Caféshopping – ein Winterausflug nach Gairloch

Es war in diesem Januar einfach kein Ausflugswetter in den Highlands. Entweder es war trüb und regnerisch oder stürmisch oder wir hatten Eis. Heute aber sollte es ein schöner Tag werden und nach Minustemperaturen über Nacht am Morgen schnell aufwärmen. Das war der Tag.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Der Mann musste beruflich nach Gairloch. Schon letzte Woche eigentlich. Es war der erste Tag mit richtigen Schneefällen in diesem Jahr und die Straßen sahen alles andere als sicher aus aber wir wollte es dennoch wagen. Wir, weil ich in Gairloch den Friedhof fotografieren wollte und er, weil er dort arbeiten musste.

Nach  Minuten in einem Mitsubishi Outlander (geländegängiges Farmerauto) mit Vierradantrieb (cool) aber Sommerreifen (uncool aber Dienstwagen und deshalb eben nicht änderbar) beschlossen wir, wieder aufzugeben und umzukehren, am ersten Berg schwammen wir bereits bedenklich auf der geschlossenen Schneedecke. Der Winterdienst war weit und breit nicht in Sicht. Wie sich später herausstellen sollte – der eine von insgesamt zwei Schneepflügen in der Gegend hing im Graben, der andere kam mit räumen und streuen nicht hinterher.

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Heute also der zweite Versuch und dieses Mal hat der Mann Vorsorge getroffen. Fast schon Deutsch irgendwie. Er hat mit den Jungs vom Strassenkommando gesprochen und der Chef hat ihm zugesagt, dass unsere Strecke am Morgen geräumt sein würde. Zumindest bis Kinlochewe. Danach ist eine andere Dienststelle zuständig. Ein Wagnis aber wir waren durchaus mutig gestimmt. Und es versprach ein schöner Tag zu werden, sobald die Sonne aufgegangen war. Die Straßen waren ok, teilweise schneebedeckt aber überall war gestreut worden, es löste sich mit zunehmendem Verkehr  auf.

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Der Mann ließ mich am Friedhof etwa eine Meile außerhalb von Gairloch aussteigen und ich war erst mal beschäftigt. Ein fantastisches Licht und dunkle Schneewolken über der See gaben der ganzen Szenerie etwas Magisches.

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Nach einer Weile setzte dann aber mehr Schneefall ein (war im Wetterbericht überhaupt nicht angekündigt) und ich machte mich mit kalten Füßen auf in Richtung Ortszentrum, irgendwo würde ein Café auf haben. Und ich hatte recht. Das GALE community centre, ein von den Einwohnern in und um Gairloch gebautes und betriebenes Café mit allem, was man so braucht und noch viel mehr.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug GairlochHier kann man Unterkünfte buchen, wunderbare Mitbringsel kaufen, die Strickwaren der Frauen aus Gairloch studieren, die Werke der Künstlerinnen und Künstler hier bewundern oder einfach am Kaminfeuer sitzen und einen Café Latte trinken.

Zeit ein wenig mit der jungen Frau plauschen, die hier Dienst hat. Außer mir ist keiner da aber gibt man mir ein Sofa, Internet, Kaffee bis zum abwinken und einen Kaminofen samt Shop dann gibt es nicht mehr viel im Leben, was ich mir sonst noch wünsche. Allerdings wird der Stapel von Dingen, die ich einkaufe neben mir immer größer: Duftkerze, Kalender, Tasse, Tweedkram, Strickmütze.… Alles zu vernünftigen Preisen, nicht billig aber auch keine Touristenpreise. Nicht um diese Jahreszeit.

Ich zücke das iPad und beginne zu schreiben. Auch um mich von übermäßigem Shoppinggenuß abzuhalten. Nach einer Weile des Nachdenkens über einen grobmaschigen graublauen Strickpullover aus recycelter Baumwolle für 50 Pfund (Handwäsche erforderlich) kommen die ersten Einheimischen. Eine Frau in Designergummistiefeln und ebensolcher Winterjacke bringt die Suppe, die hier zu Mittag verkauft wird. Kurzer Plausch mit der Frau hinter der Theke, sie lebt wohl hier aber ist ganz offensichtlich nicht von hier. Ihrem Akzent nach zu urteilen kommt sie aus Südengland. Eine grauhaarige Frau betritt frisch und fröhlich das Gemeindezentrum, in ihrem Schlepptau ein junger Mann mit Down Syndrom. Sie setzten sich an einen Tisch und arbeiten etwas. Hier wird also einfach Zeit verbracht, gerne auch gemeinsam. Wie wunderbar schottisch!

Ich genieße meine kleine Beobachtungsecke am Kamin und bestelle noch einen Kaffee. Draußen wechselt das Wetter von intensiver Sonne vor schwarzblauem Himmel zu graunebligem Dauerschneeregen. Laut Wetterbericht heute erst am Abend Niederschlag. Von wegen!

Die grauhaarige Frau putzt jetzt Fenster. Der junge Mann, vermutlich ihr Sohn, folgt ihr überall hin. Ich werde ihm ein freundliches Lächeln zu aber er schaut scheu zur Seite. Nach einer Weile stelle ich fest, dass er auch mit seiner Mutter nicht spricht. Vielleicht kann er nicht. Ich lächle jedenfalls weiter.

Die Kaffeemenge zwingt mich bald auf die Toilette, mit richtigen kleinen Handtüchern zum luxuriösen Händetrocknen. Dieses Gemeindezentrum hat Stil und es ist bei weitem nicht das einzige in den Highlands. Auf der Halbinsel Sleat aus der Insel Skye gibt es auch ein wunderbares, An Crùbh, sehr stylisch und cool, zweimal die Woche mit frisch gebackenen Brot aus Mallaig, das kommt mit der Fähre. Gerade in Orten, in denen sonst nicht viel ist, sind solche Eigeninitiativen besonders wertvoll.

Die Bedienung kommt und legt mehr Holzbriketts auf. Ich habe so langsam Saunagefühle, heute Morgen hatte ich noch Eiszehen. Also reden wir über das Wetter, das ist immer ein guter Anfang. Sie erzählt, dass sie drei Kinder hat, eins im Kindergarten, eins in der Grundschule und eins in der weiterführenden Schule. Der Mann ist nach Inverness gegangen. Nun ist sie alleinerziehend und arbeitet in der GALE Regionalinitiative. Zu Hause sagt sie, ist es nicht so warm. Die Häuser sind oft feucht und nur schwer zu heizen. Wie bei uns ist auch hier das Meer der große Feuchtigkeitsspender.

Der Mann schreibt, dass er so schnell nicht wegkommt und voraussichtlich noch eine ganze Weile zu tun hat. Ich lächle beglückt und überlege, ob ich nicht doch noch einen Strickschal und eine Teekanne brauche. Oder ein Bild? www.lisafenton.co.ukIch glaube schon….

Draußen zieht sich der Schnee zum Horizont zurück, schwere Wolkenschwaden drücken dunkel auf silberne Meer. Die Sonne gibt ein kurzes Gastspiel.

Ich durchforste das kleine Bücherregal neben dem Kaminofen. Man kann auch einfach hier hinsetzen und lesen. Wunderbar. Natürlich bin ich mit meinem Kindle eigentlich bestens versorgt aber wer kann schon einem unbekannten Bücherregal widerstehen? Ich jedenfalls nicht! Nach genauerem, Nachforschen stelle ich fest es ist ein Frauenromantik Regal und deshalb nicht so ganz meins. Danielle Steele und ich werden wohl keine Freundinnen mehr. Da schreibe ich lieber weiter diesen Blogpost während ich auf den Mann warte.

Drüben bastelt der junge Mann was, in der Küche wird Gemüse geschnitten. Es ist einfach hier ein Gefühl von Gemeinschaft zu entwickeln, auch wenn man fremd ist. Nun sind zwei ältere Damen eingetroffen, ganz offensichtlich von hier. Sie bestellen Suppe und setzen sich an den Tisch nebenan. Sie unterhalten sich über Bitcoins. Wahrscheinlich stricken sie auch.

Ich überlege auf Tee umzusteigen. Meine Magengeschichte im Sommer hängt mir immer noch ein wenig nach. Im Büro im hinteren Teil sind mehrere Frauen zu hören. Die arbeiten im Hintergrund. Wahrscheinlich irgendwas Verwaltungstechnisches. Ich sitze nun schon über zwei Stunden auf meinen Sofa und beobachte das Leben während ich zeitgleich darüber schreibe. Spannend.

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Gegen zwei Uhr kommt Hunger auf. Suppe des Tages: Tomate und Süßkartoffel mit selbst gebackenem Brot. Wunderbar. Inzwischen hat die Sonne beschlossen, sich doch noch einmal heraus zu wagen und scheint mir von hinten so warm durch die Scheibe in den Rücken, dass ich den Strickpullover ausziehen muss.

Nach der Suppe überlege ich Nachtisch. Die süßen Teile sind mit Herkunftsbezeichnung versehen. Die Flapjacks sind von Marie, Lisa hat Millionair’s Shortbread und Mandelschnitten gebacken, Annie zeichnet für den Karottenkuchen verantwortlich. Ich sehe sie bildlich vor mir aber ich mag mich auch täuschen.

Dann geht die Tür auf und der Mann ist da. Heimfahrt.

Ich nehme den Korb mit meinen Einkäufen und gehe zu Kasse. Der Mann schaut leicht entgeistert aber weitgehend amüsiert, die Rechnung ist nicht gerade klein. Trotzdem werfe ich zwei Pfund für die Nutzung des Internets in das Spendenkässchen. Cafés wie dieses muss man unterstützen. Je mehr es gibt, desto öfter kann ich den Mann auf Dienstreise begleiten. Und das hat sich heute wirklich gelohnt.

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Caféshopping – ein Winterausflug nach Gairloch

  1. liebe nellie,

    hach, ich sitze hier im black forest bei schmuddel-tauwetter. lese deinen post mit einem sehnsüchtigen blick auf deine bilder und lausche celtic music, so lässt es sich sogar hier haushalten, natürlich nur so lange man nicht aus dem fenster schaut.;)
    dieses gemeindezentrum verlockt mich jetzt schon, liegt wohl an dem schottischen zusammenhalt, den man hier nicht mehr kennt.
    uhh, sommerreifen im hochland, da beglückwünsche ich dich zu der unerschrockenheit vom mann, und das er sich schon an deutsche sicherheit ;))) angepaßt hat.
    ich wünsche euch ein schönes wochenende
    liebe grüße
    karin2

    • Liebe Karin2,
      ich würde dich eigentlich viel lieber Karin Schwarzwald nennen, das klingt irgendwie persönlicher als Karin2 zur Unterscheidung von Karin auf Skye. Darf ich?
      Also hier ist jetzt auch Schmuddelwetter. Die Sommerreifenproblematik habe ich selbst in die Hände genommen und gelöst. Wir haben jetzt Winterreifen. Natürlich ist nun auch der Schnee weg. War klar! Aber sicher ist sicher, der Mann kann ja nicht immer das Räumkommando klar machen, wenn er wegfahren will:-))
      Wir schicken einen lieben Gruß in den Schwarzwald, nächste Woche bin ich auch wieder da.
      All the best!
      Nellie

  2. Hallo Nellie,
    das Bild mit dem Highland-Rind ist toll!
    Mein Mann und ich sind letzten Oktober auf unserem Weg von Land’s End zum Cape Wrath bei euch in der Nähe vorbei gewandert. Tolle Gegend, da würde ich auch gern wohnen!
    Eigentlich wollten wir im Mai den letzten Abschnitt von Strathcarron zum Cape laufen, aber wegen des Brexits sind wir im Moment ein wenig verzagt … 😩
    Kürzlich habe ich während einer Erkältung dein „Abenteuer Highlands“-Buch gelesen. Da ging es mir doch gleich besser! 😁
    Herzliche Grüsse
    Steffi vom lecw.blog

    • Liebe Steffi,
      vielen Dank. Ich freue mich immer wie ein Honigkuchenpferd, wenn jemand mein Buch mag. Bei euch auf dem Blog habe ich auch schon gelesen und bin sehr ehrfürchtig, das ist so ein weiter Weg!
      Der blöde Brexit macht uns natürlich auch Sorgen, leider kann im Moment keiner wirklich sagen, was im Mai sein wird. Ich bin auch nur noch ein paar Tage in Schottland und werde erst wieder im Sommer hier sein. Dann wird man sehen, was es für Auswirkungen auf unser tägliches Leben hat.
      Gebt nicht auf, von Strathcarron nach Cape Wrath wird es nochmal richtig schön!
      Und die “ Hieland‘ Coo“ gibt es auch online :-)) hier: https://www.lisafenton.co.uk/prints
      LG Nellie

  3. liebe nellie,

    du willst mich echt karin schwarzwald nennen? ich fühl mich aber gar nicht wie karin schwarzwald.
    zu lang..
    ich liebe die schottischen abkürzungen der namen.

    sag einfach kar zu mir, dass fühlt sich schottisch gut an :)))

    was, schon nächste woche wieder zurück, wie schade, dann genieße die letzten tage in vollen zügen, bevor dich die deutsche hektik einholt.

    liebe grüße

    kar

  4. Voll schön die Fotos! Der dramatischer Himmel ist das i-Tüpfelchen für stimmungsvolle Bilder. Gemeindezentrum ist wohl nur in Deutschland das Gütesiegel für laaaangweilig. Oder ich sollte mal reingucken, statt weiten Bogen drum machen. Deine Berichte machen neugierig auf den Weg abseits meiner Komfortzone. Merci!

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