Mülltrennung

waiting for the bin men

Als Deutsche, Greenpeace-Mitglied und ehemalige Freiburgerin bin ich qua Nation, Überzeugung und früherem Wohnsitz hochgradig qualifizierte Expertin für wichtige Aufgaben im Leben:

Mülltrennung!

Ja, ich kann sie alle: gelbe Tonne, grüne Tonne, braune Tonne, graue Tone, Glasmüll….. ich sortiere, trenne und recycle, spüle Plastikbecher und reiße mit feiner Vorsicht die Plastiksichtfensterchen von den Barilla Nudelkartons bevor ich sie in den Papiermüll gebe. Ich habe ein Müllgewissen.

Und damit ein Problem in den Highlands.

BierdoseSchon vor fast 25 Jahren, als ich in Glasgow studierte, ging ich den weiten Weg zur can bank, um die leeren Bierdosen (Flaschen gab es damals nur Fürstenberg und deutsches Bier wollte man ja nicht rinken) zum Recycling zu geben. Was in wilden Studentenjahren unweigerlich die Gefahr einer Sehnenscheidenentzündung mit sich brachte: Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte ……

Heute ist in Schottland Mülltrennung so normal wie bei uns, nur in den Highlands ist es natürlich nochmal anders. Das Problem liegt darin, dass es in der Wildnis eben keine großen Trenn- und Weiterverarbeitungsmäglichkeiten gibt. Dazu ist das Sammeln zu umständlich und das Aufkommen nicht groß genug. Das bedeutet: in den Highlands gibt es Mülltrennung nur in der light Version.

Die grüne Tonne ist für den Restmüll und die blaue fürs Recycling. Da kommt alles rein außer Glas, Plasikbecher, -dosen, -schalen, -deckel, keine PET Kartons, dafür aber Dosen. Papier und Plastikflaschen, alles zusammen in einen Mülleimer.

blaue TonneBrav konsultiere ich vor jeder Entsorgung die Liste, die der Mann seiner wunderlichen Deutschen ausgedruckt hat.

Den Müllmännern habe ich vorsorglich ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Der Mann sagt, sie leeren den Mülleimer nicht, wenn der Müll nicht korrekt getrennt ist. Doch mich beschleicht der leise Verdacht, daß es auch daran liegen könnte, daß der Mann gerne Mittwoch vergisst. Mittwochs wird der Müll abgeholt. Ab Donnerstag fängt er dann an, den auch den Müll der nächsten zwei Wochen in die Tonne zu pressen. Wahrscheinlich kriegen die den Pressmüll gar nicht wieder aus der Tonne, wenn sie denn mal unten an der Straße zum leeren steht. Der Mann ist nämlich Experte für Müllpressung.

MuelleimerIch trenne derweil vor mich hin. Ich weiss meist, wann Mittwoch ist.

Nicht weit von hier gibt es auch eine Sammelstelle für Glas. Da fahre ich regelmäßig hin: vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker ….

 

 

Die Putzfrau

Ich war natürlich vorbereitet!

Nach wochenlanger Abwesenheit war mir eines sonnenklar – das Haus in Schottland würde einer gründlichen Reinigung bedürfen. Der Mann und ich haben unterschiedliche Vorstellungen von aufgeräumt und dem Zeitpunkt, ab dem man das Putzen nicht mehr aufschieben kann. Und dann hatte sich auch noch mehr oder minder zeitgleich mit meiner Rückkehr Besuch angekündigt.

Für dieses Problem gab es nur eine Lösung: Putzfrau.

Ich wollte vorbereitet sein.

Ich googelte und fand eine Agentur in der Nähe, zwei Mails später hatten wir eine Putzfrau, die am Morgen nach meine Heimkehr mit mir gemeinsam das Haus auf Vordermann bringen sollte………

„Wow!“ denke ich, als Mhairi am nächsten Tag auftaucht, ein ganzes Auto voll mit Putz – Utensilien, Wannen, Eimern, Wischlappen und diversen Reinigungsmitteln.

„Gut.“ denke ich. Dann muß ich unsere Putzmittel (letzten Sommer vom deutschen ALDI mit dem Auto hergefahren) schon nicht übersetzen.

Was heißt nochmal Duschkabinenreiniger???

Egal, wir machen eine Tasse Tee und Lagebesprechung. Also ich mache Lagebesprechung, sie macht Konversation. Ich zeige ihr die Zimmer und alles, was man einer Putzfrau so zeigen muß. Sie scheint autark und effizient. Kein Wunder, die Agentur organisiert ja auch Putzfrauen für die vielen Ferienhäuser in der Gegend. Da kostet die Stunde aber doppelt so viel wie für uns. Das gilt auch für sämtliche Handwerker.

In der Küche kremple ich die imaginären Hausfrauen-Ärmel hoch und fange an; Kühlschrank zuerst dann Gefriertruhe. Daß Verfallsdatum mit Entsorgung zu tun hat, ist nicht allen Mitgliedern des Haushalts gleich offensichtlich. Ich werke also fröhlich Musik hörend vor mich hin. „Meine Putzfrau“ putzt sich geschäftig von Zimmer zu Zimmer. Wir machen nur eine kleine Mittagspause mit Gemüsesuppe und Käsemuffins (aus der inzwischen wieder sortierten Gefriertruhe) und putzen dann weiter. Jetzt machen wir beide Konversation und ich beginne meine Putzfrau richtig zu mögen,

Irgendwann, als die Küche schon so aussieht als könnte sie auch eine ausgebrochene Herde zotteliger Hochlandrinder nicht vom Glänzen mehr abhalten, schaue ich nach den Fortschritten in den anderen Zimmern.

Das Bad ist nicht gewischt, die Zimmer nicht gesaugt und auf Fernseher und Musikanlage liegt still der Staub.

Was hat sie die ganze Zeit gemacht???

Die Fenster blitzen. Und?

In diesem Moment der germanischen Ratlosigkeit kommt der Mann nach Hause und sieht sofort die schottischen Bemühungen, die mir noch immer entgehen.

Fussleiste

„Fußleisten!“ sagt er und nickt vielsagend. „Früher im Schulcamp mussten wir die Zimmer auch immer ganz ordentlich putzen. Da gab es Inspektionen und wenn die Fußleisten oder die Türleisten nicht blitzblank waren, dann gab es Ärger.“

TürknaufIch sehe ihn vor meinem geistigen Auge vor meinem geistigen Auge in einer Art kurze Hosen/lange Haare Version von Full Metal Jacket, versäume aber nicht die Türleisten zu kontrollieren. Sowas von sauber. Und die Steckdosen, die Lichtschalter, die Lampen, die Türknäufe aus Messing sind poliert. Alles glänzt.

SteckdoseDa hätte ich nie hin geschaut. Die Einheimischen schon. Aber jetzt sah unser Haus aus, wie ein sauberes Haus in den Highlands aussehen soll.

Ich bedanke mich herzlich bei unserer Putzfrau, gebe Trinkgeld und winke ihr nach 8 Stunden zum Abschied hinterher. Dann sauge ich und denke über Fußleisten und Männer in kurzen Hosen nach. Mein Blick schweift nach oben.

In der Ecke des Wohnzimmers hängen noch ein paar Messingrohre vom alten Boiler aus Decke und Wand. Die sollte der Heizungsinstallateur schon längst entfernt haben. Der kam aber noch nicht dazu.

Das sollte er dann am Tag nach der Putzfrau machen, dachte der Mann.

Auf keinen Fall hatte ich gesagt. Dann ist wieder alles dreckig und ich muß das ganze Haus saugen.

Ich sauge das Haus und betrachte unsere neue Wandkunst. Die Rohrreste blitzen wie neu, Mhairi hat sie poliert.

Restrohrkunst

Darauf war ich natürlich nicht vorbereitet.

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???

Kalender

Kürzlich habe ich im Drogeriemarkt einen Kalender gekauft. Das ist eigentlich nicht weiter berichtenswert, definitiv aber betrachtenswert.

Der Kalenderkauf ist eine im Prinzip völlig unnötige Aktion, denn ich habe ja schon einen. Grundschüler haben ihn gestaltet, sehr süß.

Dennoch, ich will diesen anderen Kalender unbedingt. Ich recherchiere, wo man ihn erwerben kann. Er wird an sämtlichen Tankstellen der Region und in der Drogerie in nächst größeren Ort, der etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt, verkauft.

Wildziegen Das klingt ungefährlicher, als es ist im Winter. Ich muss nämlich erst einer haarigen Horde Wildziegen ausweichen, die sich zum Lunch im Ort zusammen gerottet haben. Es gibt wohl nicht mehr viel zu fressen oben in den Bergen. Und in dem kleinen Fiat Panda fühlt man sich nicht ganz so unüberwindlich, wie man es zur eigenen Beruhigung gerne möchte.

Ich überstehe den Moment unverletzt und mit der Souveränität eines afrikanischen Wildhüters mit jahrzehntelanger Safarierfahrung und mache mich auf den Weg zu meinem Kalender.

Ein Stapel liegt direkt an der Kasse aus, im Sonderangebot, 50% Rabatt. Das kann doch nur an der Tatsache liegen, daß der Januar fast schon zu Ende ist. Oder sollte etwa der Kalender nicht den gewünschten Absatz gefunden haben?

Ich kann es mir nicht vorstellen, denn was die „Spielerfrauen“ des Shinty Clubs Kinlochshiel da aus der Handtasche gezaubert haben, ist allererste Liga!

Kinlochshiel Shinty Club (1)

Netterweise bakommt man in der Drogerie mit dem Kalender auch einen neutalen, weißen Umschlag, in den er gesteckt wird.  Ganz unauffällig.

Ich fahre stolz mit meinem Sonderangebotsschnäppchen nach Hause, wo der Mann nicht gerade begeistert ist von der Idee, den Kalender in die Küche zu hängen.

Naja, er mag eher Fußball.

Montag, Dienstag, Mittwoch…. Diardaoin, Diahaoine, Disathairne

Ich wusste ja, daß es nicht einfach werden würde aber so schwer hab ich es mir nun doch nicht vorgestellt: als wäre ich mit unheilbarer babylonischer Sprachverwirrung inmitten der schottischen Einsamkeit geschlagen.

Der Mann lernt Gälisch und ich bin mit zum Unterricht: Lektion 73, deren Höhepunkt eine sechszeilige Unterhaltung zum Thema Kürbis ist.

So schwer kann das ja alles gar nicht sein. Schließlich spreche ich mehrere Sprachen und habe Sprachwissenschaften studiert.

Ich kenne mich aus…….

Das schottische Gälisch gehört zu den q-keltischen Sprachen und ist nicht zu verwechseln mit den p-keltischen Sprachen in denen der indogermanische Labiovelar [K] zu [P] gewandelt wurde. Wie im Bretonischen, zum Beispiel. Ja, solche Dinge hab ich gelernt auf der Universität. Sag nochmal einer da lerne man nix fürs Leben.

Ich weiß, daß das schottische Gälisch hauptsächlich auf den Western Isles, in den Highlands und in Glasgow gesprochen wird. Letzteres vor allem wegen der Migration (Arbeit für die Landbevölkerung in der Großstadt unter Beibehaltung der eigenen Identität). Nur 1% der Schotten spricht diese alte Sprache noch.

Hier in den Highlands sind es verhältnismäßig viele. Die Straßenschilder sind zum Beispiel zweisprachig. Die schottische Regierung hat viel getan, um die Sprache zu erhalten. Ganze Schulen oder Klassenzüge haben Gälisch als Unterrichtssprache für alle Fächer. Und in der Erwachsenenbildung werden billige Kurse angeboten.

Wie meiner mit der Kürbislektion.

Und damit fangen die Probleme an. Nichts spricht man aus, wie man es schreibt. Keines der Worte kann man raten, wie ich es im Französischen oder Italienischen gelegentlich mache. Die Grammatik bleibt schleierhaft. Das Verb steht am Satzanfang. Und die Laute sind schön aber fremd. Nach 90 Minuten mitmachen, nachsprechen und rumstottern bin ich nicht viel weiter, als am Anfang. Was keinesfalls an der fröhlichen, geduldigen und humorvollen Lehrerin liegt: Ina, you were great!!

Ich kann sagen: Tha an t-aodann seo gun gruaidhean.

Das heißt auf Deutsch: Das Gesicht hat keine Wangen.

???

Das erinnert mich ein wenig an mein Latinum, von dem nur ein Satz wirklich in meinem Gedächtnis haften geblieben ist: Rana capillos non habet.

Der Frosch hat keine Haare.

Beide Sätze sind ähnlich nutzlos im täglichen Gebrauch. Ganz im Gegensatz zum Kürbisgespräch, das man hier oben unter den Croftern durchaus mal führen könnte, wenn man es richtig hinbrächte…

Es gibt immer mehr Deutsche, die das schottische Gälisch richtig gut sprechen können. Und so gut wie alle Deutschen wissen, daß das Wort Whisky aus dem Gälischen stammt und „Wasser des Lebens“ bedeutet.

Ich scheitere schon an Kürbissen.

‘S fheàrr iad as t-fhgohar. Fàg e an t-àm seo, a luaidh!

Was soviel heißt wie: „Sie sind besser im Herbst als sie es jetzt sind, meine Liebe.“

Ich mache meine Hausaufgaben und hoffe darauf, daß auch ich bald ein echter Kürbis bin – im Herbst viel besser als jetzt.

Frauen, die aufs Wasser schauen

Samstag ist Wechseltag in den Ferienhäusern im Land. Die alten Feriengäste verlassen die Gegend, Putzfrauen reinigen und neue Gäste kommen.

Diesen Samstag war ich Morgens am Meer entlang laufen. Auf der Strecke liegen fast ein Dutzend Ferienhäuser vor denen die Autos gepackt werden. Die meisten müssen bis 12 Uhr aus dem Haus sein.

Abschiedsstimung lag in der salzigen Luft.

Nach kurzer Zeit sah ich die erste Frau, dunkelhaarig, vollschlank, Ende dreißig. Sie saß einach nur da und schaute aufs Wasser hinaus. Ein Hauch von Wehmut zog mit ihrem Tabakgeruch zu mir herüber. Mein fröhliches Guten Morgen beantwortete sie mit einem stummen und traurigen Nicken. Sie nahm Abschied von einem der schönsten Flecken dieser Erde. Ganz offensichtlich fiel ihr das nicht leicht.

Vier Ferienhäuser weiter saß die nächste Frau neben einem gepackten Mietwagen und schaute aufs Wasser. Ich konnte den Mann und die Kinder im Haus lärmen hören. Die Frau saß einfach nur still da, so als würde sie ein unsichtbares Band an den Flecken binden auf dem sie saß. So als sei nichts wichtiger als in diesem Moment hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Noch ein Abschied.

Ich nickte nur still im Vorbeilaufen. Sie nickte wortlos zurück.

Heute, am Montag Abend, sitze ich still an meinem Schreibtisch und schaue aufs Wasser, nehme Abschied nach zwei Monaten in den Highlands. Wie oft habe ich hinaus aufs Wasser geschaut. Doch nun ist es an der Zeit, mein anderes Leben in Deutschland wieder aufzunehmen. Ich verlasse die Highlands und kehre erst wieder um die Weihnachtszeit zurück.

Es ist als gäbe es nichts was wichtiger, schöner und erfüllender wäre, als hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. So wie die anderen Frauen, Samstags in den schottischen Highlands.

 

Sommer

Sommer ist eine Sache, die in Schottland nicht oft vorkommt. Kalendarisch natürlich schon aber die Temperaturen hinken dann doch meist den Erwartungen hinterher.

 Kildonan (2)

Lebt man eine Weile hier oben im Norden, dann passt sich der körpereigene Temperaturhaushalt der Umgebung an und man beschließt es ist Sommer, wenn es der Kalender sagt und die Sonne scheint.  Dann trägt man sommerlich, auch wenn die Temperaturen einstellig sein sollten. Alles eine Frage der inneren Einstellung. Der Schotte an sich ist leidensfähig.

Also schlappt man mit blaukalten Zehen in sommerlichen Flip Flops durch den Supermarkt (der im Übrigen immer auf einstellige Temperaturen heruntergkühlt ist) und erkennt die Touristen aus dem europäischen Festland unschwer an ihren wärmenden Schichten bunter Funktionskleidung. Touristen, die aus England oder Wales kommen, tragen unweigerlich kurze Shorts und Spaghettitops. Und während man sich tapfer Richtung Kase friert und auf besseres Wetter hofft, bricht draußen der erste Regenschauer des Tages nieder.

Natürlich ist das nicht immer so. Es gibt ihn auch hier, den echten Sommer mit fast 30 Grad. Dann bleiben die meisten Einheimischen im Haus während die Deutschen ihre Handtücher am Strand platzieren und tapfer den Algen und Quallen trotzen. Im Wasser bleibt man allerdings nicht lang, die Temperaturen sind einstellig und der Gedanke Haie und andere Lebewesen, lässt die Verweildauer im Wasser unabhängig von seiner Temeratur, auf ein Minimum schrumpfen.

a day on the beach (29)

Die Einheimischen baden sowieso nicht im Meer, ich habe noch nie einen am Strand liegen sehen. Sie suchen sich sogenannte rockpools, die kleinen Vetiefungen in den Gebirgsbächen, die hier überall von den Hängen rauschen. Dort ist das Wasser stiller und wärmer.

Summer in Scotland 3

Summer in Scotland

Und wärmer kann man brauchen, im schottischen Sommer.

Kaffee oder Tee?

Kaffee oder Tee? Die vielleicht meist gestellte Frage auf der Insel, ob tief unten im englischen Süden und hoch oben im schottischen Hochland.

Mit dieser Frage beginnt ein Ritual, dessen Regeln ein wenig diffus sind, dennoch aber eingehalten werden wollen. Schwierig für jemanden wie mich, der den lieben langen Tag mit einer Tasse Kaffee durch die Gegend läuft. Die Tasse ist sozusagen schon ein Teil meiner Person geworden und wird transportiert nicht zelebriert. Ich musste mich umstellen.

Die Frage Kaffee oder Tee? ist nicht zuletzt ein Signal der Gastfreundschaft, ein Ausdruck von Zeit und Wertschätzung für denjenigen, der den Kaffee oder Tee bekommt. Es geht weniger um die Flüssigkeitsaufnahme.

Der lose Tee in der vorgewärmte Porzellankanne  wird nur in Filmen oder Fünf-Sterne-Hotels serviert. Im normalen Leben gibt es den Tee als Beutel mit einem, zwei oder drei Zucker, weiß oder ohne Milch. Selbiges gilt für den Kaffee, der immer Instant ist. Ein Löffel oder zwei?

Dann werden die mugs verteilt, Unterteller sind für die Kekse, die aber nicht zu jeder Zeit serviert werden müssen. Mitten am Morgen ist keine Keksezeit. Mitten am Mittag schon.

Zu jeder Zeit und in jedem Fall ist die Zubereitung von Kaffee oder Tee aber nötig, um ein Gespräch zu beginnen. Oder anders herum, ein Gespräch ist nötig, wenn man Kaffe oder Tee gemacht hat. Ganz und gar unbeiläufig.

Wird man gefragt, ob man zum Tee vorbei kommen möchte, dann ist das aber eine Einladung zum Abendessen. In der Regel gegen 17 Uhr. Auch wenn die wenigsten heute noch Tee dazu trinken, die Hauptmahlzeit des Tages heißt immer noch so. Man geht hier nach Hause zu seinem Tee. Auch wenn man ausschließlich Kaffee trinkt

Das sind die Hausregeln. Die Auswärtsregeln sind ein wenig anders.

Mitunter treffe ich Fremde, die von mir wissen wollen, wo man hier Kaffee oder Tee trinken kann. Im Reisefall ist das Getränk ein Moment des Innehaltens, eine Pause. Je nach dem wo man ist, ist die Strecke zur nächsten Pause recht umfangreich und zeitintensiv. Ist man einmal dort, dann trifft man all jene, die man unterwegs schon mal getroffen hat. Alle wollen irgend wann Kaffee oder Tee. Das ist geschlechter- und herkunftsunspezifisch.

Letztes Jahr, ich war gerade joggen, graues Sweatshirt und dunkelblaues Basecap mit der gelben Stickerei FBI vorne drauf. So eine Art Jodie Foster Imitat aus Schweigen der Lämmer. Ein großer, schwarzer SUV schloß von hinten zu mir auf, die dunkel getönte Fensterscheibe der Beifahrerseite ging mit einem leisen Surren herunter und ich erblickte zwei massige Männerkörper in dunklen Anzügen, Glatze, Sonnenbrille und Kabel im Ohr. Das volle FBI-Programm. Dann ging die Scheibe der Hintertür des schwarzen Ungetüms herunter.

„Kann man hier irgendwo Kaffee trinken?“ fragte eine weiche und sehr melodische Stimme die zu einem gut aussehenden Mann arabischen Ursprungs gehörte. Im edelsten Englisch, das ich je hier oben gehört hatte. Ich schickte ihn zum nächsten Kaffee, etwas 30 Minuten auf der anderen Seite des Lochs. Er würde dabei am Ferienhaus seines Vaters vorbei fahren, denn er war ohne jeden Zweifel seine königliche Hoheit Scheich Hamdan bin Rashid Al Maktoum, Stellvertretender Herrscher von Dubai and Finanzminister eben da.

Der brauchte ganz offensichtlich auch mal ne Pause.

 

Gelbe Seiten

Gelbe Seiten sind im Hochland ein echter Anachronismus.

Einmal im Jahr kommt ein Mann in einem Auto. Verschämt, fast schon heimlich, nähert er sich den Häusern und wirft die Gelben Seiten in die Postkästen. Es macht den Eindruck als sei er froh, wenn man ihn nicht bemerkt.

Ich war in der Küche als er auftauchte und die Tür war offen, so wie sie es immer ist im Sommer am Meer, damit der Wind die Feuchtigkeit aus den Wänden nimmt.

Scheu übergab mir der Mann die Gelben Seiten und schlich mit einem unverständlichen Gemurmel von dannen. Ich stand mit meinen Gelben Seiten da und dachte, gut, dann weiss man, wo man anrufen muß, wenn man mal einen Handwerker braucht.

Natürlich eine dämlich deutsche Denkweise.

In den Highlands ruft man nicht einfach so jemanden an.

Hat man beispielsweise einen verstopften Abfluß und braucht einen Installateur, dann ruft man nicht einen Installateur aus den Gelben Seiten an sondern einen Mann, der weiß, welchen Installateur man anrufen könnte. Weil der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte aber nicht zu Hause, verbringt man die nächsten dreißig Minuten im Gespräch mit seiner Frau.

Der Rückruf des Mannes, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, dauert. Bis zu drei Tage. Dann trägt man ihm das Problem vor (der Abfluß ist immer noch verstopft) und er verspicht über das Problem nachzudenken. Das dauert drei weitere Tage. Man darf ihn aber keinesfalls durch einen weiteren Anruf (was ist jetzt?) beim denken stören. Irgendwann ruft dann der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, an und gibt einen Namen weiter. Dazu eine Telefonnummer und einen weiteren Namen, auf den man sich berufen kann. Sonst zahlt man den Preis, den Ferienhaus besitzende Engländer bezahlen.

Dann wartet man mindestens drei weitere Tage, um nicht den Anschein von Dringlichkeit zu erwecken (der Abfluß ist immer noch verstopft) und ruft schließlich den Installateur an. Der ist nicht da, Gott sei Dank seine Frau auch nicht. Dann hinterlässt man seine Nummer und sein Anliegen und den Kontaktnamen auf seinem Anrufbeantworter und beginnt auf einen Rückruf zu warten. Das kann Wochen dauern. Der Abfluß ist immer noch verstopft

In der Zwischenzeit darf man aber (weil man vielleicht langsam die Geduld verliert) keinesfalls einen anderen Installateur aus den Gelben Seiten anrufen.

Nach einer Woche ruft der Installateur zurück und man schildert das Anliegen, ohne den unhöflichen Eindruck von Dringlichkeit zu erwecken. Der Installateur brummt ein wenig und macht dann den Vorschlag nächste Woche vorbei zu kommen. Genauer werden Termine hier selten gefaßt. Man muß also gefaßt sein, eine Woche lang.

Es kann aber immer etwas dazwischen kommen.

Während ich auf den Installateur warte, lerne ich die praktischen Seiten der Gelben Seiten kennen. Man kann mit ihnen Möbel unterlegen, ein Feuer entzünden und man kann sie in den Recycling Müll werfen. Nutzen würden sie nur Menschen, die keine Geduld haben.

Keine Einheimischen also.

Straßen oder Ähnliches

So groß, weit und einsam das Hochland auch ist, manchmal geht es verdammt eng zu. Das liegt vor allem daran, daß es so wenige Straßen gibt.

Hochlandkuh

Hochlandkuh

Selten sind die Seltenen gut ausgebaut, meist sind sie extrem steil, extrem oft überflutet, extrem verschmutzt oder alles zusammen.
An manchen Abschnitten muß man etwas Mut aufbringen. Im Sommer. Im Winter ist man ein Held, meistert man ein derartige Wagnis.

Handarbeit

Handarbeit

Eine dieser Straßen ist die legendäre Calum’s Road. Geteertes Vermächtnis eines schottischen Sturschädels. Noch immer auf der Insel Raasay zu bewundern. Gewundener, geteerter und selbst aus dem Stein gehauener Weg. Mit Hacke, Schaufel und Schubkarren baute Calum MacLeod die Straße, die die offiziellen Stellen verweigerten. Es gab nämlich keine zu seinem Haus. Als nach und nach alle um ihn herum weg gezogen waren weil es keine Strasse gab, hatte der alte Calum die Faxen dicke – zehn Jahre später waren drei Meilen Straße fertig. Made in Scotland.

wenn Schweine fliegen könnten - Calum's Road

wenn Schweine fliegen könnten – Calum’s Road

Nicht nur an, auch auf schottischen Straßen trennt sich die Spreu vom Weizen, vor allem auf den legendären Single Track Roads, den Straßen, die für beide Richtungen nur eine gemeinsame Spur haben. Die Lösung liegt im häufigen Fall des Aufeinandertreffens zweier Fahrzeuge in entgegengesetzter Richtung in den sogenannten Passing Places, den Ausweichbuchten.
An den Passing Places trennt sich der Tourist vom Einheimischen.

Passing Place
Hier ist der Ortskundige natürlich klar im Vorteil. Er weiß, wo er nach Gegenverkehr schauen muß und wo nicht, weiß wie schnell er fahren kann (generell gilt immer sehr schnell, es sei denn er ist über 80, dann gilt generell sehr langsam) und wie spät er bremsen kann. Das ermöglicht dem Einheimischen ein geschmeidiges Einlenken und süffisant gelangweiltes Warten. Profis kündigen das auch gerne mit einem (keinesfalls mehreren) kurzen Blinkzeichen an.
Während also der Einheimische die Situation früh erkannt, die notwendigen Maßnahmen schnell getroffen und dann den entspannten Habitus eines Sachverständigen eingenommen hat, kämpft der Tourist noch immer mit dem Schock „Oh Gott, da kommt einer!“ „Ausweichbucht!“ denkt dann der Reisende (oder sein Ratgeber auf dem Beifahrersitz), während der Einheimische schon längst Platz sparend in einer Ausweichbucht steht. Statt also weiter zu fahren und den übrigen Verkehr nicht zu behindern, beschließt der Tourist einigermaßen panisch den Rückzug zur letzten Ausweichbucht. Man ist ja Gast im Land und will sich höflich den Gepfogenheiten anpassen. Während der Einheimische also in stiller Verzweiflung darauf wartet, der Tourist möge doch endlich an ihm vorbei fahren, rangiert der höfliche Gast umständlich rückwärts, verliert dabei den Überblick über rechts und links und kommt dem tiefen matschigen Straßenrand gefährlich nahe. Nach drei vier Korrekturen hat der Tourist es aber geschafft und zeigt dem Einheimischen voller Stolz per Lichthupe an, dass er nun für die enge Passage bereit steht. Der ist inzwischen am Rande seiner Geduld angekomen. Es ist schon der dritte Tourist auf der Fahrt zur Arbeit. Er fährt ergeben los, entgegnet dam euphorisierten Winken der Touristen mit einem freundlichen Nicken und gibt Gas. Jetzt kommt ein frei einsehbares Stück. Während der Tourist, jetzt wo er schon einmal steht, beschließt ein Foto zu machen.
An unserer Straße auch eine Single Track Road kenne ich natürlich jede Ausweichbucht und die Stellen, an denen man aufpassen muß. Und ich kann auch rückwärts fahren. Ein echter Profi also. Erst neulich kam mir kurz vor den cattle grid, dem Viehgatter, ein Holländer entgegen. Ich war gerade an meine Ausweichbucht vorbei. Also – lässiger kurzer Blick in den Rückspiegel, kurzer Blinker und die paar Meter rückwärts. Dachte ich.
Beim kurzen Blick in den Rückspiegel sah ich, wie sich gerade eine riesige Spinne vom Autodach auf meine Schulter abseilte. Panik, Hektik, Fuchtel….
Irgendwann fuhr der Holländer ergeben rückwärts und wartete in seiner Ausweichbucht. Lässig wie ein echter Profi. „Deutsche Touristen!“ wird er wohl gedacht haben.