Fleischkäse und Fleischgetränke

Der Mann glaubt zu wissen, was der deutsche Fußball braucht. nein, er ist nicht unter die Trainer gegangen und ja, natürlich braucht der deutsche Fußball nach der Corona-Sperre vor allem wieder Zuschauer in den Stadien. Ist das erst wieder erreicht, da ist sich der Mann ganz sicher, dann braucht der deutsche Fußball unbedingt „Fleischkäse und Fleischgetränke“.

Das sagt er mir so eines Morgens wenige Sekunden nachdem der Wecker geklingelt hat und ich frage mich, was in aller Welt er denn geträumt hat. Bei dem Mann bekommt das Wort „Fleischeslust“ eine gänzlich andere Dimension.

Ich habe bereits bei unserem Besuch in einem schottischen Fußballstadium vor ein paar Jahren anklingen lassen, dass der Mann die 90 Minuten kaum durchhält, ohne pie and bovril also ohne Fleischpastete und dieses schreckliche Heißgetränk, das so eine Art Mischung zwischen brauner Soße und Fleischbrühe ist. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.

Der Mann aber denkt, die armen Deutschen, die Fußball sehen müssen, ohne diese unersetzlichen Grundnahrungsmittel genießen zu können. Er findet aber auch, dass die Deutschen mit dem Fleischkäse eine gute Alternative zum pie entwickelt haben und deshalb nur noch Brovril brauchen zu ihrem Glück, Und weil der Mann ja Deutsch lernt, hat er das auch gleich übersetzt: „Fleischgetränke“ also braucht der deutsche Fußballfan. Er hält das für eine großartige Business-Idee.

Ich schüttle mich und merke an, dass der Deutsche an sich vielmehr Bier braucht, um 90 Minuten durchstehen zu können. Bier dürfen die Schotten ja nicht im Stadion, da herrscht Alkoholverbot. Das wiederum erscheint mir nur schwer aushaltbar angesichts einiger Spiele, die ich gesehen habe, allerdings im alkoholsicheren Wohnzimmer und nicht im fleischlastigen Stadion.

Ich lasse den Mann an seiner Geschäftsidee feilen und beschäftige mich mit der Wasserkochernäheren Zukunft. Am Sonntag ist das Champions League Finale. Ich werde Chips und Bier für mich bereitstellen. Der Mann bekommt Burger mit Chips und wenn er will, dann werfe ich auch den Wasserkocher an und löse ihm einen Brühwürfel auf. Da kann er sich sogar aussuchen, ob er Rind, Huhn oder Schwein haben will. Ich kann nämlich Fleischgetränke mit verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Fleischgetränke

Prost!

 

 

Italienische Reise Teil 2

Babylon Turin

Torino

Kaum sind wir raus aus den Alpen und im norditalienischen Flachland wird es wärmer, bald auch deutlich besiedelter. Das Einzugsgebiet von Turin. Im Mann kämpfen die Müdigkeit nach einer  schlaflosen Nacht und die Neugier auf Neuland einen ungleichen Kampf. Ich erzähle von Italien und Turin, um ihn wach zu halten. Ob er was Bestimmtes sehen will, solange wir hier sind. Er schüttelt den Kopf, er hat den Reiseführer mitgenommen aber nicht darin gelesen, er war zu müde am Flughafen.

Turin Torino

Italian Riviera & Piemonte Cadogan guides Dana Facaros Michael PaulsAlso Stand Null, ich muss doch die trilinguale Reiseführerin geben. Der Plan ging schon mal schief, dass er weiß, was es alles so gibt ,wohin wir reisen und was es damit auf sich hat. Er hat sich lediglich Italienische Riviera gemerkt, die oberste Zeile des Reiseführertitels Italian Riviera & Piemonte. Er fährt im Kopf also an die Italienische Riviera. Der Mangel an Meer fällt ihm gar nicht auf.

Wir durchqueren die Vororte von Turin und es sieht eher trostlos als touristisch aus.

„Komische Vorstellung, dass Ronaldo hierher gewechselt ist.“ sage ich.

„Ronaldo ist hierher gewechselt?“ Der Mann ist verwundert und ich bin verwundert, dass er das nicht mitbekommen hat. Er interessiert sich ja sonst für Fußball.

Dann konzentriere ich mich auf den Verkehr und das Navi, wir müssen eine Parkgarage im historischen Zentrum finden, dort in der Nähe ist auch das kleine Apartment, das ich für drei Nächte gemietet habe. Mitten in der Fußgängerzone. Ich parke das Auto und wir zerren unser Gepäck über das alte Steinpflaster ein paar Straßen weiter.

Schön hier!

„Sagt man eigentlich Turin oder Torino?“ frage ich den Mann auf Englisch und spreche Torino wie die Italiener und Turin ungefähr wie die Deutschen aus? Ich bin mir nicht sicher ob im Englischen ein eigenes Wort für die Stadt existiert, so wie Cologne für Köln zum Beispiel.

„Torino, I would think.“ murmelt der Mann und gähnt. Torino denkt er.

ToriniEine freundliche italienische Dame trifft uns an der Tür und in meinen Kopf irren drei Sprachen wirr umeinander als ich den Endbetrag für Miete und Gebühren berechne (Rechnen immer auf Deutsch) und mich mit zwei Menschen in jeweils einer weiteren Sprache unterhalte.

„Grazie signora.“

„Here you are. “

„Zweihundertzwanzig Euro.“

Hauseingang TurinDie Dame verabschiedet sich und wir haben nun vier Schlüssel, um durch diverse Türen zu unserem Apartment und wieder raus zu gelangen. Wir packen schnell aus, wir haben beide Hunger und sind so neugierig auf Turin. Kurz frisch machen und schon sind wir unterwegs zu unserem ersten köstlichen Abendessen in Turin oder Torino oder wie auch immer.

Romantisch gestimmt schlendere ich durch die Gassen der Altstadt, lauschen dem melodischen Klang italienischer Stimmen und tagträume Bilder italienischer Köstlichkeiten auf einem Tisch vor mir.

Turin at night

Der Schotte an meiner Seite denkt über ganz andere Dinge nach. Das wird mir klar, als er mit einer Frage mitten hineinplatzt in meine piemontesischen Träume.

„Sag mal, wo genau sind wir eigentlich?“

„Was? Wie meinst du das, wo genau sind wir eigentlich? Ich hab‘ dir doch gesagt wir sind in Turin! Torino?“

???

Er schaut verwirrt. „Turin?“ Dann hat er die Eingebung: „ Ach du meinst Turin!“

Der Mann spricht es jetzt Tjuhrinn aus, mit Betonung auf dem „u“ und nicht auf dem „i“.

„Das mit dem Leichentuch?“

„Na klar das mit dem Leichentuch, wo dachtest du denn dass wir sind?“ ich kann es nicht fassen.

Juventus TurinNa Torino. sagt er. Ich dachte, das ist irgendein Drittligaclub. Warum hast du nicht gleich gesagt, dass wir nach Juventus fahren?

Ich kann nicht mehr weiter gehen, so sehr muss ich lachen. Es sind noch immer die zwei entscheidenden Kriterien in Schottland: Fußball und Religion. Ganz besonders für Schotten, die aus Glasgow stammen. Wie Germanen denken eher Käse und Wein.

Babylon Turin. Die Sprachverwirrung ist perfekt.

Der Mann ist schließlich an die Italienische Riviera gefahren und von Juventus habe ich nie ein Wort gesagt. Turin!

Ronaldo JuventusNun, da wir uns einig darüber sind, in welcher Stadt wir denn eigentlich sind, können wir den Rest des Abends mit einer Flasche Wein, Focaccia und Käse aus dem Piemont ausklingen lassen. Da müssen noch ein paar mehr Bilder in den Kopf des reisenden Highlanders als Leichentuch und Juventus. Im schottischen Kopfkino läuft irgendwie eine gänzlich andere Vorstellung als in meinem.

 

 

demnächst: Teil 3      Essen, trinken, Schuhe

Das Drahtlose klingt nicht

Manche Wörter sind im Schottischen überaus logisch, so heißt das Radio radio im Englischen, in den Highlands benutzt man aber oft noch das alte Wort: wireless, das Drahtlose. Eigentlich sollte es das Musiklose heißen.

Die Radiokultur ist eine ganz andere, als in Deutschland. Hier wird geredet. Ohne Pause. Stundenlang. Manchmal dauert es über einen halben Tag, bis Musik gespielt wird. Nur Worte, Worte, Worte. Und Witze.

Talk TalkWir bekommen ganze zwei Radiokanäle, BBC Scotland (mit hohem Dauerwortanteil) und BBC Radio Nan Gàidheal,  der gälische Radiokanal, bei dem ich nun nur ein paar Brocken verstehe, der aber manchmal auch traditionelle schottische Musik spielt. Ist man aber im Auto unterwegs, dann ist auch das nur von kurzer Dauer, der Empfang ist überall sehr bescheiden und die Frequenzen reichen nicht weit, zu viele Berge, zu wenig Bevölkerung. Beim fahren ist nach spätestens fünf Minuten wieder Schluss. Oder sie reden wieder.

Plockton Crags (31)Am erstaunlichsten aber sind die Samstage, denn da wird über Fußball geredet und zwar sechs (!) Stunden lang, wieder alles ohne Musik. Auch während der Sommerpause, wenn gar keine Spiele sind. Sechs Stunden! Zwei davon sind Comedy, meist zum Fußball oder auch zu anderem Sport.

Off the ball, BBC Radio Scotland

Nennen sie drei Rennfahrer mit schottischenStädtenamen!

– Lewis Hamilton

– Johnny Dumfries

– Ayrton Senna

Ha ha.

Es werden nicht nur Witze erzählt, es werden auch Hörer gehört, es geht um die Möwenplage in Pittodrie und Personalien der unteren schottischen Ligen werden diskutiert. Wer gerade nicht parat hat, wer in Cowdenbeath Innenverteidigung spielt oder dass Steven Stirling in Stenhousmuir auf Torejagd geht, der versteht recht wenig von den  sechs Stunden Dauerballdiskussion.

Ross County Stadium

Auf die Ergebnisse vom ersten Spieltag der zweiten Bundesliga in Deutschland warte ich vergebens. Ob ich mal anrufen soll?

Loch Pooltiel, Skye (3)Lieber nicht, die Frau die gerade angerufen hat, um die Möwen zu verteidigen (nicht die in Pittodrie sondern die im Allgemeinen), die haben sie durch den Kakao gezogen. Nicht auszudenken, was sie mit einer deutschen Sportjournalistin machen, die sich über zu viel Fußball beschwert…….

Ich hole jetzt die alten CDs raus und mach mir meine eigene Musik und spiele lauter Songs zum Thema:

A Flock of Seagulls: Wishing

Video Killed the Radio Star

Radiohead: Creep

Noch Vorschläge???

 

 

 

 

Shinty

Shinty ist Sportart Nummer eins in den Highlands. Fußball ist natürlich auch wichtig. Wer aber nichts dazu sagen kann, wie Newtonmore im letzten Pokalmatch abgeschnitten hat oder wie stark Kingussie diese Saison in der Liga auftrumpft, der hat verloren oder ist Tourist. Selbst sämtliche älteren Damen aus der kirchlichen Frauengemeinschaft haben Shinty-Fachwissen. Irgendein Enkel von einer Nachbarin oder ein Cousin vom Sohn des Metzgers spielt immer.

Siegertypen und ideelle Nichttouristen machen sich also besser kundig.

Newtonmore ist das Bayern München der schottischen Shinty-Liga. Auch wenn der Austragungsort wenig mit der luxuriösen Allianz-Arena gemein. Hat, der sportliche Stellenwert ist vergleichbar. Newtonmore wird seit vielen Jahren mit größter Zuverlässigkeit Meister und Pokalsieger. Gäbe es eine Shinty-Champion-League, sie scheiterten maximal am Manchester United.

Shinty ist eine Art Fusion von Hockey und Boxen. Hockey mit vollem und völlig regelgerechten Körpereinsatz ohne Rücksicht auf Verluste, Boxen dann am Abend bei der Party nach der Partie in der Gemeindehalle. Da findet die Siegerfeier oder auch die Niederlagentrostfeier statt. Alkohol ist Pflicht und wer an Ende nicht boxt, ist Tourist.

Wie Feldhockey wird Shinty auf einem Feld gespielt. In Kinlochshiel ist das dann auch ein Feld im reinen Agraarsinn. Ein echter Acker, den ein Bauer dem Erstligaclub zur Verfügung gestellt hat. Umziehen können sich die Spieler in seinem Schafstall. Hier beginnt das Ganze sich deutlich vom Vergleich mit dem FC Bayern München zu unterscheiden. Die feuchte und klamme Umkleidekabine riecht unmissverständlich nach Schaf und ist auf der anderen Seite der einzigen Straße weit und breit. Also ist an Spieltagen ein Polizist vor Ort, er den Verkehr stoppt, wenn die Spieler aus der Kabine kommen und die Straße überqueren müssen, um aufzulaufen.

Die Zuschauerzahl sagt nichts über die Wichtigkeit des Ereignisses aus. Meist ist es so kalt und windig, dass nur ein paar wenige das Spielfeld säumen. Oft nur ein paar Väter, die sich am Rand des Spiels mit ihren Söhnen die Bälle zuspielen. Die meisten haben ihre Autos entlang der Straße geparkt, Tee und Sandwiches dabei und schauen aus dem warmen Auto heraus der Partie zu. Nach der ersten Hälfte wird Eintritt bezahlt. Und auch die Fans in den „Vip-Logen“ zahlen anstandslos einen kleinen Betrag, den der Clubmanager mit einem großen bunten Plastikeimer einsammelt. Feste Preise gibt es nicht, genauso wenig wie Tribünen, Dauerkarten oder Stadionwurst.

Der Bauer hat mit seinem Feld seinen allgemein anerkannten Beitrag zum Gemeinwohl geleistet. Er mäht das Feld ein paar Mal im Jahr mit einem dieser Mäher, auf denen man sitzen damit herumfahren kann. 3 Stunden braucht er, wenn er bedächtig zu Werke geht. Er geht immer bedächtig zu Werke. Manchmal ist es schwer, drei Stunden am Tag zu finden an denen es nicht regnet. Dann wird das Gras eben länger. Dem Spiel scheint das keinen Abbruch zu tun. Die Shinty-Spieler sind es gewohnt, dass Ballführung ein schwieriges Unterfangen sein kann. Manchmal scheint es schon ein Erfolg zu sein, wenn der Ball in die richtige Richtung geht. Kalklinien sucht man vergebens. Feldbegrenzungen scheinen mehr eine Sache von Anstand und Einfühlungsvermögen als von klar fest gelegten Regeln zu sein. Die Rolle des Schiedsrichters bleibt diffus.

Kollegen vom schottischen Fernsehen sind auch da und nehmen die Partie mit einer Kamera auf. Sie stehen dafür auf einer kleinen Holzpalette an einer eher ungewöhnlichen Position für Filmaufnahmen. Wie sich später herausstellt ist es der einzige Standplatz, der stabil genug ist. Der Boden ist fast überall weich und moosig. Zu weich für zwei Mann, eine Kamera und ein Stativ. Natürlich ist auch der Sportchef der regionalen Zeitung vor Ort. Er hat den Hauptartikel für die Sportseiten der nächsten Ausgabe zu schreiben.  Und alle anderen schreibt er auch – er ist der einzige Mitarbeiter der Sportredaktion des Blatts. Die Aufstellung muss er sich selbst zusammen reimen. Im Schafstall gibt es keinen Drucker.

Ist die Partie vorbei und alle auf dem Weg zur Gemeindehalle, dann kehrt wieder Ruhe über dem Acker ein, den die Shinty-Fanatiker Wiese nennen. Nebenan grasen ein paar Angus-Rinder. Nan riecht die salzige Meerluft, Möwen lassen sich nieder und suchen nach Sandwichresten. Gnadenlos rüttelt der Wind  an den Tornetzen.

Shinty Field

Im abendlichen Amselzwitschern steigt der Polizist in seinen Dienstwagen und fährt gemächlich davon. Er hat alle sicher über die Straße gebracht. Den restlichen Arbeitstag verbringt er in der Gemeindehalle. Da wird er mehr zu tun haben.

Nächsten Samstag spielen sie in Newtonmore. Das wird das Highlight des Jahres. Mir ist inzwischen furchtbar kalt und ich habe meine Shinty-Lektion gelernt – nie ohne Auto zum Sport, auch nicht im schottischen Sommer. Sonst ist man entweder Kälte unempfindlich oder Tourist.