Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Ich hasse den Flughafen in Frankfurt/Main, hasse ihn aus ganzem Herzen. Die Anfahrt ist jedes Mal mit Stau verbunden, das Parken entweder mit einem Vermögen oder einer Shuttle-Odyssee von wer weiß wo in Hessen und Security macht mich mit großer Zuverlässigkeit so aggressiv, ich möchte Amok laufen gegen die Herdenhaltung von Passagieren und dem damit einhergehenden Verlust der Würde und Selbstbestimmung.

Es hat ja noch verhältnismäßig lustig angefangen. Der Mann und ich waren in meinem Auto unterwegs nach Frankfurt, dort haben wir den Check-In beim Shuttle-Unternehmen schnell gefunden und auch die Parkanleitung (mit Code für das Rolltor) problemlos gemeistert. Der Busfahrer, der uns zum Terminal 1 brachte, war gut gelaunt und plauderte wild auf den Mann los. Der kann zwar seit er Duolingo macht sogar etwas Deutsch sprechen aber mit seinem Paradesatz „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“ kommt er nicht weit. Ich erkläre also dem Busfahrer, dass der Mann kein Deutsch spricht.

Flughafen-Shuttle Schild

„Was ist er denn?“ fragt er vom Fahrersitz herüber.

„Schotte.“ sage ich.

„Dann spricht er also Englisch.“ stellt der Busfahrer mit Überzeugung fest.

„Naja,“ sage ich. „So eine Art.“

Worauf der Mitreisende im Bus zu kichern beginnt.

Am Terminal 1 angekommen ist aber Schluss mit lustig. Der Mann muss seinen Koffer einchecken. Wir fliegen Lufthansa und das heißt ab an den Automaten. Ich hasse diese Dinger, weil sie nie funktionieren. Und na klar – er funktioniert nicht. Das gelangweilt rumstehende Servicepersonal der Lufthansa hat im Laufe der Karriere das Ignorieren von hilflosen Fluggästen an einem ihrer Automaten perfektioniert und schlendert beiläufig hin und her. Alle vier!

Gepäcktrolleys am Flughafen Glasgow

„Entschuldigung. Wäre einer von Ihnen mal so freundlich, zu helfen?“ sage ich im Kommandoton. Einer zuckt mit den Schultern und schlurft zum Mann hin. Er murmelt ein paar sinnlose Ratschläge und besteht darauf, dass er den Automaten nicht berühren darf. Das sind die Regeln, meint er mit einem Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldet. Ich bin kurz versucht ihm verständlich zu machen, was ich von seinen Regeln halte, ziehe es aber dann doch vor an den Schalter mit dem echten Personal zu gehen, zu dem man nur gelangt, wenn man vorher am Automaten ein paar Nerven gelassen hat.

Nachdem der Koffer endlich weg ist, kommt die Sicherheitskontrolle. Man treibt uns durch endlose Sinnlosschleifen von Absperrband Richtung nächstem Automaten. In Schottland treiben sie so die Schafe zum Desinfizieren. Ich bin völlig Laus frei und schon ziemlich genervt. Natürlich funktioniert auch dieser Automat nicht, mit dem die Bordkarte gescannt wird und ich werde in eine andere Schlange getrieben. Irgendwann sind der Mann und ich dann da, wo das Handgepäck geprüft wird und man alles wieder auspacken muss. Hinter mir drängeln die deutschen Urlauber mit ihren eingetüteten Flüssigkeiten unter 50 ml. Vor mir sortiert sich ein englisches Paar. Der Mann kämpft in der Schlange neben mir. „Ich bin so genervt, ich möchte mich lauthals auf Artikel eins des deutschen Grundgesetzes berufen und Die Würde des Menschen ist unantastbar! schreiend durch die Security Zone brechen,“ murmle ich dem Mann zu.

„Keine gute Idee meint er und schaut nach vorne.“ Mein Blick fällt auf die drei schwer bewaffneten Polizisten, die am anderen Ende des Raumes stehen, mit Gewehr und schusssicheren Westen.

„Ich wäre wohl nicht erfolgreich aber einen Aufstand könnte ich schon machen,“ sage ich. Schließlich bin ich Journalistin.

„Das ist bei uns nicht unbedingt ein Nachweis der Integrität,“ meint der Mann mit leichtem Sarkasmus im Unterton. Er ist kein Freund der BBC.

Ich schreite durch den Bodyscanner, stelle meine Füße brav in die vorgeschriebenen Fußspuren und halte meine Arme genauso, wie sie es wollen und sammle die Einzelteile meines Gepäcks wieder ein. Da tritt die Engländerin auf mich zu, die vorhin in der Schlange vor mir war.

„I‘m sorry. I just wanted to say thank you for what you do.“

Ich schaue sie verständnislos an. Wofür bedankt sie sich bei mir? Was tue ich denn?

„Ich meine es ernst,“ sagt sie und nickt. „Danke, dass sie in diesen dunklen Zeiten Journalistin sind.“

Frankfurt Flughafen

Sie meinte natürlich die schwierige politische Situation rund um den unsäglichen Brexit und weniger die Behandlung, die einem an großen Flughäfen wie Frankfurt zu Teil wird. Ich sah der Frau nach, wie sie mit ihrem Mann im Gewühl der Menschen auf dem Weg nach irgendwo verschwand.

Sie hatte mir soeben meine Würde wiedergegeben.

PS: Der Mann weist mich gerade darauf hin, dass er sagen kann „Ich habe elf Katzen und fünf Hunde“ und nicht „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“. Ordnung muss sein. 😂

 

10 Gedanken zu “Die Würde des Menschen ist unantastbar!

  1. Liebe Nellie,

    Wir zwei sind eindeutig Seelenverwandte denn bei dem Thema kann ich heute ganz locker mithalten, und dazu muss ich nicht mal zum Flughafen Frankfurt, da reicht das Krankenhaus Freudenstadt.

    Notärztin diagnostiziert Vorhofflimmern in Verbindung mit schwerer Bronchitis, also ab mit Tatütata über Schlaglöcher gebraust, daß es einen fast von der Britsche haut. Ankommen KH Notaufnahme erst wird einem das Ohrläppchen abgeäzt und dann mag man es wirklich kaum glauben, daß EKG was die Feldwebel Schwester anlegt funktioniert nicht, okay, kein Problem denk ich die werden in der Notaufnahme ja noch eins haben. Haben sie auch doch das war gerade im Einsatz. Na dann kann man bis dahin in aller Ruhe sterben, denk ich und schließe einfach die Augen.

    Ankommen auf der H1 und der ganze Dreck fängt von vorne an.
    Ich liebe es, wenn Ärzte den Patienten nicht zuhören, da würde ich am liebsten mein claymore schwingen.
    Die Mitteilung das ich keine Inhalation vertrage wird geflissentlich ignoriert, ich muss da erst mal durch, damit es schneller geht. Aha, ich wohne weit über 60 Jahre in meinem Körper, ich glaube ich weiß ganz genau was ich vertrage und was nicht. Ignoranz muss unter Körperverletzung gestellt werden.
    Denn jetzt haben sie ihren Salat, heute kann ich kaum noch was schlucken.

    Nachdem ich unter rundum Bewachung angeschlossen worden bin, trifft mich doch fast der Schlag. Das Kabel zwischen den Geräten wurde ganz liebevoll mit Pflaster umklebt und ist teilweise noch offen. Na bitte im Notfall kann ich es als Defibrillator verwenden.

    Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Krankenhaus Freudenstadt.
    Ich schreibe mit Sicherheit hinterher eine Gebrauchsanweisung fürs überleben im Krankenhaus.

    Jetzt schicke ich dir liebe Grüße aus dem Gefängnis Krankenhaus und werde die nächste Infusion genießen.

    Liebe Grüße

    Kar

    • Liebe Kar,

      Du hast mein uneingeschränktes Mitgefühl. Klingt als sollte man um dieses Krankenhaus besser einen großen Bogen manchen, wenn man kann. Als Notfallpatient kann man das ja leider nicht.
      Ich hoffe es geht dir bald besser und du kommst so schnell wie möglich da raus.
      Wir schicken liebe Grüße und gute Besserung.
      All the best!

      Nellie

      • Liebe Nellie,

        Definitiv, um dieses Krankenhaus muss man einen riesen Bogen machen.
        Die wollten mir eine Herz OP verkaufen, da habe ich meine Menschenrechte wahr genommen und dankend abgelehnt.

        Jetzt liege ich seit 1 Woche drin und die haben es noch nicht geschafft meine Geflügel Allergie an die Küche zu melden.
        Also essen ist auch nicht viel, man ich will jetzt Fisch and Chips

        Grüße mir na h – Alba und genieße es in vollen Zügen

        Liebe Grüße

        Kar

    • Liebe Kar,

      Ich wünsche dir auch ein gutes neues Jahr, obwohl es ja scheinbar für dich ziemlich katastrophal angefangen hat. Wenn ich mir das so durch lese was dir passiert ist, bin ich mit meiner Meinung über Krankenhäuser doch sehr bestätigt. Vor 35 Jahren wurde mir bei einer OP der Gesichtsnerv verletzt, wodurch ich bis heute meine linke Gesichtshälfte nur eingeschränkt bewegen kann (der Vorteil ist dadurch habe ich weniger Falten🤪) und auch mit dem Ergebnis , dass ich links seitdem taub bin.
      Mein Erlebnis vom letzten Jahr nach dem Fahrradunfall im ersten Krankenhaus war ja ebenfalls sehr prägend…

      Ich wünsche dir auf jeden Fall gute Besserung und hoffe, dass das neue Jahr erfolgreicher für dich wird.

      LG
      Andi

      • Lieber Andi,

        Danke für deine Genesungswünsche, die kann man hier gut gebrauchen
        Das war ja nur ein kleiner Einblick, hier laufen Sachen,da kann man nur mit den Ohren wackeln.

        Aber du hast schon Recht, Krankenhaus nein danke

        Ich wünsche dir auch ein gesundes glückliches neues Jahr. Vor allem wundervolle Momente in deinem Häuschen und im Garten, genieße jeden einzelnen Moment und lass dabei die Waage weg

        Liebe Grüße

        Kar

  2. Liebe Nellie,

    ich wünsche Dir noch nachträglich ein gutes neues Jahr.

    Ich habe wunderbare ruhige Tage in Schottland verbracht (obwohl ja Silvester die Ruhe durch einen Böller gestört wurde – oder vielleicht war das eine Fehlzündung eines Autos), die Gegend um meinem Haus ausgiebig erkundet (ich glaube ich brauch wirklich andere Wanderschuhe, mir tun jetzt noch die Füße weh vor lauter Blasen), meinen Garten schon so einigermaßen vorbereitet (es war ja teilweise 13° warm, die ersten Pflanzen treiben schon aus) Und katastrophaler Weise teilweise bis zu 9 Stunden geschlafen. Die ersten Tage hier in Deutschland waren wieder echt hart.

    Ich hätte 1000 Gründe gefunden nicht nach Deutschland zurück zu fliegen – allerdings gab es 1001 Gründe warum ich es doch tun musste. Frustrierenderweise kann ich frühestens Ende März wieder rüber. Wird Zeit, dass ich ins Rentenalter komme😂.

    Auch bei mir war der Rückflug sehr nervig, nachdem ich jetzt einen Supermarkt gefunden hatte wo es clotted cream gibt. Ich wollte mir einen kleinen Vorrat mit nach Deutschland nehmen. Und so kulant war die Schottin an der Sicherheitskontrolle nicht, mir die durchgehen zu lassen. Ich hatte mit Ihr eine ewige Debatte, dass das Zeug ja schließlich nicht flüssig ist – wie sie ja wissen müsste – sondern fest. Allerdings hat sie das herzlichst wenig interessiert.

    Andererseits war ich auch froh das ich keine cream mehr hatte nachdem ich in München das erste Mal auf die Waage gestiegen bin.😳 Ich muss mir in Schottland definitiv eine anschaffen.

    Es ist doch immer wieder interessant dann auch festzustellen wie unterschiedlich Sicherheitskontrollen gehandhabt werden. Auch beim gleichen Flughafen kann es bei unterschiedlichen Flügen – je nach Personal – unterschiedlich ausgehen. Ich erspare mir natürlich dank Handgepäck die Schlepperei mit dem großen Koffer – und natürlich das einchecken desselbigen – allerdings sind die Sicherheitskontrollen immer wieder sehr frustrierend.
    Und Diskussionen warum ich zum Beispiel auf dem Hinflug sehr oft die Gewürze, frisches Brot oder andere Lebensmittel dabei habe aber dafür keinen Kulturbeutel oder Unterwäsche. Meine Lieblingsantwort lautet meistens: „Mir ist gutes Essen wichtiger als frische Unterhosen oder Zähneputzen“.

    Ich hoffe, du kannst ein paar Tage in Schottland verbringen. Wünsche dir noch einen schönen Rest Sonntag

    Andi

    • Vielen Dank lieber Andi,

      Schade, dass du schon wieder zurück musstest. Ich bin noch in Schottland und denke noch nicht an den Rückflug. 🙂
      Schönen Sonntag dir und liebe Grüße,

      Nellie

      P.S. Eine Waage habe ich nur in Deutschland. 😉

  3. Ein sehr schöner Titel, Nellie! Ich musste – bei meinem Kopfkino – doch herzlich lachen.
    Übrigens, der Flughafen Düsseldorf ist nicht besser! Kameraausrüstung und vor allen Dingen Feuerzeuge sind ganz gefährliche Waffen. Es ist auch schön, dass die Mitarbeiter dort immer so gut geschult sind. Mein Kamerarucksack geht ohne Probleme durch, mein Mann muss seinen fast immer komplett auspacken. Unsere Rucksäcke haben übrigens fast identischen Inhalt 😉 Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und soooo gefährlich, sieht mein Mann nun auch wieder nicht aus 😉
    Aber Hauptsache, man hat mir fünfmal die Frage nach Flüssigkeiten gestellt. Wie, eine Frau ohne Kosmetik im Reisegepäck? Das kann nicht sein!
    Ich kenne auch keinen Flughafen mit so langen Schlangen und wo man so ewig warten muss, bis man durch die Kontrollen kommt. Hätte uns beinah mal einen Flug gekostet 😦
    Also, immer ruhig Blut, der Weg ist nicht immer das Ziel und zumindest den Teil des Flughafens Düsseldorf/Frankfurt sollte man dabei einfach vergessen!

    LG
    Britta

    • Da hast du völlig recht liebe Britta. Es fällt mir allerdings deutlich leichter, die Ruhe zu bewahren, wenn ich aus Schottland komme. Aus der anderen Richtung hat man ja gerne schon eine gewisse Grundgenervtheit in sich. 😉
      Ich spare mir wenigstens die Kameradiskussionen, ich habe eine in Deutschland und eine in Schottland :-))
      Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag dir und deinem Mann,
      Nellie

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