Schottlandreise während Corona – Ich bin vorbereitet!

Ich zähle die Tage bis ich in Schottland bin. Endlich wieder! Jetzt gibt es schließlich ein Datum. Morgen ist es so weit, wenn alles gut geht und sie mich reinlassen ist wieder Licht am Horizont.

Sonnenuntergang

Ich mache mir viele Gedanken darum, ob ich eventuell den Mann gefährde, wenn ich zu ihm reise und ganz ausschließen lässt sich dieses Risiko nicht. Auf der anderen Seite sind wir in Deutschland soviel besser dran als die Menschen im Vereinigte Königreich. Wobei, in Schottland steht es dank der Umsicht von First Minister Nicola Sturgeon viel besser als in Prime Minister Boris Jonhnsons England. Schottland hat den Lockdown deutlich ernster genommen als die Nation im Süden. Aber die Vorstellung, das Virus vielleicht unwissentlich einzuschleppen ist beunruhigend.

Handgepäck

Ich habe FFP2 Masken bestellt, drei Stück für die Reise liegen schon im Koffer, dazu Reinigungstücher, Alkoholpads, Desinfektionsspray, Ersatzmasken, Einmalhandschuhe, alles was mir einfällt, um eine Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. So einen seltsamen Koffer habe ich noch nie gepackt in all den Jahren, in denen ich zwischen Schottland und Deutschland hin und her pendle.

Und ich habe begonnen das Formular auszufüllen, ohne das man nicht ins Vereinigte Königreich einreisen kann, die Public Health Passenger Locator Form. Sie dient dazu, die Regierung mit Kontaktdaten (wann reise ich ein, wo wohne ich, wer ist mein Kontakt und unter welchen Telefonnummern bin ich wann zu erreichen) zu versorgen, damit ich informiert werden kann, sollte es auf meinem Flug einen bestätigten Infektionsfall gegeben haben, heißt es im Text zum Formular. Gerne gebe ich der Regierung all diese Daten nicht, aber was will ich machen, ohne darf man nicht einreisen. Ich fülle es so weit es geht aus und speichere es ab. Man bekommt einen Link, mit dem man das Formular dann innerhalb einer Woche vervollständigen und abschicken kann, aber eben erst 48 Stunden vor Einreise. Einchecken bei KLM für den Flug kann ich 30 Stunden zuvor. Bis dahin muss ich in Deutschland aushalten.

Schwarzwald

Der Mann hat derweil in Schottland die Vorbereitungsphase gestartet, die Küche geputzt und alle Zimmer gesaugt. Wir haben über die mögliche Gefahr gesprochen, die meine Reise zu ihm darstellen könnte. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass wir dieses Risiko in Kauf zu nehmen bereit sind. Wir haben uns fast ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Wir wollen damit nicht warten, bis es einen Impfstoff gibt.

Der Countdown hat begonnen. Morgen ist der große Tag.

Morgen: Bis zur Grenze

 

 

Der Kopf im Koffer

Gorgeous“, sagt der Mann zu mir mit diesem für Glasgow so typischen Overstatement der weiblichen Vorzüge seiner Partnerin, „ich habe dein Weihnachtsgeschenk und ich möchte es dir jetzt schon geben. Es ist Ende November und noch ein ganzer Monat bis Weihnachten, was bei mir zwei Fragen gleichzeitig aufwirft:

  1. Warum hat der Mann schon mein Weihnachtsgeschenk gekauft?
  2. Warum kann er es nicht selbst mitbringen, wenn er mich an Weihnachten besuchen kommt? Dieses Jahr ist das Jahr Weihnachten mit der deutschen Familie.

„Es wäre mir lieber du nimmst das durch den Zoll, bei mir könnte es Probleme geben.“ meint er als Erklärung.“

Werden langhaarige Männer mit Bart strenger kontrolliert als Frauen frage ich mich kurz? Ich vermute allerdings schon. Aber was nur will er nicht durch den Zoll bringen?

Skull

Einen Totenkopf. Fantastisch! So einen habe ich schon immer gewollt für die Bibliothek. So als Sinnbild für die Sterblichkeit. Und weil ich Hamlet liebe, zum großen Monolog gehört einfach ein Schädel. Alas, poor Yorrick!

Totenschädel im Koffer

 

Aber nun sehe ich auch das Problem am Flughafen … ich habe einen Kopf im Koffer und auch wenn es sich um eine Theaterrequisite handelt, sieht sie doch täuschend echt aus.

Am nächsten Morgen beim Einchecken am Flughafen von Inverness wispere ich leise der Schalterdame entgegen: „Ich hab‘ da was Ungewöhnliches im Koffer, nur wegen ihres Scanners, es ist ein….

„Dann bitte zum Sondergepäck da drüben.“ sagt sie bestimmt, ohne auch nur im Ansatz wissen zu wollen, um was es sich handelt.

Totenschädel verpacktAlso rüber zum Sondergepäck, wo sonst nur die mit Skiern oder Kinderwägen anstehen. Nun also ich mit meinem Totenschädel. Ein Schotte Mitte vierzig liegt müde in seinem Stuhl, es ist kurz nach 5 Uhr am Morgen und wir sind alle noch nicht wach. Neben ihm sitzt eine aufrechte, aufgeweckte junge Kollegin, die mit offensichtlichem Eifer dabei ist, ihren Job zu lernen.

„Ich habe da etwas Ungewöhnliches in meinem Koffer.“ sage ich mit leiser Aufregung in der Stimme. Der Mann bleibt auf seinem Stuhl liegen und winkt nur lässig ab.

„Alles schon gesehen!“ sagt er. Seine Kollegin dagegen hat die Wichtigkeit dieser Aussage erkannt und sitzt nun noch aufrechter als eben schon.

„Aber ich hab‘ einen Schädel“ sage ich mit Vorwurf in der Stimme. Ich habe alle 12 Staffeln von Bones – die Knochenjägerin gesehen, ich weiß genau, wie echt mein Schädel aussieht.

Totenkopf

„Alles schon gesehen!“ winkt er wieder ab, rollt aber nun mit dem Bürostuhl vor seinen Monitor und prüft das Gepäckstück, das ich aufs Laufband gelegt habe. Die junge Kollegin prüft leidenschaftlich mit. Wahrscheinlich hat sie noch nicht alles gesehen.

Er nickt und ich frage, ob ich auch mal sehen darf. Er nickt wieder und dreht den Monitor. Mann kann jede Einzelheit erkennen von dem Kopf, den ich im Koffer transportiere. Wäre ich die schottische Flughafenpolizei, ich würde mich wegen Mordes verhaften.

Ich bekomme statt dessen meinen Quittungszettel und kein Mensch fragt mich mehr nach meinem Kofferinhalt. Auch nicht in Heathrow, wo ich meinen zweiten Flug antrete. Ganz so, als ob ständig irgendein Deutscher mit einem Schädel im Gepäck aus Schottland zurückkommt.

Vielleicht bin ich ja nicht die Einzige mit einer Bibliothek…..

Skull and light