.

poems on the looIch gehe auf die Toilette, lese sämtliche Gedichte an den Türen und komme wieder.

Immer noch keiner da.

Wir gehen in das kleine Bistro. Ich bestelle Bier und setze mich so, daß ich den Mietwagenschalter im Auge habe.

Da kommt keiner.

Der Mann geht eine rauchen und kommt wieder. Er hat an der Außenwand des Flughafens eine Klappe hinter dem Mietwagenschalter entdeckt.

Sumburgh Airport (4)

Die geht aber nicht auf. sagt der Mann.

Nach über einer Stunde beschließe ich, den vermaledeiten Mietwagen-Schlüssel einfach auf die Theke zu legen und durch Security zu gehen.

Ich gehe die paar Schritte rüber und da sitzt er, der Mann vom Mietwagenschalter. Einfach so. Nach 90 Minuten Schlüsselabgabeversuch. Der muß durch einen unterirdischen Tunnel gekommen sein.

Wo haben sie denn gesteckt? rutscht es mir heraus.

Ich lag die ganze Zeit unter dem Tisch hier. Der ältere Herr und schaut mich todernst an.

Ich hab mich schon gefragt, wann sie endlich mit dem Schlüssel auftauchen.

Nun stiehlt sich ein leichtes Grinsen in seine Züge.

Nun, der Mann hat versucht, den Schlüssel durch die Klappe da hinten zu werfen aber die ging nicht auf.

Ich lege leichten Vorwurf in meine Stimme.

Dann richten sie dem Mann einen schönen Gruß aus. Er hat leider völlig versagt.

Der Mietwagenmann hat ein großes Lächeln in der Stimme.

DSC_0536Mit dieser Nachricht und ohne Schlüssel gehe ich zurück zum Mann, der noch in dem kleinen Bistro sitzt. Und während ich ihm alles erzähle taucht der Mietwagenmann auf und wedelt mit einer CD, die sie hier am Flughafen verkaufen.

Hier, die haben sie im Auto vergessen!

Ist nicht unsere. 

Der Mann und grinst den Mietwagenmann vergeltungslustig an.

Da haben sie leider völlig versagt!

Großes Gelächter auf beiden Seiten.

Mit dem beruhigenden Gefühl eines 1:1 (und das noch auswärts) besteigen wir den Flieger, der uns wieder zurück in die Highlands bringt.

Sumburgh Airport (8)

Wir haben gelernt, das es im Shetlandalphabet noch einen 27. Buchstaben gibt :

Ü für Überraschung.

 

 

 

 

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